Jakob Hasse: Die Kernfrage ist, ab wann wir von Manipulation sprechen. Oft spricht man davon, wenn die Nachricht, die von einem Bild ausgeht, maßgeblich verändert wurde. Wenn ein Bild nur etwas heller und satter gemacht wurde, damit es hübscher aussieht, ist das noch keine Manipulation.Das Bild, auf das sich Reichelt bezieht, ist stark komprimiert. Da ist es normal, dass Kanten auftauchen und Bildteile verwischt aussehen. Das deutet aber zunächst nur darauf hin, dass das Bild in schlechter Qualität abgespeichert wurde. Dann können solche Artefakte entstehen. Artefakte sind Spuren, die darauf hindeuten, dass mit dem Bild etwas gemacht wurde. Als Forensiker würde ich aber nicht sagen, dass ein Bild mit Artefakten zwingend inhaltlich verändert wurde. Dafür müsste man schauen, was die Geschichte von dem Bild ist und was man noch darüber herausfinden kann.
JPG-Bild mit starker Kompression und deutlich sichtbaren Pixel-Blöcken | Originalbild: Flickr | Dominik Bartsch | CC BY 2.0 || Bearbeitung: Motherboard
Das kommt darauf an, wie gut sie gemacht ist. Es gibt sehr überzeugende Manipulationen, die eine reale Szene so verändern, dass sie dem Betrachter echt erscheint. Aber es gibt Anhaltspunkte: Schau dir zuerst den Bildinhalt an und überlege, ob er plausibel ist. Stimmt die Umgebung mit dem angeblichen Aufnahmeort überein? Dafür kann man Satellitenbilder oder auch Street View benutzen. Du kannst auch darauf achten, ob Tageszeit, Sonnenstand und Schattenwurf zusammenpassen. Es fällt zum Beispiel auf, wenn eine Person im Bild im Gegensatz zu den anderen keinen Schatten wirft.Doch selbst, wenn dir so etwas auffällt, musst du vorsichtig sein: Das Auge kann stark texturierte Inhalte schlecht wiedererkennen, zum Beispiel wenn ein Gestrüpp innerhalb eines Bildes vervielfältigt wurde, um etwas zu verdecken. Bei manipulierten Bildern werden oft Elemente, die bereits im Bild sind, vervielfältigt, um Bereiche zu kaschieren. Das nennt man "copy and clone". Baut man Dinge aus anderen Bildern ein, stimmt meist die Beleuchtung nicht, das kann leicht auffallen. Im Gegensatz zu einem Menschen kann ein Computer aber recht einfach erkennen, ob Bildausschnitte kopiert und geklont wurden. Der Computer merkt auch, wenn jemand kopierte Bereiche gedreht oder verkleinert hat.
Links: Das Original, es zeigt einen Raketentest des Iran. Mitte: Die Fälschung, eine zusätzliche Rakete wurde nachträglich hinzugefügt. Rechts: Die Computeranalyse zeigt, dass die zweite Rakete von links dupliziert wurde, da viele Pixel mit der eingefügten Rakete übereinstimmen | Bild: Screenshot | TU Dresden, Uni Mannheim | Multimedia-Forensik als Teildisziplin der digitalen Forensik
Als zweites kannst du dir die Bilddatei anschauen. Mit der Bilddatei verknüpfte Informationen und Metadaten verraten etwas über die Historie der Datei. Manche kannst du schon sehen, indem du rechtsklickst und dir die Bildeigenschaften anzeigen lässt.
Was können Metadaten denn preisgeben?"Jede Kamera hat ein eigenes Rauschmuster"
In sogenannten EXIF-Daten betten Kameras automatisch Informationen über ein Bild ein, etwa wann und mit welcher Kamera es aufgenommen wurde und welche Blende der Fotograf benutzt hat. Es gibt aber auch noch andere Metadaten, die ein Computer nutzt, um ein Bild möglichst einfach zu speichern und anzuzeigen. Die Daten enthalten Infos, aus denen man ablesen kann, ob das Bild zuletzt von der Kamera oder einer anderen Software gespeichert wurde. Wenn sich herausstellt, dass das eine Kamera war, ist das ein starker Hinweis darauf, dass es nicht verändert wurde.
In den Metadaten des Originalbildes sieht man, dass es mit einer Canon-Kamera aufgenommen und nachträglich mit Photoshop bearbeitet wurde | Originalbild: Flickr | Dominik Bartsch | CC BY 2.0 || Metadaten: Screenshot | get-metadata.com
Ja, es gibt noch weitere Möglichkeiten. Wenn du ein Bild als JPG speicherst, wird es automatisch komprimiert, damit es nicht so viel Speicherplatz braucht. Bei diesen Komprimierungsverfahren entstehen Artefakt-Blöcke, die acht mal acht Pixel groß sind. Wenn jemand Teile eines Bildes in ein anderes kopiert und nicht auf diese Blockgrenzen achtet, kann man sehen, dass Blöcke zueinander verschoben sind.
Anhand der Artefakte ist hier deutlich sichtbar, dass die Gans anders komprimiert wurde als der Rest des Bildes | Nilpferd: Flickr | Dominik Bartsch | CC BY 2.0 || Gans: pixabay | rayemond | CC0
Selbst dann lässt sich noch etwas herausfinden: Jede Kamera hat ein eigenes Rauschmuster. Das liegt an kleinen Materialfehlern. Man kann Kameras nicht so produzieren, dass jeder Sensor exakt gleich ist. Das führt zu dem eindeutigen Rauschen, das zu einer Kamera gehört. Selbst bei teuren Spiegelreflexkameras, die sehr wenig rauschen, sind die Muster eindeutig für den einzelnen Sensor. Sogar baugleiche Modelle unterscheiden sich.
Zusätzlich gibt es noch charakteristische Bildfehler, die durch defekte Pixel im Bildsensor entstehen. Sie erscheinen dann etwa immer als helle Punkte auf einem Bild. Wenn nun zwei Fotos miteinander kombiniert werden, die mit unterschiedlichen Kameras aufgenommen wurden, kann man durch Computeranalysen erkennen, dass das Bild verschiedene Rauschmuster und Fehler hat."Der Forensiker gewinnt immer, wenn er genug Zeit hat."
Das Rauschmuster einer Kamera ist ähnlich wie ein Fingerabdruck. Um es zu ermitteln, brauchen wir zwei hochauflösende Bilder und ein Computerprogramm. Dann können wir andere Fotos daraufhin untersuchen, ob das Rauschmuster auch bei ihnen vorkommt oder ob es in bestimmten Teilen des Bildes unerwartet abweicht. Wenn ja, ist es wahrscheinlich, dass diese Teile mit einer anderen Kamera aufgenommen worden sind.Hier findest du alle Texte der Reihe 'Hacker erklärt
Für Versicherungen ist Bildforensik sehr interessant. Wenn die Versicherung für einen Schaden bezahlen soll, reichen Versicherte ja Fotos ein. Die Versicherung möchte dann überprüfen, ob der Schaden wirklich nach Abschluss des Versicherungsvertrags entstanden ist – oder ob jemand das Aufnahmedatum verändert hat.
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Natürlich braucht man Bildforensiker auch vor Gericht. Menschen vor Gericht behaupten oft, ein Beweisfoto sei nicht echt, um sich zu schützen. Dann muss ein Gutachten eingeholt werden.Gibt es das perfekt gefälschte Bild?
Es ist ein Katz-und-Maus-Spiel zwischen Forensikern und Fälschern. Der Fälscher denkt sich eine Fälschung aus und der Forensiker will sie entdecken. Wir gehen davon aus, dass der Forensiker immer gewinnt, wenn er genug Zeit hat – denn er kann sich neue Wege überlegen, um seine Untersuchungen zu verfeinern. Das ist wie bei der Dopingkontrolle: Kontrolleure frieren Blutproben der Sportler teils mehrere Jahre lang ein. Später können sie die Proben dann mit neu entwickelten Verfahren testen und Täter überführen.Folgt Anna auf Twitter und Motherboard auf Facebook, Instagram , Snapchat und Twitter