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Meine Mutter

Meine Mutter war auf einem Die Antwoord-Konzert und es hat sie verändert

Ich bugsiere Mama an den vorderen Rand der Bühne und versuche, ihren Blick auf einen Mann mit Stahlnägel-dicken Nippelpiercings zu verdecken. Es geht los. Die Antwoord betreten die Bühne.

von Nina Damsch
07 Juni 2016, 9:55am

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Mama ist die Beste. Selbst wenn sie uns mit 13 ein Bauchnabelpiercing verboten hat—am Ende müssen wir zugeben, dass sie halt meistens auch damit Recht hatte. Und weil sie die Beste ist und wir sehr großen Wert auf ihre Meinung legen, reden wir mit ihr über alles oder nehmen sie überall hin mit. Zum Beispiel auch zu einem Konzert von Die Antwoord. Auch wenn sie wenig bis gar keine Ahnung davon hat.

Es gibt viele Dinge, die ich faszinierend finde, aber nicht unbedingt mit meiner Mutter erleben muss. Paintball spielen zu Beispiel. Oder eine in Wodka eingelegte Wassermelone verspeisen und mal gucken, was passiert. Oder auf ein Konzert von Die Antwoord gehen. Dachte ich zumindest. Letzteres ist jedoch vergangenes Wochenende passiert und ich bereue nichts. Mama auch nicht, wie mir scheint. Aber irgendwie ist sie anders seitdem ...

Im Auto auf dem Weg zur Zitadelle in Spandau. Mama trägt eine gün gemusterte sommerliche Kombination aus Stoffhose und dazu passendem Überkleid und erzählt aufgeregt von einer Ausstellung von Roger Ballen—Künstler und Regisseur des „I Fink U Freeky“ Videos von Die Antwoord—woher sie die Band auch überhaupt erst kennt und unbedingt mitgenommen werden wollte. Sie besteht darauf, ihre Kasette weiterzuhören und verweigert mir den Zugang zum Aux-Kabel. Angekommen auf dem Gelände schaut sich Mama neugierig um und fragt nach, was das denn für eine Jugendkultur sei, diese Menschen mit den bunten Zopf-Dutts und Glitzer im Gesicht. Ich weiß nicht, wie ich es ihr erklären soll und behaupte, das seien Raver. Ich werde abschätzig von einem Mädchen im Bärchenunterwäsche angeschaut, die durch ihren transparaneten Rock gut sichtbar ist. Mamas Trauer darüber, dass das Konzert nicht im Berghain stattfindet (damit sie diese „Örtlichkeit, von der immer alle reden, auch mal sieht“, scheint sich mir als unberechtigt zu entpuppen.

Tatsächlich kann man nicht verallgemeinern, was das Durchschnittspublikum bei einem Die Antwoord Konzert ist. Da sind Raver, Normalos, echt erstaunlich viele „ältere“ Menschen, echt erstaunlich viele Leute mit Taktloss-Shirts und Mama mittendrin, die sich in die erste Reihe zu drängeln versucht und meine erste Panikattacke auslöst. Ich bugsiere sie an den vorderen Rand der Bühne und versuche, ihren Blick auf einen Mann mit Stahlnägel-dicken Nippelpiercings, an denen man mit Leichtigkeit eine frei schwebende Brücke aufhängen könnte, zu verdecken. Es geht los.

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Vorweg sei gesagt: Als großer Fan von Dokumentationen über Aliens, aber auch von Horrorfilmen und basslastiger Tanzmusik, hat mich Die Antwoord logischerweise immer fasziniert. Dennoch kann ich nicht behaupten, auch nur eines ihrer Alben jemals rauf und runtergehört zu haben. Genauso wenig könnte ich von mir behaupten, meinen Kopf um 180 Grad nach hinten drehen und den Text zu „I fink u freeky“ auswendig runterbeten können, wenn man mich nachts zur Geisterstunde wecken und dies von mir verlangen würde. Ich würde mich dennoch als Fan der dauergehypten Freak-Band bezeichnen. Spätestens nachdem man auf einem Konzert von Die Antwoord war, wäre das jeder—selbst wenn er die Musik verachtet.

Die Antwoord verkörpern eine ähnlich düstere Energie und gruselige Faszination wie Rammstein—nur eben auf Rave-Rap und mit einerm kleinen blonden Derwisch namens Yolandi, statt einem teutonischen Till Lindemann als Star der Gruppe. Und ähnlich wie Rammstein, sind auch Die Antwoord eine Band, die man live erleben muss, um ihr volles Potenzial erfassen zu können. Das wird einem sofort klar, als die ersten wummernden Bässe einsetzen und Ninjas knatschige Stimme ertönt. Mama nickt begeistert mit, beschwert sich kurze Zeit später, dass der „Haflinger“ neben ihr auf ihrem Fuß rumhüpft, aber das ist halt auf einem Konzert nun mal so. „Ich bin ja schließlich Iggy-Pop-erfahren“.

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Auch wenn ich merke, dass es unmöglich sein wird, Mama die ganze Show hindurch im Alleingang vor dem pogenden, springenden und shuffelden Pulk zu beschützen, ist das okay. Die Show ist, wie Mama sagt, „wie einer Abenteuerspielplatz für Erwachsene“. Und Spielplätze sind schließlich der natürliche Lebensraum für Mütter. Die Antwoord ziehen ihre durchgeknallte-Aliens-auf-Speed-Nummer durch und mir ist es fast nicht mehr unangenehm, dass Ninja vor meiner Mutter über Analverkehr spricht, Fick-Bewegungen Richtung Publikum nachahmt und der Typ mit den Nippelringen angefangen hat, mit einem Mädchen in einem Pikachu-Kostüm rumzuzüngeln. Ja, ich benutze dieses Wort mit Absicht zur korrekten Veranschaulichung der Ereignisse. Mama zieht jedes Mal ein zufriedenes Duckface und wippt im Takt, wenn ich mich besorgt nach ihr umblicke. Mama findet „diese Horro-Telletubbies“ gut und Yolandi ist scheinbar ihre neue Lieblingssängerin, auch wenn sie sich jedes mal mit den Fingern die Ohren zuhält, wenn der Typ mit den Nippelringen neben ihr auf seinen Fingern Beifall pfeift.

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Als wir einige Tage später wieder zusammen im Auto sitzen, erzähle ich ihr aufgeregt von einem neuen Rapper, den ich entdeckt habe. Über Reimtechniken und die Entwicklung von neuen Soundbildern. Ich schmeiße ihre Kasette aus dem Deck und greife nach dem Aux-Kabel, um ihr zu zeigen, wovon ich rede. Nach einer Minute höflichen, aber ungeduldigen Zuhörens, fragt sie mich plötzlich: „Können wir nicht lieber etwas von die Antwoord hören? Ugly Boy zum Beispiel?“ Irgendwie ist Mama anders geworden.

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