Snowden ist überzeugt, dass das FBI das iPhone auch ohne Apple knacken kann

„Bei allem Respekt, das ist Bullshit.“

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10 März 2016, 12:53pm

Bild: Screenshot Youtube

Je später der Abend, um so schöner die Gäste, heißt es ja. Edward Snowden schließt sich der Party tatsächlich etwas spät an, aber nun hat sich endlich auch der NSA-Whistleblower in der Sache Apple vs. FBI geäußert.

Im Rahmen einer Konferenz, zu der er per Videoanruf aus Moskau zugeschaltet wurde, erklärte er wenig überraschend die Behauptungen des FBI für nichtig: Es sei „Bullshit", dass die Behörde nicht ohne Apples Hilfe an die Daten auf dem iPhone komme. Genau das hatte FBI-Direktor James Comey nämlich in einer Anhörung des Kongresses am 1. März ausgesagt.

Viel Zeit für Erklärungen blieb nicht, daher verdeutlichte Snowden seinen Standpunkt noch einmal in einem Tweet und schrieb, der technologische Konsens würde seine Aussage stützen. Als Beispiel verlinkte er einen Artikel der amerikanischen Bürgerrechtsorganisation ACLU, der sich mit einer zentralen Forderung des FBI auseinandersetzt: Der Deaktivierung der automatischen Löschungsfunktion des iPhones.

In der gerichtlichen Anordnung fordert das FBI nämlich, dass Apple zu allererst eine ganz bestimmte Funktion umgeht oder ausschaltet: Die Auto-Erase-Funktion, bei der sich die Inhalte des iPhones bei einem wiederholten Zugriff mit falschem Code selbst löschen. Nach zehn erfolglosen Versuchen droht die Löschung der Daten—was für das FBI im Fall San Bernadino fatal wäre.

Doch Daniel Kahn Gillmore von der ACLU hält dagegen: „Selbst wenn dieses Feature auf dem fraglichen Gerät aktiv ist, muss sich das FBI darum gar keine Sorgen machen, weil sie es durch den Backup eines Teil des iPhones (den löschbaren Speicher) bereits umgehen können, bevor sie überhaupt die PIN raten müssten."

Zudem würde die automatische Löschfunktion gar nicht den Geräteinhalt vom iPhone löschen, sondern nur den Dateisystem-Schlüssel, der sich im Flashspeicher befindet.

Das FBI könne den Chip einfach von der Leiterplatte lösen und an ein Gerät stöpseln, das NAND-Speicher lesen könnte.

Im Gegenteil gäbe es andere Mechanismen, mit denen sich ein iPhone auch ohne Apples Hilfe knacken lasse. Konkret geht es nicht um den vielzitierten A6-Chip, der bei Apple nicht nur den Prozessor darstellt, sondern auf dem sich auch Flash-Speicher, Apples öffentlicher Schlüssel, die Boot ROM und die Krypto-Engines befinden, sondern um einen Chip auf der Rückseite der Leiterplatte. Dort nämlich sitzt der NAND-Flashspeicher, auf dem alle Daten gespeichert sind, darunter auch das verschlüsselte Dateisystem und der löschbare Speicher. Das FBI könne diesen einfach von der Leiterplatte lösen und an ein Gerät stöpseln, das NAND-Speicher lesen könnte, so Kahn Gillmore.

Der ACLU-Post verdeutlicht außerdem noch einmal das grundlegende Problem der FBI-Forderung—sie könnte einen Präzendenzfall schaffen: „Die Strafverfolgungsbehörden haben Dutzende andere Fälle, bei denen sie Hardware- und Softwareproduzenten gern zwingen würden, absichtlich schwachen Code zu produzieren und dann dafür einzustehen", schreibt Kahn Gillmore. In Wirklichkeit, so der Schluss des Autors, gehe es um einen Machtkampf.

Dass die Behauptung des FBI, es gehe nur um das eine iPhone, tatsächlich schlichtweg gelogen ist, ist mittlerweile klar: Bereits vor Wochen kam heraus, dass die Behörde aus anderen Fällen noch zwölf weitere iPhones in Verwahrung hat, zu denen leider nur noch der Zugang fehle.

Warum nur Apple es sich leisten kann, dem FBI die Stirn zu bieten

Pro oder contra Entschlüsselung—die amerikanische Öffentlichkeit und auch die Politik in Washington ist nach wie vor gespalten, ob sie sich eher zugunsten nationaler Sicherheit oder Privatsphäre-Grundsätze positionieren soll. Während sich mittlerweile beinahe restlos alle Tech-Firmen aus dem Silicon Valley öffentlich hinter Apple stellen, nahm Microsoft-Gründer Bill Gates in einem Reddit-AMA gestern eine eher neutrale Stellung zum Thema ein. „Es muss eine Diskussion darüber stattfinden, wann die Regierung Informationen sammeln darf", schrieb er etwas nebulös.

In vier Wochen wird die gerichtliche Entscheidung erwartet.