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DIE SKAMMERZ ISHU

In Österreich gibt es homöopathische Ambulanzen in öffentlichen Krankenhäusern

Gerade wird die Homöopathie von einer neuen EU-Regelung in ihrer Existenz bedroht. Zum Glück gibt es noch ein paar Leute, die an sie glauben. Zum Beispiel österreichische Krankenhäuser.
28.2.14

Zum Thema Homöopathie gibt es in etwa so viele Meinungen wie es verschiedene homöopathische Globuli gibt. Allein das UnternehmenRemedia Homöopathie—das bereits im Jahr 1760 als Familienapotheke gegründet wurde—stellt inzwischen 5.500 unterschiedliche „Arzneien" her, von Kügelchen mit abessinischem Tee bis zu solchen aus der weißblütigen Zaunrübe.

Wenn man der Wissenschaft glaubt, gilt jedoch für alle 5.500 Mittel—und die zahllosen anderen, die zum Beispiel der österreichische Marktführer Dr. Peithner KG herstellt—genau dasselbe wie für all die verschiedenen Meinungen: Sie alle helfen genau gar nichts. Vor allem nicht gegen das Faktum, dass die Wirkung von Homöopathie bisher in noch keinem einzigen Fall nachgewiesen werden konnte.

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Das wissen neben kritischen Medien und Medizinern seit vergangenem Jahr auch die Teilnehmer des Wiener Anti-Homöopathie-Flashmobs, die am Stephansplatz eine kollektive Überdosis Globuli die Kehle runterpurzeln ließen und genauso kollektiv von allen angekündigten Nebenwirkungen verschont geblieben sind.

Damit ihr versteht, was passieren hätte sollen, hier eine kurze Geschichtsstunde: Den Ursprung hat die Homöopathie im sogenannten „Ähnlichkeitsprinzip", das Samuel Hahnemann im späten 18. Jahrhundert begründete („entdecken" kann man das nur schwer nennen) und das im Wesentlichen aussagt, dass man Beschwerden am besten mit genau jenen Mitteln bekämpft, von denen sie auch ausgelöst wurden, nur eben in verdünnter Form. Wie und warum das genau funktionieren soll, wissen wohl nur die Eingeweihten, die heute sein Erbe fortführen.

Weil das alles aber inzwischen ziemlich althergebracht klingt, haben sich die homöopathischen Spin-Doktoren etwas einfallen lassen, das zu gleichen Teilen Wiedererkennungswert und Innovationskraft versprüht.

Der derzeit „heiße Scheiß" aus der Homöo-Ecke, den inzwischen fast jeder Globulist, der etwas auf sich gibt, mitanbietet, heißt schick „Homotoxikologie" und beschäftigt sich mit so para-medizinischen Dingen wie „Krankheitsprogression" und „körpereigenen Regulationsmechanismen". Außerdem kombiniert sie Wirkstoffe auf „innovative Art"—und wenn schon mal neu im Namen steht, kann das ja nicht ganz schlecht sein. Bevor ihr jetzt aber doch noch zu Jüngern werdet: Auch die Homotoxikologie wurde in einer Studie der Stiftung Warentest bereits 1992 für unwirksam erklärt.

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Aber wie immer, wenn es um obskure Lehren geht, die allem und jedem gegenüber skeptisch sind (außer den eigenen nichtbeweisbaren Behauptungen), lassen sich auch die Anhänger der endlos verdünnten Alternativheilmittel ihre Meinung nicht so einfach von Fakten ruinieren—besonders nicht, wenn diese Fakten dem alten, anerkannten Establishment in Form der Schulmedizin recht geben und man sich selbst viel lieber als Arznei-Anarcho fühlen will.

Ein Bekenntnis zur Homöopathie ist daher immer auch ein ideologisches—pro Eso, kontra Elite und ein Statement gegen die akzeptierte wissenschaftliche „Doktrin" der breiten Masse. Wer Globuli wählt, betreibt Stimmwahl durch Kaufkraft. Das haben auch die Hersteller längst verstanden und geben sich deshalb sehr viel Mühe, nicht so zu wirken, als wären ihre Präparate immer noch dem Gedankengut jener Zeit verbunden, in der die Homöopathie nun mal entstanden ist.

Damit sind die Alternativmedizin-Advokaten manchmal erfolgreicher und manchmal weniger erfolgreich. Eher nicht so ideal für die Befürworter ist da sicherlich die derzeit drohende EU-Verordnung, die für mehr Sicherheit bei Arzneimitteln und damit weniger zugelassene Homoöpathie-Präparate sorgen soll—und die deshalb schon zu Klageschreien der Österreichischen Gesellschaft für Homöopathische Medizin geführt hat (böse EU!). Das Ganze wäre der Tiefpunkt eines langen Kügelchen-Kleinkriegs zwischen Freunden des verdünnten Glaubens und dem europäischen Verbraucherschutz.

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Aber zum Glück für die Globulisten gibt es immer noch Leute, die an ihre Sache glauben. Zum Beispiel jene 428 Ärzte—also: ausgebildete Mediziner—, die laut einer Liste der Österreichischen Gesellschaft für Homöopathische Medizin in Österreich als praktizierende Homöopathen tätig sind (plus sogar einem fachkundigen Doktor). Oder auch jene öffentlichen Krankenhäuser in Österreich, die aus medizinisch nicht ganz klaren Gründen die Homöopathie sogar als begleitende Heilmethode in ihren Ambulanzen anbieten.

Insofern ist Österreich vielleicht doch ein magischerer Ort, als man üblicherweise annehmen würde—ein Land der Wunder und des Glaubens, in dem die Beweislast nicht bei den esoterischen Kräften liegt, sondern bei denen, die sie bezweifeln. Dass jene Kräfte jedoch ausgerechnet in praktischen und öffentlichen Krankenhäusern wirken, hat uns dann doch verwundert.

Eine dieser „homöopathischen Ambulanzen" findet sich im Krankenhaus Hietzing der Stadt Wien (vormals Lainz), wo sie als Zusatzangebot der gynäkologischen Ambulanz betrieben wird. Wir haben uns mit der Ärztin Dr. Michaela Zorzi unterhalten, die unter anderem Globuli gegen Regelbeschwerden verschreibt und auch schon Interviews zum Thema „Homöopathie stärkt Krebspatientinnen" gegeben hat.

Foto von Peter Gugerell

VICE: Frau Dr. Zorzi, können Sie mir kurz mit eigenen Worten erklären, wie Homöopathie funktioniert?
Michaela Zorzi: Nicht die Hardware, sondern die Software einer Substanz aus der Natur bewirkt im Organismus durch Übertragung von Information eine Änderung der Einstellung seelischer und körperlicher Regelprozesse.

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Sie sagen, dass Sie mittels homöopathischer Behandlung die Nebenwirkungen einer Chemotherapie positiv beeinflussen können. Gibt es dazu empirische Daten? Oder zählt hier vorrangig das Empfinden und die Selbsteinschätzung der Patienten?
Es zählt vorrangig die Wahrnehmung des Patienten und des Arztes. Da die Arzneiauswahl individuell je nach dem Charakterbild des Menschen ist, sind Studien wie in der Schulmedizin wesentlich schwieriger zu machen, da nicht EIN  bestimmtes Mittel an hunderten Patienten bei der gleiche Erkrankung verglichen werden kann.

Bei Ihnen wird Homöopathie ausschließlich als Begleitmaßnahme angeboten. Kann Homöopathie aus Ihrer Sicht generell irgendeinen Teil der Schulmedizin ersetzen?
Viele Krankheiten beginnen mit Befindlichkeitsstörungen, für die in der Schulmedizin noch keine mess- oder sichtbare Veränderung erfasst werden kann. Hier kann die Homöopathie Großes und Wertvolles leisten, da durch eine Arzneiinformation der Organismus noch rasch sein falschlaufendes „Programm" wieder korrigieren kann. Je länger der Organismus eine falsch laufende Spur weiter verfolgt, desto mehr gräbt sich diese als sicht- und messbare Veränderung in den Körper und die Seele ein. In diesen Frühstadien jeder Befindlichkeitsstörung ist die Homöopathie der Schulmedizin weit überlegen, da die Schulmedizin keine Informationsmedizin ist.

Gibt es allgemein wissenschaftliche Daten, die die Wirkung von Homöopathie als komplementär-medizinische Maßnahme bestätigen?
Es gibt über 1500 Studien aus allen Bereichen der Forschung, Versuche an Zellkulturen, die positiv für die Homöopathie verlaufen sind, sowie an Tieren—bitte nicht mit den herkömmlichen Tierversuchen zu vergleichen, sie erleiden keinen Schaden dadurch—und an Tausenden von Patienten.

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Ist das Ähnlichkeitsgesetz als Grundlage der Homöopathie aus heutiger Sicht noch wissenschaftlich vertretbar?
Das Ähnlichkeitsgesetz gibt es schon viel länger als die Homöopathie und ist auch in der Schulmedizin bekannt. Man weiß, dass durch bestimmte Kopfschmerzmittel, Kopfschmerzen z.B. ausgelöst werden können, gewisse Chemotherapeutika krebserregend sind und so weiter. Das Ähnlichkeitsgesetz ist zeitlos richtig, es ist weder veraltet noch modern, es muss in Zukunft noch viel mehr erforscht werden, hier sind wir noch am Anfang. Es fehlen uns überhaupt noch die adäquaten wissenschaftlichen Methoden, um die WirkungsWEISE der Homöopathie erklären zu können. Die WirkSAMKEIT ist sehr wohlerforscht, hier wird immer etwas verwechselt in der Öffentlichkeit. Und es fehlen auch die nötigen Gelder und ernsthaft interessierte Wissenschaftler dazu, diese spannende Methode besser zu verstehen.

Mhm. Welche Neuerungen und Erkenntnisse gibt es in der Homöopathie seit ihrer Begründung im 18. Jahrhundert?
Es gibt laufende und großartige Neuerungen und Erkenntnisse in der Homöopathie. Es gibt eine ständige Erweiterung des Arzneimittelwissens von Hahnemanns Zeiten von 100 Arzneien zu heute über 5000 homöopathisch erforschten Arzneien. Diese werden in einer mühevollen Arbeit am gesunden Menschen geprüft und von hochqualifizierten Pharmazeuten in einem aufwendigen Verfahren hergestellt. Außerdem erweitert sich ständig das Wissen über die Systematik der Mineral, Pflanzen und Tierarzneien, sodass wir wesentlich präziser in der Lage sind, Arznei zu verordnen.

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Sind homöopathische Globuli Ihrer Einschatzung nach mehr als Placebos?
Homöopathische Globuli sind unbestritten hoch wirksam, dies kann ich aus zwanzigjähriger Erfahrung bei der Behandlung von Tausenden Patienten als Ärztin mit fundierter schulmedizinischer Ausbildung mit Sicherheit sagen. Genauso sicher kann ich sagen, dass falschgewählte Arzneien nichts bewirken, oder eben nur eine kurze placeboartige Besserung, die nicht anhält.

Warum wird Homöopathie eigentlich als Ergänzung zu konventionellen Maßnahmen vor allem im Bereich der Kinder- und Krebs-Behandlung eingesetzt? Ist sie hier eher wirksam als in anderen Bereichen?
Bei Kindern ist die Regulationsfähigkeit noch sehr groß, sodass hier homöopathische Arzneien mit ihrer Information noch sehr gut und rasch greifen. Gerade bei der Behandlung von Krebspatienten kann man allerdings die Wirkung der Homöopathie meiner Erfahrung nach nicht so gut beobachten, da ja eine Vielzahl von Behandlungen gleichzeitig durchgeführt wird und so die Wirkung oft nur schwer beurteilt werden kann. Es ist dies ein Bereich, in dem die Patienten „alles" tun wollen, meines Erachtens nach hätte oft eine Behandlung 20 Jahre früher schon ansetzen sollen. Homöopathie als Erst- und nicht als Letztmaßnahme ist hier meine Überzeugung! Dies würde dem Gesundheitssystem viel Geld ersparen. Viel mehr Patienten habe ich aus den Bereichen Migräne, Wechselbeschwerden, Allergien, gehäufte Infekte, depressive Verstimmungen, diese allerdings in der Praxis.

Worauf belaufen sich die Kosten Ihrer homöopathischen Ambulanz? Wie und aus welchen Mitteln wird diese finanziert?
Ich bin seit zwanzig Jahren vom KAF für einen Wochentag angestellt, was übrigens eine große Ausnahme ist. Die Kosten sind verschwindend gering. Sie können ja in das Gehaltsschema einsehen. Die Globuli kosten sehr wenig, hier kann wirklich keiner etwas verdienen. Deshalb wird die Homöopathie auch sehr boykottiert—es gibt einfach kein Interesse oder Geld für weitere Forschung.

Die Homöopathie wird also nicht angefeindet, weil sie eine gigantische Industrie ist, die mit falschen Behauptungen Geld verdient und ständig weiter wächst, sondern weil man mit ihr angeblich zu wenig verdienen kann?

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