Anzeige
News

Kondompflicht im Puff, wen interessiert’s?

Wir haben Prostituierte befragt, ob sie sich durch das neue Kondom-Gesetz wirklich sicherer fühlen.

von Shelley Masters
05 Februar 2015, 4:48pm

Die GroKo hat Anfang 2015 einen neuen Gesetzentwurf verfasst, in dem zukünftig eine Kondompflicht für Bordellbesucher und Freier festgelegt wird.

Zunächst kann man sich ja erst einmal freuen, in einem Land zu leben, in dem alles zum Schutz der selbstständig im horizontalen Gewerbe Tätigen getan wird. So wie Manuela Schwesig. „Es wird erstmalig klare Regelungen für die legale Prostitution in Deutschland geben, die dem Schutz der Frauen dienen", freut sich die SPD-Frauenministerin. Linke, Grüne und die Deutsche AIDS-Hilfe haben jedoch Zweifel, dass Prostituierte durch ein Gesetz tatsächlich besser vor Gewalt, Ausbeutung und Krankheiten geschützt werden können.

Eingeführt wird eine Kondompflicht für Freier. Das ist aber natürlich weder überprüfbar noch bei Missachtung strafbar. Die Linke nannte das Symbolpolitik—klar, denn eine Kondompflicht sei „genauso wenig überprüfbar wie das Pinkeln in ein Schwimmbecken". Prostituierte zwischen 18 und 21 müssen sich alle sechs Monate beraten oder untersuchen lassen, ab 21 nur noch einmal jährlich.

Eindeutig begrüßenswert ist, dass für die Eröffnung eines Bordells nun behördliche Genehmigungen erforderlich sind und sich der Betreiber einer Zuverlässigkeitsprüfung unterziehen muss. Diese Prozeduren muss man ja schließlich auch über sich ergehen lassen, wenn man einen Imbiss oder eine Tierhandlung eröffnen will.

Neu ist allerdings auch, dass sich Prostituierte als solche anmelden müssen—Grüne und Linke befürchten dadurch noch mehr Illegalität in der Branche. Die Deutsche AIDS-Hilfe kritisiert: „Wir brauchen kein Schaufenstergesetz wie dieses, sondern die volle rechtliche Anerkennung von Sexarbeit als Beruf und wirksame Unterstützung im Arbeitsalltag." Mit Kondomzwang, Anmelde- und Beratungspflicht sowie Sonderregelungen für junge Menschen in diesem Beruf will die Bundesregierung die Situation von Sexarbeiterinnen und Sexarbeitern verbessern. „Zwang und Repression führen aber nicht zum Ziel, sondern schrecken ab und treiben Prostituierte in die Illegalität, so dass sie für Aufklärung und Hilfsangebote schlechter erreichbar sind." Dabei gibt es, so die Deutsche AIDS-Hilfe, erprobte Wege, wirklich etwas zu verbessern: „Freiwillige Angebote, die Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter sowie ihre Kunden bei der Konzeption mit einbeziehen, werden gut angenommen und sind erfolgreich", wurden bei dem Gesetzesentwurf aber nicht beachtet.

Die Realität kennen aber sowieso nur die, die anschaffen gehen. Wir haben zwei von ihnen gefragt, was sie von diesem neuen Gesetz halten—und ob oder wie sie es in ihr tägliches Leben integrieren werden.

Nicht Melanie. Fotos: Grey Hutton

Melanie, 26, arbeitet allnächtlich auf der Berliner Oranienburger Straße. (Eigentlich heißt sie nicht so und eigentlich ist es von ihren „Freunden", die auf sie „aufpassen", nicht erwünscht, dass sie mit irgendjemandem von der Presse über ihren Job plaudert. Aber die Nacht war kalt, die Kundschaft spärlich und eine kleine bezahlte Pause mit Heißgetränk im Warmen war ihr willkommen.)

VICE: Es gibt ein neues Gesetz, das Freier zum Gebrauch von Gummis verpflichtet. Wirst du einen Freier, der kein Gummi nehmen will, anzeigen?
Melanie: Nee, so ein Quatsch. Wir leben ja nicht nur von Touristen, sondern vor allem von Stammkunden. Wenn man sieht, dass das ein braver Familienvater ist, der immer wiederkommt, irgendwie in dich verknallt ist und wahrscheinlich keine anderen Affären oder Mädchen neben dir hat, macht man es natürlich weiter ohne. Gibt ja auch Extra-Euro ohne ...

Vor Schwangerschaft schützt ihr euch wahrscheinlich im eigenen Interesse anders, aber was ist mit Krankheiten?
Klar nehme ich die Pille und ich versuche auch immer, den Sex so zu gestalten, dass er nicht in mir kommt. Krankheiten hatte ich noch nie, da ist, denke ich mal, eine Menge Glück und Menschenkenntnis wichtig. Wenn einer richtig eklig ist, mach ich's einfach nicht mit ihm. Wir sind aber auch nicht die Billigsten, unsere Kunden sind meist eher gepflegt. Ich will gar nicht wissen, was da in den Kreisen der Osteuropäerinnen so los ist. Aber die stehen hier ja nicht, hier sind nur wir Deutsche.

Gibt es viele Kunden, die ungeschützten Sex verlangen?
Viele haben eh so Porno-Ideen, da ist das Abspritzen in der Frau gar nicht mal deren höchste Wunschvorstellung. Aber ja klar, Ficken ohne wollen eigentlich fast alle. Die Typen denken, dass es für uns Frauen eine Erniedrigung ist, wenn sie uns ins Gesicht oder sonst wo hin spritzen. Mir ist das egal. Geld stinkt nicht, Sperma kann man abwischen. So einfach. Ich glaube, dass ist so eine Art von Bestätigung der Männlichkeit, wenn sie ihr Sperma spritzen sehen. Den meisten biete ich an, auf meine Titten zu kommen, oder auf meinen Arsch zu wichsen. Ficken und dann in der Frau abspritzen ist echt nicht so das gefragte Non-plus-ultra.

Kannst du dir erklären, warum sie das so geil finden?
Unser Hauptding ist ja, alles zu machen, was die liebe Ehefrau daheim eben nicht machen will, und diese Vollspritz-Nummern stehen schon weit oben auf der Phantasie-Liste. Das is mehr so ein Psycho-Ding. Sie sehen, dass sie leben, außerhalb ihres Jobs, wo sie vielleicht nicht so viel zu melden haben, spüren bei mir, dass sie auch als echte Männer noch funktionieren. Also lasse ich die Typen kommen, wohin sie wollen.

Versuchst du trotzdem, dich irgendwie zu schützen?
Ganz viele stehen auf Ins-Gesicht-spritzen. Ich versuche das vorher rauszubekommen, damit ich bereit bin und dann halt die Augen rechtzeitig schließe—ich glaube, da kann man ja auch HIV von bekommen. Ich habe aber auch so eine große Horn-Porno-Brille, da spiele ich mit der Sekretärinnen-Fantasie und meine Schleimhäute sind geschützt. Und die Freier fühlen sich stark und gut hinterher. Nach dem Motto, dass sie eine Frau damit beglückt haben, ihren kostbaren Saft auf sie zu vergießen. Keine Ahnung, ich geh anschaffen und bin keine Psychologin.

Würdest du in Zukunft weiterhin mit allen Typen ohne Gummi schlafen? Damit macht sich ja dann jetzt der Freier strafbar.
Das neue Gesetz ist totaler Quatsch. Den Bullen will ich sehen, der mir ins Zimmer nachsteigt und dann die Kondomkontrolle bei meinem Kunden machen will. Prinzipiell versuche ich schon, es immer mit Gummi zu machen. Meist klappt das auch. Die sind ja oft angetrunken oder auf irgendwas drauf, und was sie garantiert nicht wollen, ist lange mit einer Braut labern. Die legen dann aber auch Geld drauf für ungeschützt—und klar nehm' ich das dann gerne an.

Im Vorgespräch mache ich sie natürlich an, mache sie mit Dirty Talk so heiß, dass sie meist einfach „ja OK, egal", sagen. Wenn einer es partout nicht will, drehe ich natürlich an der Preisschraube. Dass es da aber Tricks unseres Gewerbes gibt, dass die Typen denken, sie hätten in mir abgespritzt, es aber nicht so war, ist ja mittlerweile auch bekannt.


Strichnin nennt sich der Mann, der jahrelang als Gigolo gearbeitet hat und Hunderte Männer wie Frauen gegen Geld beglückte. Er hat immer schon Kondome benutzt, aus „gesundem Menschenverstand heraus", wie er sagt.

VICE: Was denkst du über das neue Gesetz, dass Freier gesetzlich verpflichtet sind, Kondome zu benutzen?
Strichnin: Super für die die Ehefrauen. Also falls sie wissen, dass ihr Alter zu Nutten geht. Als Ehefrau würde ich darauf bestehen. Deswegen muss Kondom sein. Klar muss jeder Sexarbeiter für sich selbst entscheiden.

Auch dieses Gesetz, dass junge Prostituierte öfter medizinisch gecheckt werden sollen, ist nett, aber eigentlich sollte das selbstverständlich sein. Wer ein bisschen Verantwortungsgefühl hat, geht eh regelmäßig zum Arzt. Und die Freier? Die sollen sich verdammt noch mal auch kontrollieren lassen, wenn sie ungeschützt vögeln wollen. Wenn sie schon kein Verantwortungsgefühl für sich selber haben, dann wenigstens für ihre Ehefrau. Man muss es ja nicht noch aktiv verbreiten, wenn man weiß, dass man was hat. Geschlechtskrankheiten und HIV könnten wir viel besser unter Kontrolle halten, wenn einfach jeder mitspielt. Da finde ich das Gesetz, dass mehr medizinisch kontrolliert werden soll, ganz gut. Aber es sollte für alle gelten, nicht nur für die jungen.

Hast du in deiner Laufbahn als Sexworker Sex ohne Gummi gemacht, wenn jemand es unbedingt wollte?
Nein, niemals! Es ist wie eine dreckige Party, die aber sauber bleibt. Schmutzig ist doch jeder mal gerne. Hauptsache, man kommt sauber aus der Sache raus (lacht). Ich habe mit Männern und Frauen immer Gummis benutzt. Nie hab ich jemanden ohne penetriert oder in jemanden reingespritzt. Und mich hat niemand ficken dürfen. Klar gibt's da auch Frauen, die sich vielleicht ein Kind wünschen, aber das war immer meine geringste Angst. Gesundheit geht vor!

Macht ein Gesetz zur Kondompflicht überhaupt Sinn, wenn es ja praktisch gar nicht kontrollierbar ist?
Eigentlich finde ich es ganz gut, weil man ja im Eifer des Gefechts oft den Kopf verliert. Da ist ein Gesetz vielleicht ganz gut zur Erinnerung. Aber andererseits macht ja auch gerade das Verbotene extra- Spaß—wer bricht nicht gerne mal ein Gesetz?

Glaubst du, dass sich das Gesetz in allen Bereichen der Prostitution durchsetzen wird?
So ein Quatsch. Bei den blutjungen Rumäninnen, denen es auf jede fünf Euro ankommt, auf keinen Fall. Die wissen da doch überhaupt nicht, was sie machen.