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Was Zürichs Imagevideos über die Stadt aussagen

Die neuen Werbevideos der Stadt lassen tief in die Psyche der Stadt blicken.
18 Juni 2015, 8:19am
Screenshot von Youtube

Zürich ist ja gerne locker. Und dass es de facto reich ist—das lässt sich nicht abstreiten. Oft ist es aber weniger interessant, wie eine Stadt ist—denn das kann am Ende niemand abschliessend erfassen, sondern wie sich eine Stadt gibt. Will das offizielle Zürich also locker oder ein GC-Hooligan sein? Will sich Zürich so reich geben, wie es ist—oder schämt es sich brav protestantisch für den mit Kobe-Beef gefüllten Rumpf? Stellt es sich als Place-to-go für die Global Class, die mal lieber in einer Altstadt statt in Hochhausschluchten shoppen will, dar? Oder doch mehr so im Stil „young, creative city"? Das rauszufinden, ist viel einfacher, als herauszufinden, wie eine Stadt wirklich ist.

In meine Nische zwischen Zürich-Komplexen und der Akzeptanz, dass ich hier leben und arbeiten werde, habe ich mich langsam eingefühlt. Das ist okay. Jetzt kann ich mich damit auseinandersetzen, wie sich die offizielle Stadt darstellt.

Also habe ich mir die neuen Videos, bei denen sogar Bond-Bösewicht Anatole Taubmann beteiligt ist, reingezogen. Dem Blick am Abend hat Taubmann gesagt, er wolle zeigen, dass Zürich mehr sei als sauber—besonders nachts. Also ist nix mehr mit sauberer Bankenstadt und Taubmann zeigt Zürich als Kellerclub-Mekka?

Zur Einstimmung schaute ich mir nochmals das Strassenputzer-Video vom letzten Jahr an. Die Geschichte: Ein netter Mann liebt es, schon frühmorgens in sein Putzfahrzeug zu steigen. Seine Freundin hat eine erotisch tiefe Stimme und trotzdem liebt er sein Putzwägeli mehr. Er liebt, wie die Stadt aufsteht, wie die Stadt geschäftet und wie er immer brav vorbeibrummen darf. Dabeisein ist alles. Und er darf dabei sein, der liebe Strassenputzer. So lange er pflichtbewusst bleibt. Was mir gefällt, ist seine Hingabe zur Stadt: Ja, er fährt jede Ecke ab. Er spürt den Wind, die Sonne. Ja, er überdehnt die Nähe—zum Verkehr, zum Strassenlärm. Sein Alltag ist hart und aufreibend. Das finde ich dann schon sympathisch. Parareligiös. Meine schönsten Tage in Zürich waren ja auch während der Intensivkur am Escher-Wyss-Platz (und die schönsten Momente während einigen unjugendfreie Sachen auf dem Dach der Maag-Halle, aber das nur am Rand).

Das ist also Zürich von unten. Das Kontrast-Zürich von oben zeigen dann die neuen Taubmann-Videos auf zuerich.com—dem „offiziellen Reiseführer von Zürich": „Zürich besuchen. Die unerwartete Seite der Schweiz entdecken." Die unerwartete Seite der Schweiz ist anscheinend The Grand Budapest Hotel ohne quietschbunte Farben beziehungsweise Das Grosse Fressen, ohne dass das elendige Verrecken am Ende des Films gezeigt wird.

Shopaholics—die „opulente Seite der Schweiz"

Zwei irre kichernde Frauen, die durchaus aussehen wie Kunstvernissagen-Besucher nach dem achten Glas Weiswein, packen Schuhe aus. In diesem spezifischen Fall gilt auch die Boutiquevariante von Schwimmflossen als Schuhwerk.

Und Taubmann als Concierge fragt: „Beschränken Sie sich beim Einkaufen auch immer auf das nötigste?" Ja, ich geb auch unnötig viel Geld aus. Vor allem für Essen. An der Migros-Frischtheke am HB. Und ich ess nicht nur, was ich wirklich brauche (Frozen Yoghurt), sondern auch viele andere Dinge. Kleider kaufe ich eigentlich meistens, wenn ich nach drei Stunden 1. Mai völlig durchnässt bin. Und meine letzten Kleider, die ich in Zürich gekauft habe, waren ein Paar schwarze Hosen im Charles Vögele in Oerlikon. Sie hatten keinen Schnitt, sondern waren einfach grade und rund; ich bin wohl nicht das Zielpublikum. Aber ja: Konsumieren tu ich auch.

Als Kontrast: So präsentierte sich Basel im letzten Dezember.

Diebische Freundinnen—die „ausgelassene Seite der Schweiz"

Dieselben verwöhnten Galerie-Chicks mobben jemanden, der sein Geld als Hühnchen-Maskottchen verdient, bekanntlich kein Beruf, der von einer Mehrheit der Menschen angestrebt wird. Sie klauen auch seine Arbeitskleidung und der Concierge, ganz der Diener, hilft ihnen noch dabei. Es ist immer gut, wenn man von oben gegen unten boxen kann. Ist das noch Zürich oder schon Zureich? Im Grand Budapest Hotel sind die Figuren jedenfalls sensibler.

Boy's Night Outch—die „ausschweifende Seite der Schweiz"

Ich weiss ja nicht, aber langsam nerven die Upper-Class-Tourivideos. Die zwei besoffenen Typen können sich nicht mal bewegen. In diesen Zustand kann man überall kommen, man kann nämlich auch im hintersten Finnland einen Tampon in Vodka tränken, sich einen Schnitt am Kopf zufügen und das Vodka-Tampon einwirken lassen. Dafür muss man nicht verreisen. Immerhin sind mal so niedere Gegenstände wie Aufblasgiraffen zu sehen. Die könnte sogar ich mir leisten.

Im Kontext mit dem Strassenputzer ist die Videoreihe noch grausamer: Der einfache Büezer ist pflichtbewusst und darf brav machen (man lässt ihn sogar, obwohl er einen Akzent hat), die dekadenten Reichen dürfen tun und lassen, was sie wollen. Anything Goes für Rich Kids—war Carl Hirschmann der Produzent oder wie konnte das so rauskommen?

Jedenfalls versteh ich unter Ausgelassenheit etwas Anderes, zum Beispiel nach dem Weihnachtsessen und einer Nacht im Gonzo durch die Europaallee torkeln und an den übergrossen Weihnachtsgeschenken rumschränzen—wir wollten halt wissen was drin ist!—bis der Kunststoff bricht (oder auch nicht?). Das ist auch dekadent. Aber ungemein weniger grausam.

Spätes Dessert—die „kulinarische Seite der Schweiz"

Das Video zum kulinarischen Zürich treibt den Grad an Überheblichkeit ins Unermessliche: Einmal mehr ist es der Gel-Concierge, der dem besoffenen Pärchen Rahm zu ihren Erdbeeren bringt. Es ist so schön, wie gerne die auf Arbeit angewiesenen Menschen in dieser Stadt dienen. Wirklich. Eine Stadt für Lebensmasochisten ist das also und Taubmann gibt ihnen anscheinend gern den Posterboy.

Die Reichen in dieser Stadt sind so dekadent, dass sie lieber Rohprodukte aus der Küche stehlen als Gault-Millau-Menüs essen. Jedenfalls sind nicht gestohlene Erdbeeren genauso gut wie gestohlene Erdbeeren. Und wenn man trotzdem Erdbeeren stiehlt, liegt die Faszination am Stehlen daran, dass man nicht dort stiehlt, wo man eh die Platinum-Kreditkarte hinterlegt hat. Es gibt dann nämlich kein Risiko—weder für dich, noch die Lebensmasochisten, die dich bedienen (müssen).

Ich hab zwar noch überhaupt keinen Anspruch auf irgendein Zürich—und ich halte mich da auch zurück—aber trotzdem: Das ist nicht mein Zürich.

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