"Finanziell und physisch am Limit": Wir schauen LCone, Luuk und La Nefera aufs Konto

Keine Freizeit, keine Ferien, dafür viel Liebe zur Musik – Warum sieht die Realität für viele in der Schweizer Musikbranche so schlecht aus?

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24 Januar 2019, 4:09pm

Fotos: LCone | Instagram primakova_papi || La Nefera | zvg || Luuk | FrontLine Music

Der Luzerner Rapper LCone hat vor Kurzem seinen Kontostand auf Instagram veröffentlicht: 28,80 Franken. Das Januarloch lässt grüssen. Doch die loyale Rapszene und seine Kumpels fütterten den Rapper durch die Woche, damit er bis zum nächsten Lohn nicht fasten musste. Seinen aktuellen Saldo postete er regelmässig in seine Stories, damit wir die wachsende Leere auf seinem Bankkonto live mitverfolgen konnten.

Noch in derselben Woche veröffentlichte auch der Zürcher Rapper Luuk seinen bescheidenen Kontostand von 439,21 Franken. In seinem Post ging's etwas politischer zu: "Für mehr Transparenz in der Schweiz – und die Politik schafft's nicht mal, ihr Wahlkampfbudget offenzulegen", schreibt der Rapper.

Als Schweizer Artist ist es schwer, mit der Musik reich zu werden. Wir haben LCone, Luuk und La Nefera gebeten, das heilige Schweizer Tabu zu brechen und uns in ihre Geldbeutel blicken zu lassen.

LCone

Noisey: Warum hast du deinen Kontostand veröffentlicht?
LCone: Ich bin am Sonntag aufgewacht und dachte: "Schon schade, dass ich nur noch so wenig Geld habe, wie soll ich durch die Woche kommen?" Ich fand die Idee lustig, das einfach rauszugeben und den Leuten zu zeigen, dass ich hart am Hartzen bin.

War das ein Hilferuf?
Nein, das war überhaupt nicht die Idee. Es haben mir zwar einige Leute geholfen und Essen gekauft. Das wurde dann zum Gag. Ich lebe ja nicht in Armut, ich bin einfach ein Student mit einem geringen Einkommen. Wenn’s hart auf hart kommt, kann ich immer noch auf die Unterstützung meiner Eltern zählen.

Hast du damit gerechnet, dass da andere nachziehen?
Nein, aber viele haben mir dann ihren eigenen Kontostand geschickt. Ich wollte auch gar nicht zeigen, dass Musiker wenig Geld haben, sondern einfach mein Januarloch zeigen. In der Schweiz wird nicht über Geld geredet, die Leute wollen nicht sagen, wieviel sie verdienen. Obwohl es was ganz Normales ist. Darum finde ich es cool, wenn man sagen kann, dass man kein Geld hat, ohne sein Gesicht zu verlieren.

Wie viel verdienst du denn im Monat?
Einen klassischen Praktikumslohn. Ich weiss nicht, wie cool es wäre, meinen Lohn zu sagen. Da fängt es ja schon wieder an: der Schweizer.

Verdienst du nur vom Praktikum oder auch von der Musik?
Von der Musik verdiene ich schon auch ein bisschen, aber sehr unregelmässig. Ich habe nicht jede Woche ein Konzert. Es ist einfach "nice to have".

Machst du mehr Geld vom Streamen oder von deinen Konzerten?
Von den Konzerten. Da kommt das Geld rein.

Machst du dir viele Gedanken über deine Finanzen?
Eigentlich nicht. Klar kackt es mich an, wenn ich sehe, dass meine gleichaltrigen Freunde einen ganz normalen Lohn haben. Es wäre schon cool, Ende Monat nicht so ausgeschossen zu sein und stattdessen mal in die Ferien fahren zu können. Aber in einem Jahr sieht’s vielleicht schon anders aus. Ich sehe das eigentlich ganz locker.

Denkst du, dass du irgendwann mit der Musik alleine genug verdienen wirst?
Das ist nicht mein Ziel und ich rechne auch nicht damit. Es wäre natürlich schön und davon träumen auch alle, die Musik machen. Ich mache eine Ausbildung als Radiojournalist und ich will eigentlich in diesem Bereich Fuss fassen und da einen normalen Lohn verdienen.

Wieso rechnest du nicht damit, davon leben zu können?
Es ist kein Geheimnis, dass es in der Schweiz als Musiker nicht einfach ist. Vor allem wenn man schweizerdeutsche Musik macht. Der Markt ist einfach sehr klein.


Noisey Video – LCone und die heisseste Hose des Cyphers


Was sollte man denn machen, wenn man von der Musik leben will?
Einige versuchen es auf Englisch und wollen damit im Ausland gross werden. Aber ich denke nicht, dass man da noch auf einen Schweizer Act wartet. Wenn man schon von Anfang an das Geld im Fokus hat, ist das der falsche Weg, finde ich. Wenn man gute Musik macht, sich gut vermarkten kann, aber sich trotzdem treu bleibt, kann man ein grösseres Publikum ansprechen. Dafür braucht’s viel Passion und Liebe.

Sind Musikerinnen und Musiker einfach unterbezahlt, weil man ihre Arbeit nicht genug schätzt?
Das ist gut möglich. Wenn Veranstalter der Band als Gage bloss Bier und ein cooles Publikum versprechen, zeigen sie damit schon wenig Wertschätzung. Schlussendlich ist es ein Job und eine Dienstleistung wie jede andere.

Luuk

Noisey: Was hat dich dazu bewegt, deinen Kontostand zu posten?
Luuk: Ich fand es eine gute Aktion von LCone. In der Schweiz redet niemand über seinen Lohn, wobei Transparenz ja Vertrauen schafft. Und auf die Politik bezogen ist Vertrauen absolut notwendig. Für mich hatte diese Aktion sowohl einen politischen als auch einen gesellschaftskritischen Background.

Wie viel verdienst du im Monat?
Ich arbeite 40 bis 50 Prozent Teilzeit im Coop an der Kasse. Mit meinem Stundenlohn verdiene ich ungefähr 2.200 Franken im Monat.

Und mit der Musik?
Ich verdiene mit der Musik erst seit ungefähr sechs Monaten ein wenig, aber das nicht regelmässig.

Wie viel vom Streaming?
Im Schnitt vielleicht 300 Franken im Monat.

Wie viel von Gigs?
Das variiert von Veranstaltung zu Veranstaltung. Es ist wie in jeder Branche ein Markt. Darum macht es nicht Sinn, mich jetzt auf einen Preis festzulegen.

Wie kommst du mit deinem Lohn durch?
Bis vor zwei Jahren habe ich noch 100 Prozent gearbeitet. Mit dem Lohn kam ich damals easy durch. Mein Job im Coop ist nur ein Mittel zum Zweck, damit ich mich in meiner Freizeit auf die Musik konzentrieren kann. So verzichte ich aber auf vieles. Ich habe seit vier, fünf Jahren keine Ferien mehr gemacht. Aber das ist es auf jeden Fall wert. Es ist mir viel wichtiger, das zu machen, was mir Spass macht. Klar, Musik ist nicht nur Spass, es steckt viel Arbeit dahinter.

Wie können Musiker mehr Geld einnehmen?
Fördergelder sind eine Option, aber da habe ich eine gespaltene Meinung. Man muss sich für diese ja bewerben und das nimmt wieder viel Zeit ein, die man in die Musik investieren könnte. Und so viele Fördergelder gibt es im Schweizer HipHop auch wieder nicht.

Warum müssen Musiker finanziell kämpfen?
Der Schweizer Markt ist noch viel kleiner als der deutsche. Man muss einfach andere Wege finden und sich anders orientieren. In der Musikbranche sowie in der Wirtschaft. Doch eigentlich geht es uns ja super hier. Wir sind gesundheitlich abgesichert und haben ein Dach über dem Kopf. In einer solchen Branche sollte man sein Denken vielleicht einfach mal ein bisschen umstellen.


Noisey-Video – Noisey Self Portraits: Luuk


Inwiefern umstellen?
Ich finde wir sollten weg von dieser Leistungsdruck-Gesellschaft. Und weg davon, dass man in der Schule schon so früh Noten vergibt. Klar sind Noten für die Lehrer nützlich, aber auf eine frühe Selektion sollte man verzichten. Das gibt den Leuten mehr Freiheit. Aber die Wirtschaft muss auch einiges tun, damit das funktioniert. Man kann fast alle Probleme der Welt auf den Kapitalismus zurückverfolgen.

Ist das Streaming schuld an den geringen Einnahmen?
Es gibt ein weltweites Problem mit dem Musikkonsum. Streaming fanden am Anfang alle scheisse, aber das Einkommen ist wenigstens regelmässig, was du mit CD-Verkäufen nicht hattest. Die Industrie entwickelt sich mit – vor allem technologisch. Ich will aber echt nicht sagen, dass ich es scheisse finde, dass ich mit der Musik nicht mehr verdiene. Es ist cool, wie es ist. Man sollte einfach machen und sich nicht verkrampfen, dann gibt es immer eine Möglichkeit, wie man durch’s Leben kommt.

La Nefera

Noisey: Wie stehst du zum Thema Musik und Geld?
La Nefera: Es ist wunderschön, mit einem Talent gesegnet worden zu sein, vor Menschen treten und die eigenen Gedanken und Emotionen mit anderen Musikschaffenden und dem Publikum teilen zu können. Leider ist das ganze Drumherum nicht so romantisch. Weil es sehr schwierig ist, von der Musik zu leben.

Machst du hauptberuflich Musik?
Wie viele andere Artists gehe ich einem normalen Beruf nach. Ich bin zu 80 Prozent in einer Führungsposition im sozialen Bereich tätig. Mein Kontostand ist also um einiges höher als der der Jungs. Dafür hab ich keine Freizeit. Ich arbeite 140 Prozent in der Woche und bin in meinen Ferien meistens krank. Ich will über mein Leben nicht jammern, ich bin dankbar um alles, was ich habe.

Wo siehst du Potential für Verbesserungen?
Vor allem die Musikförderung könnte nachhaltiger konzipiert werden. Einige Artists, die ich kenne, sind finanziell und physisch hart am Limit. Aber die Liebe zur Musik bringt sie dazu, das Unmögliche möglich zu machen. Aus meiner Sicht könnte es mehr Stiftungen geben, die Künstlerinnen und Künstlern eine Art Stipendium gewähren, optimalerweise für vier Jahre. Eine Art Grundeinkommen, damit sich Musikschaffende auf die Musik konzentrieren können.

Wie sieht die Förderung heute aus?
Zu 90 Prozent werden nur Projekte gefördert. Man verbringt so viel Zeit damit, Gesuche zu schreiben, und muss am Ende immer noch ums Überleben kämpfen, weil sich die Rechnungen nicht von alleine bezahlen. Ich appelliere für mehr Chancengleichheit. Ob man sich das Leben als Artist – ohne Burnout – "leisten" kann, sollte nicht davon abhängen, aus welchem Haushalt man kommt.

Gibt es Alternativen zu Fördergeldern?
Es gibt bestimmt noch andere Finanzierungsmöglichkeiten, aber die sind meistens an Bedingungen geknüpft. Ich bin nicht bereit, meine Kreativität einzuschränken oder mich für den Erfolg an den Mainstream anzupassen.

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