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Musik

Xiu Xiu sind offen für alles

Jamie Stewart von Xiu Xiu singt über Typen, die in sein Gesicht ejakulieren und postet Fotos von sich ritzenden Menschen auf der Band-Homepage. Kein Wunder, dass wir auf ihn stehen.
14.6.12

Jamie Stewart von Xiu Xiu singt über Typen, die in sein Gesicht ejakulieren und postet Fotos von sich ritzenden Menschen auf der Band-Homepage. Es ist also keine Übertreibung, wenn man sagt, dass der Musiker ein Faible für die eher heftigen Momente im Leben hat.

Ihr Ritt durch die Extreme dauert nun schon zehn Jahre und erstreckt sich über neun full length-Alben und unzählige kleine Veröffentlichungen. Vor kurzem ist das aktuelle Album

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Always

erschienen. Ein Album voller Sex und Gewalt – wer hätte das gesacht?

Ich sprach mit Stewart, als er auf seiner Europa-Tour einen Zwischenstopp in Berlin machte. Er hatte einiges über sein neues Album zu erzählen, darüber wie es ist ein Dauergast in der Untergrund-Szene zu sein und darüber, wie er den Status amerikanische Politik momentan einschätzt.

VICE: Du bist grad auf einer ziemlich langen Tour, gerade in Europa und danach geht’s in die USA. Aber du bist es ja gewohnt zu touren. Wie läufts?

Jamie:

Echt seltsam. Ich musste mich ganz schön anpassen, so viele Sachen haben sich verändert. Manche Erwartungen wurden übertroffen und andere haben sich nicht wirklich erfüllt. Aber alles ging so schnell, dass man es nicht wirklich beschreiben kann.

Klingt geheimnisvoll. Was genau wurde denn leichter und was schwerer?

Weil wir jetzt ein bisschen bekannter sind – aber eben nur ein kleines bisschen – müssen wir jetzt nicht mehr auf dem Boden von irgendwelchen Leuten schlafen und das ist schon mal viel wert. Das war nicht mal romantisch, als wir gerade erst anfingen…es war einfach nur scheiße. Den Tour-Teil der Tour, also Herumfahren und sowas, finde ich echt langweilig. Aber mir macht das Spielen immer noch genauso viel Spaß wie am Anfang und ich bin immer noch sehr dankbar, dass ich das überhaupt machen kann. Das Gute am langen Touren ist, dass man Leute aus der ganzen Welt kennen lernt. Ich habe Freunde in Europa, die ich manchmal öfter sehe, als meine Freunde in den Staaten. Unser Tour-Manager für Europa ist einer meiner besten Freunde überhaupt. Deswegen macht es unglaublich viel Spaß durch Europa zu fahren und zusammen mit ihm Ärger zu machen.

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Es gibt gerade so viele Hypes, neue Bands und überall lauert das große neue Ding. Wie fühlt es sich an, nicht mehr…

…schon ziemlich lange nicht mehr das neue große Ding zu sein?

Ja, wie ist das so?

Im Prinzip schwanke ich immer hin und her zwischen einer ziemlich gesunden Einstellung dazu bzw. eher der Einstellung „Ist mir doch egal“ und dem Gefühl ein totaler Loser zu sein. Gelegentlich werden auch Freunde von mir zu dem neuen großen Ding. Das ist schon cool, die Leute zu sehen, die schon so lange dafür arbeiten und dann endlich Anerkennung bekommen, die sie auf jeden Fall auch verdient haben. Aber andererseits gibt es auch Leute, die man so richtig hasst, und man sieht, wie sie einfach total erfolgreich sind und man will ihnen einfach nur in die Fresse hauen dafür, dass sie die Musik zerstören. Haha. Manchmal ist es einfach nicht nachvollziehbar, aber naja.

Wir kennen ja deine Meinung zur aktuellen Lage der Musikindustrie und darüber, wie es gerade für Bands ist. Glaubst du, es wird wieder besser oder einfacher für Bands?

Ich denke, es wird immer Aspekte in der Musikindustrie geben, die großartig sind. Aber es gibt auch immer Dinge, die einen einschränken. Diese Dinge werden aber immer bestimmender und das wird sich natürlich auch auf die Qualität der Musik auswirken. Aber es wird auch immer etwas Gutes daran geben, hoffentlich.

Du schreibst auf der Band-Homepage ziemlich häufig deine Gedanken, Erinnerungen und Gefühle auf. War das schon immer so? Standest du deinen Fans schon immer so nahe und warst so offen mit ihnen?
Ja, ich war schon immer ein bisschen zurückhaltender das Wort „Fan“ zu benutzen, weil es irgendwie eine Distanz untereinander aufbaut. Mit einigen Leuten, die immer zu unseren Shows kamen, bin ich richtig gut befreundet, weil wir immer mit ihnen rumhingen. Nur einmal in einer Milliarde Jahren wurde das zum Problem. Meistens ist es eine Gelegenheit, interessante Leute kennen zu lernen. Fast jede Band, die mit uns auf Tour war, hat uns danach gesagt, wie sehr sie die Leute mochten, die auf die Shows kamen. Sie neigen alle dazu, total hilfsbereit zu sein und sind alle auch richtig große Musik-Fans–total kreativ und total nett. Es würde gar keinen Sinn machen, wenn ich nicht mit solchen Leuten reden wollen würde. Wenn man sieht, wie offen du auf der Bühne bist, wie du von Lied zu Lied gehst und Stories und Einleitungen einfach weglässt…es geht dir nur um die Musik. Warum ist das so?
In anderen Bands, bei denen ich gespielt habe, als ich noch viel jünger war, wollte ich immer der Entertainer sein. Dann habe ich aber gemerkt, dass keine meiner Lieblingsbands es je übertrieben hat. Sie wollten einfach nur so gut spielen, wie es ging. Ich glaube, danach war es eine unbewusste Entscheidung von mir. Wenn ich jetzt etwas auf der Bühne sage, wird irgendwie die Atmosphäre zerstört und ich komme raus aus der Stimmung, in der ich sein will. Wenn man auf deine Band-Homepage schaut, sieht es so aus, als ob du dich nicht so leicht schocken lässt und dass es nicht so viele Dinge gibt, die dich überraschen. Du scheinst sehr tolerant zu sein bei Sachen, die andere eher schmerzhaft finden. Kann man das so sagen?
Das kann man wohl so sagen. Ich komme mir echt blöd vor, wenn ich das sage, aber als ich aufgewachsen bin, habe ich mich mit Sachen auseinander gesetzt, mit denen ich mich wahrscheinlich nicht hätte auseinandersetzen sollen–ziemlich extreme sexuelle Varianten und   solche Sachen. Ich würde jetzt nicht sagen, dass mir das nichts ausmacht, aber irgendwie…ich weiß nicht genau, ich möchte nicht das Wort „normal“ benutzen, aber ich weiß nicht, wie man es beschreiben soll. Ich denke, mein Gehirn funktioniert einfach so. Es ist nichts, dass mich jetzt besser fühlen lässt, aber ich fühle mich auch von so etwas nicht unbedingt abgestoßen. Und wie haben dich diese Sachen musikalisch beeinflusst?
Es hat einfach dazu geführt, dass ich über solche Dinge Songs schreiben wollte oder dass ich bei solchen Themen offen sein wollte, weil sie sich für mich „normal“ anfühlen. Man tendiert ja dazu über etwas zu schreiben, das einem bekannt ist, und mir sind eben diese Sachen bekannt.

Richtig. Du hast erwähnt, dass du ziemlich offen gegenüber Sex und sexuellen Praktiken bist und auch gegenüber dem, was gerade in der Gesellschaft passiert. Was hat dich denn dorthin gebracht, wo du jetzt gerade sexuell stehst?

Es ist schon seltsam. Es gibt Dinge, über die kann ich ohne Probleme singen, aber ich würde mir komisch dabei vorkommen über sie zu diskutieren. Der Kontext ist einfach anders. In meiner Familie sind Sachen passiert, über die ich schon gesungen habe und ich werde auch weiterhin über sie singen. Manches hat mit meinen Gefühlen über Geschlechtsabhängigkeit zu tun. Inzwischen sind mir diese Gefühle aber etwas klarer. Wenn man bi ist und damit aufwächst, fragt man sich, was das eigentlich bedeutet. Und dadurch musste ich eben auch ständig daran denken.

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Ich glaube, ich bin auch viel später als andere sexuell aktiv geworden. Ich war aber natürlich, so wie jeder andere auf der Welt auch, total fasziniert davon und ich war andauernd geil. Also habe ich viel über Sex gelesen, obwohl ich überhaupt keinen Sex hatte. Deswegen war meine sexuelle Entwicklung vor allem intellektuell, bevor es körperlich wurde. Aber ich denke, es hat die Auseinandersetzung mit meinem Körper sehr beeinflusst, ob jetzt im Guten oder im Schlechten, und weil ich so viel darüber nachgedacht habe, war es ein sehr wichtiger Teil meines kognitiven Lebens. Und ich bin mir ganz sicher, dass einige Leute, mit denen ich geschlafen habe, ziemlich genervt davon waren.

Xiu Xiu hat definitiv auch eine politische Seite. Im Präsidentschaftswahl tritt jetzt Romney gegen Obama an, zum Glück ist Santorum draußen. Was denkst du über die derzeitige amerikanische Politik?

Es ist erschreckend. Ich hätte nicht gedacht, dass es einen noch dümmeren und gewaltsameren Kandidaten als George Bush gibt, aber sie hatten es mit Santorum tatsächlich geschafft, einen zu finden. Ich habe mit meiner Mutter darüber geredet. Schließlich hat sie schon mehr erlebt als ich. Ich habe sie gefragt, ob sie schon mal etwas derartiges erlebt hat und sie sagte, dass es noch nie schlimmer war. Es ist erschreckend, einfach nur erschreckend. Manchmal denke ich, dass der rechte Flügel so viel Angst hat, nochmals gegen einen potentiell progressiven linken Flügel zu verlieren, dass sie die Grundängste ihrer Wählerschaft hervorrufen wollen, indem sie die abscheulichsten Dinge sagen, wie das Versprechen im Mittleren Osten die meisten Leute zu töten und außerdem alle Schwuchteln umzubringen. Leider scheint das unglaublich effektiv zu sein. Ich habe mir noch nie so viele Sorgen über die amerikanische Politik gemacht. Ich denke, die Linken sind genauso fadenscheinig und schwach wie immer und die Rechten sind noch aggressiver als je zuvor. Es ist eine wirklich dunkle Zeit.

Always, euer achtes Studioalbum kam kürzlich raus. Wie geht es dir mit der Weiterentwicklung eurer Musik und was bedeutet dieses Album für dich?
Naja, ohne jetzt sentimental zu werden, denke ich, dass ich einfach sentimentaler bin, weil das unsere zehntes Jahr ist. Haha. Für mich fühlt es sich an, als ob wir nochmal neu anfangen, und das ist ein gutes Gefühl. Ich hab mir echt Sorgen gemacht, dass es sich so anfühlt, als ob etwas zu Ende geht und ich nicht wissen würde, was ich als Nächstes mache. Aber jetzt fühle ich mich richtig erfrischt. Das Album aufzunehmen war eine der nervenaufreibendsten Studio-Erfahrungen, die ich jemals hatte und gleichzeitig war es eine der angenehmsten. Wir sind auch bei ein paar anderen Labels gelandet. Weil wir ein bisschen mehr Budget hatten, konnten wir Sachen machen, die wir vorher nicht machen konnten und mit Leuten arbeiten, mit denen wir schon immer arbeiten wollten. Ohne jetzt Werbung für uns zu machen, aber ich freue mich momentan mehr über die Musik als ich mich über andere Dinge seit einer langen Zeit gefreut habe. Always hat wie viele eurer Veröffentlichungen eine intensive, ehrliche, sexuelle und gewaltsame Bildsprache. Denkst du Xiu Xiu könnte jemals ohne diese Elemente leben?
Möglicherweise ohne diese speziellen Elemente, aber ich denke nicht, dass die Band existieren könnte ohne Texte über solche Themen. Ich glaube nicht, dass das der Sinn von Musik sein sollte, aber das ist der Sinn der Band. Bei Xiu Xiu geht es darum, so offen wie möglich gegenüber dem zu sein, was im Leben der Leute passiert, die uns nahe stehen. Ich habe auch schon in anderen Bands gespielt, die ich genauso interessant finde, und bei denen geht es überhaupt nicht um sowas. Aber bei Xiu Xiu ist das auf jeden Fall wichtig. Du hast mal gesagt, dass dein Vater dich dazu gebracht hat immer ans Limit zu gehen, um zu sehen was man aus einer Sache rausholen kann. Gab es irgendwelche Autoren oder Musiker, die dich dazu gebracht haben zu denken „Wow, die können diese intensiven Momente wirklich gut festhalten“?
Ja, klar. Der russische Komponist Schostakovitsch, The Swans, The Smiths, verschiedene Darsteller aus Indonesien und Bali… da gibt es absolut unkomplizierte und schöne Arbeiten. Nina Simone, Prince…all diese Leute haben offensichtlich etwas aus ihrem tiefst möglichem Inneren geholt und das ist etwas, dem wir schon immer nacheifern. Du schaffst es auch, diese emotional mächtigen Momente auf der Bühne ziemlich gut mit deiner Performance auszudrücken…
Oh ja. Ich will nicht abgedroschen klingen, aber warum sollte man sonst leben, wenn nicht für solche Momenten? Manchmal funktioniert es auch nicht und wir verkacken es oder wir sind mental nicht ausreichend präsent. Aber auf jeden Fall ist es das Ziel, es jede Nacht so hart wie möglich zu versuchen und keine leere Show abzuliefern. Es ist zwar nicht möglich, auf jede Show eine Eins mit Sternchen zu bekommen, aber es lohnt sich sicherlich es zu versuchen. Xiu Xius Always ist bei Bella Union erschienen. Fotos: Angela Seo