„München geht’s gut – mir nicht“

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DIE „CHANCENGLEICHHEIT, MY ASS“-AUSGABE

„München geht’s gut – mir nicht“

Rapper aus den Abseitsvierteln sind der wütende Stachel im Luxusarsch der Wohlstandsmetropole.
25.10.12

Der Alltag in Münchens Abseitsvierteln ist vor allem geprägt von Geldnot und einem Umfeld mit viel Drogen, Kriminalität und Gewalt.

Um es vorwegzunehmen, München geht es tatsächlich gut. München belegt schon seit Jahren den ersten Platz diverser Städterankings als wirtschaftlich attraktivste deutsche Großstadt. In den Abseitsvierteln wie Milbertshofen, Hasenbergl oder Neuperlach hat der Alltag aber wenig mit Schickmicki-Getue zutun. Hier geht es darum, über die Runden zu kommen, gerade weil München so teuer ist. Wenn die Bildung für besser bezahlte Jobs fehlt, fühlt es sich wie ein Witz an, sich mit legalem Geldverdienen abzuquälen, das dann kaum für die Miete reicht. Die Migranten müssen sich zudem noch mit Alltagsrassismus herumschlagen. Genau dieses Umfeld ist der Nährboden für Münchens Underground-HipHop, der die hier schwelende Wut und Frustration ausspuckt. Statt unreflektiert Hass auf die Oberschicht auszu­schütten, zeugt ihre Musik von einer Menge Talent, Gespür für Poesie und Kreativität. Es wäre zynisch, es ausschließlich für eigenes Verschulden zu halten, dass so viele hier es irgendwie nicht hinkriegen, die existierenden Bildungschancen besser für sich zu nutzen.

Anfang September hing ich ein paar Tage mit Rappern in Milbertshofen und Neuperlach ab, um zu sehen, wie sie wirklich leben, und was sie und die Leute in ihrem Umfeld davon abhält, sich wie der Rest von München die Sonne auf den Bauch scheinen zu lassen. Koka Slim war so etwas wie mein Guide, was möglich war, weil er gerade Urlaub hatte. Alle Rapper, die ich traf, haben einen Job, einige zwei oder drei Jobs gleichzeitig. Slim zeigte mir Milbertshofen, nahm mich mit zu verschiedenen Freunden, zu ihren Hangoutspots und dem besten Dönerladen im Viertel.

Slims Vater kam als tunesischer Gastarbeiter nach München und holte dann seine Mutter und den einmonatigen Slim nach. „Dann hatte Deutschland ein Problem mehr", scherzt Slim. Heute ist er 27, arbeitet in einem Supermarkt und wohnt immer noch bei seinen Eltern, wo er lieber heute als morgen ausziehen würde. Das Problem ist, dass er wie so viele hier auf eine Sozialwohnung warten muss. Eine normale Wohnung kann er sich mit seinen Einkünften bei den Münchner Mietpreisen nicht leisten. Aber er darf auch nicht viel mehr verdienen als jetzt, weil er sonst keinen Anspruch mehr auf eine solche Wohnung hätte. Also teilt er sich weiterhin eine kleine Wohnung mit seinen Eltern. Wenn seine Rechnungen bezahlt sind und er seinen monatlichen Beitrag zur Familienkasse geleistet hat, bleiben ihm ca. 400 Euro. „Sei froh, dass du nicht in Uganda lebst … aber mich interessiert Uganda nicht, weil ich grad aufstehe und nix zu essen hab. Der Kühlschrank ist leer", sagte er mir: „Ich würd' dich gern zu Hause reinlassen, aber meine Mutter meinte, das würde sie lieber nicht machen. Dann könntest du mal sehen, wie abgefuckt es ist."

Die Wohnungssituation in München wird immer schwieriger. Die Mieten steigen von Jahr zu Jahr und die Abseitsviertel werden zunehmend privatisiert. Oberbürgermeister Christian Ude bezeichnete Ende Juli den Anstieg der Mietpreise als das größte soziale Problem der Stadt. Slim beschreibt die Stimmung drastischer: „Es spannt sich immer mehr. Die Leute sind noch ruhig, aber man merkt, dass da eine gewisse Spannung ist. Wenn irgendwann die Bombe platzt, wird irgendeiner sagen: Boah, man hat's kommen sehen, aber warum hat keiner was getan? Ohne Scheiß, ich will nicht übertreiben, aber ich hätte nichts dagegen, wenn Autos brennen, ich würd's verstehen." Am zweiten Tag treffe ich Slim mitten in Milbertshofen an der U-Bahn-Station Frankfurter Ring. Er hat Sero40 mitgebracht und die beiden entschuldigen sich, dass leider einfach nicht so viel los sei im Viertel am frühen Nachmittag, weil viele Leute hier immer bis nachmittags schlafen. Wir laufen vorbei an einer Arztpraxis, in der „so ein Hippiearzt mit Buffalos" einem immer eine Krankschreibung gibt, wenn man eine braucht, aber „geh da nie hin, wenn du echt was hast", warnen sie. Slim zeigt im Vorbeigehen auf ein Kennzeichen: M-BH, „das steht für Milbertshofen, die Leute lieben ihre Hood". Milbertshofen, das Zuhause der „40er", der Rapper aus dem Norden Münchens. Sie beanspruchen diese Zahl seit den Zeiten der vierstelligen Postleitzahlen für sich.

Im Park hängen kleine Grüppchen ab, teilweise so stoned, dass ich mich frage, ob sie mich überhaupt registrieren, als ich mich vorstelle. Es fängt an zu regnen und wir stellen uns in einem Tunnel unter. Dass so viele im Umfeld dealen, erklärt Slim so: „Es liegt schon an einem selber, aber meistens ist es echt wirklich auch das Umfeld. Es gibt auch Deutsche, die das machen. Nicht jeder Kanacke ist gleich der Baba-Dealer, es gibt auch Deutsche, bei denen es scheiße läuft und die Drogen verkaufen müssen. Keiner verkauft Drogen, weil er sich denkt: Boah, ich hab gestern

Scarface gesehen und das hat mir end-getaugt." Slim und Sero erzählen von ihrer Kindheit. Die Trennung zwischen den verschiedenen Schulzweigen bedeutet die erste große Spaltung im Freundeskreis und geht leider auch oft damit einher, dass mehr von den Kindern mit Migrationshintergrund auf die Hauptschule gehen—oder das eben von den Lehrern nahegelegt bekommen—und mehr von den deutschen Kindern auf die höheren Schulen. Vorurteile wie „auf der Hauptschule sind nur Proleten" prägen schon in der Grundschule und vermischen sich mit ersten Erfahrungen von Diskriminierung aufgrund der Herkunft. Es sind in der Regel eher Kleinigkeiten wie der Geburtstag, zu dem alle außer dem türkischen Jungen eingeladen werden, aber in der Summe hinterlassen solche Erfahrungen Wunden, die mit jeder weiteren Erfahrung von Diskriminierung oder Vorurteilen leichter aufplatzen und irgendwann dazu führen, dass sie gebrannte Kinder sind, die hochsensibel jedes Vorurteil spüren, und davon gibt es leider auch 2012 noch viel zu viele in ihrem Alltag. Kommentare wie „du isst kein Schweinefleisch, aber trinkst Alkohol?" oder wenn Slims Freundin sich anhören muss: „Warum bist du mit einem Tunesier zusammen, der sticht dich irgendwann ab", führen dazu, dass Slim lieber mit Freunden wie Sero abhängt. „Der hat die gleiche Religion wie ich und der versteht das. Wir sind wie Brüder." Im Gegensatz zu den Typen im Park gehen Slim und Sero jeden Tag arbeiten, womit sie schon eine Ausnahme im Viertel darstellen. Die beiden sind sich einig, dass die wenigsten der Typen, die hier wohnen, ihr Geld mit Arbeit machen. Sero erzählt: „Die Kleinen, mit denen ich immer hier abgehangen bin, die machen jetzt alle nur noch Geschäfte, die haben keinen Bock sich unterzuordnen und um 7 Uhr aufzustehen. Die sind lieber hier in der Gegend und verkaufen ihr Jay." Slim wirft ein: „Das Witzige ist, es geht auch verdammt gut, dieses verdammte Jay zu verkaufen. Obwohl es 80 Euro das Gramm kostet. Das Problem ist, ganz München ist auf Koks, die haben die Isar untersucht, sogar die war auf Koks. München ist Koks-Hauptstadt Nummer eins. Und die Kunden sind dementsprechend. Koks nehmen nur Leute, die Geld haben." Sero40

Neben dem Dealen ist auch der Konsum von Drogen ein großes Thema im Umfeld. Slim erklärt: „Hey, rauch mal den Scheiß, Alter, glaub mir, du lachst den ganzen Tag. Und wer nicht nachdenkt, macht das. Und es gefällt ihm und er macht's immer wieder. Und schon ist ein Teil seines Lebens vorbei." Die Geschäfte auf der Straße laufen eher im kleinen Stil, Slim nennt es auch gerne den „chilligen 400-Euro-Job". Die großen Dealer wiederum müsse man sich wie ein seriöses Unternehmen vorstellen, „Die sind Metro und wir sind die kleinen, laufenden Schlecker. Die einen versorgen nur sich selbst, die anderen versorgen richtig groß. Die arbeiten mit ganz anderen Mitteln. Das sind diejenigen, die das kleinste Risiko haben. Aber wenn da einer redet … Hier gibt's viele 31er." 31er sind Verräter, oder laut Slim „arschkriechende Hurensöhne", die gemäß Paragraf 31 des BtMG durch eine Aussage der Bestrafung entgehen.

Nach einigen Tagen lerne ich TZA kennen. Sein Magnum Opus Jenseits von Gut & Böse von 2008 ist ein Album so voll von Schmerz, Leere, Ängsten, Perspektivlosigkeit, Suizidgedanken und allem voran Wut, dass ich wünschte, dass jeder, der denkt, er hätte Probleme, sich erst mal seine Texte anschauen würde: „Du hattest Tausende Träume vor dir, die niemals passieren,
als würde das Leben Glück verschenken und dich ignorieren,
ich hab noch nie bekommen, was ich wollte,
hab mich damit abgefunden, nix zu sein,
keine Stimme zu haben,
hörte mich schreien." TZA

Rapper wie TZA führen mit ihren Texten Vorurteile gegenüber Hauptschülern, Migranten oder Typen aus benachteiligten Vierteln ad absurdum. Neben seinem offensichtlichen Talent dafür, sein düsteres Inneres in berührenden Texten nach außen zu kehren, ist er auch der ambivalenteste Charakter unter den Rappern, die ich getroffen habe. Seine poetische Seite steht in direktem Widerspruch zum massiven Aggressionspotenzial, vielleicht nährt sie sich aber auch genau daraus.

Sein Zitat „München geht's gut, mir nicht" ist auch nach einigen Jahren immer noch aktuell und bringt seine Lage und die vieler im Umfeld auf den Punkt: „Es gibt hier bestimmt mehr Reiche als irgendwo anders, aber was die vergessen, ist, dass deswegen Leute, die eben nicht so reich sind, es einfach schwerer haben. Wenn's dir hier nicht gut geht, dann geht's dir im Grunde genommen noch schlechter, weil du ja die ganze Zeit nur vor Augen hast, was man eigentlich haben kann. " TZA kam im Alter von fünf Jahren aus dem Iran nach Deutschland. Nach einer Jugend mit viel Scheiße bauen, Drogen und Langweile hat er früh angefangen zu arbeiten: „Ich war nie länger als drei Monate arbeitslos. Ich bin ein Arbeiterkind und da bin ich auch stolz drauf. Ich bin Handwerker, auch nicht so ein ewiger Hartz-IVer, der nichts tut. Ich bin ohne Vater aufgewachsen, habe zwei Mütter, fünf Geschwister." Mittlerweile ist der heute 30-Jährige selbst Vater und sagt, er versucht, seinem Kind beizubringen, nicht das zu machen, was er gemacht hat. TZAs iranische Mutter konnte ihm neben ihrem zeitaufwendigen Job auch wegen ihrer weniger guten Deutschkenntnisse nicht bei Schulproblemen weiterhelfen. Die Brüder, die mit seiner deutschen Mutter, einer Lehrerin, aufgewachsen sind, studieren heute. Sein größtes Vorbild war früher sein großer Bruder und dessen Freunde, erzählt er. „Die waren alle trainieren, dicke Monster und so, sitzen hinter'm Steuer mit nem Joint im Maul und mit einer Knarre auf dem Armaturenbrett und mit einem aufgetunten M3. Und da hat man dann auch Bock drauf. Bis wir 25, 26 waren und irgendwann später erst haben wir gecheckt, dass das nicht der Sinn des Lebens ist. Mit 15, 16 hab ich gedacht, logo, wenn ich das geschafft hab, hab ich's geschafft. Man setzt sich auch viel kleinere Ziele." Koka Slim im Studio bzw. Wohnzimmer eines Freundes, der für die Rapper manchmal Beats produziert und ihre Tracks abmischt.

„Die Überwindung oder der Punkt, an dem man sich z.xB. etwas spritzt, ist nur ein schlechter Gedanke oder ein schlechter Tag. Hattest du bestimmt auch, das hatte jeder, das kann mir keiner erzählen. An so einem gottverdammten Tag, wäre da einer gekommen und hätte gesagt, hier hast du eine Spritze, dann vergisst du den Scheiß, dann hätte sich jeder gespritzt. Es ist einfach nur ein falscher Augenblick, der dich auf einmal in eine ganz andere Bahn setzen kann." Und es gibt in diesem Umfeld sowohl mehr von diesen schlechten Tagen als auch mehr Angebote: „Ich glaube, hier wird dich eher jemand fragen, ob du 'ne Spritze haben willst als in Grünwald. Du machst dir öfter Gedanken, wie du an Geld rankommen kannst. Hauptsächlich dreht sich alles um Geld." TZAs Milbertshofen-Hymne „Wut" gibt einen Einblick in die Emotionen, die hinter seiner Aggression und seiner Gewaltbereitschaft stehen. Warum er letztendlich wirklich zuschlägt, kann sie aber nicht erklären. Schlägereien konnte er sich in der Regel nur schwer entziehen und war oft verwickelt in Straftaten, die mit Körperverletzung einhergehen. Auch der mittlerweile legendäre Vorfall im McDonald's am Frankfurter Ring, bei dem es um so etwas wie Rache für einen Freund ging, dem ein anderer die Freundin ausgespannt hatte, eskalierte zu einer riesigen Schlägerei mit Waffeneinsatz. Die Rapper sprechen ungern über diesen Vorfall, der damals auch groß in den Medien diskutiert wurde. Es fallen Begriffe wie Loyalität, Ehre, Zusammenhalt und ähnliche Werte, die vielen von ihnen sehr wichtig sind. Außerdem spielte eine Menge Alkohol und so etwas wie Gruppenzwang eine Rolle, aber wirklich erklären, wie es zur Eskalation kam, kann im Nachhinein keiner mehr. Slim meint, das Traurigste an der Sache sei, dass jemand dabei fast ein Auge verloren hat. TZA bekam damals eine Bewährungsstrafe, andere wanderten in den Knast. Auf meine Frage, ob er heute von der Gewalt weg sei, bekomme ich eine erstaunlich ehrliche Antwort: „Man kann einen Menschen schwer von Grund auf ändern." Er versucht heute, so weit wie möglich allen Situationen aus dem Weg zu gehen, die eskalieren könnten, weil er genau weiß, dass er einfach nicht der Typ ist, der die Sache dann auf sich beruhen lassen kann. Im Alltag muss er sich permanent verstellen: „Ich lebe gerade in einer Scheinwelt. Ich verstecke mich vor Schlägereien und reiße mich zusammen, laufe zähneknirschend und hirnpochend über die Straßen, wenn mich irgendwas aufregt. Ich geh nach Hause und kann nachts nicht schlafen, weil mich das immer noch aufregt. Früher konnte ich schlafen, weil ich den Typen auf die Fresse gehauen hab." Das einzige Ventil, das einigermaßen funktioniert ist Sport, ein Boxsack. Ein Joint unterdrückt die Aggression nur für kurze Zeit. Woher die Gewalt, beziehungsweise die geringe Hemmschwelle bei TZA und vielen anderen kommt, erklärt er mit einem Satz, den ich so oder ähnlich von den meisten Rappern und ihren Freunden höre: „Man kann diese Frage nicht beantworten, ohne die eigenen Eltern schlechtzumachen. Es ist ein ewiger Kreislauf, bis irgendwann mal die Kette durchbrochen wird. Eltern erziehen ihre Kinder, bis die Kinder erwachsen werden und ihre Kinder erziehen. Was einmal drin ist, bleibt in der Familie." Ob es bei seinem Kind auch so ablaufen wird, kann er nicht genau sagen. Er hofft es nicht. Sero sagt zu ihm: „Du kannst dein Kind besser erziehen und es von der schiefen Bahn weglenken, weil du genau weißt, wie das ist. Wenn es bekifft nach Hause kommt, dann siehst du das, weil du weißt, wie das ist." Worauf TZA erwidert: „Ja, aber das Problem ist, ich werd dann wahrscheinlich bekifft daheimhocken: ‚Ey, Mann, warum hast du so rote Augen?' ,Ey, Mann, warum hast DU so rote Augen?'"


1 Am 18. November 2007 überfällt eine Gruppe Milbertshofener, unter anderem TZA, bewaffnet mit Baseballschläger, Gummiknüppel und Schlagstock Thomas M. und seinen Freund Andreas. Die Anklage gegen TZA, die später zur Bewährung ausgesetzt wurde, lautete „gefährlicher Körperverletzung in Mittäterschaft in Tateinheit mit Sachbeschädigung in Mittäterschaft." Tilos im Studio von Zinobeatz, das sich im Keller eines Wohnhauses befindet.

Als Freitagabend das Thema Weggehen aufkommt, macht sich Frustration breit. Die Rapper werden einfach grundsätzlich in viele Münchner Clubs gar nicht erst reingelassen aufgrund ihres Aussehens. Pretty Mo, einer der deutschen Rapper, arbeitete früher als Türsteher und hat seinen Job gekündigt, weil sein Chef sich über seine laxe Türpolitik ärgerte. Eine gute Musik- bzw. Party-Plattform für die Rapper fehlt. Die HipHop-Szene der Innenstadt, die großteils aus kitschigen „Black Music"-Veranstaltungen oder Hipster-HipHop besteht, sehen sie eher als Verarsche. Hier feiern zu gehen, ist so ziemlich allen vorbehalten, außer denen, die mit ihren Biografien sinnbildlich für den Ursprung des HipHop—des Sprachrohrs der benachteiligten Jugend aus sozial schwachen Vierteln—stehen.

Die Angst, die den Rappern im Alltag oft entgegenschlägt, ist eins der Probleme, bei denen es wirklich schwer ist, Henne und Ei zu benennen. Sie zelebrieren den HipHop-Look, der sich an der Boxsport-Ästhetik orientiert, gehen trainieren und kultivieren eine Sprache und Gestik, die suggeriert, dass sie keine „Pussys" oder „Opfer" sind, sondern Typen, die dir auf's Maul hauen, wenn du ihnen blöd kommst. Es ist ihnen durchaus bewusst, dass sie mit diesem Auftreten manchen Leuten Angst machen. Und oft nutzen sie genau das, um sich einen gewissen Respekt und dadurch Platz zum Atmen zu verschaffen. Irgendwann verselbstständigt sich das Ganze aber und wird zu einer Attitüde, die abschreckt, auch in Situationen, wo sie es nicht soll, und Menschen wechseln z.xB. die Straßenseite oder das U-Bahn-Abteil. Die Vorurteile gegenüber ihrer Art sich zu geben, sich anzuziehen, zu sprechen und zu kucken, haben sich offensichtlich so tief in die Köpfe vieler Menschen gebrannt, dass es leider zu wenige gibt, die genauer hinschauen und die interessanten Charaktere oder talentierten Musiker und Texter hinter den „Asis aus der Hood" sehen. Durchbricht man den Kreislauf der Vorurteile, verschwinden die angeblichen Schranken zwischen den Schichten oder den Vierteln ziemlich schnell—aber hier ist natürlich die Frage, wer den ersten Schritt gehen soll, oder wer das überhaupt möchte. Da alle Rapper, die ich über die Tage hinweg getroffen habe, immer wieder davon erzählen, wie diskriminierend die Polizeikontrollen in München ablaufen, treffe ich einen Polizisten im Polizeipräsidium in der Ettstraße. Das Präsidium ist vor allem Slim bestens bekannt. Er hat hier einmal eine Nacht verbracht, weil er ins Raster gepasst hat, als es eine Schlägerei zwischen Türken gab. Sie nahmen damals einfach auf Verdacht jeden ausländisch aussehenden jungen Mann in Gewahrsam, der sich an Orten wie dem McDonald's herumtrieb, wo sich Slim gerade ein Gutschein-Menü, zwei Big Macs und eine Sprite, bestellt hatte. Trotz Alibi zur Tatzeit—seiner Stadionkarte vom 1860er-Spiel und diversen Fotos aus dem Stadion auf seinem Handy—durfte er erst am nächsten Tag wieder gehen und bekam sein Handy drei Wochen später zurück. Pretty Mo und Flowzilla beim MMA-Training im Luitpoldpark.

Ralph Kappelmeier von der Präventionsabteilung wurde mir von der Pressestelle als Ansprechpartner zugeteilt und schätzt zunächst für mich das Ausmaß der Kriminalität ein, das sich in München wenig überraschend in sehr erträglichen Ausmaßen abspielt. Das liege natürlich auch daran, dass sich in München insgesamt Probleme wie Arbeitslosigkeit stark in Grenzen halten. Die zwei häufigsten Delikte bei jungen Männern sind gefährliche Körperverletzung, gefolgt von Raub und räuberischer Erpressung. Zur Ungleichbehandlung von Migranten bzw. derer, denen man ihre ausländische Herkunft deutlich ansieht, erklärt er: „Die Kontrolle von Jugendlichen mit Migrationshintergrund hängt damit zusammen, dass die Wahrscheinlichkeit hier um eine Nuance steigt, dass etwas nicht stimmen könnte. Die Migranten sind zu einem höheren Teil delinquent. Aber nicht nur, weil sie Migrationshintergrund haben, sondern weil die Gründe für Jugenddelinquenz für sie zu einem höheren Teil vorliegen, respektive: sozial schwach, bildungsarm etc. Das ist ja bei denen häufiger der Fall als bei anderen. An der Jugendkriminalität sind sie zu etwa 40 Prozent beteiligt obwohl der Bevölkerungsanteil in München nur bei 23 Prozent liegt. Also ist die Kontrollintensität da höher2, da die Wahrscheinlichkeit, dass dort etwas nicht stimmt, höher ist als bei den deutschen Jugendlichen." Und häufigere Kontrollen führen zu mehr nachgewiesenen Delikten, was wiederum noch häufigere Kontrollen rechtfertigt. Gerade im Bereich Drogen setzt sich dieses Muster fort und verzerrt so auch die Zuordnung der Betäubungsmittelstraftaten zu sozialen Milieus, erklärt Kappelmeier: „Wenn man sich immer an einem Ort trifft, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dort kon­trolliert zu werden, höher, als wenn man sich mit seinen Kumpels in irgendeiner Villa in einem Top-Stadtteil Kokain reinzieht. Die Polizei hat dort nicht die Gelegenheit zu kontrollieren. Somit sind immer die im Nachteil, die einem die Möglichkeit zur Kontrolle bieten. Betäubungsmittelkonsum ist auf keinen Fall nur ein Problem der Unterschicht. Aber die Aufgriffe finden viel in den Bereichen [Brennpunktvierteln] statt, weil man die anderen nicht zu packen bekommt." Diese Kontrollen sehen dann im Alltag der Rapper oft so aus, als wären sie Schwerverbrecher. Sie müssen regelmäßig Durchsuchungen über sich ergehen lassen mit allem Drum und Dran—Hände gegen die Wand, Kopf gegen die Wand, Hose runter—egal wer gerade zusieht. Vor allem diejenigen, die ihre Rechte nicht gut kennen oder vielleicht eine Abschiebung fürchten, sind in diesen Situationen nicht in der Position, auf ihre Würde zu pochen.


2 „Racial Profiling", also die Kontrolle von Personen nach phänotypischen Merkmalen, wurde am 28.01.2012 vom Koblenzer Verwaltungsgericht als rechtmäßig erklärt. Studio-Equipment und das richtige Know-How haben sich die meisten Rapper autodidaktisch erarbeitet, manchmal auch mit illegalen Mitteln.

In Neuperlach, das anders als Milbertshofen tatsächlich ein Plattenbauviertel ist, spielt sich alles um den klassischen Hangoutspot PEP—eine Mall im Herzen des Viertels—ab. Tilos, der hier aufgewachsen ist, führt mich von dort aus durch sein Viertel, vorbei an der großen Polizeiwache, die hier hochgezogen wurde, um das gigantische Drogenproblem Ende der 80er in den Griff zu bekommen. Wir laufen durch trostlose Hinterhöfe mit leer stehenden Läden, vorbei an einem Spielplatz, auf dem Tilos und sein Bruder als Kinder mal tütenweise Spritzen gesammelt haben, bevor ihre Eltern ihnen durch eine ordentliche Abreibung vermittelt haben, dass es vielleicht keine so gute Idee ist, sich aus potenziell krankheitsverseuchtem Spritzbesteck so etwas wie Wasserpistolen zu basteln.

Dass Tilos heute den geraden Weg geht, führt er darauf zurück, dass er immer ein paar Leute hatte, die auf ihn „aufgepasst" haben und man außerdem mit den Jahren „vernünftiger" werde. Seinen Texten merkt man deutlich an, dass er diese Lektion weitergeben will, ohne zu dogmatisch oder zu politisch korrekt zu wirken und so an seiner Klientel vorbeizuschreiben. Tayfun dagegen, der momentan einen großen Hype im Münchner Underground erlebt, wirkt—wenn auch auf ganz andere Weise als zum Beispiel TZA—wie jemand, der immer noch einen starken inneren Konflikt ausficht. Im Gespräch, das wir im McDonald's neben dem PEP führen, wirkt er stark geläutert auf mich, fast schon ein wenig moralisierend. Trotzdem merke ich bei ihm, dass er wahrscheinlich sehr früh an einem Scheideweg stand und sich dafür entschieden hat, seine negativen Emotionen mit ambitioniertem Kampfsporttraining und Musik zu kanalisieren. Diesem Weg folgt er jetzt mit einer gewissen Verbissenheit und einem Idealismus, der nicht alle „Brüder" in seinem Umfeld ansteckt, die er oft vergeblich versucht, zum Sport oder zum Lesen zu bewegen. Seine Solidarität mit den Jugendlichen, die es schwer haben, in diesem Umfeld einen gesunden Weg einzuschlagen bzw. aufgrund ihres Migrationshintergrunds mit Diskriminierung und Alltagsrassismus zu kämpfen haben, ist aber ungebrochen. Musikalisch versucht er deshalb zu zeigen, wie traurig es ist, was in den Abseitsvierteln Münchens passiert. Auch er erklärt die Perspektivlosigkeit vor allem mit dem Zusammenspiel aus Elternhaus und Bildungssystem: „Leute, die echt was im Kopf haben und im Herzen gute Menschen sind, wenn die auf der Hauptschule sind, vergiss es! Keine Chance, dass du da je wieder rauskommst! Da musst du schon verdammt viel Unterstützung von Daheim aus haben. Aber wenn deine Eltern mit Migrationshintergrund hierhergekommen sind und kein gutes Deutsch sprechen und dir nicht sagen können, dass Schule wichtig ist und du damit vieles erreichen kannst, dann bist du eben auf dich allein gestellt. Und als Jugendlicher ist es auch sehr einfach abgelenkt zu werden." Genau in diesem sensiblen Moment ist es natürlich kontraproduktiv zu sehen, was für ein entspanntes Leben die Dealer im Park haben, die nicht arbeiten gehen müssen und immer Geld haben. Und die Aussichten, von diesem Weg wieder abzukommen, schätzt er weniger gut ein: „Bist du einmal im Strudel drin, dann musst du dich sehr anstrengen, um da wieder rauszuschwimmen." Die „83" steht für Neuperlach, analog zur „40" der Milbertshofener.

Das Problem ist, so Tayfun, dass die Jugendlichen, vor allem in Neuperlach, es cool finden, so zu leben. Und daran habe nicht zuletzt Rap mit Schuld, allen voran Künstler wie Haftbefehl, von dem Sero sagt, dass er für die Jugendlichen auch in München wie ein Gott ist. Haftbefehls Texte deuten zwar oft auf gesellschaft­liche Missstände hin, aber wenn Zeilen wie „Scheiß auf die Schule / Nur der Knast macht dich hart" auf junge, unkritische Ohren stoßen, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass die Jugendlichen das in den falschen Hals kriegen. Laut Tayfun gibt es eine Art soziale Selbstkontrolle im Viertel, die mir etwas hart und befremdlich erscheint, die aber durchaus gewisse Erfolge zu erzielen scheint: „Wenn du dir als Jugendlicher was spritzt, dann weißt du ganz genau, dass du am nächsten Tag von den Großen durchgenommen wirst. Die hauen dich halb tot. Denn man muss auch dafür sorgen, dass die jüngere Generation nicht übertrieben viel Scheiße baut." Meinen letzten Tag verbringe ich wieder mit Slim und einigen seiner Freunde in Milbertshofen. Ein paar der Rapper kann ich im Park dabei beobachten, wie sie sich—der feuchte Traum eines jeden Streetworkers—beim Kampfsporttraining auf die Fresse hauen, anstatt ihre Wut an Fremden rauszulassen. Nach der MMA-Session im Park besuchen wir einen Freund der Rapper, den ich anonym lassen möchte, aber dessen Geschichte für mich sinnbildlich für die Situation von vielen aus diesem Umfeld steht. Auch er ist in einer Wohnung mit mehr Leuten als Zimmern aufgewachsen, hatte Eltern, die wenig Zeit hatten und es lief in der Schule nicht gut. Sein Alltag ist heute wie der von vielen durch Geldnot geprägt. Er arbeitete in drei unterschiedlichen Jobs, die aber nicht ausreichten, um die kostspielige Ausbildung zu seinem Traumberuf Tontechniker zu finanzieren. Um sich die Studiengebühren an der privaten Medienschule leisten zu können, verkaufte er Drogen. Als kurz vor seinem Abschluss sein Versorger hochgenommen wurde, fiel schlagartig seine Einnahmequelle weg. Den Abschluss konnte er nicht mehr machen, weil die letzten monatlichen Raten fehlten.

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Fotos von Julian Baumann