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Words

Der Club-Knigge—eine kleine Auffrischung

Unser Autor Josh Baines liebt Clubmusik, hasst aber Menschen. Wir haben ihn gebeten, sich über all das auszulassen, was er am Verhalten von Leuten in Clubs falsch findet. Das ist eine Menge.

von Josh Baines
02 September 2014, 6:30pm

Clubs sind—wie Chorabende oder Pornokinos—einzigartige Orte, Areale des unmittelbaren Vergnügens und potentieller Transzendenz. Ein Club sollte dich den Stress vergessen lassen, den du hast, weil du beschissene Arbeit für beschissenes Geld machst, um in einer beschissenen Wohnung zu leben und ab und zu beschissene Drogen zu nehmen. Er sollte dich in die verschwitzte Dunkelheit einsaugen und dich im Morgenlicht als andere Person ausspucken. Idealerweise kommst du mit ein paar Leuten, die für eine Nacht deine besten Freunde sind, erweiterten Pupillen und der Unfähigkeit zu pinkeln wieder raus. Du hattest die Nacht deines Lebens und kannst danach nicht schlafen, weshalb du dir kiffend ein paar Simpsonsfolgen reinziehst, bis die Zeit für Pizza und einen weiteren, verzweifelten Versuch zu schlafen gekommen ist. Du redest, du lachst, du bist einfach bestens unterhalten und erinnerst dich gern daran zurück.

Aber so ist es nur selten. Wie bei allem anderen Dingen in diesem erbärmlichen, jämmerlichen Leben, übersteigen die Erwartungen die Realität. Deine große Nacht, die Nacht, auf die du dich seit Wochen gefreut hast, die Nacht, für die all deine Freunde sich freinehmen sollten, die Nacht, für die du eine Einladung zur diamantenen Hochzeit deiner Großeltern ausgeschlagen hast, diese eine Nacht, die deine Lebenserfahrung radikal verändern soll, ist in der Regel beschissen. Schon bevor du im Club bist, fängt alles an, schief zu gehen. Deine Freunde lassen dich im Stich, du hast vergessen, dass du erst in einer Woche deinen Lohn bekommst und wirst deshalb ziemlich lange an deinem Drink nippen müssen, du ärgerst dich jetzt schon, dass du deine einzige Pille mit drei anderen geteilt hast, im Zug ist es scheiße, im Bus ist es scheiße, alles ist scheiße.

Du kommst an und die Schlange ist voll mit der Art von Arschlöchern, der du genau hier eigentlich aus dem Weg gehen wolltest. Du siehst schon aus der Ferne, dass das Abtasten der Security mehr schon einer sexuellen Erfahrung gleichkommt. Wenn du dann drin bist, ist es voll, stinkt und an der Bar ist die Hölle los. Niemand tanzt. Du verbringst die Nacht damit, mit deinem Handy rumzuspielen, haust um zwei Uhr ab und bist um drei im Bett. Natürlich ist nicht jede Nacht so. Aber für jede großartige Veranstaltung, bei der alles richtig läuft, musst du zehn über dich ergehen lassen, die ungefähr so spannend sind, wie die Weihnachtsfeier einer Versicherung.

Das sollte nicht so sein—jeder dunkle Raum sollte voller Freuden sein. Wir wollen, dass sich jeder Club anfühlt wie Trouw, Berghain, Fabric oder Robert Johnson. Hier ist all das, was aufhören muss, damit wir alle wieder eine gute Zeit haben können.

H

Ein DJ—ich habe auch schon Mal vor ungefähr 100 Leuten aufgelegt, also weiß ich, wovon ich rede—ist in einem Zustand tiefer Fokussierung und intensiver Konzentration. Die Nacht hängt ganz von ihm ab. Es ist egal, wie sehr der Boden vibriert oder wie geräumig der Raucherbereich ist; wenn der DJ nicht in der Lage ist, das zu tun, was er am besten kann, ist die Nacht im Arsch. Und diese Konzentration wird durchbrochen, wenn irgendein unbeholfener Idiot mit malmendem Kiefer auf das DJ-Pult zustolpert und versucht, dem DJ zu sagen wie gut/scheiße/verdammt geil, Alter/echt unglaublich, Mann er ist. Das gilt auch für den Fall, wenn ebendiese Nervensäge unbedingt die Track ID haben will.

Und nur als freundliche Erinnerung: Leute, die sich in Clubs etwas wünschen, verdienen es, nach draußen gezerrt und erschossen zu werden. Versuch es das nächste Mal bitte mit Shazam, anstatt auf die Plattenspieler zu hämmern, nur weil du GENAU JETZT wissen musst, was das gerade für ein House-Stampfer ist, obwohl du dich kaum noch an deinen eigenen Namen erinnern kannst.

HÖR AUF, DJS ZU ERMUTIGEN

DJs verdienen es nicht, heilig gesprochen zu werden. Pump ihr sowieso schon riesiges Ego also nicht noch unnötig dadurch auf, dass du dich bei ihnen einschleimst, nachdem sie an einem trostlosen Dienstagabend zwei Stunden lang 08/15-Drum'n'Bass in einem öden Club gespielt haben. Wir können dich alle sehen, wir sehen alle, wie sehr du versuchst den DJ hinter dem DJ Pult zu beeindrucken. Wir können dich alle sehen und wir alle schämen uns für dich. Ich wette, du nennst den Typen in der Dönerbude auch „Meister", richtig?

HÖR AUF, FOTOS ZU MACHEN

Lass uns ehrlich sein: Absolut jeder, der noch immer regelmäßig Fotos von sich und seinen Freunden bei Facebook postet, ist an Peinlichkeit kaum zu überbieten. Denkst du wirklich, dass es Leute gibt, die sehen wollen, wie du und deine Jungs/Mädels in eurer Studentenbude—einer wirklich schäbigen Bude mit geschmackloser Ikeaeinrichtung—hockt und sauft, bevor ihr ausgeht, um Route 94 zu sehen? Stell dir vor, wie du im Club dein Handy rausholst und deine Freunde bittest für dich zu posieren. Dann stell dir vor, wie du dir das verwackelte und unscharfe Foto voller Duckfaces und selbstgefälligem Gegrinse ansiehst und dir dabei denkst: „So will ich diese Nacht in Erinnerung behalten." Stell dir vor, du bist diese Person. Wir könnten jetzt den ganzen Tag lang darüber sprechen, wie es ist, zu einer Generation zu gehören, die Angst vor einer nichtdokumentierten Erfahrung hat, und den Identitätskrisen, die als Resultat dieses gierigen Bedürfnisses, ein Selbstbild zu erschaffen, entstehen, aber ich mache es kurz: Fotos in einem Club zu machen ist für Idioten. Hast du jemals einen Club-Fotografen getroffen?

LASS DEIN T-SHIRT AN

Ich verstehe, dass ein Club manchmal überwältigend sein kann, dass es Momente im Leben gibt, in denen du Eins mit dem Raum bist, mit der Musik, die spielt, in denen dich dieses überwältigende Gefühl überkommt, ein Vergnügungshungriger zu sein. Ich schätze es wirklich, dass dich manchmal Aufregung und Hingabe deine Selbstbeherrschung und soziale Gepflogenheiten vergessen lassen. Ich verstehe, dass wenn DJ Harvey die kompletten 18 Minuten von Machos „I'm a Man" spielt, dir das Testosteron durch die Adern schießt, als wärst du wieder 15, und alles, was du machen willst, ist, dir dein verdammtes T-Shirt auszuziehen und der Welt deinen prächtigen Oberkörper zu präsentieren. Diese Praxis verachte ich jedoch aus zwei Gründen von ganzem Herzen: 1. Du bist jemand, der regelmäßig pumpen geht und einen Körper hat, den Leute angucken, anfassen, lecken, reiben, was auch immer wollen; in diesem Fall fick dich nur dafür. 2. Du bist ein unförmiger Sack aus Organen und unverdauter 2-Euro-Pizza. Wer zur Hölle wird sich das in dem Fall ansehen wollen? Erinnere mich nicht an meine eigenen Unzulänglichkeiten.

Ausnahme: Du bist in einem Club mit einem schwul/hetero-Verhältnis von mindestens 50/50. Hier gelten eventuell andere Regeln.

HÖRT AUF, RUMZUKNUTSCHEN

Deine Sicht der Dinge: Die Wirkung der Pille schlägt gerade voll ein. Du schaust deinen Partner an. Ihm geht es genau so. Ihr schaut euch weiter an, bewegt euch ein bisschen, die Hände streicheln die Hüften, die Finger berühren die Finger. Ihr seid getrieben von Leidenschaft. Die Musik hämmert. Ihr packt den jeweils anderen, marschiert durch die Menge. Ihr haltet euch fest, es kribbelt so sehr, dass jede Berührung eine Reise in ein anderes Universum ist. Ihr umarmt euch. Ihr küsst euch. Ihr wollt nicht mehr aufhören euch zu küssen. Der Kuss umschließt euch vollständig.

Unsere Sicht der Dinge: Wer sind diese Penner, die durch die Menge stolpern und manisch an den Lippen des anderen lutschen? Wir können die Geräusche euren Speichelaustauschs über die Anlage hören. Geht nach Hause, versucht vergeblich, den kleinen Speedpimmel aufzurichten, und streitet euch dann, anstatt hier im Club glücklich auszusehen. Danke.

HÖR MIT DEM SCHNICKSCHNACK AUF

Ein knapper, aber relevanter Punkt: in einem Club braucht es wirklich nur einen Dancefloor von angemessener Größe, eine unaufdringliche Bar, die auf bestmögliche Versorgung mit Getränken ausgelegt ist, ein erhöhtes DJ-Pult, eine gute Anlage und ein paar nette Lichter. Alles andere ist im Weg. Wer will wirklich sehen, wie Tänzerinnen mit Fackeln in ihren Vaginen über Horden von in Fransenwesten gekleideten Italienern schaukeln, die zu Marco Carola tanzen? Wer will mit Glitzer eingedeckt werden? Wer will wirklich mehr als gelegentliche Strobos?

HÖR AUF, WIE EIN ARSCHLOCH ZU TANZEN

Es gibt nur zwei Optionen, wenn es darum geht, in einem Club zu tanzen: vernünftig oder gar nicht. Wenn du nicht tanzt, gehst du das Risiko ein, wie ein verklemmter Miesepeter auszusehen. Das ist aber immer noch besser, als die Art von Person zu sein, die aufgrund ihrer Unfähigkeit zu tanzen so verlegen ist, dass sie in eine Art schwerfällig-distanzierten Pseudo-Shufffle verfällt. Solche Leute gehen in den dunkelsten Technoclub und bewegen sich dort in schlimmster Saturday Night Fever-Manier. Oder sie versuchen auf Housepartys, mit verunglückten B-Boy-Posen zu beeindrucken, oder versuchen sich auf einem Coki-Gig an verkrampft-lässigen Fistbumps. Diese Menschen sind eine Pest und müssen aufgehalten werden.

HÖR AUF MIT DEN FINGERPISTOLEN

Sieh mal, wir sind alle etwas unsicher, wie wir uns verhalten sollen, wenn der potentiell #problematische Song kommt, die Fingerpistole ist aber mit Abstand die schlechteste Reaktion von allen. Von außen siehst du dabei genau so merkwürdig aus, wie du dich in dem Moment auch innerlich fühlst, und diese Unbeholfenheit bleibt der Menge keineswegs verborgen. Du wirst also unweigerlich als der unentspannt aussehende Typ im Hintergrund mit der umgekehrten HUF-Cap abgestempelt werden. Jeder im Raum wird dich dafür verantwortlich machen, ihm die Nacht versaut zu haben. Wenn die Revolution kommt, wirst du als erstes an die Wand gestellt.

HÖR AUF, DICH WIE EIN TOURIST ANZUZIEHEN

Ich weiß nicht, wie es bei dir ist, aber ich gehe in Clubs, um den Schrecken des Alltags zu entfliehen. Das Letzte, was ich um drei Uhr nachts in der Mitte eine Sets von Roman Flügel sehen will, ist ein Outfit, das mich an die überfüllte Berliner Friedrichstraße an einem Samstagnachmittag erinnert. Deine Shutter Shades verdecken nicht die Oberflächlichkeit und Ödnis deines seelischen Innenlebens. Der tiefe V-Ausschnitt ist ein Fenster in dein bemitleidenswertes Dasein. Die Acid-Wash-Jeans zeigt, wenn überhaupt, nur Ausbeulungen der Verzweiflung. Das Aftershave von Paco Rabone stinkt nach Bitterkeit und Traurigkeit. Herzlichen Glückwunsch, du hast erfolgreich jeden Penis im Raum zum erschlaffen und jede Vagina zum Austrocknen gebracht.

HÖR AUF, DICH MIT LEUTEN ANZUFREUNDEN

Ich weiß, vorhin habe ich noch gesagt, dass in einer perfekten Welt eine gute Clubnacht auch beinhaltet, die Art von Freunden zu machen, mit denen du einen denkwürdigen Abend beschreitest und an die du dich am nächsten Tag nur noch schwach erinnern kannst—ganz wie der Rauch eines schlecht gedrehten Joints, der in der Luft des Raucherraums verpufft. Dann habe ich mich aber wieder daran erinnert, was man eigentlich für Menschen in Clubs trifft: Schwer atmende Trottel, die nach Schweiß und billigem Bier stinken und verzweifelt versuchen, dir alles über den Sound eines voll aufgedrehten Funktion 1-Soundsystems zu erzählen; verzweifelte Parasiten, die dir auf die Nerven gehen und dich auf Drinks, Zigaretten, Taxifahrten nach Hause und Sex anschnorren; Leute, die dich mit ihrem verschwitzten Oberköpern umarmen, sich an dich heften und dir Sachen ins Ohr flüstern wollen; Abschaum und Ausgestoßene; und die Art von Einzelgänger, die Sympathie mit Empathie verwechselt. Sprich mit niemandem, den du nicht bereits kennst—die Chancen sind hoch, dass er oder sie ein totales Arschgesicht ist.

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