So funktionierte eines der größten Kokain-Netzwerke Europas

Die Mitglieder des "Paraguay-Netzwerks" sollen mehr als zwei Tonnen Kokain nach Deutschland geschmuggelt haben. Acht Verdächtige müssen nun vor Gericht.

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12 Februar 2019, 2:37pm

Bananen: imago | Camera 4 ||Kokainpäckchen: imago | Aton Chile

Wahrscheinlich ist es einer der größten Coups in der Geschichte des Kampfs gegen den Kokainschmuggel in Deutschland. Fest steht: Einer der größten Prozesse ist es schon jetzt. Zwei Tonnen Kokain sollen Mitglieder des sogenannten "Paraguay-Netzwerks" aus Südamerika nach Deutschland geschmuggelt haben, allein zwischen September 2017 und April 2018. Das vermuten jedenfalls die Ermittler von Zoll und Polizei. Nun hat die Staatsanwaltschaft Landshut Anklage gegen acht mutmaßliche Mitglieder erhoben. Der Vorwurf: bandenmäßiger unerlaubter Handel mit Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge.

Laut dem NDR habe das beschlagnahmte Kokain einen Reinheitswert von 86 Prozent. Für den Konsum wurde der Stoff wohl noch gestreckt. Dass du das Kokain mal auf der Clubtoilette gekauft haben könntest, ist gut möglich. Fraglich ist aber, wer den Stoff streckte, wie es in den Straßenverkauf ging oder wer das Geld gewaschen hat. Offenbar sollte das Kokain nicht nur in Deutschland, sondern europaweit verkauft werden.

Wir haben Fragen: Wer sind diese Schmuggler? Und wie gingen sie vor?

Die Masche

Das Ermittlungsverfahren "Paraguay" begann 2017 im Landkreis Traunstein, Südbayern. In mehreren Supermärkten packten Mitarbeiter Bananenkisten aus und fanden darin nicht nur Bananen, sondern auch Kokainpäckchen, jeweils zwischen fünf und 20 Kilo schwer. Die Information landete schnell beim LKA Bayern, erzählt Jörg Beyser, Leiter des Rauschgiftdezernats dem NDR. Auf Hinweise von Mitarbeitern der Supermärkte stellten die Ermittler um Beyser Untersuchungen an und fanden immer mehr Bananenkisten mit Kokain. Im September 2017 gelangen so insgesamt knapp 200 Kilo Kokain aus den Supermärkten in Polizeibesitz. Zufallsfunde.

Die Ermittler, denen klar gewesen sein muss, dass hier nicht jemand aus Versehen Kokain in Bananenkisten verlegte, verfolgten die Spur des Kokains bis nach Südamerika. Sie gingen davon aus, dass die Drogen in Ecuador in die Bananenkisten verladen und dann auf Containerschiffen in drei Wochen nach Hamburg verschifft wurden. Statt nun in die Hafengebäude einzubrechen und das Kokain zu stehlen, oder das Schiffspersonal zu schmieren, warteten die Schmuggler ab, bis die Bananenkisten offiziell vom Zoll durchgewunken wurden. "Die Täter wissen, wie der Zoll kontrolliert und haben dementsprechend reagiert", sagt René Matschke von der Zollfahndung Hamburg.


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Die präparierten Bananenkisten wurden danach weiter in sogenannte Reifehallen transportiert, wo Bananen nachreifen und so ihre gelbe Farbe erhalten. Erst dort schlugen die Täter zu.

Immer, wenn eine Bananenkiste mit Kokain in einer Reifehalle ankam, brachen sie in die Halle ein, packten das Kokain in große Sporttaschen und verschwanden in der Nacht. Auf Überwachungsvideos war zu sehen, dass die Täter dabei vermummt und teilweise mit Pistolen bewaffnet waren. Insgesamt acht Einbrüche in Reifehallen registrierten die Ermittler in ganz Deutschland, in Bayern, in Hessen, in Nordrhein-Westfalen und im Saarland.

Die Verdächtigen

Die Ermittler überwachten Telefone, werteten Handydaten aus, installierten versteckte Kameras. So kamen sie immer mehr Verdächtigen auf die Spur. Die Hinweise spannen sich zu einem hierarchisch aufgebauten Schmugglernetzwerk zusammen, gesteuert aus Hamburg.

Unter den acht, größtenteils albanisch-stämmigen Angeklagten ist auch der 21-jährige Dario L. Er soll einer der Anführer und der "Logistiker" der Gruppe gewesen sein. L. mietete sich in Hamburg eine Wohnung, die als Lager und Umschlagplatz der Drogen diente. Dort fanden Polizisten bei einer Durchsuchung Lieferscheine für Bananenkisten. Die Einbrüche wurden von Tätern durchgeführt, die teilweise extra aus Albanien eingeflogen wurden. Beaufsichtigt wurden sie angeblich vom "Chefeinbrecher", dem 25-jährigen Klajdi D. Darüber stand der 40-jährige Alberto K. Er soll die Gruppe geleitet haben. Die Polizei beobachtete Teile der Gruppe, wie sie gemeinsam Reifehallen ausspionierten und sich in einem Hamburger Café absprachen.

Im April 2018 folgte der Zugriff. Polizeibeamte und Zollfahnder verhafteten mehrere Personen. Sie durchsuchten Wohnungen in Ahrensburg, Hamburg und Hannover. Dabei fanden sie unter anderem zwei Revolver und rund 30.000 Euro in bar. Insgesamt stellten die Drogenfahnder im Laufe der Ermittlung eine Tonne Kokain sicher.

Vier Drogenkuriere wurden bereits im Dezember 2018 in Hamburg zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. Die Polizei erwischte sie dabei, wie sie 180 Kilo Kokain in einen Van luden und dann auf die Autobahn Richtung Niederlande fuhren. Dort sollten die Drogen an einen Mittelsmann übergeben werden. Schon damals war die Polizei von einem europaweiten Drogenring ausgegangen, mit Hintermännern in den Niederlanden und Albanien.

Das Netzwerk

Laut dem LKA Bayern gehört das "Paraguay-Netzwerk" zur Mafia im West-Balkan. "Diese Leute sind dafür bekannt, dass sie eine recht niedrige Hemmschwelle zur Gewaltanwendung haben", sagt Chefermittler Jörg Beyser. Es werde nun geprüft, ob die Schmuggler auch Verbindungen zu Mitwissern in Logistikfirmen haben, die sie über die Transportroute der Bananenkisten informierten.

Obwohl unter den acht Angeklagten auch Menschen aus der mittleren Führungsebene waren, gehen die Fahnder davon aus, nur einen kleinen Teil einer größeren Drogenbande geschnappt zu haben. "Die Beteiligten, die man wegfischt und anklagt, werden schnell durch andere ersetzt", sagt René Matschke von der Zollfahndung Hamburg. "Es gelingt kaum, diese Struktur im Augenblick dauerhaft zu zerstören." Man konzentriere sich nun auf die Hintermänner, die wohl in Albanien, Niederlande und Ecuador sitzen.

Während die Gerichte noch entscheiden müssen, ob der Fall zur Hauptverhandlung kommt, geht der Drogenschmuggel weiter. Der NDR berichtet, dass in den letzten Monaten weitere Kokainpäckchen in andere Länder geschleust wurden, zum Beispiel nach Polen. Wieder versteckt in Bananenkisten und wieder verschickt aus Ecuador.

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