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Mode

Sozialistische Schönheitswettbewerbe

Venezuela hat mehr internationale Schönheitswettbewerbe gewonnen, als jedes andere Land auf diesem Planeten. Ebenso stammen die meisten Miss Universe-Königinnen aus dem Land von Hugo Chavez. Die Schönheitsindustrie ist in den...
4.10.10

Venezuela hat mehr internationale Schönheitswettbewerbe gewonnen, als jedes andere Land auf diesem Planeten. Ebenso stammen die meisten Miss Universe-Königinnen aus dem Land von Hugo Chavez. Die Schönheitsindustrie ist in den letzten Jahren rasant gewachsen und wurde nach dem Ölgeschäft zum zweitgrößten Markt in Venezuela.

Das deutsch-norwegische Journalistenpaar Ben Speck und Karin Ananiassen haben einige Tage in einer der angesagtesten Schönheitsakademien des Landes verbracht und den Castings für die TV-Show „Miss“ beigewohnt.

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Vice: Wie unterscheidet sich eure Geschichte von den unzähligen Schönheitswettbewerb-mit-zu-jungen-Kindern Storys, die wir mindestens eine Million Mal gelesen haben?

Karin Ananiassen: Eigentlich sollten wir Portraitaufnahmen von Hugo Chavez für die Financial Times anfertigen. Kurz davor sind wir auf einige Statistiken in Venezuela gestoßen und haben gesehen, dass die Bürger ein Fünftel ihres Einkommens für Schönheitsprodukte und Pflege ausgeben. Das hat uns zu Denken gegeben, denn so ein armes, sozialistisches Land wie Venezuela, gibt mehr Geld für Schönheitsartikel aus, als jedes andere Land. Aber dafür haben sie die meisten internationalen Schönheitswettbewerbe gewonnen.

Ben Speck: Angesichts der anti-amerikanischen Haltung der Politik in Venezuela, erscheint diese Schönheitsobsession irgendwie fehl am Platz. Als wir hier ankamen, sind wir zufällig in einen Typen gerannt, der alle Namen der Schönheitswettbewerbkandidatinnen kannte, die an großen Wettbewerben teilgenommen haben. Dann haben wir realisiert, dass sich damit jeder in Venezuela auskennt. Wenn eine große Miss-Wahl läuft, dann schaut es hier wirklich jeder. Es ist wie das Pendant zur Fußball Champions League.

Karin: Ich denke, man kann ruhig sagen, dass Schönheit hier Nationalsport ist. Sogar Männer legen einen großen Wert auf ihr Erscheinungsbild. Das merkt man sofort, wenn man durch Venezuela reist. Alle Typen haben einen frischen Haarschnitt, saubere, gebügelte Kleidung und verbringen morgens wahrscheinlich genau so viel Zeit vor dem Spiegel wie die Frauen.

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Ben: Die Direktorin der „Gissele Beauty Academy“ in Caracas sagte mir, dass der Satz: „Ich habe mir die Lippen aufspritzen lassen“ genau so normal ist wie: „Ich war beim Frisör.“

Sind die Menschen wirklich so schön in Venezuela?

Ben: Sie haben diesen afrikanischen, sowie diesen kaukasischen Touch. Der Mix zweier Ethnien ergibt bekanntlich bessere Resultate. Und ich kann mich auch nicht daran erinnern, jemals übergewichtige Menschen gesehen zu haben.

Karin: Ein paar Mal bin ich gefragt worden, warum ich kein Make-up trage.

Haben sie auch das gleiche Schönheitsideal wie im Westen?

Ben: Nein, sie sind viel kurviger hier. Vom Modelideal weit entfernt.

Karin: Ich bin mir sicher, dass sie auch Diäten machen, aber sie würden nicht hungern. Plastische Chirurgie, insbesondere Brustimplantate, sind hier sehr begehrt. Nicht nur reiche Menschen, sondern sogar Putzfrauen wollen ein neues paar Brüste haben, auch wenn sie dafür lange sparen müssen.

Bringt die Schönheitsindustrie Geld ins Land?

Karin: Sie haben hier eine medizinische Touristenwelle. Zudem Amerika geographisch nicht weit entfernt liegt. Menschen, die eine günstige Schönheits-OP haben wollen, können diese gleich mit einem Urlaub in der Karibik kombinieren. Auch andere Länder schicken ihre Kandidatinnen an hiesige Schulen und Akademien. Viele Miss-Wettbewerbe werden national und international übertragen und haben bekannte große Sponsoren. Menschen schicken ihre Kinder zu den unzähligen Modeschulen und Akademien, von denen es hier mehr als von Cafes gibt.

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Ben: Die Ölindustrie bringt 80 Prozent der Landeseinnahmen. Gleich danach folgt die Schönheitsindustrie. Mehr gibt es nicht, es ist ein sehr armes Land.

Was kostet es so einer Akademie beizutreten?

Karin: Es gibt verschiedene Akademien und unterschiedliche Preisstufen. Bei Gisselle´s kostet es zum Beispiel 100Dollar um Mitglied zu werden. Dann monatlich 150 Dollar für den vierstündigen Unterricht, der zwei Mal die Woche stattfindet. Und es kostet 2000Dollar für zehn private Stunden bei Gisselle selbst.

Wie war das für euch Fotos von den kleinen Mädchen in Bikinis zu schießen?

Karin: Als wir da waren, haben die kleinen Mädchen in Bikinis und Stöckelschuhen sexy Strandposen geübt. Die Lehrerin bellte Kommandos wie „glücklich“, „nachdenklich“, „sexy“, oder „mehr Ausdruck“.

Hui.

Ben: Der Glaube ist groß, dass Schönheit auch das Sexysein impliziert, was einem mehr Selbstsicherheit gibt und zum allgemeinen Erfolg beiträgt.  Es ist die öffentliche Meinung, dass Mädchen, die eine Beauty Schule besucht haben, bessere Chancen auf dem Karrieremarkt haben.

Venezuela ist leider bekannt für Menschenhandel. Denkt ihr, dass Schönheitswettbewerbe zum Sexhandel beitragen?

Karin: Wenn man am Flughafen eintrifft, sieht man sofort Warnposter, die auf Strafen für Sexhandel, im speziellen mit Kindern hinweisen. Wir haben nichts mitbekomen, aber wir fanden es äußerst seltsam, wie schnell man Fotos mit Kindern machen kann. Im Vereinigten Königreich ist es ein großes Tabu Kinder einfach so abzulichten. Insbesondere unter solchen Umständen, wenn Kinder Make-up und Bikinis tragen. Hier wurden keine Fragen gestellt.

Ben: Es war auch so seltsam zu erleben, wie sie den Kindern beibringen sich zu schminken und die Haare zu färben.

Karin: Es geht alles um Präsentation. Auch wenn es um plastische Operationen geht, es werden sich schon Sponsoren finden, die für große Wettbewerbe Geld springen lassen. In deren Augen geht es darum, eine bessere Frau zu werden.

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