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Tech

Sinnlose Rituale, mit denen wir unsere Geräte traktieren

Weil der Mensch Technologie meist einfach nicht versteht, vollzieht er noch immer regelmäßig merkwürdige abergläubische Rituale mit seinen Geräten. Dabei müssten wir es eigentlich besser wissen.
3.10.16
Bild: quiet451/YouTube.

Wenn uns Menschen etwas rätselhaft und unerklärlich vorkommt, haben wir oft eine so simple wie effiziente Strategie zum Selbstschutz parat: Wir geben uns einfach abergläubischen Ritualen hin, um die Illusion aufrechtzuerhalten, dass wir etwas Unkontrollierbares kontrollieren oder etwas Unerklärliches verstehen können. Schon als Menschenopfer die Wettergötter beruhigen sollten, durften die Erdenbürger möglicherweise irgendwann danach tatsächlich eine gute Ernte einfahren—was damals prompt als Beweis für die Effektivität des Rituals herangezogen wurde. Und genau das ist wohl die ewige Konstante von abergläubischen Ritualen: Selbst wenn die Zeremonie unlogisch erscheint, so besitzt der Mensch dennoch die Fähigkeit, positive Folgen herbeizufantasieren.

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So ähnlich verhält es sich heute mit unseren modernen Gadgets. Während die Technologie unaufhaltsam voranschreitet und uns immer komplexere und leistungsfähigere Geräte zur Verfügung stehen, versteht der durchschnittliche Verbraucher immer weniger von dem, was er da bedient.

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Das Smartphone ist ein modernes Wunder—und so bleibt es für den durchschnittlichen Nutzer entsprechend mysteriös. In der heutigen Zeit huldigen wir Menschen eben den Maschinen und Apparaten und erbieten diesen unsere Ehre—und auch hierbei geben wir uns längst diversen Ritualen hin, wie ein Blick auf drei klassische Bedienungsfehler zeigt, die wohl eine ganze Menge von uns schon einmal in bester Absicht gemacht haben.

Der wirkungslose Luftstoß und die Videokassette

Alle, die sich an die 1980er Jahre erinnern können, erinnern sich wahrscheinlich auch daran, wie man in Videospielkassetten hinein pustete, um so technische Probleme zu beheben. Wir hielten Staub für den Verursacher und glaubten, dass die Leistungsfähigkeit der Kassetten mit einem kräftigen Pusten wiederhergestellt werden würde.

Deutlich weniger Leute werden sich daran erinnern, dass die meisten Bedienungsanleitungen ausdrücklich davor warnten, in die Kassetten zu pusten. Obgleich es theoretisch möglich ist, dass Staub die Anschlüsse behindern könnte, hatte das Problem viel häufiger mit Korrosion, abgebrochenen Stiften, fleckigen Magnetbändern oder Verschleiß zu tun.

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Inzwischen ist klar: Das Pusten könnte tatsächlich mehr Probleme verursacht als gelöst haben. Weil die Summe unserer Einzelerfahrungen uns jedoch glauben ließ, dass das Pusten in die Kassetten einen positiven Effekt hätte—schließlich schien es zu klappen, auch wenn man nie wusste, wie oft man pusten musste—setzten wir das Ritual gerne fort. Unser Glaube, dass das Pusten in eine Kassette etwas bewirkt, war sogar stärker als der Beweis, dass dem nicht so ist. Historiker werden sich in einer fernen Zukunft sicher noch fragen, warum die Menschen ihren heißen Atem so leidenschaftlich, zwecklos und sinnfrei in die empfindlichen Schaltkreise bliesen.

Der Mythos mit den inaktiven Smartphone-Apps

Ich selbst befolge das Ritual, alle offenen Apps auf meinem iPhone zu schließen, wenn ich zwischendurch mal Zeit habe. Diese organisatorische, klärende Geste soll nicht nur meinem Handy das Leben leichter machen, sie soll auch meinen Geist aufräumen. Ich mache das zum Beispiel jedes Mal, bevor ich joggen gehe, damit mein iPhone seine gesamte Energie auf den Run Tracker und die Musik richten kann. Irgendjemand hatte mir mal erzählt, dass das eine gute Idee sei—er sagte mir, dass das Schließen der Apps mein Gerät schneller mache. Die Erklärung leuchtete mir ein, denn ich kenne es ja vom Computer, dass parallel laufende Programme den Arbeitsspeicher belasten. Der Rat ergab Sinn, ich verfolgte ihn gewissenhaft—und empfahl den „Trick" auch anderen.

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Tatsächlich zeigt ein Blick auf die Funktionsweise unserer Smartphones, dass der angebliche Trick absoluter Quatsch ist. So funktioniert das iPhone einfach nicht. Es gibt keinen Grund, alle im Hintergrund laufenden Apps zu schließen—alles ist nur ein Gerücht, sowohl Apple als auch Android haben das längst bestätigt.

Der Irrglaube konnte nur daraus erwachsen, dass dem einzelnen Nutzer nur wenige Informationen über die Funktionsweise dieser wahnsinnig fortschrittlichen kleinen Alleskönner zur Verfügung stehen bzw. überhaupt verständlich sind.

Doch manchmal sind Tech-Rituale einfach mächtiger als das eigentliche Wissen. Obwohl ich jetzt sicher weiß, dass ein vollkommen leerer Arbeitsspeicher sogar zu einer Verlangsamung meines iPhone führen kann und obwohl ich weiß, dass ich dem iOS vertrauen kann, schließe ich die Apps immer noch. Um meinen Geist zu klären, und weil der Glaube manchmal stärker ist als das Wissen.

Die tiefe Verwurzelung der Tech-Rituale

In seinem digitalen Buch

Curious Rituals

dokumentiert Nicolas Nova zahlreiche Verhaltensweisen, die uns die Illusion vermitteln, die Kontrolle über unsere Geräte zu haben. Das Buch illustriert auf wunderbare Weise, welche obskuren kleinen Rituale sich unbemerkt in unsere alltägliche Nutzung eingeschlichen haben: Erinnert ihr euch beispielsweise noch an die Ganzkörper-Acht, die wir performten, als wir unsere GPS-Geräte für die Smartphone-Maps kalibrieren wollten? Führen nicht manche von uns immer noch einen kleinen Tanz auf und bewegen unsere Smartphones hin und her, wenn wir den Weg nicht finden und das GPS im Telefon benutzen möchten? Wenn wir ein technisches Problem haben, stellen wir die Geräte erst einmal an und aus und hoffen, dass diese Aktion das Problem behebt, auch wenn wir keinen blassen Schimmer haben, was das Problem ist oder wie die Lösung dafür aussehen könnte.

Manchmal beeinflussen unsere Rituale sogar das Design neuer Hardware, erklärt Nova gegenüber Motherboard. Das weit verbreitete Bild eines Videospiel-Newbies, der seinen Körper oder den Controller zu allen Seiten neigt, als ob das wirklich einen Einfluss darauf hätte, was auf dem Bildschirm passiert, trug unmittelbar zur Entwicklung bewegungssensitiver Controller bei. Indem man dem angeborenen Neigungsdrang des unbeholfenen Gamers einen wirklichen Sinn gab, erhofften sich die Konsolenproduzenten mit ihrer Hardware ein breiteres Publikum anzusprechen.

Wie geht es weiter in der obskuren Beziehung zwischen Mensch und Apparat?

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In dem Kurzfilm Curious Rituals: A Digital Tomorrow stellt sich Nova die Zukunft unserer gestischen Verbindung mit unseren Geräten vor. So benutzt die Darstellerin eine Augmented Reality-Brille um fernzusehen und schließt ihr Auto über Handflächenerkennung auf. Sie macht nicht viel Aufhebens um ihren durchtechnologisierten Tag, der Film zeigt uns aber auf spannende Weise, wie diese wiederholten Bewegungen zu den Ritualen der Zukunft werden könnten. Die lakonische Ruhe des Films porträtiert, wie merkwürdig vieles schon ist, was wir heute machen—zum Beispiel, im Kreis zu gehen, wenn wir uns am Telefon unterhalten.

Wie sehr hängt dein täglicher Gebrauch von Computer, Telefon und Auto von einem sicheren Verständnis der inneren Abläufe dieser Geräte ab, und wie viel beruht auf reinen Vermutungen? Warum versteht dein Telefon die Berührung deines Fingers, aber nicht die deines Fingernagels? Was ist mit den Leuten, die das Telefon immer noch nicht an ihren Kopf halten, auch wenn bereits bewiesen wurde, dass es wohl keine Schäden in deinem Gehirn verursacht? Wer weiß das schon?

Als Mitbegründer des Near Future Laboratory und Professor an der Hochschule für Kunst und Gestaltung in Genf untersucht Nicolas Nova genau diese faszinierende Schnittstelle zwischen Anthropologie und Technologie. „Jedes Mal, wenn es ein neues Produkt gibt, versuchen die Leute es dadurch zu verstehen, dass sie ihre Erfahrungen aus der Interaktion mit früheren Produkten anwenden", erklärt er Motherboard über Skype. „Wenn man heute beobachtet, wie die Leute ihr Smartphone benutzen, sieht man darin, wie sie frühere Produkte benutzt haben: das Festnetztelefon natürlich, aber auch andere Objekte wie Zigarettenschachteln oder Fernbedienungen, selbst einen Rosenkranz. Ihre Gesten hängen mit anderen Objekten zusammen, und über diese Erfahrungen erschließen sie sich das neue Gerät."

Verschiedene Kulturen gehen mit neuen Technologien unterschiedlich um. Das hängt mit der eigenen Geschichte und der eigenen Weltanschauung zusammen. Nova erklärt: „In bestimmten Ländern bekommen die Leute Angst, wenn sie eine SMS von einer unbekannten Nummer erhalten—sie halten das für schwarz Magie. Dieselbe Furcht entsteht, wenn sie Textnachrichten mit komischen oder kryptischen Zeichen bekommen. Manche Menschen halten das für einen Fluch oder etwas anderes Schlimmes. Das ist zum Beispiel in Kulturen der Fall, in denen früher kryptische Drohungen auf Papier verschickt wurden. Egal wie häufig wir noch die Begriffe 'Disruption' oder 'Revolution' hören, sie halten nie ganz, was sie versprechen—wir übertragen unsere Erfahrungen kontinuierlich von einem Medium auf das nächste."

Wir können dieser Kontinuitätslinie weiter folgen, um uns vorzustellen, welche Zauberkunststücke die Geräte der Zukunft ausführen werden, und welche Rituale wir benutzen werden, um sie zu steuern. Nova nennt das Beispiel des Telefons, das heute wie eine Art Zauberstab funktioniert, mit dem man sogar Essen herbeizaubern kann—hier werden die Softwareentwickler und Dienstleister mit Sicherheit ansetzen, um die Anzahl der Schritte und Interaktionen zwischen unserem Wunsch und seiner Erfüllung weiter zu reduzieren.

Handlungen, für die wir heute mehrere Schritte und Eingaben brauchen, könnten sich in Zukunft auf eine einzige, ritualisierte Geste reduzieren. Oder auf die mimische Anweisung an eine intelligente Kamera. Zukünftige Zivilisationen werden eines Tages zurückblicken und sehen, wie wir vor unseren Bewegungsmeldern knien, unsere Köpfe gekrönt von Virtual Reality-Helmen, und unsere Geräte hin und her schwenken wie Weihrauchschwenker, in der Hoffnung dadurch an Essen, Unterhaltung oder Sex zu kommen. Und sie werden sich fragen, woran wir geglaubt haben und wie wir unseren Glauben praktizierten—in ähnlicher Weise, wie wir heute auf die alten Zivilisationen mit ihren uns unbegreiflichen Ritualen zurückblicken.