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Die Rap-Urgesteine Microphone Mafia sind stolz darauf, sich an den Nazis rächen zu können

„Wir hatten damals gedacht, in zehn Jahren müssten wir nicht mehr über Rassismus rappen. Da haben wir uns ein bisschen verschätzt“—Die Microphone Mafia im Interview.

von Felix Huesmann
29 Januar 2016, 11:25am

Die Microphone Mafia gehört heute zu den Veteranen des deutschen HipHop. Rossario Pennino und Kutlu Yurtseven haben die Band 1989 mit zwei Schulfreunden gegründet und bis heute viel erlebt: In den 90ern hatten sie Plattenverträge bei Major-Labels und Musikvideos für 170.000 Mark—für die sich der Musiksender VIVA allerdings kaum interessiert hat. Seitdem haben sie für Gewerkschaften gespielt, sich immer wieder gegen Rassismus eingesetzt und stehen seit 2009 regelmäßig mit der Auschwitz-Überlebenden Esther Bejarano auf der Bühne—und verbinden dabei Rap in drei Sprachen mit jiddischen Partisanenliedern.

In Leverkusen haben die beiden „kölschen Jungs“ sich vor kurzem bei einer Revue-Veranstaltung einen Haufen Fragen zu ihrer 26-jährigen Bandgeschichte stellen lassen. Auch wir haben mit den beiden über Hip Hop, Politik und verlorene vegane Fans gesprochen.

Noisey: Wie wichtig war Hip Hop damals für die migrantischen Communities?
Kutlu:
Zu Beginn bestand 80 Prozent der Hip Hop-Community in Deutschland ja nur aus Migranten. Das hatte auch was mit den Filmen zu tun, die aus den USA rüber kamen. Unsere schwarzen Freunde haben dann alle gesagt „Wir sind wie unsere Brüder aus dem Ghetto!“, und wir haben uns einfach die ganzen Chicanos und Puertoricaner ausgesucht, weil die auch wie wir aussahen. Es war für uns aber vor allem auch eine Art Insel, ein anderer Weg, Respekt zu bekommen. Entweder konntest du früher gut Fußball spielen, oder dich gut boxen. Und Fußball ist nunmal nicht jedem in die Wiege gelegt und Boxen tut irgendwann weh, weil es immer 'nen Stärkeren gibt. Außerdem war die Musik für uns auch ein Sprachrohr. Die Leute haben uns mit unseren Problemen plötzlich zugehört.

Ihr habt heute vor allem das Image als engagierte Polit-Rapper, wart ihr damals als Teenager auch schon so politisch?
Kutlu:
Wir waren gegen Rassismus, weil wir selbst davon betroffen waren. Aber wir waren keine politische Band. Dafür braucht es schon ein bisschen mehr. Du kannst gegen Rassismus sein, aber trotzdem Dinge rappen, die andere diskriminieren. Wir waren nicht wirklich homophob, ich hatte auch schwule Freunde. Aber trotzdem haben wir homophobe Texte geschrieben. Sachen wie „Schwuchtel MCs“ oder „In dein Arsch“ waren homophob. Wir haben uns damals über Diskriminierung beschwert, haben aber selbst andere diskriminiert. Dass wir uns damit auseinandergesetzt haben, kam erst später, so ab Ende der 90er.
Rossi: Das kam mit „Kanak Attak“...
Kutlu: Genau, dann kam „Kanak Attak“, eine Organisation von Schriftstellern, Journalisten, die, die Migrationsgeschichte aus eigener Sicht dargestellt haben. Da haben wir ganz viele Leute kennen gelernt. Wir waren quasi deren Band. Aber vor allem hatten wir noch später ein Schlüsselerlebnis. Wir haben 2003 oder 2004 beim „Beats against Racism“ gespielt. Da war auch ein Kollege von „Kanak Attak“, der nach dem Konzert meinte, „Ey, ich will euch jemanden vorstellen.“ Wir haben uns dann unterhalten und der meinte: „Ihr seid ne' super Band, aber „in dein Arsch“? Das ist keine Bestrafung für mich, das ist für mich Liebe.“
Rossi: Das war eine Line in einem Song von 2002: „Hardcore in dein Arsch dummer Junge“. Der Gedanke dahinter war nicht, bildlich gemeint, in „dein Arsch“, sondern ...
Kutlu: Das sagen wir jetzt, Alter. Eigentlich ist das Bild vollkommen klar: 'Ne sexuelle Bestrafung eines Mannes. Auf jeden Fall haben wir uns dann nach dem Konzert mit dem Typen unterhalten. Uns war das auch wichtig, was er da sagt. Er hat uns seine Kritik erklärt, das war unser Glück: Wir sind ganz oft auf Leute getroffen, die uns nicht direkt verteufelt haben, sondern sich mit uns unterhalten haben. Wir haben dann auch eingesehen, dass das scheiße ist. Wir haben den Text danach erst etwas verändert und ihn dann gar nicht mehr gespielt.

Und danach wart ihr dann politisch korrekt?
Kutlu:
Naja, es gibt auch Dinge, die wir nicht akzeptieren, wo wir uns sonst total verbiegen müssten. Wir sollten zum Beispiel mal in Göttingen spielen. Davor bekam ich 'nen Anruf. Da war eine Frau am Telefon, die meinte: „Ey, ich glaub' ihr seid gar nicht so politisch, wie ihr tut!“ Ich hab mir gedacht: Was haben wir jetzt gemacht? Haben wir irgendwas gesagt, was sexistisch war oder so? Da hatten wir nämlich auch so unsere Probleme mit, das mussten wir auch erstmal lernen. Sie meinte dann aber: „Ihr habt 'nen Text, da sagst du: Wir sitzen in dem Mist, den die da oben fabrizieren.“ Ich meinte: „Ja und?“, sie: „Das ist antisemitisch! Ich glaub' ihr seid Antisemiten.“ Das war das erste Mal, dass mich jemand als Antisemit bezeichnet hat. Ich meinte dann: „Wie hab' ich das denn gemacht?“ Da meinte sie: „Die da oben – die Banken, die Banken gehören zum größten Teil den Juden, und darum ist das 'strukturell antisemitisch'.“ Ich meine, das war ein Gewerkschafts-Song, da ging es um Politik, es ging nicht mal in erster Linie um Banken. Es ging um Machtkritik und darum, dass die Menschen aufstehen und für ihre Rechte kämpfen sollen. Ich meinte dann zu ihr: „Jemand, der das aus diesem Satz rauszieht, ist ein größerer Antisemit, als ich es je sein kann.“ Sie hat uns angedroht, uns von der Bühne zu holen. Ich meinte nur: „Das könnt ihr dann mal probieren!“ Da kam dann der Schwarzkopf in mir wieder raus.
Rossi: Ich hatte auch mal so eine Situation. In „Her mit dem schönen Leben“ hab' ich 'ne Textpassage, wo ich sage: „Gib mir die Kuh für die Milch und das Huhn für das Ei.“ Da kam auch eine auf mich zu und meinte: „Du klaust der Kuh ihre Milch, die sie eigentlich für ihre Kälber braucht!“
Kutlu: Das war in 'nem Laden in Frankfurt. Wir kannten den nicht, aber der hatte in der linken Szene wohl schon einen gewissen Ruf ...
Rossi: ... da waren PETA und so ...
Kutlu: ... auf jeden Fall waren wir da, haben gerappt und danach kam die Frau nacheinander auf uns beide zu und meinte zu mir: „Ich würde gerne mit dir reden.“ Sie meinte „Ey ihr wart bis zu 'nem gewissen Lied so eine geile Band für mich, und dann wart ihr nur noch Arschlöcher.“
Rossi: Ich hab' ihr nur gesagt: „Pass mal auf: Die Milch brauch ich für meine Kinder, um die groß zu ziehen, damit die Kraft kriegen. Das ist mein Gedanke dabei. Und ansonsten lass mich in Ruhe.“ Ich block' da ab und diskutier' da gar nicht. Man muss nicht alles tot diskutieren. Und ich bin ein Mensch, der sehr wenig redet. Das ist Kutlus Part, der hat auch dieses ganze politische Hintergrundwissen. Weißt du, ich schnappe was auf, verarbeite das in meinem Kopf, schreibe das auf und dann war's das für mich.
Kutlu: Gut, dass du auf der linken Seite bist!
Rossi: Ich bin halt 'n Kommunist. Meine Mutter hat mich kommunistisch erzogen. Ich weiß, dass es gut und böse gibt, es gibt gute Menschen und schlechte Menschen. Und das ist für mich mein Bild der Welt. Es gibt Krieg, Krieg ist böse. Religion braucht der Mensch auch nicht, dann gäb' es auch weniger Kriege. Das ist halt so meine Sicht. Und der Kutlu, der hat dieses ganze Hintergrundwissen darüber, was wirklich abgeht. Der kommt manchmal an und sagt: „Weißt du warum das und das so und so ist? Weil das so und so ...“ Und ich sag: „ ... ja ... “ Aber ich bin damit bisher immer gut gefahren.
Kutlu: Das ist auch gut so. Kannste dir vorstellen, wir beide wären so ...

Dann würdet ihr Studentenrap machen...
Kutlu:
Studentenrap ist gut, aber das wäre total verkopft. Wir hätten auch nur noch total verkopfte Zusammenkünfte und das brauch ich nicht. Das mach ich in der Uni, das mach ich in der Schule ... Auf jeden Fall kam die gleiche Person nachher zu mir und wollte mit mir diskutieren. Ich meinte auch nur: „Ja, und was ist damit? Ein Bauer, der eine Kuh hat und quasi in so einem ökologischen Kreislauf lebt.“ Und dann wollte sie das mit dem Holocaust vergleichen. Ich hab die Diskussion dann auch abgebrochen.

In den Jahren, in denen ihr als Band angefangen habt zu rappen, ist in Deutschland einiges widerliches passiert. Wie habt ihr die Pogrome von Rostock-Lichtenhagen, Mölln, Solingen und Co. erlebt?
Rossi:
Ich hatte vor allem Wut auf Deutsche, als sowas auf einmal ganz nah bei uns passiert ist. Kutlu ist ja nachher auch demonstrieren gegangen und hat mit Freunden die A3 blockiert. Ich hatte mit Demos und so nichts am Hut, aber wir haben uns erstmal vollkommen von den Deutschen distanziert. Daraufhin entstanden auch Lieder wie „Insanlar“ und „Vierteljahrhundert“. Da ging es darum, dass wir schon ein Vierteljahrhundert in Deutschland sind, und trotzdem noch fremd.

Also etwas ähnliches wie „Fremd im Eigenen Land“ von Advanced Chemistry damals?
Kutlu:
Genau, das war das Thema, das hat uns alle geprägt. Migranten und Linke. Wir haben das aber vollkommen als Migranten wahrgenommen. Als die Asylbewerberheime in Rostock gebrannt haben, waren wir nur schockiert, aber das kam gar nicht an uns ran. Erst als Mölln und Solingen passiert sind, kam das bei der migrantischen, vor allem der türkischen Community an. Das hat uns politisch und menschlich stark geprägt. Und auch unsere Musik, weil das haben wir nie richtig verarbeitet. Wir hatten damals gedacht, in zehn Jahren müssten wir nicht mehr über Rassismus rappen. Da haben wir uns ein bisschen verschätzt.

Und etwas mehr als zehn Jahre später kam ...
Kutlu:
... die Bombe ...

... der Nagelbombenanschlag des NSU in der Keupstraße.
Kutlu:
Ja, ich hab damals an der Keupstraße gewohnt. Aber das Ausmaß hab' ich so richtig erst 2011 mit der Aufdeckung des NSU mitbekommen.

Hat der Anschlag und der Umgang der Polizei mit den Anwohnern dein Bild von Deutschland und dem deutschen Staat nochmal verändert?
Kutlu:
Meins nicht, das war vorher schon passiert. Aber für die erste Generation hatte das eine ganz andere Bedeutung. Für die erste Generation der Migranten war klar: Wenn die Polizei irgendwo hinkommt, dann hast du was gemacht. Ich weiß noch, als die Polizei mal zu uns gekommen ist, hat mein Vater sich direkt umgedreht und gefragt: „Was hast du gemacht?“ Die sind als 19-Jährige aus der Türkei rübergekommen, für die war das unglaublich, dass sowas in Deutschland passiert. Die haben der Polizei und dem deutschen Staat vertraut. Das ist bei vielen älteren, die ich auf der Keupstraße sehe, zerbrochen.

Ihr tretet mittlerweile seit mehreren Jahren zusammen mit Esther Bejarano auf. Ihr macht Rap, sie singt jiddische Partisanenlieder. Wie seid ihr zusammengekommen?
Kutlu:
Das hat angefangen mit einer Gewerkschafts-Kampagne, „Schlauer statt rechts“. Es ging darum, Jugendlichen Erinnerungsarbeit näher zu bringen. Da wurden wir gefragt, ob wir mitmachen wollen. Und hier in Leverkusen im KAW wurde mir von „Coincidence“ erzählt, der Band von Esther. Die haben mir dann den Kontakt zu ihrem Sohn Joram gegeben. Ich hab dann den Joram angerufen, und der hatte erstmal überhaupt keinen Bock auf Rap. Er hat sich dann aber unsere Sachen angehört und meinte: „Die Musik ist nicht schlecht und die Texte sind genau das, was wir auch rüberbringen wollen.“ Und so haben wir dann Esther kennengelernt und das Projekt gestartet. Wir wollten eigentlich nur sechs Lieder machen und zwei Konzerte spielen. Daraus wurden dann aber zwei Alben und über 240 Konzerte in den letzten Jahren. Keiner von uns hätte sich vorstellen können, dass das so ein Ausmaß annimmt—und dass es vor allem menschlich so gut passt. Im Endeffekt sprechen wir ja über eine 91-jährige Frau, ihren 63-jährigen Sohn und zwei 43-jährige Bekloppte aus Köln. Und es passt einfach.

Was ist das wichtigste, das ihr von Esther Bejarano gelernt habt?
Rossi:
Dass das Leben immer weiter geht. Und dass man mit Kraft und Mut so weit kommt, wie diese Frau.
Kutlu: Sie sagt ja immer: „Das ist meine Rache an den Nazis“, und es ist für uns eine große Ehre, an dieser Rache teilhaben zu dürfen.

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