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Bei diesen 6 Echo-Nominierungen fragen wir uns, was eigentlich mit Deutschland los ist

Beim Echo werden Künstler nur dann nominiert, wenn sie genug verkaufen. Angesichts dieser Acts verlieren wir den Glauben an den Musikgeschmack der Deutschen.

von Ben Park
17 März 2016, 1:57pm

„Wir lieben den Echo.“ Das ist einer dieser seltenen Sätze, die nie jemals jemand ehrlich gemeint gesagt hat. Dafür ist Deutschlands Vorzeige-Musikpreisverleihung (dieses Jahr am 7. April in der Messe Berlin) dann doch zu bemüht, zu altbacken, zu hilflos überfordert. Aber immerhin zeigt sie uns Jahr für Jahr, was die Deutschen zuletzt für würdig genug erachteten, massenweise gekauft zu werden. Und genau deswegen ist ein prüfender Blick auf die Nominiertenliste jedes Jahr wie ein neugieriger Blick ins frisch geschlunzte Taschentuch nach einer halbwegs auskurierten schleimigen Erkältung. Ist es immer noch enttäuschend grünschmierig oder sieht es endlich wieder gut aus? Wir haben den Blick in die aktuellen Echo-Nominierungen gewagt und sind dabei über sechs Kandidaten gestolpert, hingefallen und liegen jetzt immer noch mit blutenden Ohren und Augen im Dreck. Viel Spaß!

Johannes Oerding (Künstler Rock/Pop National)

Johannes Oerding ist so ein Typ, dessen Name man zwar ab und zu gehört hat, von dem man aber nie wusste, was der eigentlich für Musik macht. Und wenn man sich dann mal durch seine Singles hört, weiß man auch warum: Der Hamburger liefert derart aalglatten Schmonzetten-Pop ab, dass absolut nichts davon in den Gehirnwindungen hängenbleiben kann. Kurioserweise durfte er sich bereits sein Debütalbum in goldener Ausführung an die Wand hängen und kann sich dank seines aktuellen Albums Alles Brennt sogar frech im Platinspiegel angrinsen. Reicht natürlich locker für die Echo-Nominierung.

Aber wer kauft eigentlich solche Musik? Offenbar Menschen, die generell nicht so netzaffin sind. Immerhin brechen seine zahlreichen Musikvideos nie die zweistellige Millionen-View-Marke, sondern pendeln sich meist bei „1,…“ ein. Die Leute, die unter seinen Videos kommentieren, schreien sich nicht an oder führen aus, was für ein Hurensohn er doch sei. Mit anderen Worten: Sie sind alt.

So viele Leute liken auf Facebook Johannes Oerding und Noisey: 3.

Oonagh (Künstlerin Rock/Pop National)

Tanja war die rebellische Rockergöre, die frech bumste, mit wem sie wollte und schnell allen auf den Sack ging. Warum wir hier von unser aller Lieblingsdokureihe GZSZ reden? Weil sich die Tanja-Schauspielerin Delliponti nach ihrem Austritt als Oonagh komplett der Musik zugewandt hat. Dass sie sich dafür einen Namen ausgesucht hat, der wie ein erleichterter Seuzfer klingt, nachdem man sich auf dem Klo erleichtert hat, zeugt nur von ihrer Naturverbundenheit. Konsequenterweise lebt sie die auch musikalisch aus, indem sie Ethno-Pop macht.

Ja richtig, Ethno-Pop. Haben wir zuletzt vor fast zwanzig Jahren von Rednex gehört und dachten eigentlich auch, dass sich dieses ganze „Weiße eignen sich die Kultur anderer an, um Kohle zu machen“ längst erledigt hätte. Aber nein. Tanja tanzt auch im Jahr 2015 noch fröhlich mit Ureinwohnern im Dschungel und haucht verträumt ihre Unsinnstexte in die Kamera. Denn ihr besonderes Gimmick ist, dass sie immer wieder auf elbisch singt und das Unfassbare daran wiederum, dass es funktioniert: Ihr zweites Album Aeria stieg auf Platz 2 ein. Es scheint also verdammt viele Fans von Der Herr der Ringe und Game Of Thones zu geben, die ihren guten Geschmack nur auf Filme und Serien beschränken.

So viele Leute liken auf Facebook Oonagh und J.R.R. Tolkien: 0.

Wolkenfrei (Schlager)

Falls du dich gefragt hast, wer bei der diesjährigen Staffel DSDS die „Quoten-Geile“ war, hier die langersehnte Antwort: Vanessa Mai. Eigentlich wurde sie als Sängerin einer Schlagerband eingestellt, steht aber seit dem kurze Zeit später folgenden Ausstieg der restlichen Band im vorigen Jahr alleine da. Das RTL-Angebot als Jurorin kam ihr also ganz gelegen. Als Wolkenfrei macht sie fiesen Ewiges-Sonnenwetter-Schlager, den die ganzen Typen in ihren getunten VW Golf laut aufdrehen, wenn sie an der Dorf-Tankstelle stehen und Mixery trinken. Weil das deutsche Musik ist, die Alte doch „ganz geil“ aussieht und Helene Fischer zu oft durchgenudelt wurde. Treue Käuferschaft, diese.

Denn tatsächlich verdrängte ihr Album Wachgeküsst Helene Fischer von der Eins der Schlager-Charts—in den „richtigen Charts“ reichte es nur für Platz 7. Dafür gab es sowohl in Deutschland und Österreich Gold. Geiler Schlager funktioniert also immer noch.

So viele Leute liken auf Facebook Wolkenlos und Noisey: 6.

Gestört aber GeiL (Newcomer National)

So traurig es ist: Es ist leider unmöglich, dass du noch nie „Unter meiner Haut“ von Gestört aber GeiL gehört hast. Du weißt schon, das Gejammer über diesen Panic!-At-The-Disco-Song, das immer und überall lief. Das DJ-Duo aus Erfurt hat es bei allem berechtigten Hass eben zu gut verstanden, rührseligen Schlager mit Robin-Schulz-Beats zu vermengen. Die Single erreichte Platin, die nachfolgende Single „Ich & Du“ Gold, aber da ist sicher noch Luft nach oben. Die Leute von Kontor Records wissen (leider), was sie tun.

Wir haben ja neulich schon geäußert, was wir von aktueller deutscher Popmusik gerade so halten (beschissen), aber diese Echo-Nominierung zeigt wieder, wie falsch es doch ist, Musik anhand von Verkäufen mit einem Preis zu adeln. Da ist keine Wut mehr in uns. Der Hassfick ist vorbei, wir sind nicht mehr geil—wir schämen uns nur noch fremd.

So viele Leute liken auf Facebook Gestört aber GeiL und Pornhub: 18.

Wirtz (Rock/ Alternative National)

Eigentlich müsste niemand mehr Daniel Wirtz kennen, wenn nicht Xavier Naidoo ihn wieder ins Rampenlicht geschubst hätte. Denn dank seiner Teilnahme an der zweiten Staffel der unverschämt erfolgreichen VOX-Produktion Sing meinen Song, erlebt der ehemalige Sänger der 00er Rockband Sub7even seinen zweiten Frühling. Während der Ausstrahlung der Sendung waren die Amazon-Charts voll mit Wirtz-Platten. Und obwohl es von seinem aktuellen Album noch nicht mal eine Videosingle gibt, stieg es direkt auf Platz 6 ein. Der etwas rauchig-melancholische Dad-Rock des Frankfurters trifft die deutsche Seele eben genau im Zentrum, weil da eine riesige Badewanne steht—gefüllt mit angenehm erhitzten Selbstmitleid.

So viele Leute liken auf Facebook Daniel Wirtz und Frei.Wild: unzählige.

Bratislava Symphony Orchester (Crossover)

Das größte WTF aller Nominierungen ist nicht etwa, dass es neben Helene Fischer und Frei.Wild überhaupt noch andere Nominierungen gibt, sondern dieser Kandidat aus der illustren Kategorie „Crossover“: Das Bratislava Symphony Orchester. Und das nicht, weil ein Album voll klassischer Musik anscheinend genug verkauft, um für den Echo nominiert zu werden, sondern weil die auf der Platte ausschließlich Songs der Böhsen Onkelz vertonen. Warum zur Hölle ein Orchester aus der Slowakei das tun sollte? Weil die Onkelz sich anlässlich ihres 35-jährigen Jubiläums feinsinnig geben und ihre gröligen Gassenhauer mal in gut hören wollten. Warum zur Hölle sich das auch noch verkauft? Weil für einen wahren Fan der Bandname auf der CD schon ausreicht, um blind zu kaufen.

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