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Sex

Ich war auf einer Porno-Castingshow

Als ich von der letzten Porno-Castingparty von AD4 hörte, die mit Squirting, nassen T-Shirts und einem Wohnmobil warb, in dem normale Leute wie du und ich dazu ausgewählt werden konnten, es mit echten Pornostars zu probieren, musste ich hingehen.
25 September 2013, 7:50am

Montreal ist die drittgrößte pornoproduzierende Stadt der Welt—nach Los Angeles und Amsterdam. Gigantische Pornounternehmen wie Manwin haben sich in diesem französischsprachigen Fleischpalast in Kanada niedergelassen und eine Multimillionen-Dollar-Industrie geschaffen. Hier können auch kleinere Firmen der Erwachsenenunterhaltung erfolgreich sein. Quebec ist die einzige Provinz in Kanada, die ihre eigenen Stars, TV-Sendungen und kontroversen Wertmaßstäbe stolz fördert. In der Kulturblase von Quebec bleibt die einheimische französisch-kanadische Pornoindustrie irgendwie relevant, trotz der überfüllten Sexlandschaft des Internets.

Dieser Umstand bringt uns zu AD4 Productions, einer Firma, die letztes Jahr traurige Berühmtheit erlangte, als sie ein bekanntes Video mit Polizeigewalt gegen Studentenproteste in eine Porno-Parodie umwandelten. Wie mir einer der Produzenten am Telefon sagte: „Wenn du nicht so sein willst wie die Anderen, dann mache es nicht so wie die Anderen."

Als ich von der letzten Porno-Castingparty von AD4 hörte, die mit Squirting, nassen T-Shirts und einem Wohnmobil warb, in dem normale Leute wie du und ich dazu ausgewählt werden konnten, es mit echten Pornostars zu probieren, musste ich hingehen.

Die Veranstaltung fand in einer Bar namens Eclipse statt, in einer Straße mit dem passenden Namen Beaver Hall. Als ich hereinkam, fühlte es sich an wie eine Mischung aus einem peinlichen Schulball und einem billigen serbischen Sexschuppen. Wahrscheinlich gibt es in jeder größeren Stadt in Europa eine Bar namens Eclipse und wahrscheinlich fühlt es sich in jeder davon genau wie hier an. Ich machte mich auf die deprimierendste Nacht meines Lebens gefasst.

Die Szene, die mich beim Eintritt erwartete, entsprach so ziemlich meinen Erwartungen: eine Horde betrunkener und übermäßig aufgedrehter Typen, Kollegen mit „Fuck Buddy"-Shirts und blauäugige Typen, die im wirklichen Leben wahrscheinlich noch nie mit einer Frau interagiert haben.

Als ich mich dazu entschloss, mich unter die Menge zu mischen, musste ich mich der Musik aussetzen: Extrem lauter Euro-Electro-Dance, gespielt von diesem Typen, DJ Crazy Mike.

Die Leute sahen zumindest alle recht harmlos aus.

Abgesehen von der grässlichen Musik und dem Überschuss an Testosteron schienen alle ziemlich harmlos und in bester Laune zu sein. Meine Vagina fing allerdings an zu schrumpfen, als Typen anfingen, mir trotz meiner vorsorglich altbackenen Kleidung zu folgen und Fotos von mir zu machen. Der Typ auf dem Foto ist scheinbar bei jeder AD4-Party dabei und ein großer Fan von einer der Darstellerinnen. Meine Mutter—die mir mal gesagt hat, dass Pornos Leben zerstören—wäre wahrscheinlich begeistert gewesen zu hören, dass ich Karriere im Pornogeschäft machen könnte. Es wurde dann etwas ungemütlich und ich entschloss mich, mir draußen das Wohnmobil anzusehen.

Eine seltsame Treppe auf der Hinterseite der Bar gab den Blick auf einen dunklen Gang preis, in dem ein überquellender Müllcontainer stand. Der Anblick ist wahrscheinlich das Unerotischste, das ich mir hätte vorstellen können. Obwohl ein Schild mit der Aufschrift „Nur Leute, die filmen oder ficken" angebracht war, haben wir es geschafft, mal einen Blick in das Wohnmobil zu werfen, bevor es dort wild herging.

Hier geht sonst die Post ab. OK, es sieht vielleicht so aus, als würden deine Großeltern hier ansonsten Canasta spielen, aber manchmal muss man eben nehmen, was kommt. Beachtet das dekorative Flair des zu den Fliesen auf dem Boden passenden pinken Banküberzugs. Das neutralisiert eindeutig die billigen und rustikalen IKEA-Schränke.

Jede Menge Masken und Kondome gab es, zum Schutz vor allen möglichen Dingen—vor allem Krankheiten und Scham.

Ich hab den Fehler gemacht, den Kühlschrank zu öffnen. Ich war gespannt, was für seltsame Sex-Sachen, die man für Pornodrehs braucht, sie im Kühlschrank aufbewahren. Vielleicht etwas Champagner ... oder ein paar erotische Früchte, wie Erdbeeren oder Pfirsiche oder Schlagsahne ... aber was zum Teufel ist das? Na gut, vielleicht ist es nur dazu da, das Tropfen des Kühlschranks zu verhindern, aber ich konnte nicht aufhören, an sehr ekelhafte Dinge zu denken. Wir fanden das alles etwas zu unheimlich und entschlossen, zurück in die Bar zu gehen, da der Wet-T-Shirt-Contest anfing.

Bevor ihr euch darüber lustig macht, wie langweilig Wet-T-Shirt-Contests sind (ohje, ich kann deine Brüste sehen, die in deinem jetzt nassen Top stecken), denkt bitte daran, dass wir in Quebec sind, und Sachen werden hier etwas anders gemacht. Die AD4-Version davon sieht so aus: Man nehme ein paar Mädchen in weißen Outfits ...

... klebe eine drei Meter lange Plastikplane auf die Bühne ...

...und bringe Vandal Vyxen—einen selbstmordgefährdeten Raver-Punk-Porno-Star, deren Spezialität die weibliche Ejakulation ist, mit einer Albinoschlange und einem SWAG-Gürtel auf die Bühne. Was kriegt man dann?

Wenn du sagen würdest, eine Rutsch-Squirt-Show inclusive Wet-T-Shirt-Contest, würdest du wahrscheinlich genauso richtig liegen, wie das ganze verstörend ist. Es sieht wahrscheinlich nicht ganz so aus, aber da kam eine Menge Flüssigkeit aus dieser Vagina gespritzt. Ich stelle mir das wie auf einem Grand-Prix-Podium vor, nur deutlich salziger. Als ich versuchte, diesen _Squirt-du-Soleil_-Zirkus zu verarbeiten, in dem Mädchen sich freiwillig dazu bereit erklären, Kopfüber durch einen konstanten Regen von Körperflüssigkeit zu rutschen, hat mein Gehirn gestreikt. Ich hatte so viele Fragen. Wie kommt sie so schnell zum Orgasmus? Wie viel ,Squirt' steckt in dieser Frau drin? Wo kommt es her? Wer sind diese Mädchen und wissen ihre Mütter, was sie tun? Was konnten sie gewinnen, das es wert ist, so etwas zu tun? Warum macht mir das alles zu viel Spaß?

Obwohl ich immer noch nicht weiß, ob diese Mädchen einen Preis gewonnen haben, erinnere ich mich jetzt daran, dass alle bereit waren, ihre Pornokünste zu zeigen. Der Veranstalter lud deshalb Zuschauer auf die Bühne, um zu sehen, was Männer alles tun würden, um ihren Penis von jemandem angefasst zu bekommen, dessen Job es ist, Penisse anzufassen. Ein Typ hat sich selbst den Finger in den Arsch gesteckt. Dieser Typ—den wir Baby Gary Busey genannt haben—hat versucht, sich selbst einen zu blasen.

Dann hat der Gastgeber nach zwei Typen gefragt, die miteinander rummachen sollten. Niemand hat sich freiwillig gemeldet. Ich denke mal, sich seinen Finger ins eigene Arschloch zu stecken oder zu versuchen, sich vor versammelter Mannschaft selbst einen zu blasen, fällt auf die nicht-schwule Seite der Maskulinitätsskala. Stattdessen hat er nach jemandem gefragt, der die gesamte Länge der Rutschfolie ableckt, auf die zu diesem Zeitpunkt schon zu genüge gesquirtet, gerutscht und getrampelt wurde ...

Bevor er den Satz zu Ende sprechen konnte, kam dieser Typ auf einmal nach vorne und hat es getan. Anscheinend ist das Risiko, sich einen fürchterlichen Magenvirus oder Mund-AIDS zu holen, nicht so widerlich, wie seine Zunge an der eines anderen Typen zu reiben. Da soll mal einer drauf klarkommen.

Dann kam die finale Mutprobe für den letzten Platz im Wohnmobil: Sich ansquirten lassen, währenddem man Liegestütze macht.

Klar ist doch, kein Problem.

Ich nehme mal an, der Typ ist der „Gewinner".

Wir haben entschlossen, genug gesehen zu haben, und sind wieder nach draußen zu dem Wohnmobil zurückgekehrt, wo diese Typen sich auf ihr großes Debüt vorbereiteten. Vor einer Szene einen Ständer beizubehalten, nennt man „Fluffing", und diese Typen wollten augenscheinlich professionell wirken. Nochmal: Zwei Typen, die sich küssen = schwul. Ein Haufen Kerle, die wichsend in einer Gasse herumstehen und sich dabei gegenüberstehen = absolut nicht schwul. Erstaunlicherweise war es allen ziemlich gleichgültig, was um sie herum geschah, obwohl es total seltsam und irrsinnig war. Vielleicht passieren Typen auch ständig solche Sachen, aber ich war jedenfalls durchgehend umgehauen, während die Anderen ziemlich entspannt wirkten. Die anderen Mädchen, die da waren, wirkten alle sehr munter, und nicht einmal habe ich mich bedroht oder unsicher gefühlt.

Tatsächlich haben sich einige so wohl gefühlt, dass sie glaubten, sie könnten alles tragen. Selbst, nun ja, was auch immer das ist.

Du weißt doch bestimmt, wie manche Stripclubs einfach nur bemitleidenswert sind. Wo der Zusammenprall von Vaterkomplexen und den düsteren Konsequenzen des Kapitalismus dir ins Gesicht schlägt wie ein Paar Titten, auf denen fett die Worte „Change The World" tätowiert sind. Davon gab es hier nichts zu sehen (außer das Tattoo). Wenn nicht die Outfits wären und die Tatsache, dass in ihnen bereits mehr Schwänze gesteckt haben, als ich vermutlich jemals in meinem ganzen Leben sehen werde, würden diese Mädchen auch wie ganz normale Mädels wirken, die sich einfach miteinander die Zeit vertreiben.

Aber natürlich ist in dem Wohnmobil auch eine Menge seltsamer und unheilvoller Scheiß passiert. Ist Porno nicht schließlich die Heimat von dunkler Ausbeutung, Drogenmissbrauch und kaputter Mädchen? Ich musste da reingehen und selbst sehen, wie schlimm es war.

Es stellte sich heraus, es war nicht ansatzweise so schlimm, wie ich dachte. Tatsächlich wirkte alles ein wenig albern und spaßig. Den ganzen Abend habe ich damit verbracht, die Gründe zu verstehen, warum die Leute hier waren. Am Ende wurde mir klar, warum zum Teufel denn nicht? Wann werden sie denn jemals wieder die Chance bekommen, Teil einer Orgie in einem Wohnmobil in einer Gasse in Montreal zu sein? Vermutlich nie. In einer übersättigten Industrie, in der du im Internet in einem Bruchteil einer Sekunde alles Mögliche finden kannst, das deinen Schwanz hart macht, ist es schwer herauszustechen. AD4 ist nicht daran interessiert, Pornos mit Mädchen mit aufgeblasenen Titten und Typen, die diese stundenlang nageln, ohne zu kommen, zu produzieren. Ich denke, deshalb hat AD4 auch ein Sexwohnmobil.

Natürlich war unter dem ganzen Gesquirte auch irgendwo ein Businessmodell vergraben: An das Publikum heranzutreten und den Leuten die Möglichkeit zu bieten, einen echten Pornostar zu ficken—während sie auf einer Party sind und dabei für einen zukünftigen AD4-Streifen gefilmt werden—, ist ein cleverer Geschäftszug. Auch wenn die Teilnehmer und glücklichen Ficker selbst keine Pornostars werden sollten, fühlen diejenigen, die dabei waren, sich jetzt selbst als Teil der schmierigen Pornofamilie, die AD4 unterstützt. Es geht darum, etwas Anderes zu machen und eine Gemeinschaft aufzubauen. Und das ist gut, denn es versichert, dass das Internet noch mehr hämmernde Schwänze bietet—aber diese Schwänze sind nicht irgendwelche Schwänze. Sie sind regional und biologisch angebaut. Genau hier in Montreal, wo alles passieren kann.

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