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Wie eine Gruppe Gamer einen Mordverdächtigen ausfindig machte

Er hatte ihnen schon Fotos von drei Leichen geschickt und wollte gleich den vierten Mord begehen – aber die Online-Freunde kannten weder den Wohnort noch den Namen des Täters. Die Zeit arbeitete gegen sie.

von Mack Lamoureux
09 August 2019, 12:58pm

Maroon Ayoub lag im Bett, als er eine Nachricht von seinem Online-Freund Menhaz erhielt. Mit schläfrigen Augen öffnete er das Chatprogramm Discord und erstarrte vor Schreck.

"Ich habe gerade meine ganze Familie abgeschlachtet und werde wahrscheinlich den Rest meines Lebens im Gefängnis verbringen, wenn ich es schaffe zu überleben", schrieb Menhaz. "Ich hoffe, dich zwischendurch mal zum Lachen gebracht zu haben. Ich hoffe, du erinnerst dich an die guten Zeiten. Ich werde euch alle vermissen."

Ayoub schrieb zurück: "Was? Ich bin gerade aufgewacht."

"Sorry", antwortete sein Online-Freund. "Möchtest du die Bilder sehen?"

Menhaz schickte mehrere Fotos. Darauf sah Ayoub Menschen, die auf dem Boden lagen – angeblich Menhaz' Eltern, Großmutter und Schwester. Sie waren blutüberströmt, ihre Kehlen aufgeschnitten. An diesem frühen Sonntagmorgen des 28. Juli bekamen auch andere Online-Freunde von Ayoub ähnliche Nachrichten.

Ayoub, Menhaz und die anderen kannten sich alle über das Online-Rollenspiel Perfect World, ein extrem nieschiges MMORPG aus China, das es seit 2005 gibt – also etwa so lange wie World of Warcraft. Auf dem privaten Server Perfect World Void und dem dazugehörigen Forum hatte sich über Jahre eine Community mit knapp 2.500 Mitgliedern gebildet.

Und ein paar Stunden lang waren die Menschen aus Menhaz' Perfect World-Umfeld die einzigen, die von einem vierfachen Mord wussten. Aber wie sollte eine Gruppe Menschen, die sich noch nie im echten Leben getroffen hatte, noch nicht mal die echten Namen voneinander kannte, mit einem möglichen Mord in ihren Reihen umgehen?

Die Freunde wollten etwas tun, so Ayoub gegenüber VICE. Sie versuchten alles, um die Person hinter dem Menhaz-Account ausfindig zu machen, ihre Adresse zu ermitteln und die Polizei zu alarmieren.


VICE-Video: LARPing hat mir das Leben gerettet


Viele in der Perfect World-Void-Community kannten den User Menhaz schon lange, manche länger als fünf Jahre. Mehrere Menschen, mit denen VICE gesprochen hat, sahen in ihm einen guten Freund. Fast täglich spielten und chatteten sie mit ihm.

Auch wenn niemand wusste, wer genau sich hinter dem Account Menhaz verbarg, waren ein paar Details zur Person bekannt: Er war Kanadier, Student und liebte Computerspiele. Wenn sich seine Online-Freunde bei Perfect World einloggten, war er oft schon da. Wenn sie sich wieder ausloggten, machte er gerne noch weiter. Menhaz spielte einen Windelfen-Kleriker. Mit dieser Klasse kann man seine Mitspieler heilen, aber sie eignet sich auch gut für Angriffe. Mitspielern zufolge habe Menhaz sich gerne mit anderen in Einzelkämpfen gemessen.

"Als er anfing, darüber zu reden, seine Familie umzubringen, haben das viele Leute wahrscheinlich einfach wie ich als kruden Witz abgetan." – ein Online-Freund

Wenn seine Online-Freunde Menhaz beschreiben, fällt immer wieder das Wort Troll. Lange Zeit soll es sich dabei um harmlose Späße gehandelt haben, aber im Laufe des vergangenen Jahres veränderte sich sein Ton merklich. Er wendete sich öffentlich vom muslimischen Glauben ab und begann, seine ehemalige Religion niederzumachen. Wiederholt verwendete er rassistische Beschimpfungen. Im März dieses Jahres begann er schließlich darüber zu sprechen, sich selbst und seine Familie umzubringen. VICE konnte entsprechende Chatlogs einsehen. Seine Mitspieler hielten Menhaz' Entgleisungen für schlechte Witze.

"In den vergangenen Monaten wurde sein Humor immer schwärzer. Er redete viel von Suizid, aber ließ das immer wie schwarzen Humor klingen. Jedenfalls hatte ich den Eindruck", sagt ein Perfect World-Void-Bekannter, der nicht genannt werden möchte. "Als er anfing, darüber zu reden, seine Familie umzubringen, haben das viele Leute wahrscheinlich einfach wie ich als kruden Witz abgetan. Selbst als er noch das Datum dazu nannte, dachte ich, er wolle alle damit nur noch mehr trollen."

Die verbalen Ausfälle von Menhaz wurden schließlich so extrem, dass er am 11. Juli auf dem Perfect World-Void-Server gesperrt wurde. Ein Moderator nennt als Begründung, Menhaz habe "wiederholt rassistische Aussagen gemacht".

Am 25. Juli, dem Donnerstag vor den Morden, schrieb der Menhaz-Account in einem Gruppenchat, dass er kurz davor sei, sein Leben zu beenden, sagt ein anderer Online-Freund. Jemand habe ihn wegen irgendeines Plans verpfiffen.

"Als er Donnerstag in einen Gruppenchat kam, sagte er 'Ich bin da, lass einfach Spaß haben' und postete irgendwelche Bilder vom Spiel", so der Freund. "Dann sagte er wie beiläufig, dass sein Leben bald vorbei sei. Jemand habe ihn verraten, also müsse er es so bald wie möglich tun."

Trotz der vorangegangenen Provokationen ahnte wohl niemand, was "es" sein könnte – in was für eine grausame Tragödie sie in wenigen Tagen mit reingezogen werden würden.

"Tief in mir drin wusste ich, dass es echt war, aber ich konnte es einfach nicht fassen." – John

Nach diesem Donnerstag verstummte der Menhaz-Account. Ein anderes Mitglied der Perfect World-Void-Community bemerkte das. Auch dieser Spieler möchte seinen Namen nicht angeben, wir nennen ihn der Einfachheit halber John. Am späten Samstagabend schrieb John Menhaz in einem kleinen Gruppenchat an. Er wollte wissen, wie es im geht. An der amerikanischen Ostküste war es da etwa 22 Uhr.

Er habe seine Familie umgebracht, schrieb Menhaz John über Discord. Dazu schickte er Bilder von zwei blutüberströmten Frauen.

"Tief in mir drin wusste ich, dass es echt war, aber ich konnte es einfach nicht fassen. Ich dachte, er würde mich verarschen", sagt John. Vielleicht, so hoffte er, war das nur eine weitere dieser geschmacklosen Trollereien. Dafür wäre das zwar ziemlich aufwändig, aber könnte sein Online-Freund zu so einer schrecklichen Tat fähig sein?

Verstört wandte sich John über Discord an seine Perfect World-Void-Crew. Hatte Menhaz die Fotos vielleicht einfach von irgendeiner Seite kopiert? Fieberhaft durchsuchte die Gruppe das Internet nach den Bildern, bis der Menhaz-Account mit einem Schlag Klarheit schaffte.

"Nein, ich habe Mama und Oma umgebracht, warte auf meine Schwester in fünf Minuten und dann Papa in einer Stunde." Daraufhin schickte er das Bild einer toten Frau. Um zu beweisen, dass es sich bei den Toten auch wirklich um seine Familie handelte, schickte er noch ein altes Familienfoto von einer Geburtstagsfeier mit.

Jetzt warte er nur noch darauf, dass sein Vater nach Hause kommt, schrieb er John, "um ihn umzubringen". In einer Stunde würde es so weit sein.

Nicht nur waren sich die Gamer jetzt sicher, dass die Morde echt waren, bis zum nächsten Mord lief ihnen obendrein die Zeit davon.

"Ich habe Mama und Oma umgebracht, warte auf meine Schwester in fünf Minuten und dann Papa in einer Stunde." – Menhaz

John eröffnete bei Discord einen Chatroom, in den er die Freunde des Menhaz-Accounts sowie Perfect World-Void-User hinzufügte, von denen er wusste, dass sie wie Menhaz in Kanada leben. "Ich habe einfach alle hinzugefügt, die aktiv waren und von denen ich dachte, dass sie irgendwie helfen könnten", sagt John.

Kurz darauf schickte der Menhaz-Account ihm ein Foto von einem älteren Mann mit aufgeschnittener Kehle.

"Wir hatten versucht, seinen Vater zu retten, aber wir konnten die Polizei nicht rechtzeitig erreichen", sagt John.

Vier Menschen waren jetzt offenbar tot und der Menhaz-Account fing an, mehreren Leuten wie Ayoub Nachrichten zu schicken. Sie alle begannen mit "Ich habe gerade meine ganze Familie abgeschlachtet …" Menhaz begründete sein Verhalten später laut Ayoub damit, dass er die Bilder mit so vielen geteilt habe, um schneller gefasst zu werden.

Als Ayoub online ging, nachdem er die verstörenden Nachrichten erhalten hatte, wurde er zu Johns Gruppe hinzugefügt. "Ich wurde sofort von einem Spieler mit der Nachricht 'Menhaz hat einen Mord begangen' kontaktiert. Dann hat er mich zu einer Gruppe hinzugefügt, in der schon vier andere Spieler waren. Sie wollten die Polizei alarmieren, aber wir kannten Menhaz' Standort nicht", sagt Ayoub. Mit der Zeit wuchs die Gruppe auf etwa zehn Mitglieder.

Sie befürchteten, dass die Mordserie ihres Online-Freundes noch nicht vorbei war. Die Gamer fragten Menhaz, was er jetzt vorhabe. "Junkfood essen, meine Ex-Freundin besuchen, Trinken, Rauchen, ich habe noch nie Alkohol getrunken", lautete seine Antwort.

Da seine Mitspieler befürchteten, dass vielleicht ein weiteres Leben auf dem Spiel steht, verwickelten sie den Menhaz-Account in Unterhaltungen. Sie wollten ihn ablenken und gleichzeitig seinen Wohnort herausfinden. Menhaz antwortete ihnen zwar, seine Adresse wollte er aber nicht preisgeben.

VICE konnte zahlreiche Screenshots dieser Unterhaltung einsehen. In ihnen spricht Menhaz davon, die Morde seit drei Jahren geplant zu haben. Zwischendurch überlegt er sogar, die Leichen an eine andere Stelle zu schaffen, wo sie sich besser fotografieren ließen. "Vielleicht für ein letztes Gruppenfoto", schrieb der Menhaz-Account.

Parallel versuchten die Gamer, Menhaz IP-Adresse herauszufinden. So ließe sich sein Standort immerhin grob bestimmen. Aber sie machten nur langsam Fortschritte. "Ich verlor das Zeitgefühl", sagt John. "Wir ermittelten ein paar IP-Adressen, aber sie waren falsch."

Über Menhaz' Skype-Account wurden sie schließlich fündig. Menhaz musste sich irgendwo in der Metropolregion um Toronto befinden. Für Perfect World-Void-Userin Bianca machte das die Sache besonders unheimlich. Menhaz lebte offenbar in ihrer unmittelbaren Nähe.

"Es war 3 Uhr nachts und ich konnte nicht schlafen", sagt Bianca. "Das alles hatte sich nur zwölf Kilometer von mir entfernt abgespielt und ich bekam Panik. Ein paar Stunden davor hatte er gesagt, dass er seine Ex-Freundin besuchen würde. Wir dachten alle, dass er sie umbringen will. Ich musste unbedingt seine Adresse rausfinden."

Ohne den Namen der Person hinter dem Menhaz-Account zu kennen, reichte auch der ungefähre Standort nicht aus, um die Polizei zu informieren. In der Region um Toronto leben über sechs Millionen Menschen. Die Gamer brauchten mehr. Dann fing Menhaz plötzlich an, seine Online-Freunde nach ihren E-Mail-Adressen zu fragen.

"Einfach, weil du ein guter Freund bist. Ich will dir per PayPal Geld schicken. Wo ich hingehe, werde ich es nämlich nicht brauchen", schrieb der Menhaz-Account einem seiner Bekannten. "Ich habe schon vielen Leuten Geld gegeben."

"Ich habe es getan, damit meine Eltern sich nicht dafür schämen, einen Sohn wie mich zu haben." – Menhaz

Bianca schaute sich ältere Zahlungen von Menhaz' PayPal-Account an und fand eine Adresse, die mit dem Ergebnis der IP-Recherche übereinstimmte. Endlich wussten sie, wo Menhaz sein könnte.

Laut John waren bis zu diesem Punkt vier oder fünf Stunden vergangen. Am frühen Sonntagmorgen kontaktierte Bianca die Polizei und gab den Beamten alle Informationen, die sie hatten.

"Nachdem ich die Polizei angerufen hatte, schaffte ich es um 6 Uhr endlich zu schlafen", sagt sie. "Gegen 11 Uhr war ich wieder online. Etwas später habe ich dann die Artikel zur Festnahme gesehen und war erleichtert."

Um 15 Uhr betrat die Polizei das Haus der Familie Z. Dort entdeckte sie vier Leichen und verhaftete den 23-jährigen Menhaz Z.

Bei Discord schrieb der Menhaz-Account an John: "Die Polizei ist da. Goodbye."

Auf Anfrage wollte die kanadische Polizei nicht bestätigen, dass Menhaz Z. die Person war, die die fraglichen Discord- und Perfect World-Void-Accounts betrieben hat. Da keine Gefahr für die Öffentlichkeit bestehe, wolle man sich generell zu dem Fall nicht äußern.

Tage später versucht die Perfect World-Void-Community das Geschehene immer noch zu begreifen. Gab es Warnsignale für das Blutbad, die die Online-Freunde übersehen hatten?

"Es ist total krank", sagt ein Freund. "Ich hätte nicht gedacht, dass jemand im echten Leben so anders als im Spiel sein kann."

In der Mordnacht erklärte Menhaz, dass er seiner Familie etwas vorgemacht habe. Sie hätten geglaubt, dass er zur Uni geht.

"Ich habe Maschinenbau studiert, aber im ersten Jahr habe ich angefangen, die Uni zu schwänzen", heißt es in einer der längeren Nachricht des Menhaz-Accounts an einen Online-Freund. "Glaub mir, wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte, würde ich es tun. Aber nachdem ich in der Hälfte meiner Kurse durchgefallen war, musste ich sie wiederholen. Im zweiten Semester wurde ich langsam depressiv. Ich wurde Atheist und fing an, diesen Plan zu schmieden. Seit drei Jahren erzähle ich also meinen Eltern, dass ich zur Uni gehe. In Wahrheit hänge ich vier Tage die Woche in der Mall ab. Das Einkaufszentrum befindet sich auf dem Weg zur Uni. Ich habe ihnen gesagt, dass meine Kurse nicht so lange gehen. Also habe ich einfach von 8 bis 13 Uhr in der Mall abgehangen und bin währenddessen noch ins Fitnessstudio."

"Ich hätte vielleicht den Sachen mehr Aufmerksamkeit schenken sollen, die er am Donnerstag gesagt hat." – ein Online-Freund

Seiner Familie habe er gesagt, dass er am 28. Juli seinen Abschluss mache, erklärte Menhaz weiter. Er müsse etwas tun, bevor seine Lüge ans Licht komme.

Seine Familie habe er umgebracht, damit diese nicht herausfinde, wie "wertlos" er sei. Immer wieder bezeichnete er sich in den Nachrichten als "Untermensch".

"Ich habe es getan, damit meine Eltern sich nicht dafür schämen, einen Sohn wie mich zu haben", schrieb Menhaz weiter. "Ich habe mich entschieden, sie anstatt mir umzubringen, weil ich feige bin. Als Atheist glaube ich, dass dieses das einzige Leben ist, das wir haben. Ich weiß, dass das alles vielleicht wirr klingt, aber was getan ist, ist getan."

Tage nach der schrecklichen Tat sind einige Menschen aus der Gruppe noch immer traumatisiert. Mehrere leiden unter Schlafstörungen, können nichts essen. Viele bereuen, nicht mehr getan zu haben.

"Ich hätte vielleicht den Sachen mehr Aufmerksamkeit schenken sollen, die er am Donnerstag gesagt hat", sagt ein langjähriger Freund aus dem Forum. "Vielleicht hätte ich eine Chance gehabt, das alles zu verhindern."

Notrufnummern für Suizidgefährdete bieten Hilfe für Personen, die an Suizid denken – oder sich Sorgen um einen nahestehenden Menschen machen. Die Nummer der Telefonseelsorge in Deutschland ist: 0800 111 0 111. Hier gibt es auch einen Chat. Trauernde Angehörige von Menschen, die Suizid begangen haben, finden bei Organisationen wie Agus Hilfe.

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