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Größter Verrat in der Geschichte von EVE: Gamer raubt 8.500 Euro und entwaffnet 4.000 Mitspieler

Weil er Streit mit seinem Chef hatte, hat ein Gamer seine komplette Fraktion verraten. Die Racheaktion gegen ihn ging so weit, dass die Entwickler seinen Kontrahenten sogar bannen mussten.

von Dominik Schott
18 September 2017, 9:22am

Bild: CCP Games

Im Universum von EVE Online sind Hinterhalte, Betrügereien, gebrochene Versprechen und intergalaktische Kriege eigentlich nichts Ungewöhnliches. Doch die Aktion, die nun ein bekannter Gamer in dem Sci-Fi-Rollenspiel durchgezogen hat, stellt selbst das Erbe der berüchtigsten Weltraumpiraten von EVE Online in den Schatten.

8.500 Euro Beute und 4.000 traurige Gesichter

Der Spieler "The Judge" war schon lange mit seinem Chef unzufrieden: Er diente seit fünf Jahren als Chef-Diplomat der Fraktion "Circle of Two" (CO2), eine der unzähligen von Spielern gegründeten Gemeinschaften. Immer wieder geriet er mit dem Fraktionsführer "gigx" aneinander, der für sein hitziges Temperament berüchtigt ist.

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Die regelmäßigen Meinungsverschiedenheiten zwischen den beiden hochrangigen Spielern erregten schließlich auch die Aufmerksamkeit der "Goonswarm Federation", die seit Jahren erklärte Gegner von CO2 sind. Die verfeindete Partei sah ihre Chance und begann heimlich Gespräche mit "The Judge" aufzunehmen, um ihn zu überreden, seine Verbündeten zu verraten und sich der "Goonswarm Federation" anzuschließen. Der Diplomat nahm diese Gelegenheit, sich an seinem Chef zu rächen, schließlich an und besiegelte in der Nacht des 11. Septembers das Schicksal von CO2 und den fast 4.000 Mitgliedern.

Für diesen "Dolchstoß am Judgement Day", wie der einschneidende Tag von der EVE-Community genannt wird, musste sich "The Judge" dabei nicht einmal sonderlich ins Zeug legen: Er wollte seinem Vorgesetzten so schwer wie nur irgendwie möglich schaden. Als Chef-Diplomat hatte er dafür auch alle nötigen Mittel zur Verfügung. Dazu gehörte auch der Zugang zum kompletten Ausrüstungsinventar seiner Fraktion – inklusive des eindrucksvollen Raumschiff-Fuhrparks.

EVE Online ist ein äußerst komplexes Spiel und verlangt eine lange Einarbeitungszeit von neuen Spielern | Bild: CCP Games

Raumschiffe zu kaufen, zu erweitern und zu verbessern, ist in EVE Online eine teure Angelegenheit: Die Piloten müssen für die eindrucksvollsten Modelle mehrere Millionen Einheiten der Ingame-Währung ISK ansparen. Es braucht kein Rechengenie, um eine Vorstellung zu haben, wie wertvoll der fremde Besitz war, der sich in den Händen von "The Judge" befand. Doch wer es genau wissen will: Sage und schreibe über 8.500 US-Dollar war der Fuhrpark samt Ausrüstung umgerechnet wert, die der verräterische Diplomat nun auf eine ganz besondere Reise schickte.

Der größte Räumungsverkauf der Weltraumgeschichte

Jedes Raumschiff und jede größere Raumstation von CO2 verkaufte "The Judge" innerhalb weniger Stunden an die verschiedenen diplomatischen Gegner seiner Fraktion, darunter auch an die Erzfeinde "Goonswarm Federation". Auch die "Keepstar", ein in EVE Online berühmtes Kampfschiff, das mit dem Todesstern aus Star Wars vergleichbar ist, ging bei diesem Handel über den Tresen.

Für die Mitglieder von CO2 war dieser Verrat natürlich verheerend: Mit dem Verkauf ihrer Raumstationen durch den Diplomaten verloren sie auch alle Ausrüstungsgegenstände, die in ihrem Zuhause gelagert hatten. Die Mehrheit der CO2-Fraktion wurde auf einen Schlag heimat- und mittellos und bemüht sich noch immer darum, irgendwie Schadensbegrenzung zu betreiben. Viele von ihnen pilgerten zur "Keepstar" und versuchten im wohl größten Räumungsverkauf der Geschichte zumindest einen Teil ihrer Besitztümer wieder zurückzukaufen oder zumindest noch etwas Geld für die verlorenen Raumschiffe zu bekommen.


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Einige andere CO2-Mitglieder nutzen die Möglichkeit des "Asset Safety Systems", eine Art Ingame-Diebstahlversicherung, die auf Antrag verlorenen Besitz in eine neutrale Zone überführt – allerdings gegen eine saftige Gebühr und mit einer Bearbeitungszeit von bis zu drei Wochen. Für die besitzlosen Spieler bedeutete das aber nur den berühmten Sprung vom Regen in die Traufe: Wie sich herausstellte, liegt der nächste Ablageort für die verlorene Ausrüstung ausgerechnet in einem Territorium, in dem verschiedene Banden ganz besonders häufig nach leichter Beute Ausschau halten.

"Benutz deine Hände, solange du noch kannst!"

Einige Mitglieder der feindlichen "Goonstar Federation" erklärten sich angesichts dieser vertrackten Situation bereit, die Opfer des spektakulären Verrats von "The Judge" auf ihrem Weg in diese gefährliche Zone zu eskortieren. Doch der CO2-Führer "gigx", der mittlerweile außer sich vor Wut war, beschwor seine Anhänger in einem Meeting, nicht auf das Angebot einzugehen, das sicher doch nur eine Falle war. Bei dieser Ansage sollte es allerdings nicht bleiben.

Wütend schrieb "gigx" in den Ingame-Chat und beschimpfte "The Judge", der aus der Ferne das Geschehen verfolgte: "Wenn irgendwer seinen echten Namen und Adresse sowie andere Details kennt, dann schreibt mir. The Judge, benutz deine Hände, solange du noch kannst."

Diese Nachricht sahen nicht nur The Judge und seine Livestream-Zuschauer, sondern auch das Entwicklerteam von EVE-Online - und während der Verrat des Diplomaten im Rahmen der Spielregeln erlaubt war, ging "gigx" ihrer Meinung nach mit der Nachricht zu weit. Und so verbannten die Entwickler den User und seine sieben registrierten Accounts. CO2, ehemals eine der größten Fraktionen des Spiels, lag zu diesem Zeitpunkt bereits in Trümmern.

Rund eine Woche später blickt "The Judge", der quasi über Nacht ein ganzes Reich zu Fall gebracht hat, mit gemischten Gefühle auf die Ereignisse zurück: In einem Reddit-Posting erklärt er ausführlich seine Motive. Er glaube weiterhin, dass er zurecht wütend auf "gigx" war, und es Zeit war, dass sich ihm jemand entgegenstellte. Gleichzeitig bereut er aber, dass so viele andere Spieler unter den Folgen seiner persönlichen Fehde leiden mussten und noch immer müssen. Aus diesem Grund will er den Erlös aus dem Verkauf des CO2-Arsenals mit den Betroffenen teilen. So gut diese Geste allerdings auch gemeint ist, so schwer wird es seinen ehemaligen Mitspielern fallen, den wohl größten Verrat in der Geschichte von EVE Online zu verzeihen.