Foto: b_earth_photos | Flickr | CC BY 2.0; Collage: VICE 

Warum uns jeder Mensch, mit dem wir eine Beziehung führen, enttäuschen wird

Lara Gohr

Eine Paartherapeutin sagt, es gibt nicht "die eine richtige Person", und erklärt, was es damit zu tun hat, dass wir als Säuglinge nicht satt geworden sind.

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Eigentlich wissen wir, dass die ganzen Bilderbuch-Beziehungen auf Instagram und Facebook größtenteils nur Show sind und es im wahren Leben nicht wie in romantischen Hollywood-Filmen immer ein Happy End gibt. Trotzdem hoffen wir, den Einen oder die Eine zu finden, und wollen mit dieser Person glücklich sein bis an unser Lebensende.

Dann verlieben wir uns, haben große Gefühle und große Pläne, vergessen zu essen und zu schlafen. Doch irgendwann regen wir uns auf, wenn der andere zu spät kommt oder sich nicht meldet. Dann streiten wir uns und wissen am Ende gar nicht mehr warum.

Die Paartherapeutin Andrea Bräu sagt: "Der Wunsch nach Perfektion ist das Problem." Im Interview erzählt sie, warum junge Menschen bindungsunfähig sind und was man tun muss, damit es doch klappt mit der Liebe.

VICE: Sollten wir immer auf unser Herz hören?
Andrea Bräu: Manchmal würde es gar nicht schaden, das Hirn einzuschalten. Liebe ist kein Instinkt. Die Kunst ist, zwischen Herz und Verstand abzuwägen. Sich in eine Person zu verlieben, passiert einfach. Aber ob ich jemanden auch langfristig annehmen kann, ist eine ganz andere Sache.

Was spricht dagegen, mit jemandem zusammenzusein, in den wir uns verliebt haben?
Vielleicht ist der Altersunterschied von 20 Jahren zu groß. Oder mein neuer Partner will seine Frau für mich verlassen, hat aber schon sechs Kinder von drei Frauen. Einige scheinen sich mit der Liebe sicherer zu sein, je unlogischer eine ernst gemeinte Partnerschaft scheint.

Der britische Philosoph Alain de Botton sagt, wir werden eh alle die falsche Person heiraten, weil wir Menschen so kompliziert sind.
In gewisser Weise stimmt das, denn jeder wird uns enttäuschen. Wir haben oft unrealistische Erwartungen: Es gibt keine Beziehungen ohne Verletzungen. Wir verletzen andere, obwohl wir sie lieben – und umgekehrt. Man könnte sagen, wir heiraten alle die falsche Person.

Aber der perfekte Partner soll uns doch glücklich machen.
Entweder wir sind glücklich oder nicht, der Partner kommt dann dazu. Vom dem zu verlangen, mich glücklich zu machen, belastet die Beziehung. Der andere muss ja auch seine eigenen Bedürfnisse beachten, und das ist viel Arbeit. Das kann er nicht noch für mich übernehmen, das ist meine Verantwortung. Dazu kommt noch, dass viele in einer Beziehung auch leiden wollen.

Ich kenne niemanden, der das so sagt.
Unser Unterbewusstsein neigt dazu, sein Leiden zu wiederholen. Weil wir Liebe aus der Kindheit auch damit verbinden. Weil der Vater uns manchmal abgewertet, angebrüllt oder die Mutter uns in der Öffentlichkeit bloßgestellt hat. Was unsere Eltern uns "angetan" haben, verinnerlichen wir. Wenn wir das nicht reflektieren und auflösen, suchen wir auch später immer wieder nach diesem Leid. Wer zum Beispiel einen gewalttätigen Elternteil hatte und das nicht verarbeitet hat, wird mit großer Wahrscheinlichkeit einen gewalttätigen Partner haben.


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Dabei wollen wir doch einen Partner, der uns und unsere Bedürfnisse versteht.
Das höre ich immer wieder: "Wenn mein Partner mich wirklich lieben würde, dann müsste der doch wissen, dass … " Gar nichts muss er oder sie, das sind ganz normale Menschen. Unser Partner wird unsere Seele nicht lesen können. Wir müssen ihm sagen, was wir wollen, wie wir uns fühlen, was unsere Bedürfnisse sind.

Warum begreifen wir das nicht?
Wegen unserer Kindheit. Im Idealfall haben unsere Eltern versucht, uns zu verstehen und unser Leiden zu mildern. Ob wir Hunger hatten, uns kalt war, wir Liebe brauchten. Sie haben versucht, uns die Wünsche von den Augen abzulesen. Oder eben nicht: Wenn wir als Säugling nicht satt geworden sind, soll das jetzt unser Partner ausgleichen.

Wir haben also ein völlig falsches Bild von Liebe?
Richtig, wir vergessen, dass Liebe besonders eines bedeutet: zu geben. Meine Aufgabe ist es, Zeit, Geduld und Neugier zu haben. Meinem Partner zuzuhören und seine Handlungen zu interpretieren. So wie Eltern das bei ihren Kindern tun.

Das klingt, als wäre es falsch, dass wir geliebt werden wollen.
Nein, es ist ein existentielles Bedürfnis und auch OK. Das Problem ist, wir lieben uns meist selbst nicht. Manche finden sich zum Beispiel hässlich, verlangen aber vom Partner, jeden Tag zu hören, wie schön man sei. Die Lösung ist fast immer, an uns zu arbeiten und zu überlegen, was wir warum fühlen. Das bedeutet auch, uns klar zu sein, dass nichts und niemand perfekt ist. Wir sollten lernen, mit unseren Schwächen umzugehen, statt vom Partner zu verlangen, sie zu lieben.

Klingt nicht sehr romantisch.
Wenn wir reifen und uns verändern wollen, dann brauchen wir Menschen, die uns sagen, was schwierig an uns ist. Ich kann ja nicht sagen, ich nehme meinen Partner an, wie er ist, und deswegen sage ich nichts, wenn er das Geschirr tagelang stehen lässt. Liebe ist also gar nicht bedingungslos, sie funktioniert nur, wenn man sich gegenseitig zu Wachstum verhilft.

Macht das nicht die Gefühle kaputt?
Es geht ja auch nicht darum, was gesagt wird, sondern darum, wie es gesagt wird, und noch viel mehr darum, welche Emotionen es auslöst. Zum Beispiel: Der Partner findet, dass ich zu verklemmt im Bett bin, das löst oft heftige Schamgefühle oder Ängste aus. Das ist aber hilfreich, um daran zu wachsen – ohne Spiegel kann ich mich auch nicht "hübsch" machen, weil ich mich ja nicht sehen kann. Nur leider wollen viele das gar nicht. Wer Kritik grundsätzlich nicht vertragen kann, hat in der Regel wenig Selbstwertgefühl und sollte an sich arbeiten. Das hat nichts mit Romantik zu tun.

Gibt es die wahre Liebe?
Ich glaube an Seelenverwandtschaft, aber auch, dass es viele potentielle Partner gibt, die zu mir passen. Ein Seelenverwandter ist für mich jemand, der besonders gut mit meinen Eigenheiten und Schwächen umgehen kann. Meine Klienten beschreiben es oft als ein Gefühl, als ob man sich schon ewig kennen würde. Das habe ich so aber noch nie erlebt. Leider projizieren wir am Anfang, wenn wir verliebt sind, vieles in den anderen hinein, was uns später einholt und auf den Boden der Tatsachen zurückholt.

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