Die Gentrifizierung lässt die Hunde los

Nichts lieben die Berliner mehr, als Mauern zu bauen und Häuser zu räumen. Das Tacheles ist als nächstes an der Reihe.

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Aug. 11 2011, 3:31pm

Nichts lieben die Berliner mehr, als Mauern zu bauen und Häuser zu räumen. Das Tacheles ist als nächstes an der Reihe. Auf der einen Seite legendäres Kulturzentrum, in dem tausende Künstler und solche, die es gerne wären, in den letzten zwei Jahrzehnten ihren geistigen Ergüssen Ausdruck verliehen haben; auf der anderen Seite Spielball verschiedener Akteure, die selbstverständlich wissen, was das beste für den Laden ist. Man kann sich auch einfach eine Million Euro von einem anonymen Geldgeber zahlen lassen und freiwillig das Feld räumen. Die Tacheles-Gruppe, zu der das Zapata, das Biotop, das Kino und das Studio52 gehörten, konnten der Versuchung nicht widerstehen und zogen Anfang April ab. Kurz danach hatte der Gläubiger, die HSH Nordbank, die wunderbar neue Idee eine 2,50 Meter hohe Mauer quer durch den Torbogen zu bauen. Aber mal ehrlich, eine Mauer mitten in Berlin, das ist doch nichts neues. Die verbliebenen Künstler fanden das auch nicht lustig und bauten eifrig eine massive Brückenkonstruktion - frei nach dem Motto: Mauern sind zum niederreißen da und wenn das nicht geht, wird eben geklettert. Dummerweise war die HSH Nordbank nicht zu Späßen aufgelegt und schickte eine Söldnertruppe, rekrutiert aus Motorradrockern und Fussballhools, die den stahlgewordenen Widerstand einreißen sollte, sich Security nannte und die „Maßnahme“ eher als Freizeitunterhaltung betrachtete. Ich bin hingefahren und hab versucht, das Ganze aus der Nähe zu betrachten. Das war gar nicht so einfach, denn von den insgesamt knapp 20 „Securitys“, brachten nur ein paar handwerkliches Geschick und Werkzeug mit, der Rest der Geschichte ließe sich mit der alten Leier vom Hund und dem Postboten erzählen. Oder eben mit Videomaterial, das für sich selbst spricht.

Übergriffe, Freiheitsberaubung usw. Der Gläubiger sollte sich ein wenig genauer überlegen, mit wem er ins Bett steigt. Im Anschluss an diese postapokalyptische Säuberungsaktion habe ich mit zwei Künstlern darüber gesprochen, warum sie im Tacheles sind, wieso sich kaum Widerstand regt und wie sie über solche Aktionen denken.


Txus Parras, 49

Warum bist du im Tacheles?

Ich bin seit 21 Jahren hier und gehöre zur zweiten Generation des Tacheles. Geboren bin ich auf dem Planet der Affen, wie wir alle hier und habe einen scheiß spanischen Pass.

Was genau machst du?

Wir schaffen einen Freiraum. Alle sind kreativ, Künstler, gleichberechtigt. Jeder kann hier hinkommen. Wir machen verschiedene Dinge hier, Audio, Video, Siebdruck, basteln, Collagen, Streetart, Stencil, wir bringen das den Leuten auch bei. Es kommen sogar Leute von der Kunstuni, weil sie den Studenten da nicht beibringen, wie man als Künstler überleben kann. Es ist eine Sache, Kunst zu studieren und eine andere, mit deiner Scheiße zu überleben. Ein Bäcker, der seine Brötchen gerne backt und dann den Kunden damit beglücken kann, bekommt ja auch was für sein Handwerk – willkommen in der Arbeiterklasse.

Du sagst, dass es im Tacheles Konflikte zwischen einzelnen Künstlergruppen gibt. Was hat es damit auf sich?

Es gibt verschiedene Interessengruppen, und da gibt es natürlich auch Interessenkonflikte. Da gibt es die Yuppie-Künstler, die für viel Geld eines der Ateliers mieten und ihre Möchtegern-Kunst ausstellen, nur weil sie das Tacheles als international beachtete Ausstellungsfläche nutzen wollen. Die Leute aus der Gastronomie, rund um das Zapata, das Studio52, das Biotop und das Kino, haben sich für 1 Mio. Euro herauskaufen lassen und wir verbliebenen Künstler wollen ein Kollektiv bilden, selbstbestimmt und unabhängig von allen anderen.

Warum gibt es diese Mauer?

Vor langer Zeit haben wir das Gelände für'n Appel und'n Ei gekauft, durch eine Klausel ist der Vertrag aber nichtig und der Gläubiger der Grundpfandrechte versucht nun eine Zwangsversteigerung durchzusetzen. Wir nennen sie „die Mauer der Schande“, weil damit versucht wurde, uns alle in Gruppen zu teilen und wir haben versucht einen Weg zu bauen, der darüber führt. Durch die Mauer wird ein großer Teil des Geländes abgetrennt, der Hof ist nun nicht mehr so einfach zugänglich und die Werkstätten und Manufakturen damit für Besucher kaum noch zugänglich. Es ist wie in einem Mordfall, wir kennen die Mörder, es wird gesäubert.


Victor Landeta, 31

Warum bist du hier im Tacheles?

Ich bin Maler und seit anderthalb Jahren in Berlin. Vorher habe ich Kunst an der Universität im Baskenland und Digitale Medien in London studiert.

Auf der Wand draußen ist ein Graffiti von dir, was hat es damit auf sich?

Ursprünglich hab ich damit angefangen, Fotoportraits von Menschen in Graffitis umzusetzen. Das war vor ein paar Jahren und ich habe fremde Fotos benutzt. Mittlerweile nehme ich meine eigenen, die ich von Reisen aus der ganzen Welt mitbringe. Ich reise viel, zuletzt war ich sechs Monate in Myanmar, Kambodscha, Thailand, Malaysia und den Philippinen. Das Graffiti zeigt eine Statue, die ich in Myanmar fotografiert habe und ich wollte es öffentlich ausstellen, also habe ich es draußen, großflächig an die Hauswand gesprüht.

Du hast hier ein ziemlich beeindruckendes Atelier, wie bist du da rangekommen?

Das war eigentlich ziemlich leicht. Es war November und es fing an, so richtig kalt zu werden, da es keine Heizung gibt, haben viele Künstler das Haus verlassen und so konnte ich nach einem Platz fragen, das hat geklappt und sie haben mir das Studio hier gegeben. Ich muss lediglich den Strom bezahlen, ansonsten ist es kostenlos. Du musst dein Atelier allerdings für die Öffentlichkeit zugänglich lassen, damit sie sich deine Werke anschauen und dir bei der Arbeit zusehen können, das ist Teil der Vereinbarung. Am Anfang ist es ein bisschen nervig, aber du gewöhnst dich dran.

War das nicht ein bisschen kalt im Winter? Wie hast du es geschafft, nicht zu erfrieren?

Es war schweinekalt. Den ganzen Winter nie über null Grad. Ich arbeite aber nicht im Sitzen, sondern normalerweise im Stehen. Ich turne dann wie ein Wilder hier herum, das hält dich warm.

Das Tacheles soll ein Ort der Kunst und des Friedens für Freidenker und Freischaffende sein. Was hältst du von der Aktion heute früh?

Na klar, ich bin ziemlich verärgert darüber, aber wir haben uns daran gewöhnt. Wir haben durchgehend Probleme hier, mit der Ordnungsmacht oder anderen Leuten. Früher waren wir hier eine große Gemeinschaft, mit der Bar und dem Kino. Ein paar haben aber entschieden, sich aus dem Tacheles herauskaufen zu lassen. Es ist nicht einfach, aber wir versuchen weiterzumachen. Die Probleme inspirieren auch, sie machen uns kreativ.

Warst du heute früh dabei, als die „Security“-Firma anfing die Brücke niederzureißen?

Nein, ich war noch zu Hause und bin erst später dazu gekommen. Da war bereits alles abgesperrt und sie ließen mich nicht in mein Atelier. Ich musste warten, bis sie mit ihrer „Maßnahme“, so nannten sie die Aktion, fertig waren.

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