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GAMES

Nach 30 Stunden „Euro Truck Simulator 2“ war ich so entspannt wie noch nie zuvor

Andere machen Yoga oder kiffen, ich habe Sägespäne von London nach Stuttgart transportiert. Und es war wundervoll.

von Andy Kelly
24 Januar 2015, 6:00am

Es gibt viele Gründe dafür, Videospiele zu spielen. Für die einen geht es dabei um das Erlernen und das Meistern der Spielsysteme und das Gefühl der Genugtuung, das damit verbunden ist. Für die anderen geht es darum, in eine fremde Welt entführt zu werden und der tristen Alltagsroutine zu entkommen. Und dann gibt es da noch die Simulator-Fans. Diese Leute wollen keine Raumschiffe fliegen, keine Gangsterimperien leiten und auch nicht in den Körper eines wilden Kriegers aus dem Tal des Todes schlüpfen. Sie wollen lieber Mülleimer ausleeren, Felder düngen oder Straßen teeren.

Nischensimulatoren für den PC sind ein ziemlich erfolgreiches Genre und es gibt wirklich erstaunlich viele Vertreter. Zum Beispiel haben wir da OMSI – Der Omnibussimulator: Der Traum eines jeden angehenden Busfahrers. Dann gibt es noch Müllabfuhr Simulator: Glaubst du, du hast das Zeug zum Abfallkönig? Und falls du dich schon mal gefragt haben solltest, warum die Londoner U-Bahn-Fahrer so einen Haufen Geld verdienen, dann lege ich dir London Underground Simulator ans Herz. Ich habe ohne Anleitung fast eine Stunde gebraucht, nur um den Motor anzuwerfen, und dann bin ich noch weit über die Haltestellen hinausgeschossen.

Man macht sich gerne über Simulatoren und über deren Spieler lustig—es ist ja auch ziemlich einfach. Aber so langsam scheint sich dieser Umstand dank YouTube zu ändern. Plötzlich finden diese Spiele ein Millionenpublikum, normale Leute fangen an, sie zu spielen, und man realisiert, dass einige davon gar nicht mal so schlecht sind.


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Ich bin jetzt kein großer Fan von Simulatoren, aber Euro Truck Simulator 2 hat dann doch mein Interesse geweckt. Ich hatte jetzt zwar nicht das dringende Bedürfnis, schwere Lasten durch Deutschland zu fahren, aber mir war schon von mehreren Leuten gesagt worden, dass das Spiel wirklich richtig gut sei. Aus Spaß probierte ich das Ganze dann aus und am Ende saß ich über 30 Stunden vor meinem Computer. Ich bin allen Ernstes über einen Tag lang Autobahnen entlanggefahren und habe mich an die Geschwindigkeitsbegrenzungen gehalten—nur um Sägespäne nach Stuttgart bzw. Milchpulver nach Aberdeen zu transportieren. In dieser Zeit hätte ich auch in Elite: Dangerous Weltraumpiraten jagen, in Dark Souls gegen Dämonen kämpfen oder einfach nur nach draußen gehen können.

In Euro Truck Simulator 2 wird ein Großteil von Europa nachgebaut—natürlich nicht maßstabsgetreu, das wäre ja total verrückt. Dennoch brauchst du eine Ewigkeit, um von A nach B zu kommen. Wenn du zum Beispiel den Auftrag hast, etwas von London nach Warschau zu fahren, dann dauert das über eine Stunde und dabei sind Staus, Werkstattbesuche und mögliche Unfälle noch gar nicht mit einberechnet. Das Ziel ist es, so schnell und problemlos wie möglich am Bestimmungsort anzukommen. Zuspätkommen, Beschädigungen am LKW und Verstöße gegen die Verkehrsregeln werden bestraft. Wenn du das alles jetzt todlangweilig findest, dann liegst du damit gar nicht falsch. Du hast nur ein Leben und das solltest du nicht damit verschwenden, dieses Spiel zu spielen. Gleichzeitig hat das Ganze aber auch etwas eigenartig Unwiderstehliches an sich.

Die meiste Zeit verbringst du auf endlosen Autobahnen. Dort bist du eigentlich nur damit beschäftigt, geradeaus zu fahren, die Geschwindigkeitsbegrenzung nicht zu überschreiten und ab und an die Spur zu wechseln. Hey, wie im echten Leben! Aber genau hier ist das Spiel am fesselndsten. Das gedämpfte Dröhnen des Asphalts unter deinen Reifen, das Geräusch der Scheibenwischer und die Regentropfen, die auf die Windschutzscheibe trommeln, wirken erstaunlich beruhigend und kommen fast wie ein Bildschirmschoner für dein Gehirn daher. Dazu kannst du noch diverse Radiosender des Landes anhören, durch das du gerade fährst. Oft schwelge ich in Erinnerungen an damals, als ich in strömendem Regen eine Autobahn entlang gerauscht bin und dabei Fleetwood Mac auf einem Classic-Rock-Sender aus den Lautsprechern dröhnte.

Das Ganze ist so entspannend, dass es für mich tatsächlich eine unerwartete Form der Meditation geworden ist. Wenn ich mich gestresst oder überarbeitet fühle, dann steige ich einfach in meinen riesigen Truck und fahre für 30 Minuten die Autobahn entlang. Das bringt mich auf andere Gedanken und irgendwann interessiert mich nur noch, wo sich die nächste Tankstelle befindet oder ob ich es noch schaffe, die Sandsäcke rechtzeitig in Rotterdam abzuliefern. Spar dir das Geld für transzendentale Meditationsstunden und installiere stattdessen lieber Euro Truck Simulator 2.

Aber dann erwischt es dich eiskalt. Das Navigationssystem schickt dich eine enge und kurvenreiche Landstraße mitten im Nirgendwo entlang. Es ist stockfinstere Nacht und auf deinem Anhänger befinden sich 20 Tonnen Sprengstoff. Dann geben auch noch deine Scheinwerfer den Geist auf, weil du vorher eine Mauer mitgenommen und dabei den Motor beschädigt hast. Jetzt musst du deinen lädierten Truck nur nach Gefühl über diese schreckliche Straße manövrieren. Aber dann geschieht ein Wunder: Die Scheinwerfer funktionieren plötzlich wieder. Zwischen all den in die Länge gezogenen und quasi ereignislosen Fahrten über die Autobahnen Europas gibt es immer mal wieder solche unvergesslichen, kurzen Momente, bei denen dir vor Aufregung die Hände feucht werden.

Die Tatsache, dass es sich um ein solides und gut durchdachtes Spiel handelt, ist dabei das I-Tüpfelchen. Das Fahrverhalten ist sowohl realistisch wuchtig als auch spaßig und Simulationselemente wie der Verkehr, das Wetter, die Physik oder die Soundeffekte sind voller Details und richtig realistisch. Viele Vertreter dieses Genres kommen oft etwas hölzern und billig rüber, aber bei Euro Truck Simulator 2 springen einem die ordentliche Produktion und die überraschend schöne Grafik direkt ins Auge. Schöneren virtuellen Beton und Asphalt hast du wirklich noch nie gesehen. Vor allem der Regen ist besonders toll dargestellt und die Tropfen laufen sogar die Windschutzscheibe entlang, wenn du aufs Gaspedal trittst. Wenn authentischer Nieselregen dein Ding ist, dann kauf dir dieses Spiel! Die Atmosphäre und die Landschaften der vorkommenden Länder wurden gut eingefangen—auch wenn du hier und da mal die Augenbrauen hochziehen wirst. Oder gibt es in Schottland wirklich Sonnenblumenfelder?

Wenn das jetzt nicht alles schon aufregend genug ist, dann kannst du bei Euro Truck Simulator 2 auch noch deine Oculus Rift-Brille zum Einsatz bringen. Natürlich habe ich auch das ausprobiert. In Kombination mit einem Lenkrad und Pedalen war diese Erfahrung wirklich überzeugend. Durch das Bewegen meines Kopfes konnte ich mich in der Fahrerkabine umsehen und mich sogar aus dem Fenster lehnen, um meinen Anhänger zu begutachten. Nach ungefähr 20 Minuten war mein Gehirn so von der Szenerie überzeugt, dass ich wirklich dachte, mich in einem Laster zu befinden. Ich war dann sogar so verwirrt, dass ich meinen Arm auf dem nicht existenten Fenster zu meiner Linken abstützen wollte. Es klingt vielleicht irgendwie falsch, das führende VR-Headset für eine langsame LKW-Autobahnfahrt einzusetzen, aber das Ganze ist dennoch verdammt beeindruckend.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Euro Truck Simulator 2— oder eigentlich ja das gesamte Simulatorengenre—auch nur eine andere Form der Realitätsflucht ist und sich damit direkt neben jegliche Fantasy-Rollenspiele oder knallharte Ego-Shooter einreiht. Es handelt sich hierbei eben nur um eine Flucht in eine Welt, in der sich halt nicht so viele Menschen verlieren wollen. Dennoch bin ich froh, dass so etwas existiert, denn damit wird gezeigt, wie abwechslungsreich die Videospielwelt inzwischen geworden ist. Jeder Geschmack wird bedient, egal ob du nun einen Überlebenden in einer postapokalyptischen Welt oder einen Gabelstaplerfahrer spielen willst. Ich hatte zwar nie den Wunsch, LKW-Fahrer zu werden, aber dank Euro Truck Simulator 2 weiß ich diese eigentümliche Subkultur der außergewöhnlichen Videospiele jetzt wirklich zu schätzen.

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