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Die ältesten Online-Games, die noch heute spielbar sind

Als diese Spiele an den Start gingen, waren Disketten noch der heiße Scheiß und das Internet verdiente seinen Namen kaum. Wir haben die Game-Urahnen aufgespürt und wollten wissen: Was fasziniert Zocker bis heute an den uralten Spielen?
19.5.17
Screenshot TradeWars 2002

Ultima Online, Counter-Strike 1.6, World of Warcraft: Namen, die in den Köpfen vieler Zocker als Urväter zeitgemäßer Online-Spiele verankert sind. Aber das ist nicht ganz richtig. Denn auch diese Gaming-Opas fußten auf einem Fundament, das bereits Jahre zuvor gelegt wurde – von den Pionierspielen, die als erste den Sprung ins noch blutjunge Internet gewagt haben.

Wobei die grundlegende Struktur, die Funktionsweise des Internets in den 80er-Jahren noch eine völlig andere war, entsprechend hatte auch der Alltag eines Gamers wenig mit der modernen Vorstellung gemein. Offiziell betriebene Server gab es ebenso wenig wie Lobbys, in denen sich Spieler versammelten. Selbst simultanes Daddeln gestaltete sich häufig schwer bis unmöglich – von den beachtlichen Preisen, die fürs Einwählen über die Telefonleitung sowie das Zocken fällig wurden, ganz zu schweigen.Trotz dieser Hürden scharten einige Titel eine treue und beachtliche Spielerschaft um sich – und zwar tatsächlich bis heute.

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Angezogen vom Reiz komplexer Mechaniken weitestgehend textbasierter Spiele waren die Ur-Gamer auf der Suche nach Abenteuern und der damals aufregenden Erfahrung, über ein Netzwerk mit Gleichgesinnten daddeln zu können. Grafische Effekthascherei spiele in den frühen Tagen der Online-Games hingegen kaum eine Rolle.

Wer diese Zeit heute noch nachempfinden will, der muss wühlen – und zwar tief. Auf der Suche nach den ältesten Online-Spielen, die auch heute noch gedaddelt werden, haben wir mit aktiven Zockern der jeweiligen Games gesprochen, uns durch seitenlange Foren-Threads gewühlt und uralte Websites noch älterer Spiele studiert. Wir präsentieren euch unsere Ausbeute: Die ausdauerndsten Marathon-Games aus den tiefsten Tiefen des Netzes.

Platz 3: Avalon: The Legend Lives

Online seit: 28. Oktober 1989
Spielerzahl: ca. 3000 pro Monat
Genre: Online-Rollenspiel

Eines, wenn nicht das größte Problem bei der Suche nach den ältesten Online-Spielen ist die dürftige Quellenlage. Konkrete Belege sind die Ausnahme, verlässliche Chronologien kaum existent, Gamer selten in festen Communitys versammelt. Avalon: The Legend Lives ist in jeder Hinsicht eine Ausnahme: Das "erste Multiplayer-Online-Rollenspiel" dokumentiert seine Geschichte, die seit der Veröffentlichung vor über 25 Jahren von den Spielern geschrieben wird, in einem eigenen Zeitstrahl selbst und ist auch sonst außerordentlich stolz auf sein Erbe – und das ist tatsächlich enorm.

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Als das textbasierte Game Ende 1989 ans Netz ging, setzte es zahlreiche Standards, die selbst heute noch zum kleinen MMO-Einmaleins gehören. Neben der ersten Währungsökonomie führte Avalon spielergeführte Städte und Regierungen, verschiedene Charakterklassen mit unterschiedlichen Fähigkeiten und ein Gildensystem ein, in dem sich Spieler organisieren konnten. Die Liste der Innovationen wächst kontinuierlich: Selbst nach einem Vierteljahrhundert kümmern sich die Entwickler noch liebevoll um ihr Baby und implementieren neue Funktionen. Avalon ist das Online-Rollenspiel, das ohne jedwede Unterbrechungen am längsten am Netz ist – und bei der hingebungsvollen Fürsorge der Macher ist kein Ende in Sicht.

Dröge Textwüsten auf den ersten, spannende Abenteuer auf den zweiten Blick: Avalon. Screenshot: YouTube

Platz 2: MUD2

Online seit: 1985
Wie viele Spieler: ca. 500 pro Monat
Genre: Multi-User Dungeon (MUD)

"Fantasie ist wichtiger als Wissen, denn Wissen ist begrenzt" wusste schon Albert Einstein, der ebenso gut von Videospielen hätte sprechen könnte. Auf den Gaming-Kontext übertragen (Wissen = Technik) beantwortet sein Aphorismus nämlich eine wichtige Grundsatzdebatte: Vorstellungskraft > Grafik. Diesem Credo folgt seit mehr als 30 Jahren ein Nischengenre, dem moderne MMOs mehr verdanken als jedem anderen: dem Multi-User Dungeon, kurz MUD.

Diese rein textbasierten Spiele setzen ausschließlich auf die Kraft der Imagination. Oder wie es Prof. Dr. Richard Bartle gegenüber Motherboard beschreibt: "MUDs bestehen ausschließlich aus Text und besitzen deshalb die stärkeren Bilder." Der Programmierer und Autor war 1980 entscheidend an der Entstehung des ersten MUDs beteiligt, dessen deskriptiver Name später zum Synonym des gleichnamigen Genres werden sollte.

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"Sieht man in einer grafischen Welt beispielsweise einen Drachen,", so Bartle weiter, "ist dessen Erscheinung streng durch Künstler und Animatoren definiert. Betrachtet man diesen hingegen in einer Text-Welt, wird er von der eigenen Fantasie erschaffen – und die kann weitaus beeindruckendere Drachen kreieren."

Bereits diese frühe Version konnte über die damals üblichen Umwege – instabile und kompliziert einzurichtende Verbindung, hoher Preis, quälend langsame Geschwindigkeit usw. – online gespielt werden. 1983 hatte sich MUD1 eine beachtliche Spielerschaft aufgebaut, die sich regelmäßig über den eigenen Telefonanschluss ins Online-Netz einwählte. Die ursprüngliche Version ist heutzutage allerdings nicht mehr spielbar – anders als der 1985 erschienene und nicht minder pragmatisch benannte Nachfolger MUD2. Bartle, Betreiber der Homepage MUDII und damit einer von nur zwei Seiten, über die das Online-Spiel noch heute gezockt werden kann, sieht das enorm populäre Genre der MMOs mit Spielen wie Everquest in direkter Tradition seiner Werke. Diese spielten zwar technisch in einer anderen Liga. "MUD-Gamer hätten aber bereits vor 25 Jahren über die spielerischen Möglichkeiten eines MMOs gelacht", so der 57-Jährige. MUD2 sei – nicht trotz, sondern gerade wegen des textbasierten Gameplays – ungleich komplexer als moderne Spiele.

Völlig aus der Luft gegriffen scheint diese These nicht zu sein: Irgendeinen Grund muss es ja dafür geben, dass MUD2 seit nunmehr 32 Jahren online gezockt wird.

Platz 1: TradeWars

Online seit: 1984
Wie viele Spieler: ca. 300 pro Monat
Genre: Strategie

Sprechen zwei Gamer über TradeWars, beziehen sie sich nicht notwendigerweise auf dasselbe Spiel. Daher ist es auch so gut wie unmöglich, die Handlung des Games zu umreißen: 1984 veröffentlichte Chris Sherrick die Urversion der textbasierten Sci-Fi-Handelssimulation mit frei zugänglichem Quellcode.

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Weil das Spiel enorm gut bei Fans ankam, setzten sie es direkt in verschiedenen Versionen neu um. Im Laufe der Jahre erschienen zahlreiche Nachfolger und erweiterte Versionen, die jedoch häufig parallel zu ihren Vorgängern existierten, statt sie zu verdrängen, wie es bei Videospielen sonst häufig der Fall ist.

Vor diesem verworrenen Hintergrund ist es schwer, mit dem Finger auf das eine TradeWars zu zeigen. Auch der leidenschaftliche TradeWars-Gamer "Micro" hat inzwischen beinahe den Überblick verloren, welche Teile er in den über 30 Jahren seiner Zockerkarriere gespielt hat und welche nicht. "Ich habe in den 80er Jahren zu spielen begonnen", erzählt er gegenüber Motherboard. Der Nutzer der TradeWars-Seite ClassicTW, die womöglich über die nerdigste Captcha-Abfrage im ganzen Internet verfügt, kann mit modernen Spielen eher wenig anfangen. "Mich treibt vor allem die Nostalgie an, ein Game zu spielen, das ich schon in meiner Jugend geliebt habe", schreibt Micro. "Technisch fortschrittlichere Weltraum-Videospiele sind im Wesentlichen Flug- und Kampfsimulationen, die viel zu kompliziert sind. Mich interessiert das alles nicht."

Rund 300 Zocker sehen das ähnlich und füllen noch heute monatlich die Server. Von so einem Luxus konnte jene unter ihnen, die vor 30 Jahren überhaupt schon geboren waren, nur träumen: In den Anfangsjahren war die aufwändige Online-Kommunikation nur über sogenannte BBS-door-Systeme möglich: kompliziert aufzusetzende, meist privat betriebene Rechnersysteme.

Doch auch wenn es diese Variante des gemeinschaftlichen Zockens (das übrigens nacheinander, nicht gleichzeitig vonstatten ging) inzwischen längst nicht mehr gibt und die verschiedenen TradeWars-Versionen zum Teil fließend ineinander übergehen, ist die vom Brettspiel Risiko inspirierte Weltraumsimulation bis heute quasi durchgängig online – und damit wohl das am längsten bis heute spielbare Online-Game überhaupt.

Dieser Pixel-Kerl stammt bereits aus dem moderneren TradeWars 2002. In den Vorgängern fehlte von derartigen grafischen Spielereien jede Spur. Bild: YouTube

Besondere Erwähnung: Shades Hätten wir diesen Artikel bereits im vergangenen Jahr veröffentlicht, wäre die Zusammensetzung unserer Liste eine andere gewesen: Erst Ende 2016 wurde nämlich dem Online-Spiel Shades endgültig der Stecker gezogen – pünktlich zum 30-jährigen Jubiläum.

Das dem Genre der MUDs zugehörige Game erfreute sich enormer Beliebtheit und avancierte Ende der 80er-Jahre gar zum beliebtesten MUD Englands. Kein Wunder, steckte mit Neil Newell doch ein Autor hinter dem Spiel, der bereits das ursprüngliche MUD an den Rechnern der Essex Universität rauf und runter spielte – dort also, wo MUD1 überhaupt erst entstand. Er griff die erfolgreiche Formel auf, kopierte sie jedoch nicht: So setzte etwa auch Shades auf das damals übliche Fantasy-Szenario, lockerte das Setting aber mit Science-Fiction- und anderen Einflüssen entscheidend auf. Heute ist bis auf eine antiquierte Website) allerdings nicht mehr viel vom Glanz alter Tage übrig.