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Japanische Meeresfrauen

Grey Hutton

Grey Hutton

Diese 60 Jahre alten Frauen verdienen ihr Geld damit, dass sie nach Seeohren tauchen, schleimige Seeschnecken, in denen sich Perlen bilden.

Nina Poppe ist Fotografin und Kuratorin. Sie ist für Ama, eines der besten Fotobücher des Jahres 2011, verantwortlich. Ihre Bilder erzählen die Geschichte von japanischen Perlentaucherinnen, den Ama. Diese Frauen verdienen ihr Geld damit, dass sie nach Seeohren tauchen, schleimige Seeschnecken, in denen sich Perlen bilden. Das Tauchen danach ist eine japanische Tradition und schon über zwei Jahrtausende alt. Auch heute noch tauchen die Ama auf die alte Art und Weise: Ohne Ausrüstung verlassen sie sich nur auf die Kraft ihrer Lungen. Die Japaner halten daran fest, dass die Mehrheit der Ama weiblich sein sollten, weil ihre Körper sich von den männlichen unterscheiden: Das Fett an einem Frauenkörper ist anders verteilt als bei bei einem Mann, was sie im kalten Wasser länger warm hält. Doch mittlerweile ist diese Praxis fast ausgestorben, denn die meisten dieser Frauen sind um die 60 Jahre alt, einige sogar über 80. Nina beschloss, diese Frauen zu fotografieren, bevor es zu spät ist, bevor keine Ama mehr in die unergründlichen blauen Tiefen abtaucht und uns nur noch Kissy Suzuki aus James Bond 007 – Man lebt nur zweimal in Erinnerung bleibt. Also habe ich Nina angerufen und mit ihr gesprochen.

VICE: Wie lange hast du dafür gebraucht, die Fotos für das Buch zu machen?
Nina Poppe: 2010 bin ich zweimal nach Japan gereist, einmal im Mai und dann im August und September. Auf meiner zweiten Reise blieb ich zwei Wochen lang bei den Ama auf der Insel Ise-Shima.

War es schwierig, sie dazu zu bringen, dich zu akzeptieren? Wie war das mit der Sprache?
Die Sprache war wirklich ein großes Problem. Ich spreche gar kein Japanisch. Ich habe immer ein kleines Buch bei mir getragen, in das ich mir die wichtigsten Sätze rein geschrieben habe. Wer ich bin, was ich tue, was ich von ihnen will … Es gab einfach keine Kommunikation, da niemand auf der Insel Englisch sprechen konnte. Ich fühlte mich, als hätte mir jemand die Zunge abgeschnitten. Ich war da wirklich eine ganz seltsame Erscheinung mit meinen blonden Haaren und blauen Augen. Ich habe es die ganze Zeit und überall gespürt, das war anstrengend. Alle starrten mich an, aber auf eine freundliche, neugierige Art. Trotzdem bin ich nach zwei Wochen, weil ich ein ganz starkes Bedürfnis nach Kommunikation fühlte, von der Insel abgehauen. Das Gute daran ist, dass die Sinne gestärkt werden, wenn man nicht reden und nichts verstehen kann. Dass ich eine Frau bin, hat aber auch geholfen. Die Ama waren sehr offen und freundlich zu mir. Ich glaube nicht, dass sie verstanden haben, was ich da mache, aber sie nahmen mich mit auf ihr Boot und in ihre Hütten. Ich hatte das Gefühl, dass die Ama sehr aufgeschlossen anderen Frauen gegenüber sind und auch ein wenig mütterlich. Ich hätte auch ihre Tochter sein können.

In welchem Alter fangen diese Frauen mit dem Tauchen an? Wie tief tauchen sie und für wie lange?
Die meisten fangen früh an, als Teenager. Sie tauchen bis zu 30 Meter tief, ohne Ausrüstung, zweimal am Tag, immer zu festen Zeiten, für genau eineinhalb Stunden. Um die 2 Minuten bleiben sie unter Wasser und wiederholen das dann bis zu 60 Mal während einer Tauchsession. Die Häufigkeit macht es so anstrengend.

Die meisten der Frauen, die man in deinem Buch sieht, gehören der älteren Generation an. Woran liegt das?
Die Tradition stirbt langsam aus, weil die jungen Frauen das nicht mehr machen wollen. Die Arbeit ist auch nicht so anziehend, da sie nicht mehr so viel wie vor 40 Jahren verdienen können. Außerdem entspricht der Beruf der Ama nicht der Vorstellung einer modernen, japanischen Frau.

Die Badjo aus dem Südosten Asiens sind auch für ihre Tauchfähigkeiten bekannt. Sie haben sich physisch an das Leben am Wasser angepasst, was es ihnen ermöglicht, unter Wasser besser zu sehen und länger zu tauchen. Ihnen sind zwar keine Kiemen gewachsen, aber dennoch ist es faszinierend. Ist dir irgendetwas in der Art bei den Ama aufgefallen?
Die Anpassung ist wohl ihre starke Lunge, da sie das schon so lange machen. Außerdem sprechen sie mit einer sehr starken Stimme—vom Tauchen können sie nicht mehr so gut hören und müssen über Wasser schreien. Wenn man das beiseite lässt, fühlte es sich für mich so an, als wären sie Wasserwesen. Sie können ohne das Meer nicht leben und haben die Unterwasserwelt zu ihrer Welt gemacht.

Du hast dich dafür entschieden, keine Unterwasserbilder mit rein zu nehmen, was für ein Buch über die Seeohren-Taucherinnen der Insel Ise-Shima doch unerwartet ist. Was waren deine Überlegungen hinter dieser Entscheidung? Hast du überhaupt irgendwelche Unterwasseraufnahmen gemacht?
Ich war unter Wasser, habe da aber keine Bilder gemacht. Ich wollte, dass der Fokus auf den Frauen und deren Umfeld liegt und nicht auf der Arbeit, die sie machen. Für mich war das viel faszinierender. Außerdem ist die Wasserwelt so etwas, das in der Phantasie passiert und das gefällt mir. Andererseits habe ich das Unterwasserbild von Fosco Maraini aus den 60ern mit ins Buch genommen. Es ist so unsagbar schön, dass ich damit gar nicht erst in Konkurrenz treten möchte.

Man sieht auch keine Männer. Ama heißt ja übersetzt „Meeresfrauen“ und dieses Buch ist ein Beleg ihrer Lebensweise, aber welche Rolle spielen Männer in der Gemeinschaft?
Ich wollte eine Welt zeigen, in der Männer ganz eindeutig keine Rolle spielen. Ich wollte den Fokus auf die Frauen legen. Der Ama-Beruf ist seit ungefähr 2000 Jahren eine weibliche Tradition. Es gibt nur wenige Männer, die auch diese Arbeit machen. In der Vergangenheit schien es wie ein Matriarchat, da die Ama so viel Geld mit dem Tauchen verdienten, dass sie alleine leben konnten. Dazu kommt noch, dass die meisten ihrer Männer Fischer sind und lange Zeit weit weg von zu Hause verbringen. Also waren sie auf sich selbst gestellt.

Die Ausdauer dieser Frauen im hohen Alter ist verblüffend. In einem kurzen Dokumentarfilm habe ich eine Frau gesehen, die 92 Jahre alt war und trotzdem tauchte! Wie schaffen sie es, in dem Alter eine solche Belastung auszuhalten?
Da bin ich mir nicht sicher, ich denke, dass es wichtig ist, dass sie Teil einer starken Gemeinschaft sind. Ich musste an die alten Menschen in unserer Gesellschaft denken und die meisten haben heute keine Aufgabe mehr. Sie werden für nichts mehr gebraucht und vielleicht macht sie auch das alt. Ich war von dieser Integration der älteren Generation in die Gemeinschaft stark beeindruckt. Also denke ich, dass die Tätigkeit sie gesund hält.

Erzähl mal von dem Isobue der Ama, dem „Meerespfeifen“. Ist es etwas, das sie schon seit Jahrhunderten ausüben, oder ist es eher eine neue Entwicklung? Es klingt so ein bisschen wie sehr hohes Hyperventilieren, findest du nicht?
Ich glaube, dass sie schon immer dieses Geräusch gemacht haben. Es kommt ja auch wirklich vom Hyperventilieren. Das Geräusch ist in Japan sehr bekannt und steht für den Schmerz, den dieser Brauch mit sich bringt.

Deine Bilder geben uns einen einzigartigen Einblick in das Leben dieser Frauen. Sie scheinen glücklich und stolz auf ihre Tradition zu sein.  Seeohren sind eine japanische Spezialität, oder? Aber kommen sie auch auf die gewünschte Menge von Seeohren, um wirklich davon leben zu können, oder hat die globale Erwärmung oder irgendetwas Anderes ihr Einkommen eingeschränkt?
Sie haben früher sehr viel Geld damit verdient. Mit dem Sammeln von Seeohren konnten sie ohne Probleme ihre Familien ernähren. Heutzutage werden billigere Seeohren zum Beispiel aus Australien geliefert, außerdem habe ich gehört, dass es jetzt wegen der starken Verschmutzung der Meere viel weniger Seeohren gibt. Die Fischereibehörde auf Ise-Shima hat jedoch einige Regeln aufgestellt, um die Überfischung von Seeohren zu vermeiden, und um die Tradition der Ama aufrechtzuerhalten. (Zeitliche Beschränkungen, kein Tauchen mit Ausrüstung, usw.) Auf diese Art und Weise versuchen sie auch, die Preise hoch zu halten.

Du machst auch Dokumentarfilme. Liege ich richtig in der Annahme, dass du gerade einen über die Ama machst?
Ich arbeite wirklich an einem Dokumentarfilm. Aber bisher ist es mir nicht gelungen, das Geld dafür zusammenzukriegen. Natürlich ist es eine ganz andere Ebene, wenn man einen Film macht. Es gibt einen ganz klaren Unterschied im Vergleich zur Fotografie. Aber die Dokumentation, die ich machen will, soll nicht alles erklären wollen und ich würde sie gern auf eine ähnliche Weise wie die Fotos machen. Es wird eine experimentelle Dokumentation, ohne Interviews, eher auf fotografische Weise beobachtend.

Ama von Nina Poppe wurde 2011 vom Kehrer Verlag veröffentlicht.