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Südtirol: Zwischen den Welten

Wir sind nach Südtirol gefahren und haben das Leben zwischen Freiheitskämpfern und Zweisprachigkeit, Schützen und Faschisten sowie zwischen Österreich und Italien eingefangen.
19.3.15

Als ich vor zirka einem Jahr begonnen habe, mich mit Südtirol zu beschäftigen und das Thema in knapp 900 Wörtern zusammenfassen wollte, gab es hauptsächlich zwei Arten von Reaktionen: Die einen schimpften öffentlich über den Artikel und bezeichneten ihn als „weltfremd", „schlecht und einseitig recherchiert" und „Schulaufsatz"—die anderen kontaktierten mich privat und erklärten mir, dass genau diese Reaktionen typisch für Südtiroler Diskussionskultur wären.

Ich weiß immer noch nicht, was mich mehr irritiert hat—dass die Kritiker auf meine Nachfrage überhaupt nicht mehr reagierten oder dass die Befürworter sich auch nur hinter vorgehaltener Hand äußern wollten.

Schon damals war klar, dass es schwierig werden würde, an Südtiroler ranzukommen, die vor der Kamera klare Positionen beziehen. Als wir uns zum letzten Herz-Jesu-Fest dann auf unseren Roadtrip nach Norditalien machten, glichen die ersten Interviews einem Eiertanz. Niemand wollte anecken, weil hier jeder jeden kennt und man in der Fremdenverkehrsregion längst gelernt hat, dass man seine Meinung besser für sich behält.

Was wir gefunden haben, ist vor allem viel Freundlichkeit. Wir haben freundliche Schützen getroffen, freundliche Exzentriker, freundliche Buddhisten, freundliche Regionalpolitiker und sogar freundliche Faschisten. Der einzige unfeundliche Mensch war ein Junkie im Bahnhofspark von Bozen, der uns mit einem Ast verprügeln wollte. In gewisser Weise war das auch der einzige Moment, in dem ich das Gefühl hatte, wirklich hinter die Fremdenverkehrs-Fassade von Südtirol zu blicken.

Das hat natürlich auch historische Gründe. Südtirol wurde 1918 von Österreich abgespalten und 1922 von den Faschisten zwangs-italianisiert. Jede Form von Tirolerischer Kultur—von der Tirolerflagge bis zur deutschen Sprache—war verboten. In der Hauptstadt Bozen wurde extra eine Siedlung aus Tausenden südlich anmutender Häuser für süditalienische Arbeiter geschaffen, um die deutschsprachige Volksgruppe zurückzudrängen.

Auch, wenn die Lage nicht wirklich mit der der Basken, Tschetschenen oder der Einwohner der Krim vergleichbar ist, ist die Geschichte von Südtirol von Freiheitskampf und Unabhängigkeitsbewegungen, aber auch den entsprechenden Gegenpositionen geprägt.

Erst 1992 bekam Südtirol seine volle Autonomie zugesprochen; eine Entwicklung, die ohne die Bombenanschläge des Befreiungsausschusses Südtirol, kurz BAS, in den 1950ern und 1960ern wahrscheinlich noch länger gedauert hätte. Auch der Dalai Lama war bereits 4 Mal zu Besuch und nennt das Autonomiemodell einen Erfolg.

Die damaligen „Terroristen", die heute von vielen als Volkshelden gesehen werden, waren auch lange nach den Verhaftungen und Folterungen über viele Jahrzehnte noch Staatenlose—ohne Anspruch auf Führerschein, Bankkonto oder Wahlrecht. Noch heute wird in den deutschsprachigen Dörfern über die Carabinieri gelästert, die sich weigern würden, Deutsch zu lernen (obwohl sie eigentlich müssten) und angeblich nur italienischsprachige Südtiroler gleichwertig behandeln.

Man ist also vorsichtig. Gegenüber Außenstehenden, aber auch gegenüber einander. Dieses Gefühl zieht sich auch wie ein roter Faden durch die Reise: Die meisten Gespräche bekommen wir erst, wenn die Kamera und das Mikrofon aus sind. Dann äußern sich manche zu der tiefen Kluft zwischen den Sprachgruppen, erzählen bei einem Nussschnaps von den Schimpfwörtern, die man für einander hat („Crucki" für die Deutschsprachigen, „Walschen" für die Italienischsprachigen) und lassen sich zu ein paar Klischees hinreißen („Deutsche sind sauberer, Italiener lebenslustiger"). Die einzigen, die sich dazu auch vor der Kamera klar äußern wollten, waren wie so oft die Hardliner.

Auf der einen Seite gibt es die Alten, die am Herz-Jesu-Sonntag nach wie vor Bergfeuer in der Form von „EIN TIROL" entzünden, und traditionalistische Gruppierungen wie der Südtiroler Schützenbund, die immer noch den Anschluss an Österreich wollen. Gar nicht so weit weg davon ist die Casa Pound, die sich selbst als faschistisch bezeichnet und bei der wir spontan auf ein nicht ganz entspanntes Interview vorbeigeschaut haben (ein Glatzkopf versperrte uns während des gesamten Gesprächs mit verschränkten Armen die Tür).

Auf der anderen Seite gibt es, wie überall auf der Welt, junge Menschen, die mit dem Internet statt mit Ländergrenzen großgeworden sind und den Kulturen-Mix pragmatisch sehen. „Wir haben einen besseren Kaffee als in Österreich zu besseren Preisen als in Italien", erzählt uns ein Jugendlicher nahe der österreichischen Grenze. Als Hauptspeise gibt es Knödel, als Nachspeise Tiramisu; im Pass steht Italiener, gesprochen wird (zumindest von zwei Dritteln der Einwohner) Deutsch. Identität ist für viele Südtiroler ein wildes Mash-up.

Dazwischen gibt es fast so viele Abstufungen, wie es in Südtirol unterschiedliche Schnäpse gibt. Die nächste Generation lässt sich nicht mehr so einfach an den Grenzen, die die Alten gesteckt haben, festmachen. Schützen heißen John Vargas, Faschisten heißen Mirko und die Antifa schlägt vor, das Wort „Einheimische" durch „Zweiheimische" zu ersetzen. Außerdem mischen sich wie in ganz Europa neue Einwanderer unter die beiden alten Sprachgruppen und fordern beide Seiten zu einem Umdenken auf.

Gleichzeitig ist „einheimisch" hier immer noch ein Einstellungskriterium und wird in vielen Stellenangeboten sowohl im Radio als auch in der Beilage der Dolomiten oft sogar noch vor der geforderten Ausbildung oder Berufserfahrung genannt.

Genau diese Dinge machen Südtirol auch so spannend. Sicher wird unsere Reportage die Widersprüche nicht auflösen. Das Ziel war mehr, die vielen unterschiedlichen Strömungen in der norditalienischen Provinz vorzustellen, damit Leute wie ich—die vom Südtiroler Freiheitskampf nie tangiert wurden und deshalb auch keine konkrete Vorstellung von dieser seltsamen Twilight Zone haben—sich ein besseres Bild von der Provinz Südtirol machen können.

Markus auf Twitter: @wurstzombie


Ein ganz großes Danke geht an die Garni Reider für die Unterkunft und die besten selbstgemachten Knödel der Welt; an Silvia Weitlaner, unseren Guide vor Ort, für die Feldarbeit; an Martin und Lukas vom Magazin 39NULL für die vielen Infos und guten Tipps; an den Künstler Hannes Egger fürs Vermitteln und die Führung durch Don Bosco; an Maria Anna Blaha für die Übersetzung der italienischen Passagen; an die Leute vom Ost West Club Meran und die Antifa Meran; und an Andreas Leiter-Reber für die gute Koordination mit dem Südtiroler Schützenbund.