Sorge dich nicht um Morrisseys Krebserkrankung, er wird nie wirklich sterben

„Wenn ich sterbe, dann sterbe ich."

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08 Oktober 2014, 3:00pm

„Es kann ein ganzes Leben lang dauern, echte Freundschaften aufzubauen. Gleichzeitig enttäuschen dich Menschen umso mehr, je länger du sie kennst.“ Das sagte Morrissey vor ein paar Tagen in einem Interview mit der spanischen Zeitung El Mundo, das er anlässlich seiner bevorstehenden Konzerttermine in Barcelona und Madrid diese Woche gab. Es ist allerdings nicht unwahrscheinlich, dass er mit dieser Aussage eigentlich sich selber gemeint hat. Sie beschreibt ein Gefühl, an das sich die Fans des jähzornigen, oft unbequemen und ständig abschweifenden Sängers mit der Zeit gewöhnt haben. Nein, Enttäuschung war nie nur ein Nebenprodukt unserer Beziehung zu Morrissey, sie war immer ihr Hauptbestandteil. Je mehr wir enttäuscht werden, desto näher rücken wir zusammen, könnte man sagen.

Dieser Zustand hat sich in den letzten Jahren noch einmal dadurch verschärft, dass seine eh schon regelmäßigen Tourabsagen aufgrund vermeintlicher Erkrankung noch einmal zugenommen haben—worunter auch seine jüngste Tour zu seinem Album World Peace Is None of My Business zu leiden hatte (die ich zum Glück trotzdem noch sehen durfte). Die Enttäuschung unter seinen ehrfürchtig Ergebenen, wie mir selbst, ist durch seine scheinbare Gleichgültigkeit und mangelnde Professionalität schon des Öfteren in Ärger und Wut umgeschlagen. Diese Woche jedoch hatte es der ehemalige The Smiths-Frontmann geschafft, alles wieder komplett auf den Kopf zu stellen, indem er überraschend bekannt gab, dass er sich die ganze Zeit in einer Krebsbehandlung befunden hat.

„Sie haben jetzt schon zum vierten Mal von Krebs befallenes Gewebe aus mir rausgekratzt“, so Morrissey. „Aber wen kümmert das schon? Wenn ich sterbe, dann sterbe ich. Und wenn nicht, dann nicht.“

Und so hat er uns wieder einmal überlistet. Mal wieder haben wir einer morrisseyanischen Präsentation emotionalen Judos beiwohnen können. Ja klar, ich war die letzte Zeit nicht gut zu erreichen, aber ihr versteht das schon, ich hatte mit dem Tod zu tun. Ihr werdet mir das bestimmt verzeihen können.

Vielleicht ist es aber noch etwas zu früh, sich jetzt schon Gedanken über einen Nachruf zu machen. Momentan sagt er, dass es ihm ganz gut geht. „Ich mache mir darum gerade keine Sorgen. Ausruhen kann ich mich, wenn ich tot bin.“ Allerdings sollte man wohl darauf hinweisen, dass er Ende letzten Jahres, neben anderen Dingen, wegen eines Barrett-Ösophagus in ein Krankenhaus eingeliefert worden war. Diese Krankheit kann zu einer besonders schlimmen Form von Rachenkrebs führen.

Seine Fans haben die Nachricht, wie man sich wohl denken kann, nicht sehr gut aufgenommen—und das liegt nur zu einem kleinen Teil daran, dass es jetzt wahrscheinlich wirklich keine The Smiths-Reunion geben wird. Die Aussicht auf den baldigen Tod eines beliebten Künstlers oder anderen Person des öffentlichen Lebens ist selten Anlass zur Freude—auch wenn es wahrscheinlich nicht wenige Menschen auf diesem Planeten gibt, denen das Ableben des Miesepeters ein hämisches Grinsen ins Gesicht zaubern wird. Mich hat die Konfrontation mit der Sterblichkeit meines Lieblingssängers allerdings in gewisser Weise emotional gelähmt. Ich hätte eigentlich erwartet, dass meine Reaktion mit einer ernsthaften und unerträglichen Verschiebung meines emotionalen Gleichgewichts einhergehen würde. Natürlich wusste ich, dass er eines Tages sterben wird—wie jeder von uns. Mit dieser Tatsache jetzt aber direkt konfrontiert, ertappte ich mich in kindischer Begeisterung für die Romantik eines der größten Tabus unserer Zeit. Das kommt vielleicht gar nicht so überraschend, wenn man bedenkt, dass wir Leidgeplagten uns in den morbiden Gefilden zuhause fühlen. Um es noch mehr auf den Punkt zu bringen: Morrissey hat uns, seit wir ihn das erste Mal gehört haben, wie wahrscheinlich kein anderer Künstler seiner Formats, auf seinen Tod vorbereitet. Dieser Balanceakt auf Messers Schneide macht im Grunde den eigentlichen Anreiz aus. Ohne den ausschweifenden Tanz mit dem Tod wäre Morrissey nur ein trauriger, unsympathischer Einzelgänger. Wo bliebe nur die ganze Dramatik?

„Ich bin mittlerweile in einem Alter, in dem man keine Musik mehr machen sollte“, sagte er in einem Interview. Vielleicht stimmt das, aber selbst sein neueres Material ist fesselnder als das, was andere Künstler fabrizieren, die noch nicht ihr Haltbarkeitsdatum überschritten haben. „Viele klassische Komponisten sind mit 34 Jahren gestorben. Ich bin immer noch hier und niemand weiß, etwas mit mir anzufangen“, so Morrissey weiter.

Genau so ist es auch den vielen Personen in der Literatur ergangen, von Blake bis Shelley, bei denen sich die Ursprünge von Morrisseys morbider Romantik finden lassen. „Spaß ist ein künstliches Konstrukt und wenn man dazu kein Sexleben hat (und ich habe überhaupt keins), ist es unmöglich, sich mit Menschen abzugeben, weil Menschen pausenlos über Sex reden“, erinnert er uns. Sex ist das offensichtliste Mittel, das wir haben—sowohl physisch als auch metaphorisch—um den Tod zu verneinen. Was bedeutet es dann also, die Verneinung zu verneinen?

Seine—und damit auch unsere—Besessenheit mit der eigenen Sterblichkeit, kommt für niemanden wirklich überraschend. Nichtsdestotrotz ist es anschaulich, sich noch einmal vor Augen zu führen, wie untrennbar seine Musik schon immer mit dem lauernden Schatten des Todes verbunden war. Allein auf dem ersten, selbstbetitelte Album der Smiths wimmelt es von genug Geistern, um einen ganzen Friedhof zu füllen: „Pretty Girls Make Graves“, „Reel Around the Fountain“, „Still Ill“ und „Suffer Little Children“. Es wäre wahrscheinlich einfacher, eine Liste aus Smiths- und Morrissey-Songs zusammenzustellen, deren Hauptthema nicht der Tod ist—oder wenigstens mit solchen, die mehr von einem tiefsitzendes Gefühl seiner ständig drohenden Allgegenwärtigkeit handeln: „First of the Gang to Die“, „The Bullfighter Dies“, „You Have Killed Me“, „The Father Wo Must Be Killed“ oder „There’s a Place in Hell for Me and My Friends“—um nur einige zu nennen. Der eine Song, den ich allerdings den ganzen Morgen schon nicht aus meinem Kopf bekommen konnte, war „I Know It’s Over“ von The Queen Is Dead:

Oh mother, I can feel the soil falling over my head.”

„Cemetry Gates“ wiederum zeigt uns, wie wir Morrisseys eventuellen Tod zu verarbeiten haben:

So we go inside and we gravely read the stones, all those people all those lives where are they now? With the loves and hates, and passions just like mine, they were born and then they lived and then they died.”

Ja, es ist schwer, das Echo dieser Zeilen anlässlich der trockenen Bekanntmachung seiner angeschlagenen Gesundheit nicht im Hinterkopf mitklingen zu lassen. Man kann sich nur fragen, ob der Tod—das Reich von Keats, Yeats und dem „weird lover Wilde“, sowie der endlosen Reihe tragischer Filmstars und Schriftsteller, von denen er in seinen Songs besessen ist—nicht das Reich ist, in das auch Morrissey eigentlich gehört. Nein, damit meine ich nicht Steven Patrick Morrissey den Menschen, sondern Morrissey die Idee—die, die wir kennen und die uns so wichtig ist. Er hat seine Unzufriedenheit mit den Anstrengungen des irdischen Daseins ja schon oft genug kundgetan.

„Live with a lowness that no one else knows”, singt er in „Earth is the Loneliest Planet“ von diesem Jahr. „Time after time you say 'next time, next time,’ But you fail as a woman and you lose as a man. We do what we can. And earth is the cruelest place you will never understand.”

Während ich diese Zeilen schreibe, muss ich mich selber mit ernsten Krankheitsfällen in meinem persönlichen Umfeld auseinandersetzen. Darunter ist auch die Geschichte mit meinem emotional unterkühlten Vater, von dem ich mich schon lange entfremdet habe. Ganze drei Mal ist er schon behandelt worden und drei Mal ist er vom Sterbebett wieder aufgestanden. Ich kann nicht anders, als Parallelen dazwischen zu ziehen, wie ich mit dieser einen Eventualität umgegangen bin, und damit, wie ich diese Nachricht verarbeite. Morrissey war immer schon für viele von uns Morrisseyfans in gewisser Weise eine Art von gefühlskalter, unnahbarer, schlecht gelaunter und ständig meckernder Vaterfigur. Genau wie bei meinem leiblichen Vater ging ich jedes Mal, dass ich ihn in den letzten Jahren gesehen habe, davon aus, dass es auch das letzte Mal sein wird. Diese Befürchtung stellte sich zwar immer als falsch heraus, war aber trotzdem—oder gerade deswegen—emotional sehr anstrengend.

Eigentlich mache ich hier wahrscheinlich gerade viel Lärm um Nichts. Morrissey stirbt nicht wirklich, da er in gewisser Weise schon immer im Reich des Todes, im Reich der Unzufriedenheit und der Isolation zuhause gewesen ist. Und das ist auch der Grund, warum er, egal ob Krebs oder nicht, für immer leben wird. Selbst wenn der Rest von uns schon lange verschwunden ist, wird er weiter in seinem Grab vor sich hingrübeln—enttäuscht von jedem Einzelnen von uns. Und das ist ein Gefallen, den wir hoffentlich eines Tages zurückgeben können.

Luke O’Neill ist bei Twitter—@lukeoneil47