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Adult Problems

Dais Records ist kein Noiselabel

Es ist ein Experimental-Music-Label (wenn es überhaupt eine Bezeichnung gibt, die in irgendeiner Weise Sinn macht).
1.8.12

Italian Horns, Zeichnungen von Benjamin Bertocci

Pan ist in keinster Weise mein Lieblingsgott. Als jemand, dessen Freundin um einiges hübscher ist als man selbst, habe ich natürlich eine Schwäche für Hephaistos. Das erklärt wahrscheinlich auch, warum mir Neofolk und dessen begleitende Ästhetik ziemlich egal ist. Es macht mir nichts aus, dass Christus Odin umgebracht hat. Deswegen sind wir auch alle schwach und reden nur über Trottelthemen, während diejenigen, die die Gnosis einer kompletten Current 93 Plattensammlung erreicht haben, in einem satten Bariton wehklagen, den wir wiederum alle zu Recht mit den Riesen assoziieren, die triumphierend durch die Vorstädte Manchesters torkeln. Sorry, Odin-Liebhaber und Nietzsche-Verfechter—ich mag Gewinner-Götter und wenn du denkst, ich könnte dir den Unterschied zwischen deiner und Edie Brickels Philosophie erklären, hast du bedauerlicherweise dieses eine Gespräch in der Bar falsch verstanden. Ich habe das Tattoo auf deinem Arm aus jedem Blickwinkel betrachtet und es sieht trotzdem noch aus wie ein verficktes Hakenkreuz.

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Okay. Das ist eine komplett bescheuerte Fehlinterpretation von Neofolk und wenn Dais Records ein Neofolk-Label wäre, würde ich mich jetzt dafür entschuldigen. Und wenn sie ein Noiselabel wären, dann würde ich mich schon im Voraus für die ganzen Boyd Rice-Witze entschuldigen, die ich später in derselben Bar reißen werde. Aber Dais Records ist kein Folklabel und Dais Records ist auch kein Noiselabel. Dais Records ist ein Experimental-Music-Label, wenn es überhaupt eine Bezeichnung dafür gibt, die in irgendeiner Weise Sinn macht. Da das ein Ausdruck ist, der aus Gründen, die ich niemals verstehen oder respektieren werde, mancherorts verhöhnt ist, finde ich ihn passend. Wie Ryan Martin, der Mitgründer von Dais (neben Gibby Miller), in der Nacht, in der ich ihn in Glasslands getroffen habe, um Italian Horn, Rosenkopf und King Dude zu sehen, sagte: „Überheblich sein bedeutet nur, dass du weißt, wer du sein willst.“

Ryan und Gibby haben das Label 2007 gegründet, als Ryan der persönliche Assistent von Genesis P-Orridge war und die Erlaubnis bekam, eine Serie von lange-auf-Papier-diskutierten-und-trotzdem-nie-veröffentlichten Aufnahmen herauszubringen. Darauf folgten Veröffentlichungen von Twin Stumps, Cult of Youth, Cold Cave, Italian Horns und eine Reihe von wichtigen Neuauflagen. Außerdem brachten sie die erste amerikanische Vinyl der virtuell perfekten Iceage Platte heraus. Die Platte wurde dann erneut auf einem lokalen Jangle-Pop Label released, das die Bonustracks kickte und mir ein Iceage T-Shirt für 20 Dollar verkaufte, das sofort einging. Und jetzt glaubt mir niemand mehr, dass ich schon von Anfang an auf Iceage stand. War nur ein Witz. Jesse Gasface stand als erstes auf Iceage. Außerderm habe ich schon ein neues T-Shirt bekommen und es mit der neusten Abnutzungsmethode für T-Shirts bearbeitet, damit es so aussieht, als hätte ich es schon 2010 gekauft. Nimm das, Jangle-Pop Label!

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Experimentelle Musik wird oft als unhistorisch missverstanden, als Musik, in der sich nur in das Neue gesteigert wird und sich geweigert wird, irgendeiner Tradition unterwürfig zu sein—wenigstens bei traditionellen Songwriting. Aber jeder Fan der experimentellen Musik, den ich kenne, sieht die Vergangenheit als ehrfürchtig an, fast wie eine Schuld, die ihm aufgebunden wurde. Dais Records bewegt sich auf diesem schmalen Grad sehr bedächtig. Sie sehen sich selbst als die direkten Nachfahren von Harry Smith und seiner Anthology of American Folk Music mit den vergessenen, zu Unrecht ignorierten (oder im Falle der Genesis P-Orridge Aufnahmen, gemunkelt-aber-ungehört) Experimenten. Nichtsdestotrotz sind sie gleichsam damit beschäftigt die neue Musik ihrer Kollegen und ihrer Zeitgenossen zu veröffentlichen.

King Dude

Ich hab stundenlang mit Ryan über das Label gesprochen. Eigentlich wollte ich nur 40 Minuten seiner Zeit beanspruchen, aber er erzählte so viele fantastische Geschichten von unentdeckten Aufnahmen und unentdeckten Freaks, nach denen ich selbst nach den stundenlangen Gesprächen am nächsten Tag nochmal nachfragen musste, um ein paar Klarstellungen bezüglich ihrer Ästhetik zu bekommen. Ich habe mich so in den Schöpfungsmythen der Aufnahmen und Platten verloren, die er und Gibby aufgestellt haben, dass ich irgendwie vergaß, Fragen zu stellen. In Bezug auf ihre überwölbenden Themen, schrieb mir Ryan:

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„Ästhetik ist am schwersten zu beschreiben. Es stimmt, wir sind uns darüber bewusst sind, dass wir eine Vorstellung haben, wie die Dinge klingen oder aussehen sollen (manchmal ist es auch außer Kontrolle), aber ich denke, unser Stolperstein ist unsere persönliche Verbundenheit zu den Releases. Wir haben zu jeder Veröffentlichung eine Geschichte. Entweder ist es so, dass wir mit den Leuten, die die Musik bei uns veröffentlichen, befreundet sind (Italian Horn, Cold Cave, aTelecine), oder es war eine persönliche Herzensangelegenheit, es zu veröffentlichen … Gibby und ich haben eine gemeinsame Schwäche für ungehörte Aufnahmen und Kunstformen, die scheinbar übersehen oder zu wenig gewürdigt werden—wir unterstützen die Außenseiter. Diese Art der persönlichen Kuration scheint bei einem bestimmten Publikum auch anzukommen und das unterstützt glücklicherweise das, was wir tun. Alle Releases machen zusammengenommen einen Sinn (das Label), weil die Platten einen unsichtbaren Faden haben, der alles durch die persönliche Pflege des Labels verbindet.

Wenn man zum Beispiel auf eine Gruppenausstellung in eine Galerie geht, sieht man einige offensichtliche Zusammenhänge zwischen den verschiedenen Arbeiten (Werke auf Papier, Werke über Wasser, etc.), aber öfter als man denkt, springen einem die Dinge nicht gleich ins Auge. Dann vertraut man den Kuratoren der Galerien blind, dass sie ihre Auswahl, anhand einer Vielzahl von Gründen getroffen haben. Ihr Job ist es, das Chaos zu organisieren, mit ihren scharfsinnigen Beobachtungen der Werke, wie sie untereinander verbunden sind und wie sie sich zu einem Ganzen ergeben, auf eine Art, die Leute verstehen werden. Man kann diesen Sinn für feine Ästhetik immer wieder bei Labels auf Lokalbasis erkennen, wie Sacred Bones und Wierd. Warum machen die Veröffentlichung zusammen genommen Sinn? Weil sie im Kopf der Labelbetreiber alle auf die verschiedensten abstrakten Wege zusammenpassen. Es ist ein sehr verwirrendes Puzzle—manchmal habe ich keine Ahnung, wie es überhaupt zusammen passen soll—aber es ist die Aufgabe des Labels, dieses Puzzle zusammenzusetzen. Wenn du das nicht schaffst, dann ist man ,nur ein weiteres Label', das Futter für niemanden herausbringt.“

Rosenkopf

Fairerweise muss ich klarstellen, dass es wenige Sachen gibt, die mich mehr auf die Palme bringen, als der Gebrauch des Wortes „kuratieren“ in jedem anderen Kontext, in dem mir der Typ beim Museum of Natural History nicht die ausgestopften Drachen zeigt. Aber, da Ryan sowohl ein Standbein in der Kunst, als auch eins in der Musik hat, lasse ich es nochmal durchgehen. Sein oberster Standpunkt ist plausibel—die Liste von Dais Records ist eine erfolgreiche Kombination aus „Lass uns unsere Freunde zusammenbringen und eine Show auf die Beine stellen“ der Gemeinschaftsmusik wegen, die wir lieben, und „Lass uns unsere Freunde zusammenbringen, ein Klavier kaputt schlagen und es anzünden, während wir Jungfrauen in Yoko-Masken umbringen“ unserer geteilten Liebe zu Ehrgeiz und schrecklicher Schönheit wegen, genauso wie unser Streben-nach-der-großen-unbekannten-Geschichte, selbst wenn es eine Geschichte ist, die ignoriert wurde oder noch nicht einmal passiert ist.

Dais Records neuste Veröffentlichung, die ich im Speziellen empfehlen kann sind:

— Ein Rückblick auf die Audioarbeiten des Künstlers Seth Price (Neubauten-Gone-Synth-Pop. Wahnsinn.)
— Der langzeitige Daniel Higgs Mitarbeiter American Cloud Songs
— Italian Horns (Live klingen sie wie Husker Du in der Warehouse-Ära. Check sie aus.) Sie haben noch mehr cooles Zeug. Einiges davon ist nicht komplett mein Stil, aber was wollt ihr denn? Es ist ein Label, keine Katalogbraut, also solltet ihr es euch anhören.

Ryan Martin betreibt außerdem das Label Robert and Leopold, das tatsächlich Noise Musik veröffentlicht. Zugegeben, obwohl ich nicht viel über Noise weiß, bis auf meine alten Missing Foundation Aufnahmen abzunutzen, mochte ich die Musik, die er mir gab, ziemlich gerne.

@zacharylipez