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Politik

Warum wir nicht mehr mit "besorgten Bürgern" reden sollten

Rassismus war schon in meiner Schulzeit in Ostdeutschland alltäglich, aber das ist vielen einfach nicht aufgefallen.

von Johann Voigt
01 November 2019, 9:24am

Symbolbild bestehend aus: Demonstranten: imago images | Hartenfelser || Hintergrund: Needpix || Collage: Sasa Schrödl

Die Diskussionen vor und nach den Landtagswahlen in den neuen Bundesländern in diesem Jahr waren oft die gleichen. In Talkshows, Zeitungen und auf Social Media. Sorgen und Ängste ernst nehmen wollen die Politiker und Politikerinnen, die da sitzen. Mit Rechten reden. Die politische Mitte wiederfinden. Diese Phrasen machen mich wütend, ich ertrage sie nicht mehr.

In Brandenburg, Sachsen und Thüringen wurde gewählt. Knapp ein Viertel der Wählerinnen und Wähler stimmten jeweils für die AfD. Zeitgleich laufen Prozesse wegen rechtsextremen Terrors gegen die "Gruppe Freital" und "Revolution Chemnitz" und dann tötete ein Mann aus rassistischen und antisemitischen Motiven zwei Menschen in Halle, nachdem er versuchte eine Synagoge zu stürmen. Ist es wirklich sinnvoll, die "Sorgen und Ängste" dieser Menschen ernst zu nehmen? Sorgen von Tätern und Leuten, die ihre Taten beklatschen?


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Die Lage sollte mittlerweile eigentlich allen klar sein: Rassisten diskriminieren, verletzen und töten Menschen in Ostdeutschland systematisch und viele "besorgte Bürger" finden das OK. Befeuert von AfD-Politikerinnen und Politikern wie Björn Höcke, rechten Bürgerbündnissen, Trollen im Internet. Ich will nicht mehr mit ihnen reden. Mit diesen Menschen zu diskutieren bringt nichts. Rassismus ist kein Hobby, kein kultiger Spleen der Ostdeutschen, kein Witz, sondern eine menschenverachtende und unwissenschaftliche Ideologie.

"Rassisten haben sich selbst dafür entschieden, rassistisch zu sein. Oft schon in ihrer Jugend"

Leider vergessen das diejenigen, die fordern, die Sorgen und Ängste der Bürger ernst zu nehmen. Denn mit Bürger meinen sie die Wählerinnen und Wähler der AfD und damit Unterstützende von Rassismus. Mit Sorgen und Ängsten meinen sie die vermeintliche Abgehängtheit dieser Menschen, mit Sorgen und Ängsten meinen sie, dass in irgendeinem Dorf zu wenig Busse Fahren.

So werden Rassismus und Ausgrenzung legitimiert, und zwar als Symptom sozialer Ängste. Es wird davon ausgegangen, dass AfD-Wählerinnen und Wähler rassistisch sind, weil ihnen nichts anderes übrig bleibt. Das ist falsch. Rassisten haben sich selbst dafür entschieden, rassistisch zu sein. Oft schon in ihrer Jugend. Und sie haben, das weiß ich aus Erfahrung, überhaupt keine Lust darauf, ihre Meinung zu ändern. Sie haben ein Problem mit "den Ausländern", egal wie gut es ihnen gerade geht.

"Die Menschen, die bei den Pegida-Demonstrationen mitgelaufen sind, waren keine "Abgehängten", sie waren vor allem Rassisten."

Wichtig ist es, sich endlich einzugestehen, dass die besorgten Bürger nicht erst seit 2015 existieren. Es gibt sie schon immer. In allen Altersgruppen. Nicht umsonst ist die AfD bei jungen Ostdeutschen so beliebt, bei der Wahl in Thüringen sogar am beliebtesten.

In meiner Schulzeit auf einem Gymnasium in Sachsen war "Jude" ein gängiges Schimpfwort, abwertende Bezeichnungen für Menschen mit Migrationshintergrund waren normal. Darüber wurde entweder gelacht oder geschwiegen. Gesagt hat dagegen kaum jemand was, nicht die Lehrenden, nicht die Mitschülerinnen und Mitschüler. Ich meistens auch nicht, weil ich nicht wusste, wie ich darauf reagieren soll und weil in der Schule nie wirklich über einen richtigen Umgang damit gesprochen wurde, rassistische Zuschreibungen kaum als solche benannt wurden. Heute schäme ich mich dafür.

Nazis sind schlecht, da waren sich viele einig, das war's aber. Dass viele Bekannte oft Sachen von sich gegeben haben, die Nazis genauso sagen würden, das hat kaum jemand begriffen. Außer diejenigen, die sich als dezidiert Links verstanden haben. Das waren dann für viele die "Zecken". Die Kinder, die andere mit "Du Jude" beleidigt haben, waren weder ungebildet noch kamen sie aus sozialschwachen Familien. Auch die Menschen, die bei den Pegida-Demonstrationen mitgelaufen sind, waren keine "Abgehängten", sie waren vor allem Rassisten.

Wir müssen endlich damit aufhören, über Sorgen zu sprechen und damit anfangen, Rassismus zu benennen. Immer.

Richtig wäre es, die Sorgen und Ängste aller Menschen in Ostdeutschland ernst zu nehmen, die unter Rassismus, Homophobie, Antisemitismus leiden, die in Dörfern und Städten leben, in denen sie wegen ihrer Herkunft oder Sexualität systematisch ausgegrenzt werden. Alle, die nicht von Diskriminerung betroffen sind, müssen endlich begreifen, dass es wichtiger ist, die Diskriminierten zu unterstützen als die Täter.

"Je länger ich aus Ostdeutschland weg bin, desto mehr bemerke ich den Alltagsrassismus, der ab der Schulzeit so alltäglich war, das er vielen einfach nicht aufgefallen ist."

In den letzten Jahren habe ich in Ostdeutschland viel Rassismus beobachten müssen. Eine Frau mit Kopftuch, die mit ihrem Kind durch einen Zug nach Leipzig lief, wurde aus einer Gruppe von fünf Personen heraus angepöbelt. "Die geht bestimmt Putzen, die hat ihren Wischlappen ja schon auf dem Kopf", sagte einer. Alle lachten. Ein anderer lief ihr hinterher und äffte sie und ihr Kind nach. Niemand im Abteil sagte was. Einige, glaube ich, weil sie das lustig fanden, andere, weil sie sprachlos waren über diese krassen Beleidigungen gegenüber einer Mutter mit einem kleinen Kind aus einer Gruppe heraus, gegen die man alleine nicht bestehen kann.

Ein anderes Mal liefen drei Männer an mir vorbei. Im Szeneviertel in Dresden Neustadt. Sie schrieen "Antifa Hurensöhne", blieben vor mir stehen, versuchten so zu sprechen wie Adolf Hitler und sagten mir, dass ich aussehe wie ein Jude. Wegen meiner Nase. Die Gruppe lachte sich kaputt und ging irgendwann.

Und wenn man versucht, Rassismus zu unterbinden, passiert sowas: Ein Verwandter von mir wurde im Fußballstadion angepöbelt, nachdem er einen Mann auf seine rassistische Sprache hingewiesen hatte. Er war im Block plötzlich in der Außenseiterrolle.

Solche Geschichten und Beobachtungen gibt es unzählige. Viele Betroffene ignorieren sie, weil sie machtlos sind, viele Nicht-Betroffene ignorieren sie, weil sie ignorant sind oder Angst haben. Je länger ich aus Ostdeutschland weg bin, desto mehr bemerke ich den Alltagsrassismus, der ab der Schulzeit so alltäglich war, das er vielen einfach nicht aufgefallen ist.

Würde man die Sorgen und Ängste der Bürger ernst nehmen, würde man in den Schulen ansetzen. Es braucht mehr politische Bildung, mehr Positionierung von Lehrenden, mehr Solidarität untereinander und weniger Ignoranz gegenüber Diskriminierung. Ich hätte das gebraucht, viele meiner Freunde auch.

Es braucht einen klaren antirassistischen Konsens. Doch der hat nicht existiert. Zumindest nicht so sehr, das regelmäßig jemand Rassismus widersprochen hat. Würde man die Sorgen und Ängste der Bürger ernst nehmen, würde man antirassistische Projekte unterstützen und fördern. Stattdessen wird die Partei "Die Linke" von bürgerlichen Parteien mit der AfD gleichgesetzt, als DDR-Nostalgikerin verklärt, stattdessen werden linke Gruppierungen die sich gegen Rassismus einsetzten kriminalisiert und pauschalisiert. Das erinnert mich an früher, als alle, die irgendwie links waren oder irgendwie "alternativ" aussahen, als Zecken abgestempelt wurden. Wie armselig.

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