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Mit der Überdosis im Magen: Die grausame Pathologie des Body Packing

Die neue Netflix-Serie Narcos zeigt, wie Menschen als Schmuggelverstecke missbraucht werden und Dutzende Kokainpaketen schlucken müssen, um sie auf einem lebensgefährlichen Trip nach Übersee zu schaffen.
8.9.15
Röntgenbild
Röntgenaufnahme des Bauchraums eines Drogenkuriers. Mehrere Kapseln mit Drogen sind in Magen (gelbe Markierung **) und Darm (*) sichtbar. Der Mann hatte 38 Kapseln mit Kokain verschluckt. Bild: J Kelly, M Corrigan, RA Cahill, and HP Redmond / Wikimedia. Lizenz: CC BY 2.0

Narcos, eine neue Netflix-Serie über die Verheerungen des Kriegs gegen Drogen, wartet mit einer besonders düsteren Szene auf, die die ganze Grausamkeit des modernen Drogenhandels überdeutlich vorführt: In der Notaufnahme eines Krankenhauses in Miami stirbt eine junge, schwangere Frau an einer Überdosis, nachdem ihr Versuch scheitert, in ihrem Magen zwölf Gramm Kokain unbemerkt in die USA zu schmuggeln.

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Unter Aufsicht eines kolumbianischen Dealers aus dem aufstrebenden Kartell von Pablo Escobar hatte sie zuvor mehrere, angeblich sicher verschlossene Kokainpakete geschluckt. Die Schmuggelmethode, die auch als „Body Packing" bezeichnet wird, schlägt jedoch fehl, und die Pakete platzen während der Reise. Die in ihrem Körper (und dem ihres Kindes) freigesetzte Menge Kokain ist so groß, dass die Kurierin keine Überlebenschance hat.

Leider ist die grausame Szenarie aus Narcos gar nicht so weit von der Realität entfernt, wie Fälle tödlicher „Body Packing"-Fracht immer wieder zeigen. Eine genauere Betrachtung der Pathologie solcher Mulis, wie die Magenschmuggler unter deutschen Ermittlern genannt werden, entlarvt, wie gefährlich solche Aktionen wirklich sind und wo die Grenzen des menschlichen Körpers als Schmuggelversteck liegen. Nicht selten führt eine Kokainüberdisis zu einem Tod durch Schlaganfall, Hyperthermie oder einem Herzinfarkt.

2011 wurde ein 20-jähriger Schmuggler an einem brasilianischen Flughafen mit 72 daumengroßen Kokainpaketen in seinem Magen festgenommen. Das sind insgesamt 830 Gramm—eine lebensgefährlich gigantische Menge selbst im Vergleich mit anderen aufgeflogenen Muli-Fällen. Wie genau die Festnahme des Verdächtigen aufgrund seines „nervösen Verhaltens" ablief, ist nicht ganz klar. Fest steht allerdings, dass eine medizinische Untersuchung kurze Zeit später ein erschütterndes Röntgenbild des mit Kokain vollgestopften Magens offenbarte.

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Der junge Ire kann für seinen Schmuggel zu einer bis zu 15-jährigen Gefängnisstrafe verurteilt werden—immerhin noch eine bessere Aussicht als der Tod aufgrund einer Überdosis.

Darüber, wie die 72 Kokainpakete damals sichergestellt wurden, hat die Polizei zwar keine weiteren Details bekannt gegeben, es gibt aber inzwischen durchaus standardisierte Methoden, mit denen Ermittler an die Schmuggelware herankommen. Schmuggler, die keine sonstigen Symptome und gesundheitlichen Probleme aufweisen, werden in besondere Einrichtungen geschickt, wo die Polizisten schlicht darauf warten, dass die Verdächtigen auf Toilette gehen.

Die Fäkalien der Verdächtigen werden dann auf einer speziellen Toilette untersucht, in die bereits Griffe für die Untersuchungshandschuhe eingebaut sind. Normalerweise versucht man operative Eingriffe bei Schmugglern zu vermeiden, aber angesichts der weitreichenden Ausbreitung der Drogen im Verdauungstrakt des 20-Jährigen könnte eine Operation tatsächlich damals die einzige Option gewesen sein.

Klar ist, dass der Kurier großes Glück hatte und durch die absurd hohe Anzahl der Kokainpakete in seinem Magen in akuter Lebensgefahr schwebte. Eine Studie des Journal of the American Medical Association zeigte, dass 12 von 47 Body Packern Pakete in ihrem Magen hatten, die kurz davor waren zu reißen. Bei einem der Patienten kam es zu einem Riss während der Ausscheidung der Pakete. Die Überlebenschancen eines Mulis hängen also tatsächlich am seidenen Faden.

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Jedes der 72 Pakete im Magen des Muli beinhaltete circa 11 Gramm Kokain, was einer Menge von rund 220 gezogenen Lines entspricht. Die meisten Untersuchungen gehen von einer Zeit von 30 Minuten zur vollständigen Absorption von Kokain aus und veranschlagen die tödliche Dosis für einen menschlichen Körper mit 1,5 Gramm. Ein einziges geplatztes Paket kann bis zu 11 Gramm im menschlichen Körper freisetzen. Auch wenn sich im Internet Posts finden lassen, in denen angebliche Super-Junkies damit angeben, 3 Gramm oder mehr weggezogen zu haben, so dürfte klar sein, dass ein einzelnes Muli-Paket verdammt lebensgefährlich ist.

Tatsächlich herrscht in der Wissenschaft keine abschließende Klarheit über die genaue Menge einer tödlichen Kokainüberdosis bei Menschen. Da Forscher keine ausgiebigen Daten in der Angelegenheit erheben können, testen sie Kokainwirkungen meist an Ratten. Dabei zeigte sich, dass die definitiv tödliche Dosis (bei der 100% aller Laborraten starben) bei 13,5 Gramm liegen würde, wenn die Ratte das Körpergewicht eines durchschnittlichen Menschen hätte. Bei Hunden läge die tödliche Dosis bei 3,5 Gramm, umgerechnet auf die Körpergröße eines Menschen.

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Illustration von Drogenversuchen mit Ratten. Bild: drugabuse.gov.

Tatsächlich gibt es Notfallmaßnahmen, mit denen Body Packern geholfen werden kann, wenn sie unter professioneller Aufsicht sofort umgesetzt werden. Insbesondere intravenös verabreichte Benzodiazepine können helfen, die Kokainwirkung auf das menschliche Nervensystem einzudämmen. Außerdem soll Eis dafür sorgen, ein Überhitzen des Patienten zu verhindern.

Dennoch sterben immer wieder zahlreiche Mulis—schlicht, weil jede Hilfe während ihrer gefährlichen Reise zu spät kommt. Auch hier sind aktuelle Zahlen schwer zu nennen, aber eine Statistik zeigt, dass alleine in New York zwischen 1990 und 2001 50 Body Packer an den Folgen einer Überdosis gestorben sind.