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Sex

Es gibt ein Filmfestival für Fahrrad-Porno-Liebhaber

„Seitdem Menschen auf Fahrräder steigen, werden sie auch von Fahrrädern geil gemacht." Dieser Gedanke inspirierte das erste Bike-Porn-Festival, bei dem es aber um mehr als nur Sex geht.
20.11.14

Ausschnitt aus Bitchy Tutorial #2 von Officine Sfera

​Das Genre „Fahrradporno" kannst du so wörtlich oder metaphorisch nehmen, wie du willst. Sex mit Fahrrädern, Sex auf Fahrrädern, Sex, bei dem Fahrradzubehör zum Einsatz kommt … Bei „Pedalphilie" sind die Möglichkeiten unbegrenzt. Es gibt jedoch nur wenige Menschen, die sich mit Fahrrädern und Sexualität so intensiv auseinander gesetzt haben, wie Phil Sano, dem Begründer des ​„Bike Smut"-Filmfestivals.

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„Seitdem Menschen auf Fahrräder steigen, werden sie auch auf Fahrrädern geil gemacht", sagt er und sitzt dabei vor Velowood Cyclery. In diesem Fahrradladen wurde das jährlich stattfindende Festival abgehalten, als es Anfang November in Denver Halt machte. Sano ist ein gottgegebener Geistlicher für die sogenannte Church of Bicycle Jesus in Seattle, sieht aus wie David Cross als Hauptdarsteller von Boogie Nights und hat sich der Verbreitung der Botschaft von Sex und Fahrrädern verschrieben.

Sanos Filmfestival (bei dem übrigens jeder mitmachen kann) geht inzwischen in die achte Runde und war bereits in Mexiko, Kanada, der Türkei, Deutschland, Griechenland und den USA unterwegs. Sowohl die Filmemacher als auch das Publikum kommen vermehrt aus der homosexuellen und sex-befürwortenden Gemeinde. Bei den Filmen ist alles vertreten: von kitschigen Zeichentrick-Romanzen bis hin zum Hardcore-BDSM inklusive Fahrradketten und -schläuchen.

Ausschnitt aus De-railed von Quinn Cassidy und Creamy Coconut

Überraschenderweise lässt sich das Publikum in konservativen und religiösen Orten wie Salt Lake City am meisten für das Bike Smut-Festivals begeistern, viel mehr als in sexuell liberaleren Städten.

„Die Menschen, die in diesen Regionen mit sexueller Unterdrückung aufgewachsen sind und sie dann ablehnten, bilden extrem überzeugte Gegenkulturen", erzählt mir Sano. „In diesen Orten sind nicht viele sex-befürwortende Gruppierungen unterwegs, also müssen sie das selbst übernehmen."

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Für Sano geht Bike Smut über die Erotisierung von Fahrrädern hinaus—auch wenn es davon mehr als genug gibt. Er sieht Fahrräder als Schlüssel zur sexuellen Befreiung, sowohl damals als auch heute. „Das Frauenwahlrecht wurde auch durch die technologische Revolution der Fahrräder ermöglicht", sagt er. „Wenn eine Frau in der damaligen Zeit ausgehen wollte, musste sie oft von einer Aufsichtsperson begleitet werden—vor allem, wenn sie ein Date hatte. Es galt als unweiblich, wenn eine Frau alleine ein Pferd ritt. Das Fahrrad hingegen war dieses mysteriöse Ding. Man wusste noch nicht so recht, was man damit anfangen sollte. Die Frauen beanspruchten es dann so schnell für sich, dass gar keine Zeit blieb, ihnen das Fahrradfahren zu verbieten."

Ausschnitt aus The Hot, the Bold and the Foxy von Mayssan und Simon

Laut Susan B. Anthony, die Pionierin der ersten Welle des Feminismus, ​haben Fahrräder „mehr als alles andere zur Emanzipation der Frauen beigetragen." Die Allgegenwart der Drahtesel führte dazu, dass die einschränkende Kleidung des viktorianischen Zeitalters (Reifröcke und Korsetts) durch Damenpumphosen und letztendlich normale Hosen ersetzt wurde. Plötzlich konnten Frauen sportlich und mobil sein, ihren Bekanntenkreis erweitern und ihr Stärkegefühl innerhalb der Gesellschaft verbessern. „Emanzipation ist sehr sexy", erzählt mir Sano—diese Ansicht spiegelt sich auch in den ​vielen erotischen Fotos von Frauen auf Fahrrädern wieder, die Anfang des 20. Jahrhunderts gemacht wurden.

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„Wenn du einen Hügel runterfährst und es dabei richtig kribbelt, dann kann das ein richtig sexy Gefühl sein", erklärt Courtney Helene Linclau, eine Mitorganisatorin von Bike Smut, die gerade mit dem Festival unterwegs ist. „Für mich geht es hier um persönliche Entscheidungsfreiheit, die ich bei meinem Transportmittel und in meiner Gemeinde habe—und bei Sexualität dreht sich alles um persönliche Entscheidungsmacht."

Sano erlaubt den Filmemachern, die bei Bike Smut mitmachen, das Thema so anzugehen, wie sie es für richtig halten. Bei der diesjährigen Ausgabe war alles vertreten, von einem Fahrradsattel in Dildo-Form, der sich durch die Jeans des Fahrradfahrers bohrt, bis hin zu einem Barbier, der auf sexy Art und Weise Fahrraddiebe entführt und rasiert. In einigen Filmen dient das Fahrradfahren nur als Vorspiel für den eigentlichen Sex, in anderen wird das Fahrrad aktiv involviert und dabei ausgepeitscht, der Sattel als Lustobjekt genutzt oder die Spitze eines erigierten Penis in die Speichen eines sich drehenden Rads gehalten.

Ausschnitt aus Beaus and Arrows von Lala

Es ist wichtig, folgende Unterscheidung zu treffen: Die Fetischisierung eines leblosen Objekts (nur zur eigenen Erregung) ist etwas anderes, als besagtes Objekt als eigenes Wesen zu betrachten, zu dem ein Mensch eines Liebesbeziehung aufbauen kann. Es gibt nur wenige wissenschaftliche Daten zu „Objektophilen" oder „Objektsexuellen" (OS), also Leute, die laut eigener Aussage eine innige Liebesbeziehung mit leblosen Objekten haben. Das liegt vor allem an der Skepsis der Sexualwissenschaftler und an der Art, wie die Medien im Allgemeinen Objektophile ganz sensationsgeil als Freaks darstellen—so haben diejenigen, die ein Auto, eine Brücke oder einen Baum lieben, natürlich nur wenig Lust darauf, mit Journalisten zu sprechen.

„Sie müssen sich den gleichen Herausforderungen stellen wie andere sexuelle Minderheiten auch. Dazu gehört zum Beispiel Stress, weil sie von ihren Familien, ihren Kollegen und ihren Ärzten nicht akzeptiert werden", sagt Dr. Amy Marsh, eine Sexualforscherin, die Objektsexualität untersucht hat. Sie fügt noch hinzu, dass sie zwischen Objektophilie und Schizophrenie oder sexuellen Traumata keine Verbindung sieht. Mit Autismus und Asperger-Syndrom gibt es jedoch einige Überschneidungen.

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In ihrer Abhandlung „​Love Among the Objectum Sexuals" führte Marsh Umfragen und Interviews mit 21 Mitgliedern von OS International durch. OS International ist eine 2008 gegründete Gruppierung zur Förderung von Objektsexuellen. Ein Transsexueller erzählte dabei von einer Reihe von Beziehungen zu Mischpulten. Er sagte, dass er „ihre Reihen an Skalen und Tonreglern liebt" und vor allem auf „VU-Messgeräte jeglicher Art" stehe, „egal ob mit Strichskala oder mit beweglichen Anzeigern. Ich liebe ihre Form, ihren Geruch und ihre Beschaffenheit."

„Meine schlimmste Beziehung hatte ich mit dem Mischpult einer Kirche", fuhr er fort. „Wegen meiner Objektsexualität wurde ich rausgeschmissen, weil sie behaupteten, dass ‚das Mischpult und nicht Jesus in meinem Herzen wäre.'"

Ein anderer Befragter fühlte sich zu Mantelknöpfen sexuell hingezogen und führte mit ihnen Beziehungen. Alle anderen Arten von Knöpfen verabscheute er. „Meine Objekte sind praktisch und günstig. Ich kann sie überall mit hinnehmen", erzählte er und fügte hinzu, dass er davon erregt werde, wenn er sie „mit den Fingern und Lippen berührt und sie sich kalt auf der Haut anfühlen. Für mich haben sie eine Art Macht und Kontrolle, die von ihrer Perfektion ausgeht."

Die Medien stürzen sich oft auf Storys wie die der Menschen, die in Japan Seitenschläferkissen heiraten, oder die eines Amerikaners, der mit über ​700 Autos Sex hatte. Als Erika Eiffel, die Gründerin von OS International 2007 den Eiffelturm heiratete, wurde sie zum Sprachrohr für Objektsexuelle und zog natürlich auch den Zorn der Menschen auf sich, die etwas gegen ihren Gebrauch des Wortes „Ehe" haben. Nachdem Marsh 2009 in der TV-Sendung Good Morning America zu Gast gewesen war und über Eiffel gesprochen hatte, wurde sie zu konservativen, von Christen moderierten Talkshows eingeladen, die OS für ihr altes „So etwas kommt davon, wenn man die Schwulenehe erlaubt"-Argument nutzen wollten.

Marsh ist zwar der Ansicht, dass Objektsexualität noch viel weiter erforscht werden muss, aber sie findet auch in der Geschichte Anzeichen für ein solches Verhalten—zum Beispiel in der griechischen Mythologie mit Pygmalion, einem Bildhauer, der sich in seine Werke verliebte (Ähnliches passiert im Film Mannequin aus dem Jahre 1987). In diesem Zusammenhang wird auch die Beziehung zwischen Quasimodo und den Glocken in Der Glöckner von Notre-Dame genannt: „Er liebte sie, streichelte sie, sprach mit ihnen und verstand sie."

Phil Sano und Courtney Helene Linclau beim Bike Smut in Denver. Foto: Josiah Hesse

Wie bei allen Facetten der menschlichen Sexualität gibt es laut Marsh auch beim Sex mit leblosen Objekten „in allen Bereichen Grauzonen. Am einen Ende haben wir die Leute, die einen Vibrator benutzen. In der Mitte gibt es dann diejenigen, die Objekte einfach nur fetischisieren. Am anderen Ende befinden sich schließlich die Menschen, die mit den Objekten eine vielfältige Beziehung eingehen."

Einige der bei der Denver-Ausgabe von Bike Smut gezeigten Filme können thematisch gesehen der Objektophilie zugeordnet werden, aber die ganze Veranstaltung deckt eben viele Bereiche der menschlichen Sexualität ab. Das Ganze könnte auch viel einfacher mit einer modernen Vorführung der Rocky Horror Picture Show verglichen werden, bei der das Publikum die Charaktere auf der Leinwand anschreit, ausbuht oder schallend auslacht. Dabei wird jedoch immer eine gewisse liebevolle Ehrfurcht gezeigt.

„Ich bin wirklich froh, dass beim Bike Smut auch die feministischen Aspekte dieser Kultur beleuchtet werden und eine positive Grundeinstellung gegenüber homo- und transsexuellen Menschen gefördert wird", erzählt mir Donna Matrix nach der Veranstaltung. Sie wohnt in Denver und ist schon seit mehreren Jahren beim Bike Smut-Festival dabei.

„Bei meinen ersten Erfahrungen im BDSM-Bereich kamen spontan auch Fahrradschlösser und -schläuche zum Einsatz", erinnert sie sich. „Der Anblick und der Geruch von Schmierfett auf meinen Hängen macht mich definitiv geil. Und bei besonders guten Ausflügen bin ich durch die Vibration meines Fahrradsattels auch schon fast zum Orgasmus gekommen."