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Prostitution und Privatsphäre auf französische Art

Die jüngste Diskussion um das Verbot der Prostitution in Frankreich ist nur ein weiteres Beispiel, dafür wie Prostitution und Pornographie zum Moralschlachtfeld im Zeitalter von Big Brother geworden sind.
05 Dezember 2013, 1:01pm

Ein Ausschnitt aus dem Trailer des neuen französischen Rebellion-und-Sünden-Film Jung & Schön.

In Frankreich hat das Parlament gerade ein neues Gesetz zur Prostitution verabschiedet: Von nun an sollen Kunden von Prostitutierten mit Geldstrafen belegt werden. Das Gesetz folgt einer längeren öffentlichen Diskussion mit der Veröffentlichung des sogenannten „Manifest der 343 Dreckskerle“. Hinter dem plaktativen Titel verbergen sich 343 Schriftsteller, Schauspieler, TV Moderatoren, und Personen des Öffentlichen Lebens, die in der Zeitschrift Causeur Ihr „Recht auf Prostitution“ einforderten, welches wie auch seit neuestem in Deutschland zur Debatte steht.

Ausgerechnet Frankreich! Dabei wissen wir ja schon lange aus Film und Fernsehen, dass dort vor allem junge Töchter der Bourgeoise die Sexarbeit nutzen um leidenschaftlich gegen die Engstirnigkeit ihrer Eltern zu rebellieren. Es ist also Ernst um die Prostitution. Der Fall reiht sich dabei in eine neue Serie europäischer Prostitutionsverbote. Angefangen hat es mit dem neopuritanischen protestantischen Ländern England und Schweden, inzwischen wird aber auch in Deutschland, Heimat des Sexmittelstands, über ein Prostitutionsverbot debattiert.

Die Kampagne gegen das Prostitionsverbot bedient sich des populären französischen Kampfspruches gegen rassistische Gewalt „Touche pas à mon pote". Aus „Finger weg von meinen Kumpel", wird dann eben „Finger weg von meiner Hure". Verwendet mit Genehmigung.

Die Befürworter des Verbotes sprechen dabei davon, dass die Prostitution den Menschenhandel fördere. Darum sollen die Freier mit Geldstrafen belangt werden. Die Empörung ist dabei, wie so vieles, langsam aber unaufhaltsam über den Atlantik geschwappt. Bereits 2006 hatten sich US Abgeordnete unter der sozialkonservativen Bush-Regierung beschwert, dass die legale Prostitution das allseits bewunderte WM Deutschland beschmutzte.

Steht damit also ein Ende der sozialliberalen europäischen Prostitutionspolitik ins Haus? Die Befürworter des Verbotes sind eine handvoll Prominenter angeführt von Alice Schwarzer, die die Kampagne zur Aufgabe Ihrer Zeitschrift Emma machte. Genau, die Alice Schwarzer, die, wenn es nach ihr ginge, auch schon 1987 die Pornographie verboten hätte.

Interessant ist nach dieser Logik natürlich, dass das Internet heute hässliche Wahrheiten über die Gesellschaft hervorbringt. So zum Beispiel, dass 30 Prozent des gesamten Internettraffic aus Pornographie besteht, dass 70 % der Männer und 30% der Frauen Pornographie ansehen. Und das nur unsere Feiertage den Pornokonsum temporär bremsen können. Wir sind schon eine hässliche Spezies. Und, wenn es nach Alice Schwarzer ginge, daher natürlich auch alle kriminell.

The Elephant in the Room: Die Definition von privater Moral in unseren modernen westlichen Gesellschaften führt nur allzu oft über Pornos und Prostitution—ohne dass die Moralredner dies jedoch offen so zugeben würden. Auch wenn die neuesten Regulierungs- und Kontrollinitiativen hier ein weiteres Kapitel sind, so hat sich die Informationslage mit dem Internet radikal verändert.

Natürlich geht es in der aktuellen Debatte nicht um Pornographie, zumindest noch nicht. England in seiner stetigen Traditionsrolle als Avantgardedystopie arbeitet zwar gerade an der schleichenden Illegalisierung des Genres mit einer neuen Generation von chinesischen anti-Porno und Extremismusfiltern—aber dabei wird es sich doch nicht um einen Trend handeln.

Oder etwa doch? Vorerst geht es jedenfalls nur darum das älteste Gewerbe der Welt zu verbieten. Man kann davon ausgehen, dass ein Verbot dabei ebenso erfolgreich sein wird in der Bekämpfung von Prostiution wie die Illegalisierung von Drogen, deren Konsum ja heutzutage geradezu ausgerottet ist. Man erinnere sich an die „Just Say No Kampagne“ von Nancy Reagan, ehemalige amerikanische Präsidentinnengattin, die Jugendliche dazu aufrief auf Drogen zu verzichten. Währenddessen flutete columbianisches Kokain, vermutlich unter Mitwissen der amerikanischen Geheimdienste, die amerikanischen Ghettos, um die mit den Amerikanern verbündeten contrarevolutionären Truppen in Nicaragua finanziell in ihrem Stellvertreterkrieg zu unterstützen.

Das Erbe dieser Drogenpolitik besteht dabei vor allem in den heute maßlos überfüllten Gefängnissen, in deren Gesamtzahl und Proportion die Indispensable Nation, die Welt inzwischen unangefochten anführt, und in denen sich die gefährlichen Teile der Bevölkerung vorerst sicher verstauen lassen.

Im Angesicht des Erfolges solcher Regulierungsmaßnahmen, darf man sich also allen Ernstes fragen, was ein Verbot überhaupt bezwecken soll. Staatliche Subventionspolitik für die Monopolisierung von Prostitution durch kriminelle Netzwerke vielleicht? Gleichermaßen könnte man sich bei der Debatte um Armutsprostitution ja auch mal fragen ob es sich nicht auch lohnen könnte einfach mal bei der Armut anzusetzen. Nur mal so als ganz naiver Vorschlag.

Honey, we need to talk about blackmail

Ach ja, genau. Für diejenigen, die es übersehen haben: Das Internet hat sich in den letzten Wochen als die gründlichste und ökonomischste Überwachungsinfrastruktur der Menschheitgeschichte entpuppt. Natürlich hat die NSA dabei auch genau auf die sexuellen Gewohnheiten von sogenannten „Radikalisierern“ geschaut.

So organisiert die NSA die Identifikation unmoralischer Zielpersonen, via the Huffington Post

Wer also auf moralische Zurückhaltung und Pietät des Polizeistaats gehofft hatte, muss erneut enttäuscht werden. Infrastructure matters, Infrastruktur zählt, ist der Begriff den die Cypherpunks verwenden, um zu beschreiben, dass alles was technologisch möglich ist, auch gemacht werden wird-  unabhängig von Moral und Gesetzeslage, der die Dienste ja auch hierzulande immer weniger unterworfen scheinen.

Es ist also doch zumindest bemerkenswert, dass sich die Gesetzeslage in der Krise der Geheimdienste verschärft. Generell ist es in einem System von umgreifender Überwachung allerdings ohnehin unratsam die Gesetzeslage an einen sozialutopischem Puritanismus anzugleichen. Besonders die im Regelfall hochtestoronisierte Führungsschicht von Wirtschaft und Politik wird durch die Kriminalisierung von Sexualität nämlich vor allem erpressbar—durch diejenigen, die sich im Besitz der Daten befinden.

Bestes Beispiel sind die USA, in denen man nur an den unglücklichen Abschied von Bill Clinton, jenen von General Petraeus oder den des New Yorker Gouverneurs David Spitzer denken muss.

In den sexuell repressiven Gesellschaften führt moralisches Fehlverhalten direkt zum politischen Karriereende— ein Faktum, dessen sich auch die Geheimdiensten seit langem bewusst sind. Honeytrap nennt sich die Taktik einen politischen Gegner sexuell zu kompromitieren.  Eine Weiterleben mit einem Mindestmaß an Privatssphäre wird konsequenterweise zum Privileg derjenigen, die sich den Geheimnisbesitzern unterordnen.

Prostitutionstransparenz im moralischen KulturKampf für Alle—auch in der Hamburger Herbertstraße.

Aus dem großen anhaltenden Geheimdienstskandal müssen daher auch gesellschaftliche Konsequenzen gezogen werden. Die Antwort auf die Überwachung darf sich nicht auf eine Förderung der Kryptographie beschränken, auch wenn dies ein lobenswerter Anfang ist. Totale Überwachung darf nicht lediglich zur Konsequenz haben, dass sich die security savvy 5 % der Bevölkerung zeitweise der Überwachung  entziehen (um dabei wohlgemerkt durch den Gebrauch von bestimmten Tools noch stärker unter Verdacht zu geraten).

Generell muss der Snowdenskandal die Forderung zur Folge haben Rede-, Meinungs- und Gesinnungsfreiheit weiter als unantastbar zu verteidigen. Coming outs deutscher Politiker waren hierfür bereits in der Vergangenheit ein Beispiel. Jemand der seine Sexualität offen Leben kann wird immerhin nicht durch sie zur erpressbaren Marionette. Allein die technologische Möglichkeit der Überwachung macht eine Liberalisierung der Gesellschaft also notwendig. Mit der Enthüllung der menschlichen Natur durch Technologie werden Aspekte aufgedeckt, die der prüden gesellschaftlichen Prägung unangenehm sein mögen, dadurch aber nicht länger abzustreiten sind und diskutiert werden müssen.

Die offene Gesellschaft muss also verteidigt werden, besonders gegen die Versuchungen der Politik in der Krise die Sexualität zu politisieren und damit die ihr unangenehme Ökonomie aus dem Schlaglicht zu rücken.

Kompromittierung für Einsteiger, via: Make your own Rob Ford Crack Video!

Und wer weiß, vielleicht müssen wir uns eben einfach an eine neue Art von öffentlicher Person gewöhnen . Ohne abzustreiten, dass es sich bei Ihnen um Witzfiguren handelt, sind die Modellpolitker des 21. Jahrhunderts, möglicherweise tatsächlich der crackrauchende Bürgermeister Torontos Rob Ford und der peinliche Bürgermeisterkandidat von New York Anthony Weiner, der mit seinem Sexting Skandal negative (aber witzige) Schlagzeilen machte.

Immerhin sind die beiden auf der sicheren Seite in einem paranoiden Überwachungsstaat. Es dürfte schwer werden, sie jemals wieder in ihrem Amt mit Peinlichkeiten zu erpressen.