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Musik

The Streetwisemen

18.11.10

Vor ein paar Wochen war ich sehr freundlich zu einem kleinen, blinden Obdachlosen namens Wicked Willy Yonkers. Bevor ich ihn kennen gelernt habe, sah ich ihn oft in meiner Nachbarschaft rumtigern. Vor Starbucks verkaufte er immer die Streetwise, ein Magazin aus Chicago, das obdachlosen Menschen hilft. Aus der Ferne sah er immer wie die Cartoonfigur eines brillanter, leider etwas missverstandenen Wissenschaftlers aus. Wenn man sich ihm jedoch näherte, wirkte er mehr wie ein unterernährter Hobbit, der sich durch Zufall in die Stadt verlaufen hat. Sein Bart sah aus wie Bündel Eisenwolle, dass den ganzen Tag Orangen abgerubbelt hat. Seine schlechte Körperhaltung lässt sich bestimmt auf die Brille zurückführen, die er für fünf Pfund von seiner Krankenkasse bekommen hat. Die Brillengläser sehen aus wie antike Aschenbecher, die ihn zur Erde herunterziehen. Wegen seiner Erscheinung, hatte ich immer das Gefühl er wäre nicht ganz Herr seiner Sinne. Ein guter Grund ihn einfach mal vor Starbucks anzusprechen, in der Hoffnung auf eine gute Story über seine mutmaßliche Schizophrenie. Stattdessen bekam ich etwas viel besseres, er erzählte mir von seiner Metalband „The Streetwisemen“.

Zuerst stellte ich ein paar Fragen über das Magazin. Ich dachte immer, wenn Obdachlose es verkaufen, dann würden sie auch die Artikel selber schreiben, eine Art Minijob. Mit der sympathischen Stimme eines hochbegabten Schülers, der gerade erfolgreich von der Matheolympiade nach Hause kommt, erzählte er mir, dass er ausschließlich Texte über seine Metallband schreibt. Wenn Wicked Willy Yonkers also nicht gerade die Streetwise verkauft, verkleidet er sich als bösen Wikinger und schreit laut  Songs, über das Abbrennen der Grundschule und für mehr Gerechtigkeit, in das Mikrofon.

Nach ein paar Minuten bat er mich, ein gutes Wort für seine Band einzulegen, damit sie als Vorband von KISS spielen können. Hier wurde mir klar: er liebt Rock´n´Roll mehr als alles andere in seinem Leben. Die Tatsache das er obdachlos, so gut wie blind und an die 40 ist, steht gar nicht im Raum. Wicked Willy hat den Traum eine Heavy Metal-Legende zu werden. Ich wollte mehr über sein unglaublich, beeindruckendes Engagement für den Rock´n´Roll erfahren. Wir trafen uns zusammen mit seiner Band, leider war ich sehr traurig, dass er seinen Bart abrassiert hat.

Vice: Wie fing das mit euch an, wann wurde die Band gegründet?

Joe Scott: Wir kannten Will vom sehen, er hing immer viel vor der Smart Bar und in der Metro rum. Alle von uns spielten schon in Bands und dann erzählte uns Will, dass er gut singen kann.

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Gubb Conway: Dann hat er sein Notizbuch heraus geholt, was voll mit Liedern war, die er geschrieben hat.

Wicked Willy Yonkers: Nicht alle haben wir wirklich eingespielt, wir wussten nicht ob wir mit den aggressiven Texten zu weit gehen. „Kill the Man“ ist ein Lied für die Arbeiter. Leider klingen die Drums am Ende sehr nach einem Song von KISS, wir sind uns nicht sicher ob das mal rechtliche Folgen für uns hat. „Burn the School“ habe ich geschrieben, als ich gerade mit der Schule fertig war. Wir sind uns bei der ersten Liedzeile ein wenig unsicher: „no more pencils, no more books, no more teacher’s dirty looks“, weil es vielleicht zu sehr an Alice Coopers „Schools Out“ erinnert. Wir kennen keinen, der sich wirklich mit solchen Urheberrechtssachen auskennt und uns beraten könnte.

Ok, wo gebt ihr eure Konzerte?

Willy: Wir haben schon in der Metro gespielt, bei Double Door, bei Sylvie´s…

Joe: Lincoln Park Zoo.

Wirklich, ein Konzert in einem Zoo?

Willy: Nein, nicht richtig im Zoo, aber wir spielten…

Joe: Nun, es war eher…

Willy: Ich werde das mal genau erklären, ok? Die Streetwise gab ein Picknick für alle Mitarbeiten im Lincoln Park und das war sehr NAH am Lincoln Park Zoo. Wir haben drei Konzerte in Joes Heimatstadt gespielt. Das erste war für eine Benefizveranstaltung der FOB, das Gelände FOB ist im Park.

Was ist der/die/das FOB?

The Fraternal Order of Police. Ich glaube das war die einzige Benefizveranstaltung, auf der wir je gespielt haben.

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Das ist wirklich erstaunlich.

Wir spielten auch schon mal auf einer Ranch von einem Kumpel. Jeder hatte Ponchos an oder so was. Es war ein Eröffnungskonzert für "Team Hoss". Wir hatten schon zwei Konzerte gespielt, doch was war wirklich uuhhhhh…

Joe: Ja, das Dach wäre fast eingestürzt.

Haha. Großartig. Hattet ihr schon mal eine richtige Tour?

Willy: Nein, leider noch nicht, aber wir reden fast täglich darüber. Ich habe bald Klassentreffen von meiner Abschlussklasse und ich möchte wahnsinnig gern dort ein Konzert spielen.

Wenn ich von euren Konzerten höre, wäre ein Tour doch möglich.

Es würde uns eine Menge Geld und Arbeit kosten. Mir ist es nur wichtig, dass ich vor meiner alten Klasse spielen kann. Wer weiß ob die Band, den Sommer 2011 noch erleben wird. Wir sind nicht Jerry Lewis, verstehst du? Wir können nicht einfach einen Spendenmarathon ins Leben rufen.

Du schreibst seit deiner High School-Zeit Lieder, ist das richtig?

Ja, dass stimmt.

Warst du schon mal in einer Band?

Ich saß immer in der Schule und träumte davon ein Band zu gründen. Sie sollte „The Rookies“ heißen. Eine Sportbar hieß so, ich wollte mir damit einen Tagtraum erfüllen.

Moment, du warst also in einer Fake-Band, die irgendwo zwischen dem wirklich Leben und deiner Fantasie lag?

Ja, zwei der Mitglieder existieren wirklich, es sind die Brüder Chris und Paul Figge. Das ist ein deutscher Name, man buchstabiert ihn F-I-G-G-E, sie haben auch in anderen fiktiven Bands gespielt.

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Wussten die Figge.Brüder, dass sie in deiner fiktiven Band mitgespielt haben?

Paul wusste es nicht. Bei Chris bin ich mir nicht ganz sicher. Wir haben nie wirklich darüber gesprochen.

Alles klar…

The Rookies brachten 1974 ihr Debütalbum heraus. In dieser Zeit habe ich auch „N.O.B.S.“ geschrieben.

Jetzt bin ich ein wenig verwirrt. Waren The Rookies nun eine reale Band?

Nein. Es war eine fiktionale Band. Ich habe die für mich erschaffen und alles begann 1974.

Wie hießen eure Alben?

Jesus…lass mich überlegen, es waren wirklich viele. Unser Debütalbum war „First Year“, unser zweites Album kam auch ´74 raus und hatte denselben Namen. Zwei Jahre später kam dann ein Doppelalbum „Old Glory“. Da waren sogar Live-Mitschnitte drauf und anderer cooler Stuff.

Aber keines davon war wirklich wahr

Richtig. Es waren die 70iger.

Du willst mich doch verarschen.

Joe: Nein. The Rookies sind definitiv eine Band, die es vor uns gegeben hat.

Willy: Im Jahr 1977 brachten wir das Album „Rook and Roll“ raus, dass wurde dann auch unser Slogan. Im Jahr ´79 hatten wir eins mit dem Namen „Food Fight“. Das war sehr interessant, denn einiges wurde wahr und verwandelte sich in einen Albtraum. Auf einer Tour verlor ich meine Stimme für fast eine Woche. Die Tour verzögerte sich.

Ein Horrortrip

Allerdings, das zwang mich auch dazu mehr Intention in das Schreiben zu legen. 1988 haben wir „Rookenstein“ veröffentlicht.

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Jesus. Hast du für The Rookies auch die Cover gestaltet?

Ich hatte gute Ideen für die Alben und die Albencover. Für „Take the L to Hell“ wollte ich gerne einen Zug in die Hölle fahren lassen, mit Flammen und so.

OK.

Bei „Rookenstein“ dachte ich an ein Monster, dass von einem Blitz getroffen wird.

Das sind doch sehr schöne Voraussetzungen.

Das waren die besten Ideen, die ich je hatte. Normalerweise wird um ein Cover nicht so ein Drama gemacht. Da entscheidet einfach eine Münze oder der kürzere Strohhalm. Da gibt es ein Spiel, dass nennt sich „Horses“. OK, ich glaube ich habe jetzt genug über Cover geredet, jetzt sind die anderen mal dran.

[Willy schlendert davon]

Wow. Ich habe noch nie so einen wie Willy getroffen, ich werde ihm mein Leben widmen.

Gubb: Ja so ist er. Ihn interessiert nur die Liebe zur Musik.

Joe: Du musst ihn erst auf der Bühne sehen. Wie er sich dort bewegt, er ist fast blind und hat nie wirklich viel gesehen. Willy lässt sich von der Musik führen.

Gubb: Wir leben alle in einem Haus und Willy kommt manchmal vorbei, dann essen wir zusammen oder geben ihm ein paar Klamotten. Er bekommt alles was er braucht. Sein Besuch dauert nie länger als drei Tage, dann zieht er weiter. Wir hängen rum und haben einfach eine gute Zeit.

[Willy schlendert zu uns zurück]

Willy: Ok, was haben diese Typen über mich erzählt? Bestimmt nur Schwachsinn. Joe Scott ist besonders gut darin. Hat er dir erzählt, dass ich 38 Kinder habe und jedes hat eine andere Mutter in einer anderen Stadt?

Ja, genau das hat er erzählt. Und ist es wahr?

Nein. Das ist sehr weit von der Wahrheit entfernt.

Alles klar Willy, ich glaube dir.