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Thump

Warum kleine Labels die elektronische Musik dominieren

Kleiner, schneller, besser, mehr: Indielabels haben die elektronische Welt erobert.
29.4.15

Moroder behauptet ja „74 is the new 24", aber gerade im Fall des inzwischen 75-jährigen Giovanni Giorgio Moroder ist das Unsinn, denn ein paar Dinge haben seine jungen Nachfolger, aktuelle Musikpioniere wie Nicolas Jaar und Jamie xx, ihm inzwischen nicht nur musikalisch voraus. So haben sie unter anderem gelernt, ohne Major-Labels auszukommen. Große Labels sind die Moroders der Plattenindustrie—preisgekrönte alte Männer, die sich im Erfolg alter Tage sonnen könnten, aber aus unerfindlichen Gründen immer noch weitermachen, obwohl sie den Anschluss im Bereich schon vor Jahrzehnten verloren haben. Falls du jetzt einen Knoten im Gehirn hast: egal, war nicht so wichtig, einfach weiterlesen.

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Worum es hier nämlich eigentlich geht, das sind die kleinen Labels, oft nicht mehr als Künstlerkollektive einiger Produzenten. Sie sind eine echte Alternative zu Universal, Warner und Sony Music geworden. Andreas Richter (keinemusik) und Christopher Breuer (Stil vor Talent) haben uns diese Entwicklung erklärt.

Am Puls der Zeit

Foto: keinemusik

„Mitarbeiter" der Indie-Labels legen oft selbst jedes Wochenende auf, sie entdecken neue Strömungen, wo sie entstehen: auf der Tanzfläche. Die Entscheider bei Universal & Co. dagegen sitzen heute den Großteil ihrer Zeit vor Kostenplänen und Strategiepapieren. „Majors sind momentan noch etwas überfordert mit der Popularität elektronischer Musik. Sie erkennen das Potenzial des Genres, aber sie haben teilweise noch nicht die nötige A&R-Expertise", sagt Andreas Richter, DJ und Mitgründer von keinemusik. Christopher Breuer, verantwortlich für das Booking bei Oliver Koletzkis Label Stil vor Talent, ergänzt: „Als Indie ist man viel näher an der Szene und dementsprechend auch greifbarer. Produzenten, die uns eine Demo schicken, können uns leicht erreichen, und wir hören uns alles an. Ein direkter Austausch ist also gegeben, man ist am Puls."

Kleiner, schneller, besser, mehr

Screenshot via Facebook

Wie schwerfällig die Major-Maschinerie ist, zeigt die Entwicklung in den USA, wo der EDM-Festival-Hype vielleicht gerade seinen Höhepunkt erreicht. Noch vor fünf Jahren wurde aber sogar in den USA ein Name wie David Guetta schlicht ignoriert, in einem Interview mit Spin sagt der Stadion-DJ: „How can you say there's no market when 100.000 people are listening to DJs? It was becoming a real phenomenon, but people just refused to see it. […] Record companies acted like it didn't exist." Ob das in seinem speziellen Fall vielleicht eine glückliche Fügung war, kann offen bleiben. Jedenfalls zeigt es, dass die Großen mit der Geschwindigkeit der Entwicklungen im Musikmarkt noch weniger als in den 90ern mithalten können.

Kollektive wie Diynamic, keinemusik und Stil vor Talent suchen sich neue Künstler sehr sorgsam aus. Oft müssen sie nicht nur musikalisch sondern auch charakterlich in die Familie passen. Das klingt zwar ziemlich Hippie, zahlt sich aber vor allem beim Marketing auch finanziell aus. Das familiäre Gefühl und gegenseitige persönliche und künstlerische Loyalität eröffnen neue Möglichkeiten. „Jeder hilft jedem bei der Promo. Das ist nur ein Ausdruck dieser Kollektivkultur, aber das macht das Arbeiten in solchen Konstrukten natürlich sehr angenehm. Man versucht, zusammen etwas zu erreichen," erklärt Andreas Richter. Und wenn ein DJ einen Kollegen auf Facebook empfiehlt oder auf Soundcloud repostet, trifft er damit mitten in die Zielgruppe und seine Message wirkt—im Gegensatz zu einigen Werbeplakatwänden und Youtube-Werbung.

Schlanke Transparenz

Der Vorteil großer Labels war über Jahrzehnte der Vertrieb. Als Indie-Label konntest du deine Fans in den deutschen Platten- und Elektronikläden dieses Landes einfach nicht erreichen. Während dieser Zeit entstanden bei den Majors aber auch undurchsichtige Vertriebsstrukturen und immer mehr Künstler wunderten sich, warum bei ihnen ein derart schmaler Bruchteil der Erlöse übrig blieb. Der Markt hat sich seitdem komplett geändert, aber die undurchsichtigen Strukturen sind scheinbar geblieben. Der Anteil, den Künstler bei Downloadverkäufen erhalten, ist zum Beispiel immer noch der gleiche wie bei CDs, obwohl für erstere keine Produktions- und Transportkosten anfallen. Einzelne Künstler vermuten geheime Nebenabreden der Labels mit Streamingdiensten wie Spotify.

Über solche Probleme dürften Kollektive nur müde lächeln, Beatport-Abrechnungen liegen hier schon mal offen auf dem Schreibtisch rum. Zwar sind die Zahlen, die darauf stehen, vielleicht nicht mehr so lang wie früher, aber unzufrieden sind weder Stil vor Talent noch keinemusik damit. „Je nachdem, wie man sich positioniert, wie gefragt die eigenen Produktionen und wie gut man als DJ ist, kann man unter Umständen gut davon leben", sagt Andreas Richter. Chris Breuer stimmt zu: „Direkt kann man als Künstler alleine von den Einnahmen, die durch Releases generiert werden, nicht leben. Das ist schon lange vorbei. Indirekt aber schon, denn der Erfolg der Musik hat einen Einfluss auf die Anzahl der Bookings und die Gagen. Und von denen kann man durchaus gut leben."

Wer will ihn?

Foto: Johannes Brugger

Bleibt eigentlich nur noch die Frage, wie Chris und Andreas jetzt Moroder für sein nächstes Album gewinnen wollen: „Was bieten wir ihm? Definitiv einen kleineren Vorschuss als die Majors! Spaß bei Seite und Moroder mal außen vor gelassen, essenziell bieten wir den Künstlern, die bei uns veröffentlichen, ein Team, das ihre Musik und dessen Geschichte versteht, und die dazu passenden Konsumenten." Bei keinemusik hätte der Disco-Urvater dagegen überhaupt keine Chance: „Tatsächlich hätte Giorgio Moroder schlechte Karten, bei Keinemusik zu veröffentlichen. Teil der Idee dieses Labels war und ist es, nur Musik aus dem eigenen Inner Circle zu veröffentlichen, also die Musik von den Leuten, die von Anfang an Teil des Labels waren und immer noch sind. Davon abgesehen sollte Moroder sein Album einfach selber rausbringen und bestenfalls Major-Vertriebswege nutzen. Aber ich bin mir sicher, er ist schlau genug und lang genug im Geschäft, um selber auf die Idee zu kommen."

Der Artikel ist vorab auf THUMP erschienen.

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