Wolfgang Bellwinkel zeigt dir die absurde Hässlichkeit der Welt

Wir haben Fotograf Wolfgang Bellwinkel im Interview gefragt, was er 18 Jahre lang in der Welt gesucht hat, um uns dann so deprimierende Bilder mitzubringen.

|
März 27 2013, 12:58pm

18 Jahre lang bereiste der Fotograf Wolfgang Bellwinkel von 1994 bis 2012 die halbe Welt und kehrte mit einem Haufen Bilder im Gepäck nach Berlin zurück. Aus dieser Reise entstand Anfang 2013 der Bildband No Land called Home - Photographs and Stories of a Long Journey

Bewaffnete Jungs, überschminkte Mädchen, zerschossene Marlboro-Cowboys inmitten der verlassenen Ruinen des Balkans und himmelhoher Baustellen Südostasiens—Bilder einer grotesken Welt, jenseits der etablierten Reisemagazine. 

Umso fragiler wirken die einzelnen Menschen im Globalisierungsgetümmel, verloren irgendwo zwischen Ost und West. Männer, Frauen, Kinder von dem mächtigen Strom der Veränderungen mitgerissen. Sind es etwa echte Waffen, die da auf dem Tisch neben dem kleinen Jungen liegen? 

Bellwinkels Sicht der Dinge war für uns wiederum Anlass, ihn aufzusuchen und über sein neustes Werk zu sprechen. 

Vice: Dein Buch heißt No Land called Home. Photographs and Stories of a Long Journey. Bist du jetzt endlich angekommen?
Wolfgang Bellwinkel: Das Buch soll keine Retrospektive sein. Das ist vielleicht so eine Art Zwischenbilanz für mich. Es geht um einen andauernden Prozess. Mit dem Buch komme ich also nirgendwo an. 

 
Coverbild

Was hat es mit dem Coverbild auf sich?
Abgesehen davon, dass das Bild natürlich ein ganz guter Hingucker ist, ist das Bild für mich wunderbar symbolisch. Es geht bei mir ja oft um das Interkulturelle, das „nicht genau zu wissen, wo man hingehört“. Mich interessiert dieses Ost-West-Ding. Ich bin noch nie in Afrika gewesen, aber habe neun Jahre meines Lebens in Asien verbracht.

Zu sehen ist eine Asiatin mit einer blonder Perücke. Für mich steht das Bild auf eine leicht ironische Art genau für dieses Dazwischensein. Ich sehe das gerade bei den jungen Leuten in Asien. Die wirken häufig irgendwie verloren. Von ihrer Familienseite stecken sie noch sehr stark in irgendwelchen Traditionen. Auf der anderen Seite aber leben sie in diesen Megastädten wie Bangkok oder Singapur, der Globalisierung ausgesetzt, dazwischen hängend und auch nicht genau wissend, bin ich eigentlich noch ein traditionelles chinesisches Mädel oder eine globalisierte Nomadin?

Du bist weggegangen und lange Zeit unterwegs gewesen. Was hat dir an Deutschland nicht gefallen?
Ich reise, seitdem ich 18 bin. Mit dem Abitur ging eine Phase zu Ende und ich hatte einfach die Schnauze voll von allem. Ich wollte aus dieser Mühle des Funktionierens raus. Ich komme aus einer bürgerlichen Familie mit den klassischen Ansprüchen, dass die Söhne studieren, einen ordentlichen Beruf ausüben und möglichst eine Familie gründen usw. Genau diese Ansprüche wollte ich nicht erfüllen. Ich wollte einfach nur weg von dieser westlichen Zivilisationidee. Heute stehen die Leute mit 18, 19 wahrscheinlich ihrer eigenen Kultur gar nicht so kritisch gegenüber. Aber in den späten Siebzigern hatte man als Deutscher eine ziemliche Distanz zu seinem Land.

Mexiko, meine erste größere Reise—da war ich 18—, war für mich die große Befreiung. Das hat mir sehr gefallen. Aber dann haben alle gesagt: „Geh nach Indien, das ist noch viel besser.“ Und das habe ich dann auch sehr bald gemacht. Mir hat das Leben, dieses Nichtstun, In-den-Tag-Reinleben gefallen—das Exotische, das Fremde, auch das Fremdsein—und darum geht's ja auch in dem Buch. Es wird von vielen Leuten als etwas Beängstigendes empfunden. Natürlich hat das auch was mit Einsamkeit zu tun. Aber es hat auch positive Seiten. Wenn du fremd bist, bist du außerhalb des Systems. Du brauchst gewisse Regeln nicht in dem Maße zu beachten, wie es einer tut, der Teil der Gesellschaft ist. Du hast eine gewisse Narrenfreiheit und das fand ich immer sehr angenehm. 

In deinem Buch findet man Architektur, subjektive Fotografie, klassische Porträts, weniger klassische Porträts, Stillleben … Wie würdest du bei dieser Vielfalt deinen eigenen fotografischen Stil bezeichnen?
Wenn ich Arbeiten von anderen Fotografen sehe, frage ich mich manchmal: „Was hast du für eine Beziehung zu dem Thema? Oder ist das Thema nur gewählt, weil es gerade angesagt ist und weil man es gut verkaufen kann?“ Ich habe zum Beispiel sehr viele Bilder aus Asien gesehen, wo Leute, die in ihrem Leben noch nie in Asien waren, dann ein Stipendium kriegen, drei Monate nach Tokyo fahren und dann irgendwas nach Hause bringen. Weil sie gute Fotografen sind, sind die Bilder auch nicht schlecht, aber oft belanglos, weil sie immer nur an der Oberfläche kratzen. Das andere Extrem sind die Leute, die immer nur ihre eigenen Befindlichkeiten zur Schau stellen und das ist nur insofern interessant, wie du dich selbst für diesen Menschen interessierst. Aber in den meisten Fällen interessiert mich dieser Mensch und diese ganze Befindlichkeitsscheiße nicht.

Ich wollte einen Kompromiss schaffen. Das Buch sollte persönlich sein, aber nicht so, dass ich anderen Leuten damit auf den Nerv gehe. Ich will auch gar nicht alles zeigen. Ich gebe dir eine Idee, einen Hinweis und damit kannst du dann umgehen. Ich vermische Persönliches mit historischen Ereignissen, wie z.B. den Bosnienkrieg oder die gewalttätigen Auseinandersetzungen in Thailand, einem Land im Umbruch. Diese Mischung hat mich interessiert. Fotografisch findet man sowohl einen subjektiven Ansatz als auch einen dokumentarischen.

Du hast vorgeschlagen, dass wir uns heute um 10 Uhr morgens zum Interview treffen. Und auch im Epilog zu deinem Buch steht, dass du es irgendwie geschafft hast, während der ganzen Zeit an deiner fotografischen Arbeit festzuhalten, um nicht gänzlich durchzudrehen. Wo kommt die Disziplin letztendlich her?
So diszipliniert bin ich nicht. Nein. Aber ich halte ziemlich alles durch. Wer jahrelang in Indien ist, hat sämtliche Drogen durch und ich habe viele Menschen getroffen, die aus dem Ruder gelaufen sind. Zum Teil durch sich selbst, zum Teil durch die Umstände. Wenn man sich da lange bewegt, ist man permanent der Gefahr ausgesetzt abzugleiten. Es ist leicht, irgendwo in Indien zu sitzen, wo du für wenig Geld Drogen kaufen kannst, und abzustürzen. Wolfgang Büschner schreibt, was mich gerettet hätte, war die Fotografie. Vielleicht ist das so, aber ich glaube auch, was mich gerettet hat, ist, dass ich immer eine gewisse Distanz gehalten habe. Und das ist auch eine Sache, die man als Fotograf eigentlich braucht. Wenn man zu sehr involviert ist, dann ist es fotografisch meist scheiße, weil es dann langweilig wird. Vielleicht ist es auch meine deutsche Art, sich einzulassen, aber nur bis zu einem gewissen Punkt—immer ein wenig reserviert zu bleiben.

Ärgert es dich nicht manchmal, dass die Fotoszene so dermaßen klein ist? Auf den Foto-Festivals sieht man immer wieder die gleichen Leute. Bekommt man nicht das Gefühl, dass man seine Bilder eben für eine Art „Elite“ macht und sie gar nicht wirklich an die breite Öffentlichkeit gelangen?
Auf eine gewisse Weise ist es sicherlich so. Jeder stümperhafte Maler wird von sich behaupten: „Ich bin Künstler!“ Und jeder wird das akzeptieren und sagen: „Ja, der ist Künstler. Vielleicht ein schlechter, aber er ist Künstler.“ Während in der Fotografie in Deutschland ewig die Diskussion läuft, ist das nun Kunst, ist das keine Kunst, ist das dokumentarische Fotografie, Straßenfotografie, Werbung, ist’s ein Fotograf oder ein Künstler, der sich der Fotografie bedient ... 

Als Fotografen sind wir keine Popstars, es fehlt ein wenig der Glamourfaktor. Wir kochen irgendwie alle im eigenen Saft und das ist sicherlich schade.   


Der Fotograf, Wolfgang Bellwinkel

Künstlerische Fotografie ist ein Thema für sich. Hat man sich an vielen „Werken“ nicht langsam satt gesehen?

Ich habe das Gefühl, dass auf einem sehr hohen Niveau—das hängt mit der Technik zusammen, die wir inzwischen benutzen und mit der guten Ausbildung an den Hochschulen—sehr viel Langeweile produziert wird. Da ist die „hast du doch alles schon gesehen Reaktion“, die man bei sich selbst spürt. Man kann die Fotografie nicht neu erfinden, aber man kann daran arbeiten. Für mich ist die Frage im Augenblick: „Wie stelle ich Bilder zusammen?“ Es ist natürlich risikoreich, wenn man das tut, Bilderwelten und Stile aufeinander prallen lässt, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben. Eine Mischung aus harmonischen Folgen und Konfrontationen. Wenn man solche Spannungen hinkriegt, interessiert es mich persönlich tausendmal mehr, als Bücher die 50, 60, 70 mal sehr ähnliche Bilder zeigen, bei denen man nach den ersten zehn Seiten das Gefühl hat, verstanden zu haben, worum es geht. Das sind eben diese Bücher, die man einmal durchblättert und nie wieder in die Hand nimmt. Dann stellt man sie ins Regal. 

 

Mehr VICE
VICE-Kanäle