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Bin ich ein Arschloch, wenn ich mein Handy auf einem Konzert benutze?

Die Firma Yondr versucht Konzerte handyfrei zu machen. Wir haben ein paar Leute gefragt, ob das überhaupt wünschenswert ist.
26.11.14

Chris Farren von Fake Problems

„Es braucht einige Zeit, bis sich eine solche Idee im Mainstream durchsetzt", erzählt mir Graham Dugoni, Gründer von Yondr, am Telefon. Die Idee, die er meint, ist relativ simpel: Er möchte, dass Menschen aufhören, ihre Handys auf Konzerten zu benutzen.

Wir nehmen unsere Handys für so selbstverständlich, dass wir sie fast als Verlängerung unserer Körper sehen. Aber genau das ist das Problem. Wenn wir bei Konzerten mit unseren Handys herumfuchteln, nerven wir Menschen neben uns und verhalten uns respektlos gegenüber den Menschen auf der Bühne. Oft ohne es zu wollen—Dugoni will das trotzdem ändern.

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Yondr funktioniert folgendermaßen: Du kommst auf ein Konzert und gibst dein Handy in einen Nylonbeutel, bis es vorbei ist. Bands sollen eine Partnerschaft mit Yondr eingehen und diese in ihre AGB aufnehmen, denen man vor dem Kauf eines Tickets zustimmen muss. Es gibt auf den Konzerten ein Handyzone irgendwo am Rand, in die man im Notfall mit seinem Kleinod gehen kann. Man kann an dieser Stelle einwenden, dass vermutlich viele die Idee von Yondr nicht mögen werden—schon alleine deshalb, weil niemand gerne gesagt bekommt, was er darf und was nicht. Dugoni besteht aber darauf, dass es genau umgekehrt sei: „Das Feedback war bisher sehr positiv. Ich hatte bei dem Test eigentlich mit sehr viel mehr Ablehnung gerechnet."

Wie dem auch sei, die reine Existenz von Yondr wirft folgende Frage auf: Ist es wirklich immer einfach scheiße, wenn du dein Handy auf einem Konzert benutzt? Mich hat interessiert, wie Musiker das sehen, und einige gefragt.

Mel Kyles von der HipHop-Gruppe The Outfit TX aus Houston ist von jedem Handy im Publikum abgelenkt. „Wenn die Leute 50 Prozent ihrer Aufmerksamkeit auf ihre Handys richten, bekomme ich nur 50 Prozent der Aufmerksamkeit, die ich als Künstler brauche, um eine gute Show zu machen."

yondr

„Ich glaube an Big Brother. Alles dokumentieren", sagt Dylan Walker von Full of Hell. Andere sehen das Problem nicht: „Ich glaube nicht, dass es ratsam ist, Polizei-Maßnahmen anzuwenden, um Menschen zu dieser Erfahrung zu zwingen", so Chris Farren von der Punk-Band Fake Problems.

„Mittlerweile empfinde ich die Tendenz, dass Fans Teile der Show filmen und fotografieren, fast als Support", sagt Chris Cain von der Indierock-Band We Are Scientiest. „Wenn ich am nächsten Morgen auf Instagram oder Twitter schaue und niemand hat Fotos gepostet, glaube ich sofort, dass die Show furchtbar war. Oder dass wir scheiße ausgeschaut haben. Oder beides." Und da hat er irgendwie recht: Heute ist eine Konzerterfahrung nicht auf die Halle oder den Club beschränkt. Wenn Fans eine Show auf Instragram oder Twitter teilen, ist das im Grunde kostenlose Werbung für die Band.

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Allerdings ist auch Farrens positive Meinung nicht in Stein gemeißelt: „Wenn du in der ersten Reihe stehst und die ganze Zeit mit steinernem Gesicht auf deinen Bildschirm starrst, machst du das vielleicht lieber im Rückraum." Das fällt nicht unter Dokumentation oder Eine-gute-Zeit-haben: Das ist einfach langweilig, wie auch Meredith Graves von Perfect Pussy meint: „Ganz vorne im Publikum SMS schreiben, vielleicht noch bei einer kleinen oder ruhigen Show—das ist einfach ablenkend und ziemlich unhöflich."

Viele Künstler können sich gar nicht mehr daran erinnern, wie es ohne Handys war. „Ich bin quasi auf Punk Shows aufgewachsen. Da hieß Fotos machen noch: Eine Kamera mitbringen, diese dem Sänger ins Gesicht halten und hoffen, dass irgendetwas rauskommt", erzählt Meredith. So gesehen sind Handy-Fotos eigentlich fast DIY.

meredith graves perfect pussy

Meredith Graves von Perfect Pussy.

Als Lichttechniker, der mit The Arcade Fire, den Strokes, Interpol und Metronomy gearbeitet hat, weiß Ed Warren, wie es ist, seine Abende mit dramatischen Light Shows, Bands auf der Bühne und in die Luft gereckten Armen zu verbringen. Natürlich strecken nicht alle Fans ihre Hände zum Jubeln in die Luft, sondern in zahlreichen befinden sich Handys, um den Moment einzufangen. „Es wirkt oft genug wie eine seltsame Sekte in der Zukunft, als wären die Menschen durch ihre Bildschirme einer Gehirnwäsche unterzogen worden und würden kaum mitbekommen, was vor ihnen gerade passiert", erklärt Warren. „Aber anders als bei den meisten coolen Sekten, stehen am Ende keine Aliens oder ein Massenselbstmord, sondern nur ein verschwommener Eindruck von dem besten Gig, den du nicht gesehen hast."

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Guter Punkt. Gegen Ende meiner Recherche habe ich mich gefragt, welche psychologischen Effekte die Handymanie auf uns ganz persönlich hat. Vor allem, wenn wir versuchen, zwei Dinge gleichzeitig zu tun: Musik zu genießen und das perfekte Video aufzunehmen. Ich hab Linda Henkel von der Universität Fairfield gefragt, die eine Studie über den Einfluss von Kamerahandys auf unser Kurzzeitgedächtnis durchgeführt hat. „Wir verlassen uns quasi darauf, dass sich die Kamera für uns erinnert. Sie ist definitiv ein Ablenkung. Wir lagern unsere Erinnerung aus. Als würden wir eine Nummer aufschreiben und dann denken, dass wir sie uns nicht mehr merken müssten." Danke, Wissenschaft.

Yondr wird sich einer Sache bewusst sein müssen: Seit es Kamerahandys gibt, fuchteln Menschen damit auf Konzerten herum. Das wird sich wohl nicht ändern. Die Frage, die dadurch aufgeworfen wird, ist wohl eher eine soziale; es scheint eine Antwort auf die Übertechnisierung und Überdigitalisierung unseres Alltags zu sein.

Also, beruhig dich: Solange du nicht das Arschloch bist, das in der ersten Reihe steht und mit seinem iPad Candy Crush spielt, bist du relativ sicher. „Live-Musik ist einer der ganz wenigen Punkte im Leben, in denen sich Menschen in unserer individualisierten Gesellschaft einer kollektiven Emotion hingeben dürfen", verteidigt Dugoni sein Konzept. Diese „kollektive Emotion" wird vielleicht nicht durch einzelne Handys zerstört. Trotzdem ist es vermutlich eine sehr gute Option für die Zukunft, dass so etwas wie Yondr existiert. Aber vielleicht ist es ja mal sinnvoll darüber nachzudenken, ob es wirklich einen Nylonbeutel braucht, damit du nicht 50 Prozent eines Konzerts auf dein Handy schaust. Just saying.

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