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Dieser Typ besucht sieben Konzerte die Woche—und das seit fast dreizehn Jahren

Solltest du mal in Bristol auf einem Konzert gewesen sein, hast du wahrscheinlich sogar mal seine Haare im Mund gehabt. Aber wer ist Jeff eigentlich?
5.6.15

Foto von Sofi Nowell

Jeder, der mal in Bristol auf einem Konzert war, weiß, wer Big Jeff ist. Este von Haim war sogar so angetan von ihm, dass sie versuchte, ihm bei einem ihrer Konzerte einen Antrag zu machen. Singer-Songwriter Beans On Toast schrieb einen unglaublich schnulzigen Song über den Typen. Und Flying Lotus verkündete einmal prophetisch auf der Bühne: „Wir müssen eine Dokumentation über den Vogel machen". Was dann ein paar Jahre später auch in die Tat umgesetzt wurde. Von Tim Burgess, über Foals bis hin zu Bloc Party, so viele Künstler haben Jeff schon zu einer Legende erklärt. Aber, wer ist Jeff eigentlich?

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Auch bekannt als der „Bristol Yeti" ist Big Jeff (sein echter Name lautet Jeffrey Johns) in der Regel direkt vor der Bühne zu finden, wo er seinen großen Körper jeden Abend, egal an welchem Ort und zu welcher Musik, herumschleudert: Seine Augen sind dabei geschlossen, er klatscht mit seinen Händen und taumelt ausladend im Takt der Musik. Sein lockiges blondes Haar—zu einem Teil Surfertyp, zu zwei Teilen Sideshow Bob—, das sich am oberen Ende seines 1,93 Meter Körpers befindet, ist zu einem Leitmotiv von Bristols Konzertszene geworden und wippt bei jeder Show, auf die du gehst, von einer Seite zur anderen. Egal ob im angesagten Thekla, bei irgendwelchen unbekannten Trad-Folk Session in einer schummrigen Bar oder bei einem Klassik-Konzert in der Colston Hall, diese Haare sind einfach überall—wie ein ewiger IRL-Meme. Die Chancen stehen auch nicht schlecht, dass ein paar Strähnen davon mal in deinem Mund gelandet sind—etwas, wofür du sehr dankbar sein solltest.

Er geht zu mindestens fünf Konzerten die Woche, manchmal sind es auch sieben, und das jetzt schon seit fast dreizehn Jahren. Mit der Zeit ist sein Bekanntheitsstatus über die Grenzen von Bristol hinausgewachsen. Er wird inzwischen an der ganzen südlichen Westküste und im britischen Festivalcircus erkannt. Die lokalen Bands fühlen sich geehrt, wenn er zu ihren Konzerten kommt, tourende Bands, die seine entwaffnende Ehrlichkeit nicht gewohnt sind, halten ihn für bevormundent. Andere wiederum fühlen sich einfach von seinen hypnotisch-kinetischen Bewegung geehrt. Und mal ehrlich, wer würde das nicht?

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Um seinen Status als lokale Legende gebührend zu zelebrieren, gibt es eine Big Jeff Apperciation Society bei Facebook, die über 2.000 Mitglieder zählt. Dort findet man Stencil-Graffitis mit seinem Konterfei an den Mauern der Stadt und zum Tragen auf T-Shirts. Ein paar junge Schlachtenbummler haben sogar damit angefangen, seinen ganz eigenen Tanzstil nachzuahmen—„doing a Jeff" wenn man so will—unermüdlich, aber beschwingt und respektvoll. Bis jetzt kannten die allermeisten aber nur die Legende von Big Jeff, niemand hatte diesen lebensfrohen Kerl dahinter je wirklich kennengelernt. Was macht Jeff eigentlich? Wo hat er gelernt, so zu tanzen? Wie ist er eigentlich drauf? Ich habe ihn angerufen, um all das herauszufinden.

Foto von Charlie Pitt

Malcolm Middleton von Arab Strap bezeichnete Jeff mal als „das menschliche Metronom", also habe ich ihn gefragt, was in seinem Kopf vorgeht, wenn er jeden Abend für drei oder vier Stunden ohne Pause headbangt. Er ist eben begeistert: „Der Rhythmus ist die eine Sache, die mich immer antreibt—zum Teil auch, weil ich für ein paar Jahre Schlagzeug studiert habe." Darüber, warum man ihn immer vorne findet, wo er versucht, wie eine animierte Inkarnation des motorischen Beats mit der Band eine Verbindung aufzubauen, sagt er: „Der Rhythmus sorgt in mir immer für Energie und Aufregung. Manchmal merke ich, wie ich deswegen ausversehen die Band dirigiere oder Air-Drums spiele. Ziemlich oft ertappe ich mich dabei, wie ich einfach den Drummer nachspiele. Es ist der Rhythmus, durch den diese ganze Energie kommt."

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Jeff sagt, dass er schon immer von der visuellen Seite der Musik fasziniert ist, die „die eigene Vorstellungskraft und die Kommunikation von etwas bedient." Das heißt, Livemusik ist ihm schon immer wichtiger als alles andere. Seit 2002 lebt er in Bristol. Davor wohnte er mit seinen Eltern in einem kleinen Dorf und konnte dementsprechend wenige Konzerte besuchen. Wie sich herausstellt, war sein erstes eine Boyband-Veranstaltung mit East 17, den Backstreet Boys und „dem Typen, der Henry in Neighbours gespielt hat."

Foto via Standon Calling Festival | Facebook

Nachdem er nach Bristol gezogen war, bekam er eine schwere Blinddarmentzündung und ein Operationsfehler im Krankenhaus führte dazu, dass er drei Tage in ein künstliches Koma versetzt wurde. Kurz darauf starb auch ein sehr enger Freund von ihm. Letztendlich gab die Operation Jeff aber neue Energie. Dass er die Krankheit besiegt hatte, machte ihn zuversichtlich. Diese ganzen Erfahrungen führten dann dazu, dass er seine Sicht aufs Leben komplett umkrempelte. „Es machte mich offener und bedeutete auch, dass ich mich endlich richtig mit Leuten unterhalten konnte", erzählt er mir.

Da er unter Asperger, Dryspaxie und sporadisch auftretenden depressiven Phasen leidet, erklärt er, dass die Konzertbesuche zu etwas geworden sind, „bei dem er sich an einem Ort wohl fühlt und tatsächlich mit anderen Menschen in Kontakt treten kann." Auf Konzerte zu gehen, wurde für ihn tatsächlich so etwas wie ein Ablassventil—und eine gute Art, um neue Freunde kennenzulernen und mit wildfremden Leuten über die gemeinsame Leidenschaft zu sprechen. „Es hat unglaublich lang gedauert, bis ich endlich mit jemandem gesprochen habe, weil ich einfach so unglaublich nervös dabei bin, wenn ich auf Leute zugehe", erklärt er. „Ziemlich oft muss ich darauf warten, dass Menschen mich ansprechen. Jetzt ist daraus ein wirklich süchtig machendes Bedürfnis geworden. Und so habe ich dann im Endeffekt auch angefangen, mich mit anderen Menschen anzufreunden. Ich habe mit anderen Leuten und vor allem den Musikern gesprochen—ich sage ihnen immer, was ich mochte, und was sie in meinen Augen verbessern können."

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Auf diese Weise ist er zu einer Art Botschafter für lokale Bands geworden, wie auch ein Freund und geschätzter Feedback-Geber von Bristols Howling Owl Records Bands wie Spectres, Oliver Wilde and the Naturals und Zun Zun Egui, die in seinen Augen die „definitiv umwerfendste Psycheldic-Band ist, die es momentan gibt." Sein unterstützendes Wesen harmoniert auch super mit seinem Job bei Art & Power, einer Organisation, die Menschen mit Behinderung dazu ermutigt, Kunst zu machen, ihre Fähigkeiten zu verbessern, Projekte zu verwirklichen und, etwas ambitionierter, ihre Träume zu verwirklichen.

Foto von Adam Braunton

Immer wieder höre ich von Leuten, dass sie noch nie jemanden getroffen haben, der „so auf Musik steht" wie Jeff. Chris Sharp, der Besitzer des Fleece, in dem Jeffs Name auf einem der 200 Jahre alten Steinplatten geschrieben steht, traf ihn ein paar Wochen, nachdem er seinen Laden aufgemacht hatte. „Ich glaube, er würde tatsächlich zu jedem einzelnen Gig gehen, wenn er könnte", so Chris. „Wenn er nicht bei deinem Konzert ist, dann wahrscheinlich weil es etwas anderes gibt, das er noch lieber sehen möchte." In Bristol Konzerte zu veranstalten, ist schon fast zu einem „Wer lockt Jeff an?"-Spiel geworden.

Wie aber reagieren andere Konzertgänger auf Jeffs unablässiges Vor- und Zurückwippen? „Ich glaube, Bristol hat wirklich eine Schwäche für ihn", führt Chris fort, „und er ist auch einfach so ein liebenswerter Kerl. Selbst wenn die Leute sein Verhalten am Anfang komisch finden, ist dieser Eindruck ziemlich schnell verschwunden, sobald sie mit ihm sprechen."

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Laura Williams ist Jeffs ehemalige Chefredakteurin bei Bristol 24/7, wo er einige Zeit lang eine Kolumne über seinen Monat in Konzerten hatte und sie sagt, dass die Einwohner Bristols in ihrer Meinung zu ihm gespalten sind—wobei Jeffs Gegner sich eigentlich nur darüber beschweren, dass er ihnen auf Konzerten die Sicht versperrt. Sie erzählt mir aber begeistert, dass das Tollste an Jeff sein unglaubliches Durchhaltevermögen sei. „Er trinkt keinen Alkohol, aber trotzdem ist er immer der letzte, der bei Festivals noch auf den Beinen ist. Wenn alle anderen um 4 Uhr oder 5 Uhr ins Bett gegangen sind, kann ich mich immer darauf verlassen, dass Jeff beim Green Man oder beim End of the Road Festival noch am Feuer ist oder morgens um 3 Uhr vor dem Start the Bus abhängt."

Am wenigsten mag Jeff besoffene 14-Jährige, die ihn anquatschen, an seiner Schulter zerren und ihm nachgrölen „Hey, guck mal, da ist Big Jeff!" Wird ihn das aber jemals davon abhalten, zu Konzerten zu gehen? „Nein, das kann ich mir gerade nicht vorstellen", bestätigt er, „aber man weiß ja nie, was einem die Zukunft so bringt. Ich kann nicht wirklich sagen, dass ich damit weitermachen werde, bis ich sterbe. Es würde mich aber gar nicht so sehr wundern, wenn ich tatsächlich mal bei einem Konzert sterben sollte. Um ehrlich zu sein… Ich glaube, es wäre wahrscheinlich die beste Art zu gehen."

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