Thump

Warum, verdammt noch mal, ist Techno eigentlich immer so ernst?

Techno heute heißt: Hedonismus nach Leistungsprinzip.
12.4.16

Nichts gegen die Musik, aber warum müssen Acts wie Mind Against immer so ernst schauen?

Ernste Gesichter, betretenes Schweigen. Nein, wir sind weder auf einer Beerdigung, noch in der Pflichtvorlesung an der Uni, sondern in der Schlange vor dem Berghain. Partystimmung liegt nicht in der Luft. Und einmal drinnen, auf dem Mainfloor, mitunter auch in der Panorama Bar, beschleicht einen ebenfalls das Gefühl, dass Techno eine ernste, ziemlich angespannte Angelegenheit ist.

Die Leute sehen alle so konzentriert aus. Dabei haben sie doch gerade viel Spaß, oder etwa nicht?

Sehen sie nicht viel mehr so aus, als würden sie hier eigentlich arbeiten und wären dabei fest entschlossen, Überstunden zu machen? Möglicherweise tragen sie nicht zuletzt deshalb auch Tops, kurze Sporthosen und Turnbeutel. Die Funktionalität der Klamotten ist der Trumpf im Überlebenskampf des Ravers—sie sind das Jack Wolfskin der Clubszene. Man marschiert stramm und zielstrebig, ist stets auf alle Eventualitäten vorbereitet: Zahnbürste, Wechselklamotten und Wachmacher. Wie in jeder Marketing-Agentur kurz vorm großen Pitch. Sie tragen Turnbeutel, auf den „konsequent Icke“ draufsteht, was nichts anderes als eine Drohung an die Mitmenschen ist.

Um möglichst lange im Konkurrenzkampf durchzuhalten, sind die Tanzbewegungen auf Basis-Bewegungen reduziert. In jedem Club kann man diese Choreografie der ravenden Cheerleader beobachten. Gerne hört man von ihnen, dass es dabei darum gehe, sich in Trance zu tanzen, also einen höheren Bewusstseinszustand zu erreichen. Wer seinen Freunden jedoch schon mal dabei zugesehen hat, oder gar einen Selbstversuch unternahm, musste feststellen, dass es eher um die Minimierung von Bewusstsein geht: Techno als Wachkoma.

Techno heute heißt: Hedonismus nach Leistungsprinzip

Dabei war die Ausgangslage eigentlich eine andere. Während Techno in Detroit als eine avantgardistische Kultur des Widerstands entworfen wurde, die mit bisweilen militanten Ernst die Auflösung des Subjekts einforderte—und dabei den DJ in den Hintergrund rückte—wurde in Europa parallel zur Popularisierung von Techno der Hedonismus zum neuen Ding. Dessen Programm ist die Maximierung von Lust und Freude. Gerne wird der Hedonismus in linken Kreisen als ein emanzipatorisches Konzept verkauft, das dem Arbeitsalltag entgegensteht und ein Verweis auf eine bessere Welt sei. Beim „Feiern“ handelt es sich heute allerdings in Wahrheit um kaum mehr als nur Druckablassen, Eskapismus vom Alltag. Und das ist auch nicht problematisch.

Absurd wird es erst dann, wenn es nicht mehr darum geht, der permanenten Plakerei zu entfliehen und sich der Lust hinzugeben, sondern wenn die Freizeit demselben Prinzip folgt wie die Arbeitszeit. Die Feier-Exzesse werden dann zur Selbstzurichtung im Namen des totalen Spaßes. Schaut man sich die Feier-Klientel in den großen Städten an, finden sich darin viele Halb-Prekarisierte, die irgendwas mit Medien machen und ihren Schreibtisch gegen einen Platz in einem hippen Café eingetauscht haben, was sinnbildlich für die nicht mehr vorhandene Trennung von Arbeit und Freizeit ist. Möglicherweise bedingt diese verschwindende Unterscheidung auch ihr Verhalten beim Weggehen, auf welches die gesamte Woche ausgerichtet wird.

Im Club verhält sich dieser Sozial-Typus mitunter rücksichtslos gegenüber den eigenen Freunden. Wollen sie den Club verlassen, werden sie zum Bleiben genötigt. Wer dem nicht Folge leistet, wird aus dem Freundeskreis exkommuniziert. Dass Freundschaften zu Bruch gehen, weil ein Teil sich weigert, an jedem Wochenende den bacchantischen Ritualen zu folgen, ist keine Seltenheit. Der heutige Raver verhält sich wie ein Gläubiger, wobei er dem Bekenntnis nach freilich an nichts glaubt. Dennoch: Die Clubs sind seine Kirche und der DJ sein Prophet. Statt Sonntags zur Messe zu gehen und nachmittags Kuchen zu essen, geht man zu GHB und Marcel Dettmann ins Berghain, das nicht ohne Grund „The Church" genannt wird. In anderen Städten oder auf dem Land verhält es sich derweil nicht anders.

Man sagt das natürlich nicht so. Das hiesige Technopublikum geht nicht einfach tanzen oder sich gespannt die Musik anhören, die ein DJ auflegt. Nein, man geht „feiern“. Und das heißt: man feiert sich und sein meist prekäres Dasein als Jemand, der irgendwas mit Medien macht und sich selbst für unglaublich kreativ und spontan hält. In Wahrheit sind sie alle: die neuen Spießer.

Die Berufsraver können sich noch so subversiv und extrem vorkommen: Ihre Spaßkultur ist längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen und besonders für finanzielle Einöden wie Berlin ein zentraler Wirtschaftsfaktor. Wer bei alldem glaubt, ihn würden Welten von der kommerziellen EDM-Kultur trennen, dem sei gesagt: Die sind Unterschiede marginal—Ben Klock schmeißt eben nicht mit Torten, er verschenkt zum Glück nur Bananen.

Eine Ästhetik des entfremdeten Ernstes

Und nicht nur das Publikum ist ernst, auch die DJs sind es. Beinahe jedes Promofoto ist in Schwarz-Weiß gehalten und die austauschbaren Gesichter sagen: Wir meinen es ernst, wirklich. Die Satireseite Wunderground betitelte im November treffend: „Techno DJ's Career Cut Short After Mistakenly Smiling In Promo Photo“. Techno-DJs sind mitunter nicht nur ernst dass sich im letzten Jahr einer ihrer Repräsentanten, Angel Molina, in obligatorischer schwarzer Kleidung und mit bösem Blick vor den Toren des Konzentrationslagers Auschwitz ablichten ließ und erst nach Kritik versuchte, die Verbreitung des Fotos zu verhindern. Als das Londoner Label Berceuse Heroique 2013 ein Plattencover mit dem Bild eines weißen Lynchmobs versahen, der Stolz vor zwei gehängten Afroamerikanern steht, folgte erst ein Jahr später ausgedehnte Kritik an dem Artwork der Firma, die sich nicht nur an dieser Stelle missbräuchlicher Ästhetik zwecks Provokation bediente.

Der Tresor, der Molinas Promobild für einen Gig von ihm verwendet hatte, entschuldigte sich wenig später dafür.

Das sind extreme Beispiele, sicherlich. Dennoch stellt sich die Frage nach dem all dem zu Grunde liegenden Prinzip. Eine Vermutung: In den 1980er Jahren entwickelte sich Techno in Detroit. Sein Klang war im Unterschied zur Konkurrenz aus Chicago deutlich düsterer, was sich aus der Situation im damaligen Detroit ergab, wie viele Techno-Pioniere aus der Stadt bis heute betonen. Es gab einen massiven Abbau von Arbeitsplätzen durch die Krise der hiesigen Automobilbranche—mit schwerwiegenden sozialen Folgen. Die maschinenhafte Musik stand in einem deutlichen Kontrast zu den positiven Vibes des Chicago House, der sich mehr an der Disco-Ära in den 1970ern orientierte. Natürlich war Spaß auch ein Element der Detroiter Kultur, es ging aber aber um mehr. Der Sound of Detroit hatte als Inspirationsquelle Bands wie Kraftwerk und die Geräuschästhetik des Industrial, ohne jedoch dessen rückwärtsgewandte Implikation zu übernehmen. Detroit Techno verinnerlichte vielmehr einen futuristischen Charakter. Man wollte nicht in dem Zustand verharren, in dem man war oder zu einem früheren Zustand zurück. Underground Resistance zum Beispiel verzichteten deshalb bewusst auf Vocals in der Musik, so dass die Musik auf keine bestimmte sozio-kulturelle Prägung schließen ließ.

Als Techno in Europa populär wurde, kopierte man diese Ästhetik, freilich ohne die zugrunde liegenden soziale Komponente. Auch die politischen Implikationen wurden nicht übernommen. Techno in Europa war kein Synonym der Depression, vielmehr war er ein Symbol des Hedonismus. Sein Sound war jedoch mindestens genauso dunkel wie der aus Detroit. Die Ästhetik von Labels wie Berceuse Heroique und Promo-Fotos wie das von Angel Molina sind möglicherweise ein Ergebnis dieser partiellen Übernahme des Detroit Techno: eine von Sinn und Inhalt entfremdete Form.

Martin Büsser schreibt in „On The Wild Side. Die wahre Geschichte der Pop-Musik“ über die Anfänge der Techno-Musik in den frühen 90ern: „Gerade vor dem Hintergrund einer fast nur noch auf Stars fixierten Rockmusik, deren Mechanismen sich nicht einmal ein Kurt Cobain hatte entziehen können, klang das Versprechen aus Detroit, den Star abzuschaffen, und die Maschine an seine Stelle treten zu lassen, vielversprechend.“ Mit Blick auf heute muss man festhalten, dass genau das Gegenteil eingetreten ist. Der DJ ist ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt, er ist zum neuen Rock-Star geworden.

Klangtapete für die Selbstzurichtung

Warum also all diese Ernsthaftigkeit? Mit Tiefgründigkeit und Melancholie hat dieses Gehabe nicht viel zu tun, eher mit Leere und Stumpfheit, denen man ein anderes Etikett aufklebt. Die Qualität der Musik ist dabei nur sekundär. Klar sind die Clubs voller, wenn ein bekannter DJ auflegt. Allerdings vor allem, weil es als cool angesehen wird, zu Ellen Alien oder Dixon zu gehen. Die Musik ist nur die Klangtapete für die Selbstzurichtung und weitestgehend austauschbar.

Ob ein Produzent für einen Track ein Jahr lang an den Samples gearbeitet hat, damit alles gut klingt, ist kein Auswahlkriterium solange der Beat durchläuft. Wenn in Clubs die Musik kurz ausfällt, kann man die Panik in den Gesichtern sehen. Es muss immer weitergehen—zu den nächsten vorhersehbaren Breaks mit dem Drop-In, welchen das konditionierte Publikum dann bejubelt. Die meisten DJs haben entweder ver- oder nie gelernt, ihren Zuhörern etwas abzuverlangen, es auf eine musikalische Reise zu nehmen, die eine Geschichte erzählt. Dabei hätte es dieses Publikum dringend nötig, erzogen zu werden. Denn weicht der DJ mal vom gewohnten und erwarteten Sound ab, beschwert es sich umgehend wegen nicht erfüllter Dienstleistung. „Wann spielt der denn endlich was Tanzbares? Ich muss morgen arbeiten!“, lauten dann zum Beispiel die Klagen, während die DJs an einem Mittwoch im Berliner Club ://about blank Soul spielen, den Zuhörer langsam zum Disco führen und damit eine Reise durch die musikalischen Inspirationsquellen elektronischer Musik machen.

So muss es nicht weitergehen. Mehr Selbstreflexion zu betreiben, wäre dabei der zentrale Ansatzpunkt für eine Veränderung—und nebenbei das genaue Gegenteil vom „konsequent icke“-Sein. Zudem wäre eine Debatte wünschenswert, die das „Feiern“ nicht heroisiert und gesellschaftliche Problematiken stärker zurück in die Szene holt.

Dieser Artikel ist vorab auf THUMP erschienen.

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