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Dr. Jaroslav Flegr: Es ist bekannt, dass sich Männer und Frauen bei Stress unterschiedlich verhalten. Es ist also möglich, dass das Toxoplasma chronischen Stress verursacht und deswegen darauf so anders reagiert wird.Ich finde es interessant, dass die Charakterzüge von infizierten Frauen im Allgemeinen als positiv angesehen werden.
Wenn sich Frauen gestresst fühlen, fangen sie an, freundlich zu sein. Sie suchen dann Gesellschaft. Deshalb nehmen wir wohl auch an, dass eine Infizierung gut ist. Das stimmt allerdings nicht. Das Ganze ist nur ein Abwehrmechanismus.
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Ja, aber das würde ich nicht empfehlen.Wurden Sie schon explizit danach gefragt?
Manchmal bekomme ich solche Anfragen per Mail. Meistens sind das dann aber Männer, die ihre Freundinnen infizieren wollen.Weil sie dann mehr Lust auf Sex haben?
Das stimmt eigentlich gar nicht. So haben Journalisten nur meine Ergebnisse interpretiert. Meine letzten Forschungen haben gezeigt, dass der weibliche Sexualtrieb sogar zurückgeht.Und wie sieht es mit dem Sexualtrieb des Mannes aus?
Der wird anscheinend nicht beeinflusst. Es ist eigentlich komisch, dass die Wirkung bei Männern so anders ist als bei Frauen. Ich nehme an, dass sich da zwei Vorgänge gegenseitig aufheben. Zum einen sind sie krank, was den Sexualtrieb mindert. Aber zum anderen ist Toxoplasma bekannt dafür, bei Männern die Konzentration und den Testosteron-Spiegel zu erhöhen. Deshalb geht man oft davon aus, dass so auch der Sexualtrieb gesteigert wird.Sind wir im Lebenszyklus der Parasiten nur Kollateralschaden oder ziehen sie aus unseren Veränderungen tatsächlich irgendwelche Vorteile?
Vor mehreren tausend Jahren waren wir Teil des Lebenszyklus von Toxoplasma. Selbst jetzt sterben in anderen Teilen der Welt noch viele Menschen durch Tiger- oder Löwenangriffe. Es könnte tatsächlich der Fall sein, dass die Manipulation der Parasiten nicht primär auf Nagetiere abzielt, sondern auf Affen.
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Ja. Mehrere Folgen der Krankheit machen dieses Szenario ziemlich wahrscheinlich. Bei unseren Fragebögen kam heraus, dass infizierte Menschen weniger Angst haben als nicht-infizierte Menschen. Wir haben zum Beispiel gefragt, ob sie in einem dunklen Wald Angst hätten und das haben sie verneint. Sie erschrecken sich auch weniger stark. Wenn infizierte Leute über die Straße gehen und von einem Auto angehupt werden, dann springen sie nicht zur Seite. [lacht] Das sind keine guten Voraussetzungen, wenn man von einem Tiger oder einem Löwen bedroht wird.Toxoplasmose steht auch im Zusammenhang mit Schizophrenie, Zwangsneurosen und Selbstmordneigung. Das scheinen alles Dinge zu sein, die einen Einzelnen dazu verleiten, den Schutz des sozialen Umfelds zu verlassen und somit das Risiko zu erhöhen, von einem großen Katzentier gefressen zu werden.
Ja, das könnte möglicherweise der Grund dafür sein.Nagetiere empfinden Katzenurin dank dem Parasiten ja als angenehm. Ist das bei Menschen genauso?
Ja, dieses möglicherweise tödliche Anziehungsphänomen konnten wir auch bei Menschen beobachten. Infizierte Männer haben den Geruch von stark verdünntem Katzenurin als angenehm eingestuft. Wir führten dazu eine Doppelblindstudie durch. Die Leute wussten nicht, ob sie infiziert sind und auch nicht, was genau sie rochen. Wir setzten ihnen 12 Urinproben von verschiedenen Tieren vor und sie sollten den Geruch bewerten. Beim Analysieren der Ergebnisse konnten wir ein ziemlich klares Muster erkennen.
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Das ist gut möglich. Zumindest wird niemand eine Katze behalten, wenn ihm der Geruch missfällt. Gerüche spielen in unserem Leben eine wichtige Rolle. Uns ist zum Beispiel kaum bewusst, dass Liebe eine Frage des Geruchs ist—das läuft allerdings vor allem unterbewusst ab. Man verliebt sich sehr oft nur wegen dem Geruch.Hat Toxoplasmose irgendwie einen Einfluss auf die Liebe?
Toxoplasma verändert unseren Geruchssinn sowohl quantitativ als auch qualitativ. Das wurde leider noch nicht ausreichend belegt, aber es gibt schon einige Anzeichen dafür. Es ist bekannt, dass einst angenehme Gerüche bei Schizophrenie plötzlich nicht mehr angenehm erscheinen. Viele Studien haben belegt, dass diese Erkrankung oft durch Toxoplasmose hervorgerufen wird.Wie genau wird das belegt?
Eine Prospektivstudie zeigt, dass sechs Monate bis drei Jahre vor dem Ausbruch der Schizophrenie Toxoplasmose-Antikörper im Blut der Testpersonen auftauchten. Schizophrenie kann durch Toxoplasmose ausgelöst und vielleicht auch verursacht werden. Das passiert natürlich nur selten. Toxoplasmose kommt bei ungefähr 30 Prozent der Menschen vor und Schizophrenie bei ungefähr einem Prozent. Von daher sind die meisten Leute mit Toxoplasmose von Schizophrenie nicht betroffen.
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Ja.Wissen Sie, wo Sie sich damit infiziert haben?
Da gibt es mehrere Möglichkeiten. Ich habe über ein Jahr in Japan gelebt und dort viel rohes Fleisch gegessen, dort könnte es passiert sein.Wie haben Sie sich gefühlt, als man Ihnen das mitteilte?
Ich war jetzt nicht gerade glücklich. Aber viele meiner Kommilitonen waren ebenfalls infiziert, nämlich ungefähr 30 Prozent. Jetzt findet man Toxoplasmose nur noch bei gut 10 Prozent unserer Studenten.Liegt das an der besseren Hygiene?
Unter Umständen. Vielleicht liegt es auch an den neuen Vorschriften bei öffentlichen Sandkästen—der Sand muss jetzt viel häufiger gewechselt werden. Es gibt aber noch andere Möglichkeiten. In unserer letzten Veröffentlichung zeigen wir zum Beispiel, dass Toxoplasma sehr wahrscheinlich auch beim Sex übertragen werden kann. Vielleicht wird durch die AIDS-Erkrankungen ungeschützter Geschlechtsverkehr nicht mehr so oft praktiziert, weshalb auch das Vorkommen von Toxoplasmose zurückgegangen ist.Wurde im Sperma und in der Scheidenflüssigkeit etwa Toxoplasma gefunden?
Bei manchen Tierarten fanden wir im Sperma tatsächlich Parasiten. Bei ungefähr zwei Dritteln der Fälle von infizierten menschlichen Föten konnten wir keine Risikofaktoren feststellen. Die Mütter haben kein rohes Fleisch gegessen, sie haben ihr Gemüse gewaschen und sich allgemein sehr vorbildlich verhalten. Sie sind kein Risiko eingegangen und trotzdem erkrankt. Es ist also gut möglich, dass sie sich beim ungeschützten Sex mit ihren Männern infiziert haben.
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Darüber ist uns nichts bekannt. Das sollte allerdings überprüft werden.Kann Toxoplasma auch von der Frau zum Mann übertragen werden?
Ich glaube, dass die Übertragung—vor allem—vom Mann ausgeht.Glauben Sie, dass das Toxoplasma durch den erhöhten Testosteron-Spiegel bei infizierten Männern für einen verstärkten Sexualtrieb sorgt, um schneller verbreitet zu werden?
Das ist schon möglich. Im seinem Buch Das egoistische Gen erwähnt Richard Dawkins, dass bei Syphilis-Patienten auch ein verstärkter Sexualtrieb vorkommen kann.Ich habe Berichte gelesen, in denen über HIV das Gleiche behauptet wird.
Ich denke, dass bei einer Chlamydien-Infektion so etwas ebenfalls möglich ist.Ich weiß, dass in jedem Land Toxoplasmose unterschiedlich oft vorkommt—in südamerikanischen Ländern wohl am häufigsten, in Südkorea am seltensten. Kann Toxoplasmose Ihrer Meinung nach das Verhalten einer ganzen Bevölkerung beeinflussen?
Ich glaube schon, dass die Krankheit so einen großen Einfluss haben kann. Ein anderer Parasitologe hat bereits geschrieben, dass nationale Verhaltensweisen sich zum Teil mit der Häufigkeit von Toxoplasmose überschneiden. Dieses Jahr haben wir einen sehr wichtigen Artikel veröffentlicht, der zeigt, dass die Häufigkeit vieler Krankheiten durch das unterschiedlich starke Vorkommen von Toxoplasmose erklärt werden kann. Unsere Forschungen haben ergeben, dass es da einen Zusammenhang mit Epilepsie, zerebrovaskulären Erkrankungen und auch Herzinfarkten gibt. So kommen ungefähr 16 oder 17 Prozent der Infarkte in Europa zustande. Wenn wir also eine Heilung oder eine Impfung für Toxoplasmose finden, retten wir damit viele Menschenleben.
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