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Religion

Ich habe 24 Stunden lang einen christlichen Shopping-Sender geschaut

Jim Bakker war einer der größten Fernsehprediger der Welt. Heute verhökert er Enchiladas im Eimer, damit man die Apokalypse überlebt.

von Josiah Hesse; illustrationen von Lia Kantrowitz
17 Januar 2018, 12:41pm

Fotos: YouTube | Shutterstock, bearbeitet von Lia Kantrowitz

Wenn man Jim Bakker glaubt, sieht die Zukunft düster aus: Nordkorea wird in der oberen Erdatmosphäre E-Bomben zünden und damit die gesamte Elektrotechnik der USA außer Gefecht setzen. Die Gegenangriffe werden den Planeten verwüsten. 95 Prozent der Menschheit werden in den ersten sechs Monaten sterben. "Weh aber den Schwangeren und Säugerinnen zu der Zeit!", zitiert er das Matthäus-Evangelium. Willkommen zur Jim Bakker Show!

Ich habe soeben meinen 24-Stunden-Fernseh-Marathon auf Bakkers Sender Praise the Lord (PTL) begonnen, einem christlichen Homeshopping-Kanal. Bakker ist ein in Ungnade gefallener Fernsehprediger, Ex-Häftling und Suppenverkäufer. Auf PTL dreht sich so gut wie alles um die Apokalypse und der Notfallplan für die Endzeit sieht vor, dass wir alle seine "Tasty Pantry Deluxe Food Buckets" kaufen. Mit diesen Lebensmitteleimern würden wir uns Zehntausende Portionen Pizza, Macaroni mit Käse und Schokopudding sichern. Dann bräuchten wir noch einen Solargenerator mit kompatibler Mikrowelle und eine Heizdecke, "damit Sie nicht erfrieren", sagt Bakker. Außerdem benötigten wir natürlich eine kleine Bibliothek voll mit Endzeit-Literatur, die uns durch diese Prüfung von Gott führt, bestehend aus Titeln wie Der islamische Antichrist und The Trump Prophecies.

Sein Programm ist durchzogen von denselben Weltuntergangs-Prophezeiungen, die meine Kindheit beherrschten. Meine Eltern, und die ebenso armen Eltern meiner Freunde, schenkten etwa zehn Prozent ihres Jahreseinkommens Scharlatanen wie Bakker. Ungefähr genauso viel habe ich inzwischen für Therapien ausgegeben, um die Posttraumatische Belastungsstörung zu behandeln, die zwei Jahrzehnte Warten auf das Ende der Welt bei mir verursacht haben.


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PTL gab es früher schon in einer anderen Form, und anhand der Website ist nicht ganz ersichtlich, was die neue Inkarnation des Senders sein will. (Für Nachfragen war bei PTL niemand erreichbar.) Am ehesten lässt er sich wohl zusammenfassen als ein trauriges Buffet für Verschwörungstheoretiker, Fanatiker, Weltuntergangsprediger und religiöse Profitgeier. Alle haben sie etwas zu verhökern. PTL scheint es nur online zu geben, aber Bakker verkauft einen Teil der Inhalte auch an andere Sender.

Aber das ist nur ein Schatten der Fernsehprediger-Operation, die Bakker in den 80er Jahren hatte. Er und seine Frau Tammy Faye Bakker waren damals das große Power Couple des "Televangelism", PTL der größte Name der Branche.

So sehen Jim Bakkers Lebensmittel-Eimer aus | Screenshot: Super Deluxe/YouTube

"Sie fingen mit nichts an und stiegen innerhalb von 13 Jahren zu einem Imperium auf", erklärt John Wigger, Autor des kürzlich erschienen Buchs PTL: The Rise and Fall of Jim and Tammy Faye Bakker's Evangelical Empire. "Sie hatten ein jährliches Budget von 129 Millionen Dollar, sie erreichten 14 Millionen Haushalte und sie betrieben einen Vergnügungspark, der auf Platz 3 der meistbesuchten Attraktionen der USA stand."

Jim und Tammy Faye führten ihr perfektes Familienglück regelmäßig in einer Sendung namens The Jim and Tammy Show vor. Zur Belohnung für diesen moralischen Exhibitionismus schickten Millionen Christen aus aller Welt dem Predigerpaar großzügige Spenden. Was aber lange hinter den Kulissen blieb: Tammy Faye war abhängig von dem Beruhigungsmittel Ativan, Sohn Jay bereits im Kindesalter Alkoholiker und Jim Bakker betrieb ein Ponzi-System.

All das war vor der Öffentlichkeit verborgen, bis die Kirchensekretärin Jessica Hahn mit schweren Vorwürfen an die Öffentlichkeit ging: Pastor Bakker habe sie unter Drogen gesetzt und in einem Hotel in Florida vergewaltigt. Bakker sagte, er habe zwar Sex mit ihr gehabt, dieser sei aber einvernehmlich gewesen. Aus dem Skandal entstand ein Domino-Effekt, Bakkers sexuelle Vorlieben (er soll auch Sex mit Männern gehabt haben) und seine Wirtschaftsverbrechen kamen ans Licht. Letztendlich verlor er seine Firma, war öffentlich bloßgestellt und bekam 45 Jahre Haft für die mehr als dubiosen Methoden, mit denen er seinen Lebensstil und das Schweigegeld für Hahn finanzierte. Es waren aber nicht seine Profitmacherei und sein Endzeit-Gewäsch, die amerikanische Christen dazu brachten, ihm den Rücken zu kehren, sondern sein Sexleben.

Comeback dank Enchiladas im Eimer

Letztendlich saß Bakker nur fünf Jahre im Gefängnis. Seit seiner Freilassung versucht er, seine Karriere wieder in Gang zu bringen. Er startete PTL neu als eine Art Rund-um-die-Uhr-Infomercial für apokalyptische Survival-Ausrüstung.

"Heute hat er eine viel kleinere Gemeinde", sagt Autor John Wigger. "Er versucht, seine Glanzzeiten wieder aufleben zu lassen." Viele der Gebäude seines neuen Sets in der Nähe von Branson, Missouri, sähen genauso aus wie die Gebäude an seinem alten Set. "Aber er kann nicht mehr Spenden scheffeln wie damals, als er im Satellitenfernsehen lief."

Draußen scheint zwar die Sonne, aber ich habe die Vorhänge zugezogen und starre seit unvernünftig vielen Stunden Bakkers Programm. Ich erschaudere immer wieder vor der billigen Manipulation menschlicher Ängste, die da an empfängliche Senioren in aller Welt ausgestrahlt wird. Das Programm driftet von einer Predigt zu einer Talkshow und weiter zu einer Verkaufsansage, dass die Eimer mit einem 19-Jahres-Vorrat Enchiladas jetzt noch günstiger seien – diesen Clip sehe ich etwa alle 90 Minuten.

Er schürt Ängste, um Produkte zu verkaufen.

Es gibt auch "Nachrichten"-Segmente, die so schlecht produziert sind, dass sie abstruse Verschwörungsseiten wie Infowars seriös wirken lassen. Darin erfahre ich, dass Juden aufgrund der muslimischen Invasion aus Europa nach Israel fliehen würden und dass es heute mehr Überschwemmungen und Stürme gäbe als je zuvor. Aber wegen biblischer Prophezeiungen, natürlich nicht aufgrund des Klimawandels. Diese "News" sind anscheinend nur dazu da, Ängste zu schüren und Produkte zu verkaufen.

Bakker hat auch Co-Moderatoren: seine neue Frau Lori und zwei seiner Kinder. Alle versuchen tapfer, Energie zu versprühen, aber der 78-jährige Bakker ist langsam und chaotisch, wenn er erzählt. Also nicken sie häufig nur mit weit aufgerissenen Augen, die zu flehen scheinen: "Bitte komm mit dieser Geschichte irgendwann auf den Punkt."

Heute hat Bakker einen weißen Bart und ist kahlköpfig – man erkennt in ihm kaum noch den Prediger der 70er und 80er, der mit runden Grübchenwangen und eindringlichen braunen Augen die Herzen alter Damen schmolz.

Nach etwa fünf Stunden Marathon zeigt der Sender "Classic PTL" eine alte Folge der Jim and Tammy Show. Bakker, in einem taubenblauen Freizeitanzug und mit Lego-Frisur, plaudert mit Handpuppen, die Tammy Faye spielt. Im Publikum sitzen Tausende, ein starker Kontrast zu der Handvoll Rentner, die man heute im Studio sieht. Vermutlich soll diese Erinnerung an die glorreiche Vergangenheit den Geldbeutel der Zuschauer öffnen – Make America great again! Aber ich sehe nur, wie ein trauriger Ex-Star in seinem früheren Ruhm schwelgt, weil er die Vergangenheit nicht loslassen kann.

Zeitreise ins Kindheitstrauma

Die Zeitreise macht mich selbst ein wenig nostalgisch, aber hauptsächlich löst sie Sorgen in mir aus. Ich bin wieder ein Kind und sitze im Spielzimmer unseres Pastors, schaue PTL per Satellit und frage mich, ob ich wohl rechtschaffen genug bin, um dem Grauen zu entkommen, wenn das Armageddon losgeht.

Meine gesamte Kindheit dachte ich an die nahende Apokalypse – im Schnitt wohl so alle zehn Minuten. Heute, bei meinem Bakker-Marathon, bin ich nach wie vor mit all den Schlagwörtern vertraut: "Zeichen des Antichrist", "Feuersee", "die große Trübsalzeit". Vor meinem inneren Auge steigen immer noch wie auf Abruf die Bilder des Massensterbens auf, vor dem Bakker sein Publikum warnt. Als Kind brachte man mir bei, dass wir irgendwann aus dem Netz der Gesellschaft fliehen würden, um uns vor dem Heer des Antichrist zu verstecken, das alle Christen jagen und töten würde.

Es gibt praktische Ratschläge wie: "So bekehren Sie Ihre muslimischen Nachbarn".

Von so vielen Stunden dieses Programms wird mir schlecht, ich fühle mich paranoid. Zwar habe ich vor langer Zeit meine christliche Identität und meine Angst vor der Entrückung abgelegt, aber angesichts der aktuellen Schlagzeilen kann ich mir immer noch allzu gut vorstellen, dass die Gesellschaft zusammenbricht. Da ist wieder dieses elektrische Surren in meinem Bauch, die Angst vor Hungersnot, Gewalt und Pandemien. Um mich zu trösten, schmiege ich mich an meinen Hund und esse einen THC-Keks.

Neben der Jim Bakker Show streamt der neue PTL-Sender noch etwa ein Dutzend Low-Budget-Sendungen mit ähnlicher Endzeit-Rhetorik. Darin gibt es auch immer wieder praktische Ratschläge und Infos: "So bekehren Sie Ihre muslimischen Nachbarn" oder "Warum die politisch korrekte Kultur vom Geist der Isebel erfüllt ist". Zwar wirken die Shows wie von Verschwörungstheoretikern im Keller produziert, aber die Moderatoren sind konzentriert und energiegeladen – nicht wie Bakker, der zusammenhangslos vom IS zum Aufruhr in Baltimore übergeht, nur um den Satz dann mit den Versandkosten für spanischen Reis zu beenden. Es ist Mitternacht und ich überlege ernsthaft, diese Art zu reden dem CIA als Desorientierungstaktik für Terroristenverhöre vorzuschlagen.

Aber ich muss auch zugeben, dass es etwas Therapeutisches hat, diese apokalyptische heiße Luft zu atmen. Als Kind quälte und verängstigte sie mich täglich, heute sehe ich, wie lächerlich sie ist.

Eine Warnung Gottes

Während meines 24 Stunden dauernden Fernsehmarathons senkt Bakker durchgehend die Preise seiner Produkte, bietet kostenlosen Versand und Geschenke dazu. Irgendwann behauptet er, sein Buchhalter wolle nicht, dass er die Preise weiter senke, "aber das ist schon in Ordnung, denn wir investieren, damit Menschen überleben".

Die Sonne geht auf und Bakker spricht darüber, dass die Jugend von heute sich ritzt und dass die Anschläge des 11. September eine Warnung Gottes waren. Da fängt er an, mir leid zu tun.

Nach 24 Stunden Weltuntergangshysterie bin ich dankbar und erleichtert, meinen Fernseher abstellen zu können. Habe ich etwas aus dieser Tortur gelernt? Abgesehen davon, dass die Erdrotation Erdbeben verursacht und dass künstliche Intelligenz versucht, Gott zu ersetzen? Es hat mir verdeutlicht, dass Dinge, von denen sich Kinder blenden lassen, auch Erwachsene täuschen können. Und dass wir die Pflicht haben, diese Menschen vor den billigen Tricks verzweifelter Betrüger zu schützen, die mit ihrer Hetze und Angstmacherei einen echten Weltuntergang heraufbeschwören.

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