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Fotos

Die Sehnsucht nach dem Tod

Isolde Woudstra fand Melissa in einem Forum, in dem Leute über ihre Sehnsucht nach dem Tod schreiben. Sie nahmen miteinander Kontakt auf und Isolde konnte sie über einen Zeitraum von drei Jahren fotografieren.
10.12.10

Isolde Woudstra fand Melissa in einem Forum, in dem Leute über ihre Sehnsucht nach dem Tod schreiben. Sie nahmen miteinander Kontakt auf und Isolde konnte sie über einen Zeitraum von drei Jahren fotografieren. Im November 2009 nahm sich Melissa das Leben. Hier haben wir eine kleine Auswahl von Bildern, die Isolde in der Zeit von ihr gemacht hat. Es ist eine der intensivsten Fotostrecken, die wir seit langer Zeit gesehen haben.

Vice: Wie bist du auf Melissa aufmerksam geworden?

Isolde Woudstra: 2007 habe ich mein Fotografiestudium an der Kunstschule beendet. Ich habe mich schon immer viel mit psychischen Problemen beschäftigt. In verschiedenen Internetforen habe ich Nachrichten gepostet, dass ich gerne mit Leuten Kontakt aufnehmen möchte, die sich nach dem Tod sehnen. So kam ich mit Melissa in Kontakt.

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Warum wolltest du Menschen fotografieren, die sich umbringen wollen?

Der Wunsch nach dem Tod ist eine sehr faszinierende Sache. Natürlich ist es ein großes Tabuthema, trotzdem sollte man nicht außer Acht lassen, dass in Holland bis zu 94.000 Menschen im Jahr ihr Leben selbst beenden. Das sind 25 am Tag. Auch wenn es abgedroschen klingt, aber ich wollte diesen Leuten gerne eine Stimme geben. Versteht mich nicht falsch. Ich bin mir bewusst, dass Selbstmord ein sehr umstrittenes Thema ist. Doch wenn sich diese Menschen seit vielen Jahren sicher sind „Das möchte ich unbedingt tun“, dann sollte man ihren Wunsch respektieren. Sie haben das Recht auf eigene Entscheidungen.

Wie war dein erstes Treffen mit Melissa?

Das erste Mal haben wir uns ganz zwanglos auf einen Kakao getroffen. Zu diesem Zeitpunkt war sie noch in einer geschlossenen Anstalt. Aber schon kurz danach, zog sie an einen Ort wo sie zwar allein leben konnte, aber mit  mit Aufsicht. Sie war damals 24 Jahre alt. Mit 14 wollte sie sich das erste Mal umbringen, damals hat man bei ihr das Borderline-Syndrom festgestellt. Melissa blieb häufig der Schule fern und ich glaube sie machte auch keinen Abschluss an der Highschool. Zu Beginn redeten wir einfach ein wenig, ich erzählte ihr meine Vorstellungen und fragte, ob sie damit einverstanden wäre.

Ihr zwei habt euch gut verstanden?

Ja. Sie fand er sehr angenehm offen über Probleme zu reden ohne verurteilt zu werden oder sich rechtfertigen zu müssen. Die einzigen Menschen mit denen sie sonst darüber sprach, waren ihr Arzt und ihr Psychiater. Ich war eine neutrale Person, der sie sich öffnen konnte. Ich weiß nicht, ob das nun eine gute Sache war, doch sie meinte, es ist sehr angenehm mal vor keinem Richter zu sitzen.

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Wie habt ihr zwei eure Zeit verbracht?

Ich habe ihr keine Vorträge gehalten wie: „Hey Mädchen, so schlimm ist das doch alles nich. Geh raus in die Sonne. Das Leben ist schön!“ Natürlich hat mich ihre Geschichte sehr berührt, doch wir hatten einfach eine gute Zeit zusammen. Wir sind spazieren gegangen, haben Bars besucht und so.

Doch richtig gut ging es ihr nicht.

Sie hat mehrere Jahre harte Medikamente genommen und ein Antidepressivum, ich weiß leider den Namen nicht mehr, mit dem es ihr wirklich schlecht ging. Doch wenn sie es nicht nahm, kamen die Psychosen wieder. Während so einer Psychose hat sie mir erzählt, dass sie mit Leuten von anderen Planten redet. Melissa hat sich dann immer gefragt, was die wohl von ihr denken und ob sie wissen, dass sie verrückt ist.

Das machte sie noch unglücklicher?

Ja. Sie schämte sich sehr. Melissa hat das immer ein wenig ins lächerliche gezogen: „Du wirst nie glauben, was ich letzte Woche angestellt habe.“ Aber das sind die Dinge, die einem das Leben schwer machen. Zu wissen man ist anders.

Wie ist ihre Familie damit umgegangen?

Sie hat zwei jüngere Brüder und sehr liebevolle Eltern. Sie waren alle sehr nett. Melissa hat ihre Eltern nicht viel gesehen, aber mir ihrer Mutter hat sie täglich telefoniert. Sie haben immer gehofft, das sie ihren Wunsch doch nicht wahr macht, dass ihr doch eine Therapie helfen kann. Doch warten wollte Melissa nicht mehr. Sie hat über 13 Jahre auf eine Lösung gewartet.

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Wie hast du die Zeit mir ihr empfunden? Auf der einen Seite ist diese Fotostrecke sehr depressiv und erdrückend, und doch auf ihre Art süß und nett.

Wie hatten keine traurige Zeit zusammen. Wir haben viel zusammen gelacht. Manchmal hat sie mir erzählt, was so in ihr vorgeht. Dann wurde ich schon echt traurig und es wurde auch mal zusammen geweint. Es war eine verrückte Achterbahnfahrt der Emotionen. Melissa hat es viel bedeutet, dass wir Freunde waren.

Wie hat sie sich umgebracht?

Sie starb in ihrem Bett, soweit ich weiß. Ich kenne keine Details. Sie stand in Kontakt mit einer Organisation (NVVE) die einem in den Tod begleitet. Sterbehilfe ist in Holland illegal, aber es ist legal wenn man jemanden hat, der bei dir ist, wenn du dich umbringst. Jemand von dieser Organisation war bei ihr, als sie sich ihr Leben nahm. Sie verstehen sich als eine Art Dienstleister. Danach rufen sie einen Arzt und verständigen die Eltern. Melissa hat sich über das Internet Medikamente bestellt, die sie dann in einer Überdosis einnahm.

Wusstest du vorher, wann sie es tun würde?

Den genau Tag hat sie nie erzählt. Sie wollte nicht institutionalisiert werden, deswegen hat sie nie erzählt, wann sie es genau tun wird. Zwei Wochen vorher hat sie mich noch angerufen und fragte „Können wir uns nächste Woche sehen, ich möchte gerne noch einmal Zeit mit dir verbringen.“ Wir gingen in unsere Lieblingsrestaurant. Als sie sich am Bahnhof verabschiedete sagte sie: „Ich liebe dich, du bedeutest mir sehr viel.“ Einige Tage später war sie tot.

Wie hast du von ihrem Tod erfahren?

Ihre Eltern haben mich angerufen. Das war das erste Mal, dass sie mich angerufen haben. Als ich die Mutter hörte, wusste ich sofort was los war. „Sie ist von uns gegangen.“ Melissa hatte alles vorbereitet, die ganze Beerdigung, vom Outfit bis zum Grabstein. Alle Adressen waren schon auf den Trauerkarten. Dieses Telefonat war wie im Film. Ich wusste das es passieren wird, doch als ich ihre Mutter so traurig am Telefon hörte, konnte ich mich kaum zusammen reisen. Die ganze Sache beschäftigte mich doch mehr als erwartet. Ich konnte nur denken „Ok Kleine, du hast es geschafft.“