Alle Bilder mit freundlicher Genehmigung des Künstlers und Twyla.

[NSFW] Der Mann, der nackt mit Wildpferden durch Island rennt

Nick Turner möchte seinen Ur-Instinkten freien Lauf lassen und schießt intime Selbstporträts in der Natur.

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01 Juni 2017, 10:38am

Alle Bilder mit freundlicher Genehmigung des Künstlers und Twyla.

Für die meisten Besucher ist Island ist ein mystisches, verschneites Wunderland, in dem eisige Winde auf heiße Quellen treffen und Nordlichter den ehrfürchtigen Betrachter verzaubern. Jedoch ist es nicht die idyllische Landschaft, die Nick Turner am meisten an dem Inselstaat fasziniert. Statt Islands atemberaubende Natur mit ihren Vulkanen, Geysiren und Gletschern einzufangen, richtet der Künstler seine Kameralinse stattdessen auf die Tierwelt. Vor allem die isländischen Pferde haben es Turner angetan, die er in einer außergewöhnlichen Fotoreihe festhält.

"Ich glaube, dass meine Arbeit oft missverstanden wird", erklärt Turner gegenüber Creators. "Es geht nicht nur darum, dass ich nackt mit Pferden herum renne. Eigentlich ist das sogar weit gefehlt. Ich versuche, die Idee zu projizieren, mit den Pferden gemeinsam zu laufen, ganz in diese Welt einzutauchen. Ich denke, dass der Mensch viele ursprüngliche, tierische Instinkte besitzt."

Alle Bilder mit freundlicher Genehmigung des Künstlers und Twyla

Schon als Kind fühlte sich Turner in der Natur sehr wohl und verstand sich mit Pferden teilweise besser als mit Gleichaltrigen. "Einige dieser Unsicherheiten haben mich nie losgelassen", erklärt er. "Durch die Selbstportraits, meist in der Natur oder mit Pferden aufgenommen, möchte ich verstehen, warum ich mich als Jugendlicher so unsicher und wie ein Außenseiter gefühlt habe."

Da Turner die menschlichen Instinkte besser verstehen wollte, entwickelte sich seine Arbeit allmählich zu einem generellen Statement über die Gesellschaft: "Ich wollte dazu gehören, eins der Pferde werden und nicht nur ein Mann sein, der neben ihnen steht", erklärt er.

Seine Kreativität findet auf verschiedene Weise Ausdruck, er malt und zeichnet. Seine Arbeit ordnet Turner selbst dem Expressionismus zu. Wenn er malt, beginnt er mit einer Kohle- oder Bleistiftskizze und führt dann mit dem ganzen Arm große Pinselstriche mit Öl- oder Acrylfarbe aus. "Ich bin viel mehr an der Energie meines Objekts interessiert – einem Pferd oder der Natur selbst – als daran, ein perfektes Abbild zu erschaffen", meint er.

Beim Fotografieren geht Turner nach einem ähnlichen Prinzip vor. Wenn er eine passende Location gefunden hat, macht er so viele Fotos wie möglich, ohne zu viel Zeit auf technische Aspekte wie die perfekte Komposition und Lichtverhältnisse zu verwenden. Dadurch wirken seine Arbeiten natürlich und ungestellt, sodass der Betrachter fast keine Trennung mehr zwischen dem Künstler und seinen vierbeinigen Objekten wahrnimmt.

Als Kind reiste der gebürtige US-Amerikaner Turner viel durch Europa und ging in Frankreich zur Schule. Er sieht seine Selbstporträts als moderne Versionen griechischer Skulpturen oder klassischer Gemälde. "Bei meinen Bilder geht es weniger um die Objekte selbst, als um das Gefühl und die Intensität, die sie ausstrahlen."

Turner reiste 2011 zum ersten Mal nach Island und ist seitdem schon ein halbes Dutzend Mal wiedergekommen. Da rund 60% der Isländer an Feen und andere übernatürliche Wesen glauben, war es auch diese Offenheit für das Unsichtbare, das Turner anzog. "Als Kind hatte ich eine blühende Fantasie und las viele Bücher über Abenteuer und Magie, das macht Island definitiv attraktiv für mich."

"Ich finde die subtilen Nuancen von Bildern ausdrucksstärker und wichtiger, als direkt etwas einzufangen", fügt er hinzu. "Ich möchte, dass der Betrachter etwas empfindet, wenn er meine Arbeiten sieht und nicht nur etwas Attraktives oder Interessantes betrachtet. Es geht auch um die Rolle der Natur und darum, wie der Mensch heute in der Gesellschaft mit ihr umgeht."

Während Turner mehr über sich selbst und seine Umgebung lernt, entwickelt sich seine kreative Philosophie immer weiter. Es ist ihm wichtig, nichts zu überdenken und die Natur sich einfach entfalten zu lassen. "Ehrfurcht vor etwas zu empfinden, das so viel größer ist als du, hilft einem dabei, als Mensch zu wachsen", sagt er. "Ich versuche zunehmend, die Kunst oder mich selbst nicht so ernst zu nehmen. Das Leben ist kurz; da ist es schön, wenn man sich etwas Zeit nimmt, um es zu genießen."

Schaut euch hier ein Video von Nick Turners Projekt an. Weitere Informationen findet ihr auch auf der Website des Künstlers oder auf Edition T (der Twyla-Blog).