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Schick Essen gehen mit Turing Machine

Ist „Dinge essen" wirklich das neue „Dinge hören"?
14.6.12

Alan Turing wäre dieses Jahr 100 Jahre alt geworden. Zu Lebzeiten wurde er mit Verbannung und Verachtung dafür bezahlt, dass er nicht gerade wenig zum Sieg der Alliierten im Zweiten Weltkrieg beigetragen hatte. Er wurde wegen seiner Homosexualität aus dem britischen Geheimdienst geworfen und hat sich dann selbst voller Scham umgebracht. Jerry Fuchs wäre dieses Jahr 38 geworden. Er starb mit der Gewohnheit seiner unpassenden Talente und der Grazie, die er in die Welt gebracht hat. Er war in einer Band namens Turing Machine. Am 23. Juni 2012, an Alan Turings 100. Geburtstag, wird die Band ihre dritte Show ohne Jerry spielen. In einer Welt, wo Worte oft versagen und es nicht genug Trost gibt, nicht einmal der süße Zufall. Musik ist in dieser Welt eine Rettung, und selbst wenn das alles ist, ich nehme sie an.

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Turing Machine - Slave To The Algorithm

Turing Machine hat eine neue und essentiell perfekte Platte rausgebracht. Darauf sind auch die Drums zu hören, die Jerry Fuchs vor seinem Tod noch aufgezeichnet hat. Sie heißt What Is the Meaning of What. Die Tatsache, dass sie diese Platte überhaupt fertig gemacht haben, kann man nur als Geschenk annehmen. Sorry für die knallharte Ausdrucksweise, liebe Noisey-Leser, aber es gibt schlimmeres als dankbar zu sein. Justin Chearno, der Gitarrist von Turing Machine, war so nett, um dem West Village in der Dämmerung gegenüber zu treten und sich mit mir am nächsten Tag im 124 Rabbit Club zu treffen, ein paar nette Bierchen zu trinken und auf die Moral zu scheißen–hauptsächlich, indem wir über Feinschmecker, Fashion Victims und so ziemlich jeden unter 35 gelästert haben. Auf das Leben!

Ich möchte nicht zu sehr auf das Feinschmecker-Bashing eingehen, da wir als Gaffer in so einem Restaurant, in dem wir eben in erster Linie Gaffer waren, das ja eh schon erledigt haben. Aber da Justin sowohl eine Karriere als Weinverkäufer vorweisen kann, als auch einwandfreie Referenzen als lebenslanges Bandmitglied, hatte er natürlich eine Meinung zu dem ganzen „Sachen essen ist das neue Sachen anhören“ Wirbel. Bis zu einem gewissen Punkt war er sehr mitfühlend. Aber dann betonte er, dass es einige Parallelen gäbe zwischen einem Fetisch für seltene Judge-Platten haben und sich selber die Zunge abzubeißen, um zu wissen wie ein Baby-Ferkel schmeckt, das mit der Milch eines besseren und selteneren Schwein aufgezogen wurde. Die Art von Persönlichkeit sei dieselbe und soweit alles funktioniert auch gut für diejenigen. Aber diese Charakterzüge, sind in den entsprechenden Subkulturen nicht gerade angesehen. Er sagte, es gibt Typen, die die Flasche Cantillon Rosé erheben, die wir tranken, und sagen „Das ist Ornette Coleman!“ Diese Typen sind absolut inkorrekt. Solche Vergleiche sind für jeden Beteiligten beleidigend, sowohl für die Band, die sowieso am Arsch ist, sobald sie so edel wie ein unpasteurisierter Käse ist UND auch für die Arbeiter, die diesen besagten Käse gemacht haben und bestimmt nicht so begeistert wären zu hören, dass ihre jahrelange Arbeit auf „so was wie die frühen Bowie & Iggy, Maaaaann.“ reduziert wird. Ich denke Justin ist ein sehr weiser Mann und das sage ich nicht nur, weil er eine Brille trägt.

Ich denke der passendste Standpunkt, den Justin gemacht hat, in Bezug auf Feinschmecker und die Punk-Kultur ist dieser hier: Rede nicht mit mir über irgendetwas Biologisches, Vegetarisches, Regionales und frag mich dann nach Koks. Dasselbe gilt für Peace Punks und Computerexperten jeglicher Art. Drogen zu kaufen, in der heutigen Zeit, ist wie einen Check an Monsanto zu schicken, das SUVs baut, die dann auf über die Tränen deiner Mutter rollen. Ich sage nicht, dass ihr es nicht tun sollt–ich meine, das ist Noisey, haut rein–ich sage nur, das hohe Ross, auf dem man reitet, ist ökologisch nicht nachhaltig, weil es das Kind von jemandem erschossen hat.

Als wir gelegentlich über Musik redeten, fragte ich, ob es irgendwelche Vorbehalte bei der Fertigstellung der neuen Platte gibt, jetzt wo Fuchs nicht mehr da ist. Justin erklärte mir, dass er und das andere Mitglied, Scott Desimon, auf ein Alter zusteuern, bei dem das wahrscheinlich die letzte Platte ist, die sie zusammen mit einer Band machen, und sie wollen, dass Jerry dabei mitwirkt. Außerdem wies er darauf hin, dass ihr Label Temporary Residence unglaublich viel Druck auf sie ausübte, die nächste Platte fertig zu machen und sie sich als Freunde des Labels dafür verantwortlich fühlten, eine Platte abzuliefern, die die finanziellen und künstlerischen Ansprüche des Labels bedienen kann und gleichzeitig eine Arbeit sein sollte, auf die die Band stolz sein kann. Ich, der mit seiner Altersschwäche immer griesgrämiger wird, liebe den Verantwortungsteil. Ich mache keinen Hehl daraus, dass eine der Sachen, die am Erwachsensein am meisten Spaß machen, seine Pflichten zu erfüllen ist. Pflichten, von denen man selbst für sich entscheidet, dass man sie gegenüber den anderen und gegenüber seiner Arbeit hat, die man als–scheiß drauf–„Künstler“ kreiert. Es leben die Pflichten! Vielleicht haben wir nicht die gleiche Definition von Spaß, aber das müssen wir ja auch nicht.

What Is The Meaning Of What ist jetzt draussen. Die Platte ist abgefahren gut. Wenn du dich auch nur für eins der drei Rs von Mark E. Smith anmeldest, wird das der Soundtrack deines Sommers. Wenn du Dance Musik für Erwachsene magst, Experimente für Kinder, gutes Essen und harten Drogenkonsum ohne Selbstbetrug liebst, sowie das Leben, das den Horror bringt und das was übrig ist mit beiden Armen umarmt, dann ist das die einzige Platte die du brauchst, und zwar für eine lange Zeit.

@zacharylipez