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Disco-Nostalgie mit Andrew Butler

Der Kopf von Hercules and Love Affair liebt menschliche Fehler in Musik.
22.10.12

Foto: Aljoscha Redenius

Andrew Butler ist ein früher Vogel der Disco-Szene. Mit 15 begann er in Clubs aufzulegen, auf Warehouse-Raves durchzumachen und alle möglichen Drogen auszuprobieren. Jahre später startet er sein Band-Projekt Hercules & Love Affair, wird einer der gefragtesten Produzenten und Remixer seines Genres und gründet sein eigenes Label MR. INTL, auf dem ausschließlich Tracks veröffentlicht werden, die nach House- und Disco-Musik aus den späten 80er und frühen 90er Jahren klingen. Am 2. November erscheint ein DJ KICKS Mix von Hercules & Love Affair, auf dem die musikalischen Einflüsse des New Yorker Produzenten angesammelt sind. Grund genug, sich mit dem Kopf von Hercules & Love Affair zu treffen und in alten Erinnerungen zu graben: von früheren Raves, der heutigen Clubkultur, Drogen- und Tanzexzessen und der Entwicklung der House-Musik seit den 80er Jahren.

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Noisey: Was würdest du sagen, ist die größte Veränderung, die Discomusik seit den 80er Jahren erlebt hat?
Andrew Butler: Es hat sich von diesem enormen melodischen Ort zu einer reineren minimalistischen Dancemusik gewandelt. Wohingegen man in den Diskozeiten einen Sänger, drei Backroundsänger, einen Bassisten, einen Conga-Spieler, Bläser, Gitarristen und Streicher hatte, kann man heutzutage als einzelne Person alles alleine machen. In den späten 80er Jahren, als die frühe Housemusik aufkam, spielten viele Nichtmusiker oder Leute, die eher amateurhaft waren, diese Musik. Sie benutzten einfach Dinge, die sie im Secondhandladen fanden, eine alte Drummashine oder ein altes Synthie, das die Leute weggeworfen hatten, und machten damit ziemlich simple Musik. Es gab Sänger, die keine guten Sänger waren, weil man einfach zu einem Freund oder zu dem Mädchen aus der Straße gegangen ist, und sagte: “Komm doch morgen zu mir und wir nehmen einen Song auf.” Also hatte man all diese Leute, die es wirklich nur versuchten, und es war nie perfekt. Die Aufzeichnung war nicht perfekt, die Drummashine war sehr simple, die Bassline war dumm und einfach. Aber wenn alles zusammengekommen ist, hat es etwas sehr charmantes. Man musste sich also immer auf viele andere Musiker verlassen. Und dann wurde die Technologie immer ausgereifter. Sie wurde immer besser. Und jetzt muss man nur noch ein paar Knöpfe auf dem Computer drücken. Man klickt mit der Maus ein paar Mal herum und schon hat man einen Song.

Bist du deswegen nostalgisch?
Nein. Ich glaube aber, es ist wichtig, dass man wieder mehr Menschlichkeit in die Musik steckt. Ich mag es nicht, wenn es nur eine Maschine ist, die die Musik macht. Mir gefällt es, wenn man hört, dass ein Mensch die Maschine manipuliert, um Musik zu machen. Man hört, wie der Mensch Fehler macht, es ist nicht perfekt und das ist der charmanteste Teil daran. Es ist eine Sache, einen DJ zu hören, der perfekt ist. Aber manchmal ist das so roboterhaft. Ich finde es gut, wenn man hört, wie jemand Fehler macht. Das macht es menschlich. Ich denke deswegen bin ich nostalgisch.

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Du hast mal gesagt, dass es für viele Leute wie eine religiöse Erfahrung ist, im Club zu sein. Meinst du, das hat sich auch verändert?
Ich glaube, junge Leute suchen alle nach der gleichen Sache, auch jetzt noch. Für viele Leute sind Drogen der Schlüssel für diese spirituelle Erfahrung. Man fühlt sich dann den Leuten um dich herum näher, man fühlt sich als Teil von ihnen, von einer Gemeinschaft, einer Szene. Und man denkt: “Ich verstehe total, was der DJ da macht. Ich bin total in der Musik drinnen.” Drogen öffnen oft die Tür. Aber am besten ist es, wenn man im Club ist, und man ist so berührt und so inspiriert, dass man anfängt zu tanzen, selbst wenn man nicht auf Drogen und nicht betrunken ist. Ich finde, das sind die Momente, die am spirituellsten und tiefgründigsten sind.

Als ich aufwuchs, konnte ich neben einem Lautsprecher schlafen. Wir waren auf einer Warehouse-Party, es war 8 Uhr morgens, der DJ spielte noch und ich war da. Als ich dann 21 war, habe ich nichts genommen, nichts getrunken, ich war einfach immer nur tanzen. Ich tanzte 4, 5 Stunden durch, ohne auf etwas zu sein. Leute kamen zu mir und fragten: “Auf was bist du? Und wo kann ich es kriegen?” Ich sagte ihnen, dass ich auf nichts bin und sie glaubten mir nicht. Sie meinten: “Du lügst! Deine Pupillen sind so riesig.” Nein, bin ich nicht. Vielleicht war ich vor ein paar Jahren auf was und meine Pupillen sind deswegen noch immer so groß. Aber genau diese Momente, in denen man nicht aufhören kann zu tanzen und sich zu bewegen… Du wirst quasi dazu gezwungen, dich vor fremden Leuten mit deinen Körperbewegungen auszudrücken. Man tanzt neben jemandem und wenn man nüchtern ist—oder auch nicht, es ist im Prinzip egal—dann lächelt man denjenigen an, und man fühlt sich allen Leuten um einen herum näher. Es passiert, dass man diese Gemeinschaft und Spiritualität spürt.

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Glaubst du, Drogen verstärken diese Erfahrung oder machen sie intensiver?
Ja, ich glaube das können sie. Das ist immer so witzig, wenn man Leute auf Ecstasy im Club sieht und sie sind so zärtlich miteinander, aber es ist wahrscheinlich das erste oder zweite Mal, dass sie sich sehen und natürlich haben wir alle schon das dümmste Zeug auf diesen Drogen gesagt, wie „Ich liebe dich so sehr! Du bedeutest mir so viel!” Und man fragt sich „Bedeute ich dir wirklich so viel? Oder bedeutet dir Ecstasy so viel?” (lacht) Aber es ist auf jeden Fall förderlich, seine Hemmungen fallen zu lassen und offener zu sein. Aber ich finde es großartig, wenn Dancemusik dich berührt.

Du hast mal in einem Interview gesagt, dass Hercules & Love Affair absolut keine Partyband ist.
Naja, es kommt darauf an, wer zu der Zeit in der Band ist. Wir hatten auch schon sehr wilde Charaktere in der Band. Und ich war zu Zeiten auch ein wilder Charakter.

Jetzt nicht mehr?
Ich versuche es. Ich bin schon noch wild, aber in einer anderen Weise. Ich bin ziemlich schräg. Damit meine ich, dass ich eher metaphysisch bin, ein bisschen hippie-mäßig, jenseitig. Aber setz mich nicht vor eine Flasche Wodka. Weil ich werde ausflippen. Die Leute, mit denen ich gerade arbeite, Leute, die für mich singen, wissen auch, wie man feiert und abgeht.

Ich kann mir auch gut vorstellen, dass du feiern kannst.
Das kann ich, leider. (lacht) Normalerweise willst du aber nicht, dass ich das tue.

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Gibt es irgendwas, dass du jungen Menschen über Discomusik erzählen würdest, das sie verpasst haben, einfach weil sie zu spät geboren wurden?
Ich bin eigentlich auch zu spät geboren, nachdem Disco passierte. Deswegen habe ich auch viel verpasst.

Du hast ja aber schon ziemlich früh angefangen.
Ja, das habe ich. Aber ich denke, am Anfang der Disco gab es einen heftigen Sinn für Freizügigkeit. Die Leute waren absolut ungeniert. Es kam nicht selten vor, dass man richtig wilde Sachen gesehen hat. Es war nicht ungewöhnlich, dass die Leute sagten „Scheiß auf das Geschlecht, Scheiß auf die Rasse. Es ist egal, wer ich bin. Ich bin der, der ich sein möchte.” Man sah die Leute, Sex auf der Tanzfläche haben, Frauen und Männer, alles mögliche abgefahrene Zeug, viele Drogen in der Öffentlichkeit. Als ich Anfang der 90er anfing zu feiern, waren die Leute nicht mehr so frei. Es war alles verdeckter und passierte eher im Verborgenen. Es gab viele Drogen und viel Sex, aber nicht in dem Maße, wie es in den Discotagen passierte oder in den 80ern.

Meinst du heutzutage ist das noch weniger geworden?
Ja, ich denke schon. Aber es ist trotzdem so, dass das alles noch passieren kann. Ich glaube, ich würde nie einer jüngeren Person erzählen, dass sie das Beste an Dancemusik verpasst hat. Dieselben Dinge können immer noch passieren. Ich habe es auch schon direkt vor mir gesehen. Es macht Spaß. Es ist etwas, auf das man vorbereitet sein muss, und womit man vorsichtig umgehen muss. Man muss Respekt davor haben, wie gewaltig das alles sein kann und aufpassen, dass man sich nicht darin verliert. Viele meiner Freunde, mit denen ich aufgewachsen bin, sind tot, im Gefängnis oder eine lebende Katastrophe. Und dann gibt es wieder welche, die es geschafft haben, ihr Leben unter Kontrolle zu kriegen. Ich würde sagen, dass die gleiche Begeisterung, die es in den 70er Jahren gab, als Raves aufkamen und als Housemusik geboren wurde, immer noch passieren kann. Ich würde dir nicht sagen, dass du was verpasst hast.

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Wovon hängt das ab? Vom Club?
Auf jeden Fall. Wenn du zum Beispiel hier in das Berghain gehst, kann es der absolute Freifall sein. Man kann alles sehen. Ich bin allerdings jemand, der nicht an Sex im Club interessiert ist oder daran, Drogen in der Öffentlichkeit zu nehmen oder absolut fertig zu sein. Es gab ein oder zwei Momente auf der Bühne, in denen ich absolut fertig war und ich mag diese Momente nicht. Aber ich denke, Berghain ist so ein Ort. Es gibt hier viele Clubs, bei denen es mehr um die Erscheinung geht. Man sieht keine Menschen, die sich fallen lassen, sie sehen gut aus und geben sich Mühe, das Richtige zu tun und sich richtig zu verhalten. Im Berghain sind die Leute einfach frei. Berlin ist ein Ort, an dem so etwas immer noch passieren kann, wie die 70er Jahre wahrscheinlich waren. Aber ich hoffe, die Leute sind jetzt ein bisschen vernünftiger.

Ich glaube nicht.
Ja, du hast wahrscheinlich Recht, was ein bisschen beängstigend und traurig ist. Aber das ist der Grund, warum ich diese Situationen meide. Ich will mich nicht in solchen Situationen wiederfinden. Es können auch wunderschöne Dinge im Club passieren, aber es können auch beängstigende Dinge passieren. Man will nicht so ein Opfer des Nachtlebens sein. Und Musik ist zu wichtig für mich, als dass ich es deswegen aufgeben würde. Ich will fähig sein, in den Club zu gehen, nüchtern zu sein und mir keine Sorgen darüber zu machen, ob ich einfach umkippe oder es nicht zum Klo schaffe, weil ich auf die Fresse falle oder in eine Schlägerei gerate. Das willst du nicht.

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Frank Ocean hat letztens gesagt, wenn man glücklich ist, genießt man die Musik und wenn man traurig ist, versteht man die Lyrics. Bei Discomusik geht es ja viel um Freude und Tanzen, aber du legst auch viel Wert auf ernsthafte Lyrics. Was meinst du, in welchem Zustand sollte man deine Musik am besten anhören und verarbeiten?
Ich würde sagen, wenn man wirklich verstehen will, was ich in den Lyrics sage, dann sollte man eher in einem nachdenklichen, ernsten Zustand sein, in dem man über Dinge nachdenkt und den Texten Aufmerksamkeit schenkt. Damit hat Frank Ocean Recht. Und normalerweise habe ich schon eine Botschaft in meinen Lyrics. Es gibt immer eine Substanz im lyrischen Kontext. Ich finde nicht, dass ich Lyrics schreibe, die man wegwerfen kann. Viel von der heutigen Popmusik ist einfach austauschbar, die Texte bleiben nicht hängen, sie spielen keine Rolle. Wenn du zum Beispiel einen Song von David Guetta hörst, werden die Lyrics nie tiefgründiger. Ich dagegen war schon immer eher tiefgründiger. Ich denke, man muss tatsächlich aufmerksam zuhören. Aber es ist auch ok, wenn du es nicht tust und nur an der Musik interessiert bist, wenn einem die Melodie gefällt und man überhaupt nicht auf die Texte hört. Ich war früher so. Ich habe ein Lied geliebt und wenn mich jemand nach dem Text gefragt hat, habe ich alles falsch gesagt, weil ich auf ein Instrument gehört habe und nicht auf die Worte. Ich denke, er hat Recht. Wenn man glücklich ist, hat man diese oberflächliche lebensfrohe Beziehung zu der Musik. Wenn man traurig ist, sucht man nach Worten, die für dich in diesem Moment intensiv und bedeutungsvoll sind, weil man eine Bedeutung in der Situation sucht. Aber normalerweise kann man das in meinen Texten auch finden.

Gibt es Geschichten, die du mit den einzelnen Songs verbindest, die auf dem Mix sind?
Ja, bei den meisten Songs hatte ich Erlebnisse im Club. Ich habe sie auf den Mix genommen, weil ich damals so krass zu den Lieder getanzt habe. Zum Beispiel Klubb Kidz mit “Don't want to hurt you” oder DJ Duke Presents Freedom mit “Love Don’t Come Easy”, mit all diesen Piano-House-Tracks bin ich aufgewachsen und habe im Club getanzt. Normalerweise haben San-Francisco-DJs oder Chicago-DJs diese Musik gespielt und ich bin total durchgedreht. Ich erinnere mich noch genau daran. Einmal war ich in einem Flugzeughangar und um einen herum waren Flugzeuge und 3000 Leute und der DJ spielte diesen Song. Diese Momente verbinde ich mit den Liedern. Ich weiß genau, wo ich war, als dieser Song gespielt wurde. Die meisten Songs verbinde ich mit ganz speziellen Nächten aus meinen Teenagerjahren—meistens auf richtig vielen Drogen.

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Welches Lied bringt dich immer zum Tanzen?
Es gibt viele Songs, bei denen ich einfach tanzen muss. Da stehe ich auch mehr auf die Klassiker. Wenn du zum Beispiel ein Inner City Song auflegst. Mein Gott habe ich zu “Good Life” und “Big Fun” viel getanzt. Ich kann mir nicht helfen, ich muss tanzen. Auch bei Technotronic “Pump Up The Jam”—spiel das Lied und ich tanze. Ich weiß, das ist kitschig, aber ich tanze trotzdem. Es gibt so viele Lieder. Ich würde sagen, alle Songs auf der Compilation. Wenn ich ein DJ höre, der einen der Tracks auflegt, stehe ich sofort auf der Tanzfläche. Viele Discosongs, ein paar klassische Elektrosongs, einige Hip Hop Tracks. Ich tanze einfach gerne. Und ich bin nicht der Typ, der sich darum schert, ob andere Leute tanzen. Viele Leute fangen nicht an zu tanzen, bis jemand anderes tanzt. Man geht in einen Club und manchmal dauert es ein paar Stunden bis die Leute anfangen zu tanzen. Sie brauchen was zu trinken oder müssen sich erst locker machen. Ich bin immer locker. Ich gehe in den Club, auch um 8 Uhr abends, und wenn ich der erste Mensch dort bin, ich tanze. Irgendwer muss ja anfangen. Und ich bin immer diese Person.

Tanzt du auch, wenn die Musik nicht gut ist?
Wenn ich die Musik nicht mag, dann tanze ich nicht. Das ist mir total egal. Das nervt mich so sehr, wenn Leute kommen, die die Musik abfeiern, und dann sagen „Warum tanzt du nicht?” Ich hasse das. Ich würde schon tanzen, wenn ich wollen würde. Es gibt einen Grund, warum ich nicht tanze. Ich will nicht wie eine Zicke rüberkommen, aber ich kann Tanzen nicht fälschen. Weißt du wie es ist, wenn Leute in die Kamera lachen? Man hat dieses falsche Grinsen drauf und das kann man sehen. So ist das beim Tanzen auch. Wenn ich nicht will und trotzdem anfange, sieht man das am ganzen Körper. Ich sehe aus wie die bescheuertste Person. Ich versuche immer nett zu sein und es den Leuten recht zu machen, aber ich habe gelernt, dass es wirklich unangenehm ist, wenn ich zu Musik tanze, die mir nicht gefällt (lacht). Dann sagt jeder: “Ist schon ok. Du kannst aufhören.”

Ich verstehe das. Ich finde es selbst schwer, in einem Club zu bleiben, wenn einem die Musik nicht gefällt.
Ja, ich weiß. Es ist, als ob der DJ dich bittet, zu gehen. Vor allem wenn es richtig laut ist oder die Musik richtig anstrengend. Zum Beispiel Dub Step macht mich wahnsinnig. Das ist wie Selbstmord. Ich würde mich lieber umbringen, als in diesem Club zu bleiben. Oder ich setze mich in die Ecke und schaue den DJ richtig böse an. Ich hasse es diese Person zu sein, die in der Ecke sitzt und den DJ böse anschaut. Mir ist das auch schon mal passiert. Als DJ denkt man sich dann, warum gehst du nicht einfach verdammt? Setz dich hier nicht hin und schau mich so an. Und ich kann das bei Dub Step und ganz viel anderer Musik auch nicht.

Das nennt man dann einen Club-Nazi oder Musik-Nazi.
Ja, genau das bin ich. Aber es nervt. Ich weiß auch, dass ich total nervig sein kann. Wenn Leute mich fragen, ob ich irgendwo hin mitkomme und ich will nicht, dann sage ich immer: „Pass auf. Wenn ich mitkomme, werde ich dich richtig nerven.“ „Warum bist du so schlecht drauf? Warum tanzt du nicht?“ Ich werde richtig ätzend. Das kann einen wirklich schlecht drauf machen. „Du hättest mich einfach nicht fragen sollen, ob ich mitkomme, weil ich jetzt echt unglücklich bin.“

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Die Dj-Kicks von Hercules And Love Affair erscheinen am 29. Oktober bei K7! Records.