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Popkultur

'Der Vampir auf der Couch' zeigt perfekt eine Krankheit des österreichischen Films

Wir, die Zuschauer, müssen wieder mündig sein. Nur weil Mist auch Hochglanz sein kann, sollte Low Par Mittelmäßigkeit nicht als Blockbuster verkauft werden.
16 Dezember 2014, 9:19am
Bildermaterial von © Novotny & Novotny / G.Pichlkostner

Traditionell kurz vor Weihnachten müssen Kinder in aller Welt ihr Gut/Böse-Konto überprüfen, um zu sehen, ob sie dieses Jahr Kohlen oder Geschenke bekommen. Auch ein Film kann, in meinen Augen, eine große Bereicherung sein, und gerade zu Weihnachten ist man doch froh, wenn kein Tim-Allen-Weihnachtsabenteuer vorgesetzt wird. Trotz allem kann ich mir aber nicht erklären, was die Filmschauenden verbrochen haben müssen, um Der Vampir auf der Couch zu verdienen. Es muss schrecklich gewesen sein.

Der Film ist aber nicht nur das Stück Kohle in deiner roten Socke, er ist noch schlimmer: wie Eltern, die daneben stehen, und dich beim Auspacken derselben auslachen, und dir empfehlen vielleicht doch nächstes Jahr ein bisschen braver zu sein. Um dir anschließend zu sagen, dass du adoptiert wurdest und sie sich scheiden lassen, weil du nervst.

Der Plot von Der Vampir auf der Couch besteht hauptsächlich aus Beziehungskrisen, die sogar Dr. Sommer lösen könnte, und läuft in etwa so ab: Der von Tobias Moretti gespielte Vampirgraf ist mit einer Vampir-MILF zusammen, die immer nur Aufmerksamkeit will und ihm total auf den Sack geht. Weil die Edelblutsauger sich anscheinend als brave Katholiken nicht scheiden lassen dürfen, versucht der Graf eine Gesprächstherapie. In dieser kommt heraus, dass erstens: der Graf noch immer in seine Vampirpatin Nadila verliebt ist, und dass der Therapeut einen Maler kennt, der eine „neue Maltechnik" entwickelt hat, weswegen er ideal wäre, um die Gräfin zu porträtieren, die von Minderwertigkeit geplagt wird, weil sie nicht mehr weiß, ob sie schön ist, oder nicht. In den Spiegel schauen geht ja schwer, so als Vampir. Der Maler ist mit einer Kellnerin zusammen, in der der Graf seine Jugendliebe zu erkennen glaubt. So, kurz verschnaufen.

Objektifizierung von Frauen—I love it—Eifersucht und Genervtheit, vor allem aber Dialoge, die aus Glückskeksen stammen hätten können, prägen auch diese zweite Beziehung des Grafens. Das wäre alles noch okay im großen weiten Fantasieland der Filme, wäre der Therapeut nicht Sigmund Fucking Freud. Es überrascht mich, dass der Maler nicht Dali oder Picasso heißt und die Burschenschaftler—die kurz vorkommen—nicht Himmler und Göbels.

Überhaupt scheint Regisseur David Ruehm sein Publikum für allgemein unterbelichtet zu halten, so sehr, dass er Witze quer durch den Film, immer erst erklärt, bevor er sie erzählt. Die paar netten Ideen werden mit der selben verachtenden Zuschauerbemutterung abgewertet.

So wird etwa die legendäre Zähl-Sucht von Vampiren schön in den Film eingebaut. Wenige Vampirwerke machen das, einerseits weil es leicht lächerlich wirken kann, andererseits weil es seit dem Count in der Sesamstraße abgefrühstückt ist. Trotz mancher interessanter Zugänge und der schönen Bilder, bleibt der Film in etwa so spannend wie eine _Tom-Turbo_-Folge.

Regisseur Ruehm erzählt im generischen Interview aus dem Presseheft über die Mühen, die in die Produktion gesteckt wurden. Es wirkt auch so. Was er allerdings nicht erklärt, ist, warum er den Film überhaupt gedreht hat.

Geht es um die Probleme in Langzeitbeziehungen? Um die Nichtakzeptanz von psychologischen Krankheiten oder das Vor-Nazizeit-Wien? Alles an Handlung wirkt, als wäre es nur im Film, damit es eben im Film ist—als wäre es für ein anspruchsloses Publikum in letzter Sekunde zusammenegschustert worden. Nichts zeigt das so schön wie das völlig irrationale Verhalten der Charaktere.

Bei dem Romantik-Verständnis des Autors bin ich froh, nie was mit ihm gehabt zu haben: Von einem seltsamen, creepy Typen in der Arbeit gestalkt werden? Wieso nicht! Vom Partner in einem Unfall fast getötet werden? Nicht der Rede wert! Die Freundin war in der Nacht nicht auffindbar und hat ihr Gedächtnis verloren? Alles nicht so eng sehen. Irgendwie kann man schon alles in die nächste Szene retten oder einen halbgaren Witz daraus machen.

Bildmaterial von © Novotny & Novotny / G.Pichlkostner

Mein Punkt ist der: Der Vampir auf der Couch ist eine Produktion, die toll aussieht und so viel Mühe in Sets und Effekte gesteckt hat, nur um durch ein schreckliches Skript komplett entwertet zu werden.

Das hätte nicht so sein müssen. Ein bisschen mehr Mut hätte viele Kritikpunkte nicht aufkommen lassen. Man hätte dem Publikum ruhig zutrauen können, Zusammenhänge zu entschlüsseln, auch wenn sie nicht mehrfach vorgekaut werden. Vielleicht ist ja die Produktionsfirma schuld daran.

Es ist scheinbar beinahe halsbrecherisch riskant, einen Witz zu bringen, den vielleicht nicht jede einzelne Person im Publikum verstehen könnte—oder einen Plot, der nicht schon in der Opening Scene auflösbar ist. Diese Entmündigung des Publikums ist meiner Meinung nach, eine sehr essentielle Krankheit des österreichischen Films, und wird immer wieder kreative Schaffensprozesse in Hochglanzpeinlichkeiten verdrehen—wie es Der Vampir auf der Couch wieder augenscheinlich unterstreicht.

Österreichischer Film krankt nicht immer am Skript, aber es sind oft verschiedenste Symptome erkennbar. Ich habe in einem Artikel über Amour Fou schon mal über das Problem mit der Theatersprache geschrieben. Manche der heimischen Filme schaffen es, sich mit—teils unfreiwilliger—Komik über das Trash-Feeling drüber zu retten. Der Vampir auf der Couch nimmt sich im Gegenteil aber leider viel zu ernst: Zu Unrecht.

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Header Bild von © Novotny & Novotny / G.Pichlkostner