Sepulturas ‚Chaos A.D.‘ ist der anti-koloniale Aufstand, den Thrash gebraucht hat

Die sozialen Botschaften von ‚Chaos A.D.' sind zeitlos und universell und machen es zu einem der wichtigsten Metalalben, die jemals aufgenommen wurden.

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14 April 2016, 8:04am

Sepulturas Chaos A.D. ist eine giftige Salve anti-rassistischer und anti-kolonialer Ansichten, die es im Hintergrund der aktuellen Lage zu genau dem richtigen Album machen. Ich habe Chaos A.D. früher aufgedreht, wenn ich in meiner Heimatstadt in Wyoming herumgefahren bin, und die Platte hat mich mehr über Unterdrückung gelehrt als die meisten Geschichtsstunden in der Schule.

Das Album wurde 1993 veröffentlicht und markierte einige wichtige Veränderungen für Sepultura. Auf ihren vorherigen Platten behandelten ihre Texte oft düstere, post-apokalyptische Welten. In einem Interview mit Metal Hammer sagte Gitarrist Andreas Kisser: „Selbst für Arise haben wir noch Texte geschrieben, die sehr Heavy Metal waren, sehr auf Fantasie basierend. Aber [auf Chaos A.D.] fingen wir an, sozialer und politischer zu werden.“

Sepulturas drittes Album, Beneath The Remains, verhalf dem Quartett aus Brasilien 1989 zu internationaler Aufmerksamkeit. Doch Kisser erinnert sich, dass er und seine Bandkollegen erst in den Jahren ’91 und ’92, als sie mit dem Album Arise um die Welt tourten, anfingen, „zu analysieren und zu verstehen, wie es als Brasilianer außerhalb des Landes war“. Nachdem sie privilegiertere Länder wie die USA oder Großbritannien besucht hatten, „sahen [Sepultura] Brasilien aus einer anderen Perspektive.“ Diese Perspektive half ihnen, zu realisieren, dass sie in ihren Texten anstatt Fantasiewelten zu erschaffen, die sozialen Unruhen in Brasilien beschreiben und untersuchen sollten.

Auf Chaos widmet sich die Band auch der Musik ihrer Heimat. Die ersten beiden Sepultura-Platten, Morbid Visions (1986) und Schizophrenia (1987), tragen den Einfluss von Slayer zur Zeit von Show No Mercy offen zur Schau. Beneath The Remains und Arise erreichen ein höheres Level an Brutalität, indem sie den Death-Metal-Punch von Obituary und Carcass mit einbeziehen. Auf Chaos A.D. stimmen Sepultura ihre Instrumente noch tiefer. Und auf der LP verleiht die Band den musikalischen Traditionen Brasiliens ihren eigenen Anstrich.

Igor Cavalera ist vielleicht einer der unterschätztesten Drummer im Metal und verdient es, in einem Atemzug mit Dave Lombardo, Vinnie Paul und Gene Hoglan genannt zu werden. Den ersten Track „Refuse/Resist“ eröffnet er mit einer Salve aus verschlungenen, auf Triolen basierenden Tom-Schlägen, die der Rest von Sepultura mit gewaltigen Stakkato-Akkorden betont. In diesem Song, wie auch auf dem Rest des Albums, ist Igors Stil direkt vom Batucada-Trommeln des Sambas geprägt, was der Platte eine manische und differenzierte Intensität verleiht.

Im Gespräch mit einer Fanseite über seinen musikalischen Background erinnert sich Igor daran, wie er als Kind zu Fussballspielen ging: „Meistens gibt es viele Trommeln im Publikum, jeder bringt eine Trommel mit und sie machen Samba.“ Wie das Trommeln bei einem brasilianischen Fussballspiel ist auch Igors Schlagzeugspiel ein energetischer Ruf zu den Waffen. Im Fall von Sepultura ist es ein Aufruf, die kolonialistische Kontrolle zu zerstören.

Über das groovende Monster von „Refuse/Resist“ brüllt Sänger und Gitarrist Max Cavalera: „Tanks on the streets / Confronting police / Bleeding the plebs.“ Das berüchtigte Carandiru-Massaker—ein schrecklicher Gefängnisaufstand, bei dem 111 Insassen durch die Militärpolizei von São Paulo getötet wurden—ereignete sich ein Jahr bevor Sepultura Chaos A.D. aufnahmen und veröffentlichten und der Text von „Refuse/Resist“ beschreibt dieses blutige Ereignis. Aber die Message des Songs ist auch universell. Das Cover der „Refuse/Resist“-Single ziert ein Foto eines südkoreanischen Studenten, der sich der Polizei von Seoul mit einem Molotow-Cocktail in der Hand zur Wehr setzt, und der Song bezieht sich auf jegliche Form militärischer Gewalt gegen Zivilisten.

Zu Beginn von „Territory“ treibt Igors Tentakel-Batucada-Getrommel Sepultura in eine Thrash-Lawine, bevor er das Tempo mit einem pulverisierenden Tom-Groove reduziert. Während Kisser und Bassist Paulo Xisto Pinto Jr. durch den Schlamm trotten, lässt sich Max Cavalera über rassistische Politiker und die Plage von Hass und Diskriminierung aus. Auch wenn das Video des Songs von israelischer Gewalt gegen Libanesen und Palästinenser handelt, trifft „Territory“ auf jede Situation zu, in der eine Regierung Fremdenfeindlichkeit nutzt, um Gewalt zu rechtfertigen. Nach einem erdbebenartigen Breakdown, der dich dazu bringt, etwas kaputtzumachen, bellt Cavalera: „Dumb asshole’s speech… / Racist human being.”

„Slave New World“ ist eine ungezähmte Tirade über Zensur mit Riffs im Pantera-Stil; der darauffolgende Track „Amen“ spricht die brutale Verrücktheit an, anderen Leuten religiöse Ideale aufzuzwingen. Letzterer verdeutlicht auch Sepulturas meisterhaften Sinn für Dynamiken, da er von mittelschnellem Stampfen in einen leisen, halluzinatorischen Teil mit gespenstischem Chorgesang und überlagerten brasilianischen Trommeln übergeht. Cavalera und Kisser treiben diesen Teil mit zarten Gitarrentönen voran, die schnell in Tremolo-Picking übergehen. Sepultura wechseln dann in ein Riff, das klingt, wie wenn ein Marmorbrocken auf einem Wolkenkratzer landet. Schließlich beendet Igor „Amen“ mit einer sich steigernden Samba-Explosion. Das ist Sepulturas „Master Of Puppets“.

Der fünfte Song, „Kaiowas“ bietet einen brillanten Kontrast zur metallischen Kriegsführung von Chaos A.D.. Dieses Instrumentalstück ist eine Hommage an die Guarani-Kaiowá, ein indigenes Volk in Brasilien, das wiederholt von ihrem eigenen Land vertrieben wurde. „Kaiowas“ nutzt traditionellen brasilianischen Folk, um diese Vorstellung zu verkörpern. Igor und Paulo Jr., der zu diesem Track zusätzliche Percussions beisteuert, beginnen den Song mit hypnotisierenden Trommelwirbeln, die Cavaleras und Kissers zarte akustische Arbeit intensivieren. In echter Batucada-Manier betonen Paulo Jr. und Igor den Downbeat und erschaffen das pulsierende Herz des Tracks. Kissers und Cavaleras Gitarrenläufe haben eine lebhafte narrative Qualität, bevor der Song in einen urtümlichen Protestsong ausbricht. Igor und Paulo Jr. spielen einen weiteren Rhythmus mit ganz eigener Anziehung und Kissers harmonische Gitarrenharmonien tanzen durch die Luft. „Kaiowas“ ist ziemlich sicher der härteste Akustik-Song, den ich je gehört habe, und da er auf einem Sepultura-Album zu finden ist, dient er als Argument, dass jeder musikalische Background im Metal willkommen und relevant ist.

Dann lassen Sepultura das post-kolonialistische Biest namens „Propaganda“ los. Der Track eröffnet mit aggressiven hohen Noten, die die Band sofort mit einem niederwalzenden Groove zerstört. Ideen erforschend, die perfekt zu unserem derzeitigen politischen Klima passen, brüllt Cavalera: „Why don’t you realize that you’re fucked up / Why criticize what you don’t understand / …you’re so afraid.” Anschließend gehen Sepultura in einen Breakdown über, der das klangliche Äquivalent zu einem mittelalterlichen Rammbock darstellt. Wie bei „Territory“ bezieht sich dieser Track darauf, wie Rassismus eine Form selbst auferlegter Ausgrenzung für seine Anhänger ist, und Cavalera schreit: „Life teaches me you’re always alone.”

Die Musik von „Nomad“ ist schmähend und militaristisch, der Text hingegen spricht die kulturelle Auslöschung an, die stattfindet, wenn Gruppen von Leuten gezwungen werden, ihr Heimatland zu verlassen. Auf dieses Metal-Monster folgt „We Who Are Not As Others“, ein schwungvolles Klagelied mit von Toms getriebenen Interludes. Cavalera und Kisser dosieren die zweite Bridge mit giftigem Schlamm, bevor Sepultura wieder zurück zum Anfangsriff kehren, das dieses Mal von Cavaleras repetitivem Schreien des Songtitels befeuert wird—ein Text, der den alles verzehrenden Kampf des Lebens am Rande der Gesellschaft einfängt.

Anstelle von Cavaleras unverwechselbaren Schreien nutzt „Manifest“ eine Beschreibung des Carandiru-Massakers im Radio-Stil mit einem begleitenden Kommentar über die Sinnlosigkeit von Gewalt und darüber, dass die Polizei von São Paolo machtbesessen und außer Kontrolle geraten ist. Die Instrumentierung spiegelt dieses brutale Thema wieder, es beginnt mit hartem, Neurosis-ähnlichem Schlagzeug, gefolgt von einem rasenden D-Beat. Wie Chaos als Ganzes zeigt „Manifest“ Sepulturas scharfsinnige Kombination aus dem sozialen Kommentar von Hardcore und der primitiven Anziehungskraft von Metal.

Die Originalversion von Chaos A.D. endet mit „Clenched Fist“. Mit einer giftigen Wolke aus Industrial-Noise beginnend, wird dieser Track von kantigen Breakdowns und Texten über persönliche Stärke im Angesicht sozialer Konflikte beherrscht. Auf der Neuveröffentlichung von 1996 findet sich zusätzlich noch eine Pseudo-House-Interpretation von „Refuse/Resist“, die für den Soundtrack des Videospiels Mortal Kombat: More Kombat verwendet wurde, sowie eine atemberaubend rohe und bodenständige Version von „Kaiowas“.

Viele Thrash-Puristen sehen Chaos A.D. als die Platte an, die Sepultura in die mittelmäßigen Gefilde von Nu-Metal geführt hat, aber dank der Art, mit der es sich sowohl auf musikalischer als auch auf politischer Ebene mit Brasilien auseinandersetzt, sticht dieses Album als Sepulturas Magnus Opum heraus. Wie bei „War Pigs“ sind die sozialen Botschaften von Chaos A.D. ebenfalls zeitlos und universell und machen es zu einem der wichtigsten Metalalben, die jemals aufgenommen wurden.