Der schönste Ort der Welt liegt in Sachsen-Anhalt

„Ich dachte, ich hätte bereits mit Festivals abgeschlossen. Der Sleepless Floor auf dem Melt Festival hat mich eines Besseren belehrt.“

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Juli 19 2016, 2:35pm

„Want some fun?" Ein gechillter Lachgasverkäufer auf dem Sleepless Floor. Alle Fotos von Karl Kemp.

Als Teenager sind Festivals das Non-Plus-Ultra. Sofern deine Eltern dich lassen, finden hier die ersten Erfahrungen ungebremster hedonistischer Exzesse statt. Morgens schon Bier trinken, rauchen und ausrasten. Statt der Autorität der Erziehungsberechtigten hast du nur dir selbst zu gehorchen, in Ausnahmefällen vielleicht noch den Securitys des Festivals.

Hast du jedoch einige Festivals hinter dir, verliert die Sache scheinbar ihren Reiz. Zelten und widriges Wetter werden zunehmend als Abschreckung empfunden, Gleiches gilt für die dicht gedrängten Massen an den verschiedenen Stages. Du kennst alles, hast alles schon mal gesehen und bist Festival-Veteran. Nichts kann dich mehr überraschen, oder?

Der Sleepless Floor auf dem Melt! Festival hat mich am Wochenende eines Besseren belehrt. Dieser kleine Freilufthort vor dem Eingang zum mächtigen Festivalgelände namens Ferropolis. Diese paar Quadratmeter Idylle aus Sonne, Sand, funkturmartigen Holzbauten und dem angrenzendem Baggersee irgendwo in der Pampa zwischen Berlin, Leipzig und Magdeburg.

Er unterscheidet sich nicht nur deshalb von den anderen Festivalbereichen, weil er das gesamte Wochenende hindurch beschallt wird. Nein, er liegt auch noch vor den eigentlich Festivalabsperrung, du brauchst keine der eher nicht so günstigen Karten, um hier mitzutanzen. Hinkommen muss man natürlich schon irgendwie. Trotzdem war und ist es ein Ort, an dem Klassenunterschiede nicht derartig starken Einfluss haben.

Umso bemerkenswerter fiel das Line-Up des Sleepless Floors aus. Zwischen Techno und House waren hier hochkarätige Namen für lau vertreten. Leon Vynehall und Honey Dijon für alle Fans des gepflegten House; Ed Davenport, Dr. Rubinstein und Ellen Allien für alle Techno-Heads. Dazu etwa Fatima Yamaha live. Und wer unbedingt mochte, konnte sich von diversen DJs beschallen lassen, die Stil vor Talent setzen. Immer wieder und zu den unterschiedlichsten Zeiten landete ich während des Festivals hier. Die Stimmung unter den Ravern war durchgehend entspannt und zugleich ausgelassen.

Waren wir etwa alle gleichermaßen glücklich? Und wer waren diese Leute überhaupt?

Um diesen Fragen auf den Grund zu gehen, wählte ich eine ausgefeilte journalistische Methode: Ich redete einfach mit meinen Mitmenschen. Am Samstagnachmittag—Tom Trago spielte grad— war die Altersspanne dabei recht groß.

Am unteren jüngeren Ende fand ich einen jungen Mann und ein junges Mädchen, beide Studenten aus Nordengland. Generell schien die Quote an Briten hier auf dem Melt! sehr groß zu sein. Zwei Dudes aus London erzählten mir ausführlich von der dortigen Szene und ihrem Lieblingslabel Rhythm Section International. Vom Melt sind sie begeistert, es sei das am besten organisierte Festival auf dem sie bisher waren. Ebenfalls aus London kam der charmant lachende Wayne, der mir sogar seine E-Mail-Adresse gab, um in Kontakt zu bleiben.

In Zeiten von Brexit & Co fand ich auf dem Sleepless Floor die europäische Einheit wieder. Denn außer den Briten traf ich noch andere EU-Mitbürger. So auch einen 37-Jährigen Dänen, aus Kopenhagen: „Ich heisse Kaspar, wie der Geist." Seine Ausstrahlung war jedoch alles andere als geisterhaft, er war ein entspannter, mit den Augen lächelnder Raver. Gleiches galt für Diego aus Italien. Niederländische Raver waren auch anwesend, allerdings waren sie bis auf zwei Lachgasverkäufer nicht derartig auffällig vertreten, wie zuvor oft behauptet wurde. Der Verkauf des Lachgases schien die Security auch nicht zu interessieren und allgemein wurde der Drogen-Konsum selbst dann locker gesehen, wenn er offen betrieben wurde.

Die älteste Person, der ich begegnete, war ein 53-Jähriger Kölner. Er war das erste Mal auf dem Melt, allerdings war es nicht sein erstes Festival. Am liebsten hörte er David August. Ob es komisch für ihn war, unter all den deutlich jüngeren Leuten zu raven? „Das ist für mich nicht komisch, ich fühl mich vom Kopf her wie Anfang, Mitte 30." Aufgrund des ergiebigen Vortages, der irgendwann am Mittag diesen Tages eben hier auf dem Sleepless Floor geendet war, verhielt es sich bei mir genau umgekehrt: Ich fühlte mich vor allem von den Beinen her wie 53.

Der ältere Herr mit dem jungen Gemüt war nicht der einzige Deutschsprachige unter den Ravern. Claire kam aus der Schweiz, wo sie in Bern einen Club bertreibt. Ich redete auch mit einer Besucherin und einem Besucher aus Berlin, die schon oft auf dem Melt waren, die junge Dame sogar schon 2005 zum ersten Mal. Viel geändert habe sich nicht. Etwas größer und internationaler natürlich sei es jetzt, das wäre jedoch schön. Sie freute sich auf Maceo Plex, der drüben auf einen der großen Bühnen spielen sollte, wärmte sich aber schon mal mit Tom Trago auf, wenngleich er ihr grad zu housig auflegte. Schließlich sei „Techno mit Melodie" ihre bevorzugte Stilrichtung.

All diese Leute waren freundlich, friedlich und entspannt, die Herkunft spielte keine Rolle. Im Publikum waren erfahrene Raver und Leute, die erst am Anfang ihrer Entdeckung von elektronischer Musik standen und unfreiwillig am Floor vorbeigestolpert waren, weil er direkt vor den Festivaltoren lag. Während auf den großen Stages mitunter eine etwas hektische Stimmung herrschte, war auf dem Sleepless Floor stets eine entspannte Atmosphäre. Direkt am Wasser gelegen, konnte man sich im Sand der Musik hingeben oder einfach am Rand entspannen, je nach Bedürfnis. Nirgends war das Eintauchen in eine andere Realität einfacher als hier.

Der Mann mit dem bezauberndem Lachen: Wayne aus London.

Dieser Typ und sein Kumpel unten kommen aus London, beide wollen nächstes Jahr definitiv wieder zum Melt kommen. Bis dahin hören sie am liebsten Musik vom Londoner Label Rhythm Section International.

Zwei junge britische Studentinnen aus Nordengland.

Diego aus Italien freut sich über seinen ersten Besuch auf dem Melt!.

„Ich heisse Kaspar, wie der Geist." Kaspar ist 37 Jahre alt und kommt aus Kopenhagen. Kaspar hat Spaß.

Die Schweizerin Claire betreibt selbst einen Club.

Diese junge Berlinerin war bereits 2005 das erste Mal auf dem Melt.

„Oldie but Goldie" gilt für diesen 53-Jährigen Raver aus Köln.

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