DIE LITERATURAUSGABE 2017

Der Moddetektiv

Sein Hair-Style war arg cramped, die Koteletten standen bizarr, aber seine Vespa war eine der bestgestylten von der Welt überhaupt!
15 Februar 2017, 5:00am

_Aus der Literaturausgabe 2017. _

"WHOoooooo" krähend, fuhr der Moddetektiv aus einem schon hunderte Male durchlebten, immer an derselben Stelle endenden Traum hoch und fand sich auf der Couch seines Moddetektiv-Office wieder, wo er, wie schon so oft, die Nacht verbracht hatte. Nun war es früher Vormittag, und es war einer dieser Sommertage, wo es schon am Morgen so heiß war, wie es später auch sein würde, nur wäre es dann schon Mittag oder Nachmittag, aber jetzt war es erst Vormittag, und die Sonne brannte bereits erbärmlich beim Fenster herein, da halfen auch die letzten drei verbliebenen Dings der nachlässig heruntergelassenen, ausgeblichenen Jalousien nicht.

Zu später Stunde war noch sein alter Kumpel Gaylord Shydare vorbeigekommen und gemeinsam hatten sie etliche Pints des Moddrinks Shandy Cola gekippt. Und Drogentabletten hatten sie auch noch gegessen, jedenfalls: war es verdammt spät geworden ...

"Shit!", fluchte der Moddetektiv, als er bei dem Versuch, sich langsam von der Bürocouch zu rollen, mit seinem burlingtonbesockten Fuß auf einem Stück Fish & Chips vom Vorabend ausrutschte und der Länge nach auf dem dreckigen Boden des Moddetektiv-Office aufschlug. In seinem Kopf heulten zwanzig Presslufthämmer gleichzeitig auf, während Millionen von Staubpartikeln im gleißenden Sonnenlicht aufstoben, um an überquellenden Aschenbechern und leeren Bierdosen vorbei durch den stickigen Raum zu tanzen, bis sie sich schließlich auf dem Big Ben, einer typischen Londoner Telefonzelle oder sonst einem der zahllosen unnützen Scheißdrecke in Miniaturformat, die sich im Laufe der Jahre im Moddetektiv-Office angesammelt hatten, niederließen.

Während der Moddetektiv darüber nachdachte, wie groß wohl die Wahrscheinlichkeit war, dass ein Staubkorn wieder auf exakt denselben Platz herabsegeln würde, von dem es zuvor hochgewirbelt worden war, fischte er sich mit fahrigen Fingern die letzte Rothmans aus dem zerknüllten Päckchen in seiner Brusttasche und betrachtete indes die dünne Tabakstange mit einem Feuerzeug, auf dem ein Bild des Paddington-Bärs eingraviert war, entfachend, sein zerrüttetes Ebenbild im Spiegel.

Das verwurschtelte Hemd hing ihm wirr zur Hose heraus, darüber baumelte die weit gelockerte Krawatte mit dem "The Jam"-Aufdruck, und genau auf dem "A" klebte – Mann, was für eine Ironie! – ein Marmeladefleck.

Sie hatten sich also auch noch Palatschinken gemacht gestern Nacht, Gaylord Shydare und er, hier, im Moddetektiv-Office, mitten im Soho von Wien – denn so lautete die unter Insidern hinter vorgehaltener Hand geflüsterte Bezeichnung dieses abgedrehten Stadtviertels, dachte sich der Moddetektiv leise wissend. Verdammtes Shandy Cola, er konnte sich nicht mehr daran erinnern. Oder vielleicht wollte er sich auch nicht mehr daran erinnern? Who knows ...

Sein Hair-Style war arg cramped, die Koteletten standen bizarr, nahezu im rechten Winkel von seinen bereits grau melierten Schläfen ab, deren postjuvenile Präsenz seiner gereiften Männlichkeit und dem daraus resultierenden Erfolg bei Frauen bei Weitem mehr als nur ausgesprochen zuträglich war (in Frankreich hätte man ihn prompt einen Graumelier genannt), und die mühselig an der Stirn eingebrannte Haarblume hing ihm nun traurig und welk aufs Hirn. Er würde den French Haircut waschen und komplett neu aufföhnen müssen, denn so unsmart konnte er sich keinesfalls auf die Straße begeben. Und das alles mit diesen verdammten, hämmernden Kopfschmerzen!

Der Moddetektiv (er hieß in echt übrigens Augustin Johnny Sandemann, aber alle kannten ihn nur unter dem Namen "Der Moddetektiv") schleppte sich fluchend in die Waschecke und genau in dem Moment, als er sich gerade die Haare nass gemacht hatte – das musste ja so kommen –, schrillte das Moddetektiv-Telefon!

"Who the Fut … äh, Fuck wollt ich sagen", zischte der Moddetektiv zwischen den Zähnen heraus und hastete mit klatschnass tropfenden Haaren ziemlich unsmart zum Schreibtisch, um sich den Hörer von der Gabel zu angeln und dem Anrufer ein raues "Wer stört?" entgegenzustoßen. Und auch wenn es vielleicht wie eine Frage geklungen hatte, gemeint war es als knallharte Beleidigung! Ihm war sofort klar, wen er da am Apparat hatte – nämlich Lieutenant Tenant-Tanner –, als eine gequetschte Stimme am anderen Ende der Leitung gequält quengelte: "Moddetektiv – wir haben einen Auftrag für Sie!"

Der Moddetektiv ließ sich ein paar Minuten Zeit, dann entgegnete er: "Lou (das war der Vorname Tenant-Tanners), warum rufen Sie immer mich an, statt Ihre Fälle selber zu lösen?"

"Moddetektiv, es handelt sich um einen Mord in der Szene, eine knifflige Sache, Sie sind der Einzige, der den Fall vielleicht lösen kann, wir brauchen Sie!"

"Okay, geben Sie mir die Adresse", sagte der Moddetektiv und notierte mit einem Kugelschreiber, in den das Porträt der minderjährigen Queen eingraviert war, auf einem Prinz-Charles-ohrenförmigen Block die Adresse, die ihm Lieutenant Lou Tenant-Tanner buchstabierte: "Naomi – Aylin – Ucke – Bono – Eowin, noch mal Ucke – Ghane – Alfhild – Sabathea – Sabathea – Eberharda. Dann: Robin – Ildefons – Elias – Dagita."

Der Moddetektiv blickte auf den Block: Naubeugasse Ried. Doch er wusste von Tenant-Tanners legasthenischer Schwäche und brauchte nur ein paar Buchstaben zu verdrehen, dann hatte er die richtige Adresse: Neubaugasse Drei.

Er pfiff leise durch die Zähne, so als ob er die Anschrift gut kannte – und ja, Mann, er kannte sie verdammt gut! Es war das Scooterboy Inn, ein Mod-Club allerersten Ranges.

"Gut, Lou, sagen Sie Ihren Männern, sie sollen nichts anrühren, ich bin in zwanzig Minuten da", dann knallte er den Hörer zurück auf seine gabelige Schlafstätte. Um in Fahrt zu kommen, warf er erst mal Purple Heart auf den Frühstücks- und eine Scheibe auf den Plattenteller. Es waren The Sons Of A Mod mit dem Food Good-Song:

Food ease good when its teencane, Dude,

food is base Sir, when its gray Sir,

yeah, yeah, yeah ...

Zehn Minuten später stand er mit neu gestyltem French Cut wieder vor dem Spiegel, und im Office roch es nach verbranntem Fett, denn der Moddetektiv hatte sich die Haare vor dem Föhnen nur nass gemacht. Ohne Shampoo, weil erstens hatte er gar kein Shampoo im Office, und zweitens gelang das Föhnen der Frisur besser, wenn die Haare schon ein paar Tage fett waren. Im Kasten hatte er noch einen Ersatzanzug hängen, und der kam ihm jetzt wie gerufen, denn: Er zog ihn an.

Dennoch schnappte er sich den Parka vom Haken, weil: Er fuhr seinen Roller niemals ohne ihn.

Ein letzter Check im Spiegel: hellbrauner Two-Tone-Dreiknopfeinreiher, darunter ein um nur eine Nuance helleres Fred Perry, oberster Knopf geschlossen, und bei den Schuhen hatte er sich für Clarks entschieden, es würde verdammt heiß sein – heute, wo es schon am Vormittag so heiß war, wie es später auch sein würde, nur wäre es dann schon später, und wahrscheinlich so heiß wie noch später, jedenfalls: zu heiß für die Chisel-Toe-Chelsea-Boots vom Vortag. Dennoch schnappte er sich den Parka vom Haken, weil: Er fuhr seinen Roller niemals ohne ihn.

Bevor hinter ihm die Tür ins Schloss bröselte, warf er noch zwei Dexys ein, um in Schwung zu kommen, und ließ sich seine Original-Ray-Ban auf den Nasenrücken gleiten.

Zwei Minuten später war er in der Tiefgarage angelangt, wo seine komplett verchromte Vespa GS 160 parkte (er hatte das Treppenhaus benutzt, der Moddetektiv nahm nie den Aufzug, in den 60er-Jahren hatte es wahrscheinlich noch keine Aufzüge gegeben, und bei technischen Dingen war er absolut konsequent). Für die Vespa hatte der Moddetektiv extra einen ganzen Autoparkplatz gemietet, denn sie war verdammt heikel, und allzu leicht hätte auf einem Mopedparkplatz etwas kaputtgehen können, wenn ein unfähiger Autofahrer – und davon gab es in dieser abgefuckten Pseudo-Großstadt jede Menge – sie beim Ausparken umgenietet hätte.

Nur damit das klar ist: Die Vespa des Moddetektivs war eine der bestgestylten von der Welt überhaupt! An der Schürze des Rollers thronten sechzehn Rückspiegel und zwölf Scheinwerfer, eine auf den Lenkerkopf montierte zierliche Windschutzscheibe ertrug gefasst eine Verbrämung aus Chinchillapelz, die vollendet geformte Karosserie wurde von in ihren Flanken mündenden Beifahrerfußhalterungen aus blitzendem Stahl schützend umgeben, während sich am Heck des prächtigen Vehikels ein über dessen prall gerundeten Hinterbacken verankertes Zierreserverad fand, an welchem eine fast zwei Meter lange Antenne, deren Auslauf ein anmutig im Fahrtwind federnder Fuchsschwanz bekrönte, schwang. Getragen wurde das edle Gefährt von weiß bebänderten Reifen, und hinten hing auch noch so eine schwarzweiß-karierte Kotdacke herab, die auf der Straße schliff, was eigentlich, genauso wie das Komplettverchromen der Vespa, verboten war. Aber der Moddetektiv hatte so seine Arrangements mit den Cops ...

Bevor hier jemand auf irgendwelche Ideen kommt: Einen Target oder eine britische Flagge, auf der "Mods" stand, hatte der Moddetektiv natürlich nicht auf seinen Roller geklebt, denn das wäre ausgesprochen pseudo gewesen.

Nachdem er den Schlüssel im Zündschloss verankert und das verlässliche Triebwerk mit nur einem einzigen Kickstartertritt auf Touren gebracht hatte, begab er sich mit einem knusprigen Knattern über die Rampe der Tiefgarage hinaus ins gleißende Tageslicht der Straße.

***

Christopher Just hat an der Hochschule für Angewandte Kunst Malerei studiert und ist als einer der Pioniere der elektronischen Musikszene für einige Club-Hits verantwortlich. Anschließend wechselte er zum Schreiben. Der Moddetektiv erscheint im Milena-Verlag. Mehr dazu findet ihr hier.

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