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Sheer Agony - fancy Jungs in einer schäbigen Welt

Sheer Agony über Träume, Paul McCartney Mixtapes und den eigenen Vollmond-Arsch.
4.6.12

Sheer Agony ist ein bisschen so wie die Rolle von Chris Elliot in Cabin Boy. Lasst euch mal kurz darauf ein. Während andere Bands in Montreal ihre Segel auf der bewegten See des Punks, Garage Rocks und Harsh Noise setzen, ziehen diese eleganten Jungs ihre glitzernden Perücken auf und schwimmen durch ganz andere Gewässer. Sie schütteln seltsame Popsongs aus dem Ärmel, die ganz in der Tradition von The Soft Boys, dB und den Homosexuals stehen, schieben damit jegliche Erbärmlichkeit von sich weg und steuern direkt auf das Paradies zu. In dieser Woche wird Sheer Agonys Debüt 7” bei Fixture Records veröffentlicht. Deswegen hat sich die Band dazu entschieden neben dem Interview mit Frontmann Jackson MacIntosh hier noch eine Videopremiere und ein Special-Mix oben drauf zu hauen.

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Sheer Agony - „She's An Artist"

Sheer Agony - „Everybody Knows"

Ich finde, eure Musik hat schon immer herausgestochen, weil sie so ungeniert poppig und geschliffen und in keinster Weise derb ist. Habt ihr euch jemals so gefühlt, als würdet ihr in Montreal gegen den Strom schwimmen, wo so viele Bands die Leute nur runter ziehen wollen?
Es war mir nie bewusst, aber ich habe Lieder schon immer so geschrieben und nur auf eine Plattform gewartet sie zu spielen. Innerhalb der Band gab es mehr Witze darüber als über alles andere. Bei einer unserer ersten Proben hat uns unser Bassist Markus als das Gegenteil von AIDS Wolf beschrieben. Ich persönlich habe uns aber nie so gesehen.

Warst du mal in einer Punk oder Metal Phase, als du jung warst oder warst du schon immer ein Softie?
Ich war auf jeden Fall schon immer mehr ein Softie, bis zu dem Punkt als meine Punk-Freunde in der Schule sich über mich lustig machten. Ich entscheid mich dann eine Zeit lang Punkrock zu hassen. Es gab zwar immer so etwas wie die Buzzcooks, die man nicht ignorieren konnte, aber ich habe mich definitiv nie als ein Punkrocker oder Metaller gesehen. Ich dachte einfach, dass The Who die beste Band aller Zeiten ist.

Du bist in Kap Breton und Sydney, Nova Scotia, aufgewachsen, richtig? Wie bist du denn zu Power Pop, Modern, Glam Rock und dem ganzen Zeug gekommen?
Mein Vater hat eine ziemlich große Plattensammlung–ungefähr 300 oder 400 LPs–und ich entschied mich mal dazu sie durchzugucken und jede Platte der Reihe nach anzuhören. Er hat sie nach Ära und Ort sortiert; alle britischen Platten sind in der einen Kiste, alle amerikanischen aus den 60ern in einer anderen, amerikanische aus den 70ern in der nächsten und alles, was als New Wave durchgeht, in noch einer Kiste. Ich habe mir alle angehört und konnte mich wirklich für The Who, die erste Platte von Elvis Costello und natürlich die Beatles begeistern. Das war der Anfang von allem und zwar noch vor dem Internet–jedenfalls für mich. Wir hatten keinen Computer zuhause und von DSL hat Kap Breton noch nie was gehört. Bald fing ich an mir Platten per Post zu bestellen und so bin ich dann zu Zeug wie The dB's und The Soft Boys gekommen.

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Sheer Agony – „Good Cats Go To Heaven” (Director: Mark Fragua)

Erzähl mir mal von dem Musikvideodreh. War das einfach nur eine Saufnacht in der Stadt mit Mark und der Kamera seines Vaters?
Das war die Kamera unserer Freundin Jackie. Sie schwang den Blitz die ganze Zeit herum, weil wir kein gescheites Licht hatten. Mark hatte einige Ideen, was er filmen möchte, aber er hat mir vorher nicht gesagt was. Stattdessen hat er mich einfach mit Rum abgefüllt. Es gibt eine Szene, in der ich in die Büsche kotze, aber die wurde gelöscht. (lacht) Danach wollte er dann den Dreh absagen, aber wir machten einfach weiter. Im Grunde rief er mich an und sagte mir, wir müssten das jetzt machen, weil es regnet. Also ging ich mit meiner schicken Batik-Hose raus.

Ich wollte gerade fragen–was hat es mit der Hose auf sich?
Die ist selbstgemacht. Mark wollte mich vor allem abfüllen, mir lustige Klamotten anziehen und mit dem Typen von Nouveau Systeme reden, der ziemlich speziell ist. Wir haben wirklich gekämpft, aber er hat an dem Tag gewonnen. Ich war nicht gerade in Topform. Er hat mir ein paar Drinks gemacht und dann sind wir raus in die Nacht gegangen, um nass zu werden. Danach war ich tagelang krank.

Ein anderes Thema, kannst du mir was über das berühmte Foto von dem Hintern erzählen?
Oh ja! Das wurde von Francesca Tallone fotografiert. Wir kamen an, um ein Foto zu machen und ohne wirklich zu wissen, was wir wollen. Also habe ich sie gefragt: „Kannst du uns auf meinem Hintern fotografieren?“ (lacht) Sie hatte erwähnt, dass sie was mit Doppelbelichtung machen kann und das war das erste, das mir einfiel. Wir haben stundenlang vergeblich versucht ein normaleres Bandfoto hinzubekommen, aber dann ging die Sonne auf und es gab keine Chance mehr bei Tageslicht ein Foto zu machen. Wir sind auf das Dach eines Hauses geklettert und haben es Wirklichkeit werden lassen. Niemand dachte, dass das wirklich unser Bandfoto wird, aber sogar die Testfotos sahen unglaublich aus. Wir haben eine Stunde damit verbracht das perfekte Foto von meinem Arsch zu bekommen und dabei darauf geachtet, dass der Mond im Bild ist.

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Der Vollmond! Das finde ich so gut, dass es noch ein Foto hinter den Kulissen gibt.
Das ist mein Facebook Profilfoto. Ich bin arbeitslos und manchmal frage ich mich, ob es wohl besser wäre, wenn ich kein Foto meines Hinterns im Profil hätte, in dem ich sehnsüchtig in die Kamera blicke.

Den Paul McCartney Mix, den ihr letztes Jahr gemacht habt, finde ich übrigens auch super. Verteidigst du seine Soloalben aus den 70ern immer noch oder hat sich das Blatt gewendet?
Das Blatt hat sich gewendet! Ich glaube zu der Zeit, als das Mixtape rauskam, war es eher ein weit verbreiteter Zeitgeist, dass Leute den 70er Jahre Paul McCartney solo und seinen glattpolierten Pop Jam akzeptieren. Er ist einfach einer der besten Melodienschreiber, die es jemals gab, und auch das funkiges Ende seiner Solokarriere ist ziemlich interessant. Es ist nur so, dass du in letzter Zeit Songs wie „Monkberry Moon Delight“ hörst, wie sie zu Tode gespielt werden.

Können wir noch ein paar mehr Mixe von zu Unrecht übersehenen Künstlern aus den 70ern erwarten, vielleicht von Todd Rundgren?
Ich habe tatsächlich versucht so ein ähnliches wie das Paul-McCartney-Mixtape zu machen, aber so sehr ich Todd Rundgren auch liebe, es geht einfach nicht. Wenn man sich von Something/Anything und der Todd Doppel-LP entfernt, funktioniert es nicht mehr. Wenn man das ganze frühe Zeug miteinbringen kann, ist es kein Problem, aber ich wollte die späte Karriere und einen Dark Meat Todd Rundgren Mix. Bei Paul habe ich wirklich nur ein paar Songs rausgesucht, von denen ich dachte, die Leute mögen sie, weil sie sich nicht anhörten, als würde man einmal komplett durch London Town gehen. Und um fair zu bleiben, weil das Album im Ganzen scheiße war. Aber wenn eine Todd Platte scheiße ist, ist sie meistens von vorne bis hinten schlecht. So wie Nearly Human…es gibt nicht einen guten Song auf dem Album. Es würde eigentlich viel dafür sprechen, dass ich das Utopia Zeug auch hernehme. Jetzt wo ich darüber nachdenke, vielleicht geht es ja doch.

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Es scheint, als würdet ihr ständig im Studio sein, aber bei euch erscheint nicht so regulär etwas wie bei anderen Bands. Glaubst du, du bist ein musikalischer Perfektionist?
Die Lieder auf der 7” wurden ziemlich oft neu gemischt. Jeder einzelne war wahrscheinlich eine Woche lang Arbeit, nur um Sachen hinzufügen und sie wieder wegnehmen. Wir waren oft angetrunken und haben uns dann stundenlang in ein Kick-Drum oder eine Bassline reingesteigert. Man lernt so eine Menge, aber es kann manchmal schon eine Weile dauern.

Eure Lyrics scheinen mir ähnlich selbstbezüglich und durchdacht. Woher kommt das?
Das kommt daher, dass ich versuche clever zu sein. Es gibt keinen richtigen Prozess dahinter; ich finde so etwas einfach lustig. Ich schätze Robert Wyatt wollte so etwas auch mit The Soft Machine machen und offensichtlich macht das auch Dan Bejar von Destroyer. Es gibt Texter, die ich bewundere und die ich in gewisser Weise nachahmen will. Aber ich bin zu sehr ein Depp, um mich komplett daran zu halten. Die meisten meiner Lieder sind Versuche mir vorzustellen, ich wäre ein riesiges, heulendes Baby und dann schreibe ich aus dieser Perspektive.

Träumst du immer noch davon eine Doppel LP zu veröffentlichen?
Das ist der Traum. Aber der wird nur wahr, wenn es ein Label gibt, das so mutig ist eine Doppel LP mit Gatefold-Cover rauszubringen.

Wird auf dem Aufklapp-Cover dann dein Hintern sein, mit zwei Arschbacken auf den Seiten und der Ritze in der Mitte?
Das ist ein wirklich gute Idee. Ein bisschen wie das Gatefold-Cover von Thriller, wo Michael Jackson mit einem Baby Tiger chillt. Das ist der Traum.

@wipeoutbeat