Interviews

Ein Interview mit dem Typen, der vor einem Wiener Club in den Donaukanal geflogen ist

Das Video seines Stunts haben mittlerweile Millionen von Menschen gesehen. Wir haben uns mit ihm über den schmerzhaften Sprung und seine wilde Nacht unterhalten.

von Sandro Nicolussi
01 Juni 2017, 11:11am

Header: Foto vom Autor | Screenshot aus dem Video

Falls ihr in den vergangenen Wochen nicht zufällig auf den Mount Everest geklettert seid oder euch sonst irgendwie jeglichem Medien- und Informationskonsum entzogen habt, kennt ihr ihn: Den Typen, der nach einer Afterhour im Wiener Club Flex mehr oder weniger elegant in den Donaukanal springt und gleichzeitig mit seinem Steißbein die vorschriftsmäßige Festigkeit des Geländers testet. Falls ihr ihn noch nicht kennt, solltet ihr schleunigst das Video anschauen und euch fragen, ob der Internet Explorer wirklich noch der richtige Browser für euch ist.

Wir haben keinen Aufwand gescheut, um uns exklusiv mit dem Donaukanal-Diver zu treffen. Denn wie ihr euch sicher vorstellen könnt, war es gar nicht so einfach, den Greg Louganis des Donaukanals ausfindig zu machen. Der Gute ist nämlich ziemlich verpeilt und die Kommunikation hinkte, aber schlussendlich habe ich es irgendwie geschafft, mich doch noch mit Mr. DAMNube (Ja, auf den bin ich stolz) zu treffen.

Aus Gründen haben wir uns nicht vorm Flex getroffen. Es hätte zwar einen großen nostalgischen Wert gehabt, aber ich wollte ja auch nicht riskieren, dass Lionel während des Interviews plötzlich wieder in den Kanal segelt. Also haben wir uns an einem Ort getroffen, an dem er sich abseits von Flüssen noch immer austoben konnte: bei den Stiegen vor dem Museum Moderner Kunst. Dabei hat er mir unter anderem erzählt, wie er auf diese beschissene Idee gekommen ist und welche Eissorten seine Arschbacken bevorzugen.

Noisey: Zuallererst, Lionel, wie geht es deinem Steißbein?
Lionel: Meinem Steißbein geht es gut. Nach dem Stunt war nur meine linke Arschbacke sehr geschwollen. Hat aber ganz lustig ausgesehen. So rot, gelb, blau, grün, schwarz – wie ein dunkler Regenbogen. Ein Arsch-Regenbogen. Wow, schönes Wort. Direkt aus dem Mund vom nude noob from the Danube. Lass uns dort ein Bier bestellen!

[Wir schlendern in Richtung Bier.]

Haha, du Poet!
Momentan ist aber mein Fuß ein bisschen abgefuckt vom Rolltreppen-runterrutschen. Lionel reimt sich auf "Fuckhead", also auf Französisch. [Anm.: Nein, tut es nicht.] Ich bin ja in Frankreich geboren.


Einmal Gabber, immer Gabber!


Warte, du rutscht also auch Rolltreppen runter?
Ja, ungefähr zweimal die Woche. Das geht viel schneller!

Was geht ab? Warum machst du den Scheiß, den du machst?
Na ja, das ist ja nicht so schwer. Ich versuche, einfach Spaß zu haben. Versuchs doch auch mal, ist wirklich nicht schwer. Ich war da eben ziemlich besoffen, deshalb hat es mich beim letzten Mal runtergeschmissen und jetzt habe ich halt ein offenes Schienbein und Kratzer am Brustkorb. Schaut aber ganz cool aus, wie Krallenspuren von einem Bären.

Erzählst du jetzt Geschichten wie "ein riesiger Braunbär hat mich aufgemischt"?
Nein. Er ist tot, mir geht's gut.

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Das, was er da mit seinen Händen macht, nennt er einen "Viennese Middlefinger". Alle Fotos vom Autor

Zurück zum Donaukanal-Stunt. Wie zur Hölle bist du auf diese Idee gekommen?
Ich wurde um 5:00 Uhr aus dem Flex geschmissen, weil ich auf der Bühne getanzt hab. Also da auf diesem Geländer vor dem DJ. Ich wusste schon, dass sie mich deswegen rausschmeißen würden, aber ich war schon warmgetanzt und hab mich einfach danach gefühlt.

[Wir bekommen unser Bier]

Fuck, ist das ein Ottakringer? Das ist das beschissenste Bier in Wien. Aber nimm das nicht in den Text, sonst hassen mich alle Wiener.

Keine Angst, die lieben dich eher für dein Video. Wie ging es weiter?
Na ja, mir wurde ja auch meine Tasche und meine Jacke im Flex gestohlen. Da war ziemlich viel drin: mein amerikanischer Pass, mein Handy, mein Zeug und ein paar andere Sachen, die Spaß machen.

Dann bist du in den Donaukanal gesprungen?
Bevor ich ins Flex gegangen bin, habe ich den Donaukanal gesehen. Ich war ziemlich high und dachte mir, dass das eine geile Idee wäre. Ich wusste ja nicht, dass das nur ein Kanal ist. Ich dachte eigentlich, dass es ein normaler Fluss ist. Und als ich dann rausgeschmissen wurde, hatte ich noch ziemlich viel Energie. Woah! Danke an dieser Stelle an den einen Typen! Tja, und dann bin ich reingesprungen. Ist halt ein bisschen schiefgegangen. Ich hätte das mit dem Mistkübel besser planen sollen.

Wie hat sich der Donaukanal eigentlich angefühlt?
Er war ziemlich cool und erfrischend. Ich bin ja dreimal hineingesprungen, glaube ich. Deshalb habe ich am Anfang vom Video auch nasse Haare.

Würdest du es nochmal machen? Vielleicht mit einem Salto?
Auf jeden Fall! Es ist dort nicht so tief, deshalb muss man da ein bisschen aufpassen. Ich stand nach dem Sprung ungefähr zehn Zentimeter tief in der Scheiße.

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Grausig, bist du nicht krank geworden?
Nein, das ist gut fürs Immunsystem. Wir sind ja alle aus Bakterien gemacht. Das steckt der Körper schon weg. Wir sind sowieso alle voller Scheiße.

Na ja, aber wir sind nicht dazu gemacht, um in der Scheiße zu tauchen.
Woher willst du das wissen? Ich war schon an einigen grindigen Orten. Das ist nicht das Verrückteste, was ich jemals gemacht habe.

Sondern?
Two chicks at the same time! Nein, ich weiß es nicht. Ich melde mich bei dir, wenns mir wieder einfällt. Am gleichen Tag bin ich ja auch noch auf den zweiten Stock vom Flex geklettert. Ich hätte es lustig gefunden, wenn ich nochmal reingekommen wäre und dann gegangen wäre. Ich habe aber zu sehr lachen müssen, um raufzukommen. Shoutouts an Uwe, der mich dann bei sich schlafen hat lassen.

Ist dir eigentlich klar, dass das Video locker acht Millionen Leute gesehen haben?
Acht Millionen? Cheers, auf die Wissenschaft! Ich versuche irgendwie auch gerade herauszufinden, wo das Video überall geteilt wurde. Angeblich wurde das Video von einer Wiener Agentur an The Lad Bible verkauft, ohne dass sie die Rechte hatten. Damit habe ich ein Problem. Wenn ich in meiner Unterwäsche im Internet bin, dann ist das meine Sache und sie sollen mich gefälligst fragen. Wenn sie es nur teilen, gut. Aber wenn du etwas verkaufst, dass nicht von dir ist, ist das Bullshit. Wenn sie mich gefragt hätten, hätte ich es wahrscheinlich eh erlaubt. So schwer wäre es nicht gewesen, mich zu finden. Gebt mir einfach zehn Euro für ein Bier und ein bisschen Eis für meinen Arsch, das reicht. Am liebsten wäre mir Vanille.

Dein Arsch mag Vanilleeis?
Nur die linke Arschbacke. Die rechte mag Schokolade.

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Wie gefällt dir eigentlich Wien generell und wie würdest du die Stuntability der Stadt bewerten?
Ich ziehe ja jetzt hier her – ich liebe Wien. Es ist die coolste Stadt, in der ich je war. Ich war zwar noch nicht in allen Städten, aber immerhin. Du hast hier ziemlich viele Freiheiten. Man kann zum Beispiel hier mit einer Zigarette in eine Bar gehen, ein Bier bestellen und dann mit der Zigarette und dem Bier wieder rausspazieren. Und danach rauchst du einen Joint mit dem Barkeeper. Die Stuntability hängt von deinem Mindset ab. Wenn du willst, kannst du überall deine Kunststücke machen.

Was sind deine nächsten Ziele nach dem viralen Hit? Vielleicht die Oscars?
Haha, ich mach das nicht wegen der Aufmerksamkeit. Es macht mir einfach Spaß und ich bringe gerne Leute zum Lachen. Ein paar Läden lassen mich jetzt halt nicht mehr rein. Mein Hostel hat gesagt, dass ich nicht mehr kommen kann und auch in die Grelle Forelle lassen sie mich nicht mehr rein, nennen mir aber keinen Grund.

Ich habe mir schon oft vorgestellt, wie es wäre, in den Donaukanal zu springen. Dann kommst du daher und machst es einfach.
Es sollte nicht so sein. Du warst nicht dafür bestimmt, in den Kanal zu springen, deshalb hat es jemand für dich gemacht. Das passt schon so.

Ja, Schicksal und so.
Ach, ich glaub nicht an das ganze Zeug. Auch nicht an Glück. Ich glaube an Leute. Gott bringt nichts weiter und Glück bringt nichts weiter. Man bekommt am ehesten das, was man will, wenn man offen dafür ist. Manche Leute sind nur klein, weil sie klein denken. Es braucht einfach ein paar Eier und ein bisschen Risiko, aber manche haben eben nicht die Eier für das Risiko – die können eh nichts dafür.

Wow, du bist ein richtiger Philosoph. Was sind jetzt deine Zukunftspläne in Wien?
Ich muss mich jetzt ein bisschen beruhigen, chilliger werden und weniger gefährliche Sachen machen.

Ja, bitte pass ein bisschen auf dich auf. Danke für das Gespräch, Lionel!

Sandro auf Twitter: @voriboy

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