Anzeige
Dieser Artikel ist vor mehr als fünf Jahren erschienen.
Features

Brauchen junge Bands Facebook?

Wir machen uns Gedanken, ob junge Bands überhaupt in den sozialen Netzwerken sein müssen.

von Martin Konvicka
07 August 2014, 1:00pm
Foto: FindYourSearch via photopin cc

Vor Kurzem hat eine Autorin von Noisey an dieser Stelle dazu aufgefordert, Musiker nicht mehr nur nach ihren Facebook-Likes zu bewerten. Unser Freund Martin Konvicka, seit Jahren aktiv und passiv in der Musikszene unterwegs, hat sich ein paar andere Gedanken dazu gemacht.

Die Forderung, Facebook-Likes zu ignorieren, ist gut und schön, geht aber letztlich nicht weit genug. Viel wichtiger ist letztlich die Frage: was bringt Social Media für junge und unbekannte Bands überhaupt? Braucht man wirklich sofort eine Facebook-Seite, wenn man gerade erst einen ersten Demo Song hat und ein Konzert ansteht? Ist es nicht mittlerweile interessanter, gar nicht am Social Media Zirkus teilzunehmen?

Der Musiker Patrick Wagner (Surrogat, Kitty Yo) hat in einem Interview mit freitag.de dazu mal folgendes gesagt: „Die Homepage von, sagen wir mal, Antony & the Johnsons unterscheidet sich nicht wesentlich von der meines Steuerberaters. Es gibt keine Unterschiede mehr, und damit auch kaum noch eine Möglichkeit, eine Haltung zu entwickeln. Musik aber funktioniert nun mal über Haltung. Jetzt müssen auch noch alle auf Facebook und sich dort mit jedem gemein machen. Das entmystifiziert endgültig. Wenn ich eine Band hätte, würde ich niemals Musik von mir ins Netz stellen. Nicht, weil ich Angst hätte, die verkauft sich dann nicht mehr. Sondern, weil dann jeder jederzeit Zugriff darauf hat und glaubt, alles zu kennen."

Ein Beispiel wäre die Band Trümmer: Gegründet im April 2012, gab es lange Zeit gar nichts über sie im Internet zu finden, erst im Februar 2013 fand sich ein Song auf YouTube. In Interviews wird der Band die Frage nach der Social Media-Verweigerung immer gestellt. Die Antwort von Trümmer klingt dann ungefähr so: Wir wollten erstmal an der Musik arbeiten, ohne gleich alles öffentlich machen zu müssen und ohne Leute mit dem Entstehungsprozess zu langweilen. Die Band hat viel live gespielt, sich in den richtigen Szenen bewegt, natürlich auch etwas Glück gehabt und ist mittlerweile ziemlich gut unterwegs. Seit 31. Dezember 2013 gibt es jetzt doch eine Facebook Seite, seit einiger Zeit auch einen Instagram-Account. Geht also anscheinend doch nicht ganz ohne.

Social Media hat unter den erfolgreichen Bands eine Mehrklassen-Gesellschaft geschaffen, wobei man nicht wirklich sagen kann, ob die Klassen unterschiedlich wertig sind. Auf der einen Seite gibt es natürlich immer noch einen Haufen Bands, die jahrelang einen Haufen beschissener Konzerte spielen und ziemlich oft mit ihrer Musik einfahren, bis sich mehr als ein Achtungserfolg einstellt. Andererseits gibt es Acts wie Banks, die aufgrund ihres klug gemachten Social Media-Auftritts schon ein halber Star war, bevor sie überhaupt ein Konzert gespielt hat. Und dann gibt es vieles dazwischen. Zum Beispiel Sohn, der auch die Ochsentour gemacht hat, bevor er sich dann letztlich mithilfe von Social Media neu erfand. Letztlich gehören dazu auch Bilderbuch, die gibt es auch schon seit 9 Jahren und nicht erst seit es „Maschin" gibt. Aber auch die österreichischen Shootingstarts spielen jetzt klug auf der Facebook/Instagram/Twitter-Klaviatur.

Foto: mkhmarketing via photopin cc

Noch ein paar Beispiele und Zahlen von österreichischen Bands und aus eigenen Erfahrungen:

- Mit einer Band habe ich Facebook Werbung zum letzten Album-Release ausprobiert, wenn auch nur für den relativ kleinen Betrag von 30 Euro. Ich habe eigentlich eine sehr genaue Zielgruppe ausgewählt: Leute aus der Umgebung, Leute aus Orten an denen Konzerte anstanden, Leute die ähnliche Musik hören. Ich habe mir die Profile der ca. 20 neuen LikerInnen angesehen und ein Großteil davon waren sehr offensichtlich Fake Profile. Aber dass die Likes über Facebook Ads auch Fake Likes sind, ist ja mittlerweile bekannt (hier ein Artikel dazu).

- Eine eng befreundete Band (seit Mai 2011 bei Facebook) hat mit viel Facebook Werbung mittlerweile 2.700 Likes erreicht. Die letzten 5 Beiträge auf der Seite haben zwischen 0 und 5 Likes bekommen, davon sind ca. 80% von Freunden der Band. Konzerte spielen sie trotzdem regelmäßig, aber eben nicht vor 2700 Leuten. Likes alleine sind also als Kennzahl für den Erfolg einer Band eigentlich gar nicht zu gebrauchen.

- Mit einer anderen Band sind wir seit März 2008 auf Facebook und haben mittlerweile fast 2000 Likes. Ohne Facebook-Werbung. Am meisten neue Likes gibt es, wenn wir auf Tour sind. Vermutlich taucht unsere Seite dann nach kurzer Zeit gar nicht mehr in den meisten Feeds auf (wonach Facebook da genau sortiert, weiß ja keiner so genau), aber ein paar Leute bleiben dann dran, liken und kommentieren regelmäßig Beiträge—werden also von Leuten, die mal Like gedrückt haben, zu Fans.

- Nicht, dass wir immer vor tausenden Leuten spielen würden und gute Gagen bekommen, aber es wird leichter, gute Konzerte zu bekommen. Das liegt aber nicht an der Menge von Likes, sondern die Likes sind eher ein Resultat von jahrelanger Arbeit.

So, wie Facebook einem die Illusion eines erfüllten Soziallebens geben kann, kann es auch den Erfolg von Bands vorspielen. Ein tolles Video zu machen, es überall zu posten und auf den Erfolg zu warten reicht in den meisten Fällen eben nicht aus. Ein guter Social Media Auftritt schadet natürlich nicht, aber vielleicht sollten Musiker wieder mehr Musik machen und Konzerte spielen, statt Content zu erstellen (Hallo OK GO, wegen eurer Musik wird sich in 30 Jahren niemand mehr an euch erinnern) und virale Marketing Kampagnen zu entwickeln.

Vielleicht sind Follower nicht alles, aber folgt Martin trotzdem auf Twitter: @Martin_Konvicka

**

Folgt Noisey bei Twitter und Facebook.


MEHR VON NOISEY

Ein offener Brief an die Väter des HipHop: Hört auf, euch über Nicki Minajs Hintern Sorgen zu machen
Eure männliche Meinung über Nicki Minaj ist irrelevant und entspricht jedem Klischee.Banks wird der nächste große Pop-Star
Das ist ein Fakt. Und wir erklären dir sogar warum.Ice-T: Der Antiheld, den der Feminismus braucht
Diese feministische Message findet sich an unerwarteter Stelle: in einem Song, der „Bitch in the Pit" heißt.