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Wie Frei.Wild Hamburgs Reeperbahn provozieren und ihre eigenen Fans verarschen

Die Disziplin, falsch verstanden zu werden, beherrschen Frei.Wild wie keine anderen.

von Ayke Süthoff
15 September 2015, 1:15pm

Was ein elendes Hin und Her—erst kündigte die Grauzone gewordene Ex-Naziband Frei.Wild höchst dreist an, dass sie auf „Der Reeperbahn ihr Festival“ spielen würden, was auf den ersten Blick so wirkte, als würden sie auf dem Reeperbahn Festival spielen. Diese Disziplin beherrscht die Band halt wie keine andere: Dinge zu sagen, die sie so nie gesagt hat, sich von etwas auf eine Art zu distanzieren, dass man nur das Gegenteil verstehen kann und dabei am Ende immer beweisen zu können, dass sie das ja nie gesagt hätte und total überrascht ist, dass es die ganze Welt falsch verstanden hat.

Insofern war die Reeperbahn-Aktion ein eigentlich altbekannter, denkbar billiger Promomove, der trotzdem sein Ziel nicht verfehlte: Die Band furzte wie so oft leise ins Internet und bekam einen lauten Scheiß-Sturm zurück. Alle sprachen mal wieder über die Provokateure aus Südtirol. Das Reeperbahn Festival distanzierte sich und drohte mit rechtlichen Konsequenzen. Kurz darauf sagte die Band den Gig im Platzhirsch ab, lachte sich aber vermutlich noch tagelang ins Fäustchen, weil der Plan so perfekt aufging.

Ganz zufällig hat die Band in der Zwischenzeit eine andere Hamburger Location gefunden, in der sie am 25.9.—also parallel zum Reeperbahn Festival—ein Konzert spielen wird. Offiziell ist der ganze Abend der Feier des verliehenen Goldstatus für ihr Album Opposition gewidmet, mit Livegig, offizieller Verleihung der goldenen Platte und einer Aftershow-Party.

Inoffiziell ist es natürlich noch immer eine Provokation, denn eine solche Party hätte man überall machen können (zum Beispiel in Südtirol), macht sie aber eben in Hamburg. Auch der Zeitpunkt parallel zum Reeperbahn Festival ist und bleibt eine Provokation. Damit kann die Band schön ihren eigenen Mythos der standhaften Außenseiter, die sich nicht kleinkriegen lassen, befeuern.

Nebenbei ist der Gig aber auch eine kleine Gelddruckmaschine. Insgesamt werden 1000 Tickets an Fans verkauft. 600 davon kosten 119,00 Euro und beinhalten das Konzert, die Verleihung der Goldenen Schallplatte und die Aftershow-Party inklusive Getränke. Weitere 400 Karten kosten 69 Euro und beinhalten nur die Verleihung der Platte und die Aftershow-Party inklusive Getränke. Insgesamt macht die Veranstaltung damit einen Umsatz von knapp unter 100.000 Euro.

Nur mal so zum Vergleich: Das Vier-Tages-Ticket für das Reeperbahn Festival kostet 89 Euro. Zu allen nur am 25.9. stattfindenden Reeperbahn-Konzerten kommt ihr für 39 Euro. Kann es sein, dass Frei.Wild nicht nur die Organisatoren des Reeperbahn Festivals von Anfang an verarscht haben, sondern auch die eigenen Fans?

Der Eindruck verstärkt sich noch, da die Band durchgehend von „Verlosung“ und „Gewinnern“ spricht, wenn es um das Hamburger Konzert geht. Das einzige, was man allerdings gewinnen kann, ist die Möglichkeit ein Ticket zu kaufen. Das ist so dreist, dass man fast schon wieder drüber lachen könnte. Und ja, Getränke sind mit im Ticketpreis enthalten, aber man kann getrost davon ausgehen, dass sich irgendeine Brauerei findet, die so einen Event gern sponsert. Insofern dürften sich die Kosten für Getränke für die Band gering halten lassen.

Die geheime Location wird übrigens erst am Tag des Konzerts per SMS an die, ähh, „Gewinner“ mitgeteilt. Ein Schelm wer dabei denkt, dass Frei.Wild die Gefahr wittern, nach all der Provokation Besuch vom Schwarzen Block zu bekommen. Schließlich gab es schon im Frühjahr Stress vor dem Gig der Band in der Hamburger O2-World. Das Konzert damals war übrigens als eines der wenigen in Deutschland nicht ausverkauft. Noch ein Hinweis, dass die Wahl des Ortes Hamburg nichts weiter als eine dreiste Provokation ist.

Für den ursprünglich im Platzhirsch geplanten Gig wären ganz nebenbei nur 300 Tickets verfügbar gewesen. Der Umsatz wird also nach dem ganzen Theater massiv gesteigert, ausverkauft ist das Konzert nach all der Promo natürlich auch. Sieht aus, als wäre den Tirolern ein Coup gelungen.

Statt sich nun Gedanken darüber zu machen, ob man sie an der Nase herumgeführt hat, sind die 1000 Fans, die für horrende Preise jetzt Tickets „gewonnen“ haben, vermutlich auch noch dankbar. Und Frei.Wild lachen sich mal wieder ins Fäustchen. Ein weiterer Beleg für unsere These, dass Frei.Wild-Fans noch dümmer sind als die Band selbst.

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